Unverhältnismäßiger Aufwand für zu wenig Ertrag, groteske Eventisierung des Bewerbungsprozesses, Hyperkonkurrenz zum Schaden der Wissenschaft und ihrer Beschäftigten: Die Exzellenzstrategie (ExStra) hat in den vergangenen Monaten eine ganze Menge Kritik auf sich gezogen — auch von uns #IchBinHanna-Initiator_innen (Opens in a new window). Wer sich in der deutschen wissenschaftspolitischen Community umhört, stellt rasch fest: Selbst unter denen, die auf offener Bühne enthusiastisch den Sinn der ExStra abfeiern, finden sich einige, die hinter den Kulissen Zweifel hegen. Gerade Rektor_innen und Präsident_innen stehen unter enormem Druck, ihre Universitäten möglichst gegen die ‚Konkurrenz‘ in Stellung zu bringen, um die (zugegebenermaßen gar nicht so üppig bemessenen) Exzellenzgelder und das (erheblich konstruierte) Prestige abzusahnen. Wer scheitert, gerät rasch unter Druck, sich zu erklären — und muss unter Umständen sogar darum fürchten, das eigene Amt einzubüßen. Hochschulleitungen sind allerdings weiß Gott nicht die einzigen Leidtragenden des Wettbewerbs: Die größte Last tragen diejenigen Hochschulmitglieder, die mit der Einwerbung der Exzellenzgelder betraut sind. Und unter ihnen sind keineswegs alle durch ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis abgesichert. Wissenschaft in Deutschland ist schließlich nicht nur im Hinblick auf die Exzellenzgelder und andere projektförmige Fördermittel von Befristung durchsetzt — sondern auch bezüglich der Arbeitsverhältnisse. So viel ist inzwischen längst auch über die Eingeweihten im Wissenschaftssystem hinaus bekannt. Sogar gemessen am Verhältnis auf Dauer gestellter und befristeter Gelder — im Jahr 2022 bestanden laut DFG-Förderatlas 2024 (Opens in a new window) 28% der Hochschulfinanzierung aus Drittmitteln, Tendenz steigend — ist das Verhältnis befristeter zu unbefristet beschäftigten Wissenschaftler_innen allerdings grotesk. Das vom Wissenschaftsrat jüngst eindrücklich bekräftigte Ziel der #IchBinHanna-Bewegung, mehr Dauerstellen neben der Professur zu schaffen und das unbefristete Arbeitsverhältnis nach der Promotion zur Regel zu machen, trifft auf eine Realität, in der Befristung die Regel ist, nicht die Ausnahme: Hauptberufliche Wissenschaftler_innen an Hochschulen unter 45 ohne Professur sind zu 90% befristet beschäftigt. (Opens in a new window)
Nun ist es längst ein wissenschaftspolitischer Allgemeinplatz, dass befristete Gelder nicht zwingend befristete Stellen bedeuten müssen. Die Risiken wackeliger Projektfinanzierung auf die Beschäftigten abzuwälzen, ist keine Notwendigkeit; es werden längst andere Möglichkeiten diskutiert und teils auch umgesetzt (wenn auch lange noch nicht in der erforderlichen Breite), etwa Drittmittel-Pooling. Gleichwohl ist der Zusammenhang zwischen der Problematik befristeter Arbeitsverhältnisse und der überbordenden Projektfinanzierung nicht von der Hand zu weisen. Insofern liegt auch der Gedanke nahe, beide Baustellen gemeinsam in Angriff zu nehmen. Dazu hat Jan-Martin Wiarda in der vergangenen Woche einen Vorschlag gemacht, mit dem die längst angezählten Exzellenzmittel einem sinnvolleren Zweck zugeführt werden könnten — ein Vorschlag, der so bedenkenswert ist, dass ich ihn mir für den heutigen Newsletter einmal genauer ansehen möchte.
Flüchtige Hyperkonkurrenz gegen nachhaltige Strukturen tauschen
Es sprengt langsam den Rahmen, die ganze Kritik an der ausufernden Befristung im deutschen Wissenschaftssystem zusammenzufassen, die schon längst nicht mehr nur von #IchBinHanna und anderen Beschäftigteninitiativen vorgebracht wird. Auch Hochschulleitungen sehen die Befristungspraxis bekanntermaßen inzwischen kritisch: „73,5 % der Hochschulleitungen geben an, dass Karriereperspektiven für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in frühen Karrierephasen heutzutage zu unsicher sind“, ist auf der Website des Hochschulbarometers für 2024 (Opens in a new window) zu lesen. Der Wissenschaftsrat begründete sein lange erwartetes und zu Recht viel beachtetes Papier (Opens in a new window) diesen Sommer ebenfalls mit der umfassenden Kritik am Befristungsregime der deutschen Wissenschaft:
„Anstoß für das vorliegende Positionspapier gab die anhaltende Kritik an der Befristungs- und Beschäftigungspraxis im Wissenschaftssystem, die rund um die geplante Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (2023) erneut aufflammte und sich auch in den aktuellen Befunden des Bundesberichts zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in einer frühen Karrierephase (BuWiK) niederschlägt. Neben der Befristungspraxis werden vor allem die geringe Planbarkeit eines Berufs in der Wissenschaft, fehlende Karriereperspektiven, dysfunktionale Aufgabenzuordnungen, Abhängigkeitsverhältnisse oder der zunehmend hohe Rekrutierungsaufwand in den wissenschaftlichen Einrichtungen moniert.“
Wir können also festhalten: Befristung wird mittlerweile in weiten Teilen der deutschen Wissenschaftslandschaft kritisch gesehen, und ebenso ist kompetitive Projektfinanzierung längst nachhaltig in die Kritik geraten (auch hierzu hat u.a. der Wissenschaftsrat deutlich Stellung genommen, wenn auch mit einem eher mutlosen Handlungsvorschlag (Opens in a new window)). Warum also nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und beide Probleme gemeinsam ausräumen? Im Hinblick auf die Exzellenzmittel könnte das etwa so aussehen, wie es Jan-Martin Wiarda letzte Woche in seinem Blog vorgeschlagen hat (Opens in a new window):
„Wie wäre das: eine Initiative mit zwei Säulen, die einander bedingen. Die erste, angelehnt an Dorothee Bärs Hightech-Agenda und zu 70 Prozent finanziert vom Bund, fördert Ökosysteme aus Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Wirtschaft, die deren Schlüsselthemen langfristig bearbeiten — an der Schnittstelle zwischen Grundlagen und Anwendung: Transfer ohne kurzfristigen Verwertungsdruck. Anträge können ständig gestellt werden, die Bewilligungen umspannen einen langen Zeitraum.
