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#13: Olympia-Bewerbung NRW: Optimismus auf Steroiden

Florian Schmetz auf Unsplash

Mit Unterstützung aus der Staatskanzlei in Düsseldorf wird Köln zum Zugpferd der Olympia-Bewerbung in NRW. Doch kann das Großereignis alle Probleme des Sports lösen?

Ein Montag Anfang Dezember. Der Stadtsportbund Köln trifft sich zu seiner jährlichen Mitgliederversammlung im Alfred-Müller-Armack Berufskolleg in Zollstock. Der Dachverband des Kölner Sports vertritt laut eigenen Angaben rund 350.000 Sporttreibende aus Köln, organisiert in mehr als 650 Sportvereinen und Sportfachverbänden.

Die selbst definierte Hauptaufgabe: “Optimale Bedingungen für Bewegung und sportliche Aktivitäten in den unterschiedlichsten Handlungsfeldern zu schaffen und den Stellenwert des Sports in Köln für die Menschen in den Veedeln zu verbessern.”

Kölns neuer Oberbürgermeister Torsten Burmester meldet sich per Grußwort. Als ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbundes und früherer Sportfunktionär gehört es zu seinen Aufgaben, den Draht zu den Vereinen zu suchen.

Was denken Kölns Sportvereine über Olympia?

Thema an diesem Abend ist die Olympia-Bewerbung Nordrhein-Westfalens. Schon in den Tagen zuvor war darüber spekuliert worden, dass Köln das Zugpferd der Kampagne wird. Und damit mit den anderen 16 Städten von Rhein und Ruhr in den Konkurrenzkampf mit München, Berlin und Hamburg einsteigt.

Für Helmut Schaefer, Vorsitzender des Stadtsportbundes, ist Olympia an diesem Abend nicht das Hauptthema. Hinter den Vereinen, so erzählt er zwei Tage später am Telefon, läge ein Jahr mit anderen Herausforderungen. Die Sanierung von Sportstätten, die Suche nach Ehrenamtlichen und der alltägliche Betrieb sorgten in den Vereinen für genügend Arbeit. Deswegen sagt Schaefer: “Aus den Vereinen kam einiges an Geraune und Gemurmel zu diesem Thema.” Der frühere Handballer sagt zur Kölner Olympia-Bewerbung aber auch: “Ich denke es vom Prozess und nicht vom Ende her. Der Sport macht oft nicht laut genug auf sich aufmerksam.”

Wenn eine Olympia-Bewerbung mit allen Begleiterscheinungen und Diskussionen in den kommenden Monaten an Relevanz gewinnt, könnte sich das aber ändern. “Außerhalb der Sport-Bubble, in der Mitte der Stadtgesellschaft, ist die Bewerbung eine große Chance, denn es hilft auch nichts, sich nur zu beschweren”, konstatiert Schaefer. Das sähen auch die Vereine so, aber es scheint, als würden sie sich schulterzuckend schnell wieder mit ihrer eigentlichen Arbeit beschäftigen. Denn: Trainingszeiten müssen organisiert, bürokratische Vorgaben erledigt, die Anliegen der eigenen Mitglieder bearbeitet werden – und dann steht noch ein volles Sport-Wochenende auf dem eigenen Gelände an.

Helmut Schaefer sieht den Kölner Sport und damit auch seinen Verband auf einer “Gratwanderung”. Olympia in elf bis 19 Jahren: Raum zum Träumen. In der Gegenwart bleiben kaputte Duschen, marode Vereinsheime, überfüllte Sportplätze.

Zudem gebe es, wie aus einigen Vereinen zu hören ist, genügend Schwierigkeiten, die verschiedenen Förderprogramme von Kommunen, Ländern und Bund zu unterscheiden.

Nur einen Tag nach der Mitgliederversammlung tritt CDU-Ministerpräsident Henrik Wüst voller Stolz vor die Kamera und verkündet: “Köln ist Leading City. Die Bewerbung trägt nun den Namen “Köln. Rhein. Ruhr”.