Die zweite Säule, zu 70 Prozent finanziert von den Ländern: ein nationales "Programm Dauerstellen & Karrieren", das klare Zielquoten für Dauerstellen im Postdoc-Bereich setzt, inklusive der Einführung verbindlicher Karrierepfade nach dem Modell des Wissenschaftsrats.
Zusammen entstünde eine Initiative gegen die Ermüdung und für neue Dynamik im Wissenschaftssystem. So könnte aus dem absehbaren Ende eines Programms der Anfang einer neuen wissenschaftspolitischen Erzählung werden — wenn die Politik den Mut hat, sie wirklich zu erzählen.“
Es ist dies nicht der erste Vorschlag, befristete Projektgelder in ein Programm für Dauerstellen zu überführen. Bereits im Jahr 2023 (Opens in a new window) schlug Ulrich Radtke, ehemaliger Rektor der Uni Duisburg-Essen, vor, das mit Geldern der DFG zu tun — mit 500 Millionen Euro, um genau zu sein. Er kommentierte seinen Vorschlag damals wie folgt:
„Die Gefahr, dass die Besten Deutschland verlassen, ist wiederholt schon beschrieben worden. Damit diese Gefahr abgewendet werden kann, ist m.E. ein tiefgreifender Umbau unseres Forschungsfördersystems unter besonderer Berücksichtigung einer früheren Selbstständigkeit der jungen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen notwendig.“
Seit 2023 hat Radtkes Diagnose nicht an Aktualität verloren — im Gegenteil, wir wissen, dass der Fachkräftemangel die deutsche Wissenschaft längst erreicht hat (Opens in a new window). Mit dem Zwei-Säulen-Programm, das Jan-Martin Wiarda skizziert, liegt nun ein weiterer Vorschlag auf dem Tisch, mit dem eine grundlegende Reform des deutschen Wissenschaftssystems vorangetrieben werden kann — und sollte. Die Bundesregierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag klar dazu bekannt, eine entsprechende Reform umsetzen zu wollen:
„Wir verbessern die Arbeitsbedingungen für Forschende, Lehrende und Studierende nachhaltig, machen Karrierewege verlässlicher und bilden dies in der Förderung des Bundes ab.“
Hier wird die Förderung des Bundes direkt als Hebel benannt — Wiardas Vorschlag mit den zwei Säulen wäre da ausgesprochen anschlussfähig. Denn der Koalitionsvertrag verrät auch, wie eine solche Verbesserung konkret aussehen kann, und die entsprechenden Passagen bilden einen hervorragenden Rahmen für den Vorschlag: Die Rede ist von einer Mittelbau-Strategie, Anreizen für Departmentstrukturen, einem Ausbau des Tenure-Track-Programms und verbesserten Rahmenbedingungen für mehr Dauerstellen.
Im Koalitionsvertrag heißt es auch: „Wir novellieren das Wissenschaftszeitvertragsgesetz bis Mitte 2026.“ In einem vergangenen Beitrag hatte Jan-Martin Wiarda bereits gemutmaßt (Opens in a new window), dass die Regierung sich scheuen könnte, die strittige Frage der Postdoc-Befristung erneut aufzumachen. Abgesehen davon, dass die versprochene WissZeitVG-Novelle einigermaßen witzlos wäre, wenn die Regierung die Kernthemen darin nicht anpacken sollte, stellt sich gleichwohl die Frage, welche anderen Hebel die Bundesregierung und andere wissenschaftspolitische Akteur_innen in Deutschland noch haben, um die versprochenen Ziele zu erreichen. Dass Finanzierung einer davon ist, liegt auf der Hand.
Gelder umwandeln, nicht kürzen!
Klar ist: Kritik an der Projektfinanzierung — sei es im Hinblick auf die Exzellenz oder andere Initiativen — darf keinesfalls dazu führen, dass die entsprechenden Gelder der Wissenschaft einfach gestrichen werden: Entsprechende Kritik sollte nicht als Einfallstor für weitere Kürzungen im Wissenschaftssystem instrumentalisiert werden, die das System empfindlich treffen würden — nicht zuletzt, weil Hochschulen vielerorts schon akut mit Kürzungen bei der Grundfinanzierung zu kämpfen haben, die ohnehin viel spärlicher ist, als sie sein sollte. Man kann den Beteiligten nur die politische Weitsicht und die Sachkenntnis wünschen, damit sie erkennen, wie groß die wissenschaftspolitische Chance ist, die in einer Umwandlung der Exzellenzgelder zugunsten einer echten Reform des deutschen Wissenschaftssystems steckt: Sie ist gigantisch — und sie zu ergreifen wäre ein wichtiger Schritt, um die deutsche Wissenschaft in krisenhaften Zeiten endlich resilient und zukunftsfähig zu machen.