Wüst weiter:

“Durch konsequente Entscheidungen im Sinne kompakter Spiele können wir nun ein starkes Bewerbungs-Update vorlegen. Damit machen wir dem DOSB und Deutschland ein international wettbewerbsfähiges Angebot für die kompaktesten, nachhaltigsten und spektakulärsten Spiele.”

14 Millionen Tickets könnten verkauft werden, als einzige Millionenstadt in NRW wäre Köln Standort für das Zuhause für die Athlet*innen, frei nach BAP also das “Olympia-Dorf am Rhing”.

Doch ob die Bürger*innen im 1Live-Sektor daran überhaupt Interesse haben, wird sich erst im April 2026 klären. Alle beteiligten Kommunen, neben Köln auch Düsseldorf, Essen, Duisburg, Recklinghausen und weitere, werden in diesen Tagen Ratsbürgerentscheide durchführen. Die Bürger*innen werden ihr Votum abgeben, ob sie für oder gegen eine Bewerbung sind.

Im April 2026 weiß NRW Bescheid

Die Frage, über die per Briefwahl abgestimmt werden soll, lautet: “Sind Sie dafür, dass sich die Stadt Köln (Anm. d. Verf.: oder eine der anderen Kommunen) an der gemeinsamen Bewerbung der Region Rhein / Ruhr um die Olympischen und Paralympischen Spiele im Jahr 2036, 2040 oder 2044 beteiligt?“ Auszählung und Verkündung finden am 19. April statt – so der Plan.

Der Ratsbürgerentscheid in NRW ist ein demokratischer Hebel, mit dem Kommunen Abstimmungen initiieren können. So steht es im Paragraph 26 der Gemeindeordnung NRW. Daraus geht auch hervor, dass ein Bürgerentscheid nur ein anderer Begriff ist, es gibt also juristisch offenbar keinen Unterschied. Der jeweilige lokale Rat muss das allerdings erst mit einer Mehrheit von zwei Dritteln beschließen, bevor es überhaupt losgehen kann.

Wenn wie im Fall der Olympia-Bewerbung in NRW ein Ratsbürgerentscheid stattfindet, soll damit die “Legitimität einer Entscheidung” erhöht werden. Das schreibt der Verein “Mehr Demokratie” aus Nordrhein-Westfalen auf seiner Homepage. Ergänzend dazu die Stadt Köln: “Eine solche Entscheidung des Rates kommt vor allem dann in Betracht, wenn eine Frage sowohl in der Gemeinde wie im Rat hoch umstritten ist und wenn von der Abstimmung durch die Bürger*innen erwartet werden kann, dass diese – ganz gleich wie sie ausgeht – zu einer Befriedung in der Gemeinde führen wird.”

Ob eine “Befriedung der Gemeinde” in Köln derzeit notwendig ist, ruft zumindest im Ansatz ein Stirnrunzeln hervor – dafür ist das Thema bisher entweder nicht intensiv genug diskutiert worden oder es interessiert bis dato zu wenige Menschen. Aber: Eine vom DuMont-Verlag initiierte Forsa-Umfrage zeigte im Herbst, dass etwas mehr als die Hälfte der befragten Kölner eine Bewerbung gut finden würden, 36 Prozent seien dagegen. Ähnlich ist die Einschätzung bei Vor- und Nachteilen: knapp die Hälfte sehen positive Effekte, ein Drittel eher nicht.

Wie bei einer Kommunalwahl sind 817.000 Personen wahlberechtigt. Die bei einem Bürgerentscheid gestellte Frage kann nur mit Ja oder Nein beantwortet werden, sie ist nur dann entschieden, wenn mindestens zehn Prozent der wahlberechtigten Kölner*innen (also 81.700) abgestimmt haben.

Zehn Millionen Euro aus der Staatskanzlei

Eine Woche nach der Jahreshauptversammlung des Stadtsportbundes tagte gestern (8. Dezember 2025) in Köln der Ausschuss “Allgemeine Verwaltung und Rechtsfragen”. Bei dieser Sitzung befassten sich die Ausschussmitglieder mit der Beschlussvorlage über die Olympia-Bewerbung. Die Ausschussmitglieder behandelten den Tagesordnungspunkt, kamen allerdings zu keinem Ergebnis. Der Stadtrat soll am 16. Dezember darüber entscheiden.

Die öffentlich zugänglichen Papiere werfen einen genauen Blick auf die Zahlen: Die “Kostenschätzung für die Durchführung des Ratsbürger*innenentscheides” liegt bei 2,4 Millionen Euro. Das Land NRW übernehme davon einen Anteil von 85 Prozent, sodass die Stadt Köln eigenanteilig 373.000 Euro beitragen soll. Auf Landesebene beläuft sich die vorläufige Kostenschätzung der Staatskanzlei auf fast zehn Millionen Euro.

Die Briefwahlunterlagen sollen, so die Stadt Köln, auch die Positionen der Ratsfraktionen (und die von OB Burmester, der klar für eine Bewerbung ist) enthalten.

In der Beschlussvorlage heißt es weiterhin:

“Ohne ein (positives) Votum der Bevölkerung zum Ratsbürgerentscheid wird Köln keine Berücksichtigung bei der Bewerbung der Region Rhein/Ruhr finden und – da Köln wesentlicher Austragungsort der olympischen und paralympischen Spiele ist – mangels entsprechender Alternativen in der Region - die Erfolgsaussichten der Bewerbung insgesamt mindestens erheblich verschlechtern.”

Die Tendenz ist somit klar: Per Bürgerentscheid soll die Bevölkerung entscheiden, nicht der Rat. Die Fraktionen entscheiden nur darüber, ob ein Bürgerentscheid überhaupt stattfinden soll. Wie sich die einzelnen Fraktionen positionieren, ist Stand heute noch nicht vollumfänglich bekannt. Radio Köln berichtete vor einigen Tagen, dass sich SPD und Volt für eine Bewerbung aussprechen, die Grünen und die AfD hätten noch keine endgültige Position. Die Linke sei eher dagegen, die CDU hätte auf die Anfrage nicht reagiert.

Die endgültige Entscheidung, sofern das Votum in NRW positiv ausfällt, trifft der DOSB an einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im September 2026. Vorher wird auch in Hamburg ein Bürgerentscheid stattgefunden haben. Berlin (Opens in a new window) scheint jetzt schon ins Hintertreffen zu geraten.

Die größten Chancen auf die Bewerbung werden derzeit München zugerechnet. Ende Oktober hatte sich die Bevölkerung mit zwei Drittel dafür entschieden.

Welche Informationen finden die Wähler*innen in den Wahlunterlagen?

Das verlief jedoch nicht ohne Nebengeräusche. Im Nachgang regte sich Kritik: Bei der Versendung der Unterlagen an die Wähler*innen war auch eine Broschüre beigelegt, die ausschließlich auf die Vorteile von Olympischen Spielen aufmerksam gemacht hatte. Olympia-Gegner hatten daraufhin juristisch prüfen lassen, ob das zulässig ist, die Stadt München hatte aber keine rechtlichen Bedenken, alles sei korrekt abgelaufen. Auch der Stadtrat befand, dass er für seinen Beschluss auch werben könne.

Das Paritätsgebot in München gelte nur dann, wenn ein Bürgerbegehren von außen angestrebt werde, ohne die Einbindung des Rats. Nur dann müssten, sagte ein Sprecher der Stadt der Süddeutschen Zeitung, unterschiedliche Auffassungen zum Thema in gleichem Umfang dargestellt werden.

Für Köln ist zu erwarten, dass nach dem Ratsbeschluss über den Bürgerentscheid die Wahlunterlagen höchstwahrscheinlich von Argumenten pro Olympia begleitet werden. Demokratietheoretisch ist es diskutabel, ob es nicht in ausreichendem Ausmaß auch Verweise auf die negativen Aspekte einer Olympia-Bewerbung bräuchte.

Ähnlich verlief eine Debatte im Bundestag am vergangenen Donnerstag. Vertreter*innen der Bundestagsfraktionen diskutierten über eine deutsche Olympia-Bewerbung, weil die schwarz-rote Koalition zusammen mit den Grünen einen Antrag eingebracht hatte. Der Titel des Antrags: “Olympische und Paralympische Sommerspiele – Volle Unterstützung einer deutschen Bewerbung“. Deswegen kamen überwiegend Stimmen mit viel Olympia-Begeisterung zu Wort.

Die Argumente der Befürworter*innen im Schnelldurchlauf: Deutschland hat seit 50 Jahren keine Olympischen Spiele mehr organisiert und sei mal wieder an der Reihe. Die Veranstaltung böte die Möglichkeit, das Land wieder zu einen, für Aufbruchstimmung zu sorgen, wichtige Impulse für Sport, Gesellschaft, Infrastruktur, Wirtschaft zu liefern.

Die Athlet*innen von Morgen bräuchten heute schon die besten Bedingungen, deswegen sei eine deutsche Olympiabewerbung ein Ausgangspunkt für Verbesserungen in der Gegenwart. Kritik kam von AfD und den Linken. Ein Sprecher der in Teilen rechtsextremen Partei bemängelte die “marode Infrastruktur”, ein Sprecher der Linken betonte, man solle sich mehr mit dem Schulsport befassen und keinen Träumen von Olympia hinterherlaufen. Das Parlament verwies den Antrag dann an den Ausschuss für Sport und Ehrenamt.

Bundeskanzler Friedrich Merz unterschrieb am selben Tag noch eine politische Vereinbarung mit den Vertretern der Bewerberstädte und -Regionen, darin geht es vor allem um finanzielle Beteiligung – zum jetzigen Stand handelt es sich um rund sechs Millionen Euro.

Die Bundesregierung teilte mit:

"Die Spiele sind unabhängig vom Austragungsort ein nationales Gemeinschaftsprojekt. Sie bewegen: weltweit, national und regional. Sie begeistern, sie bringen zusammen, schaffen Verbindungen. Sie ermutigen und richten den Blick nach vorn. Sie sind das wichtigste sportpolitische Ziel der Bundesrepublik Deutschland."

Dass sich eine Bundesregierung so stark hinter einen Bewerbungsprozess für Olympia stellt, ist neu. Die “Greatest Show on Earth” ist gleichzeitig auch viel politisches Kapital, besonders in schwierigen Zeiten. Die Begeisterung, mit der der Bewerbungsprozess begleitet wird, ist parteipolitisch auf Bundes- und Landesebene spürbar.

Für Henrik Wüst (NRW) und Markus Söder (Bayern) ist es strategisch geschickt, mit viel Verve für die Ausrichtung in der eigenen Heimat zu plädieren – denn beide Ministerpräsidenten aus der Union werden mit hoher Wahrscheinlichkeit in Zukunft eine Kanzlerkandidatur anstreben. Und da kann es helfen, Olympia “nach Hause geholt“ zu haben.

Und dennoch: Die IOC-Großveranstaltung soll auf einmal alles regeln. Kinder sollen deswegen mehr Sport machen, die Sportstätten werden sich von selbst sanieren. Der deutsche Sport soll top-down reformiert werden, mit dem Ziel von erfolgreichen Olympischen Spielen im eigenen Land.

Dass es in der Gegenwart andere Probleme gibt, es keine Bewerbung braucht, um mal richtig was umzukrempeln – dieses Argument scheint unterzugehen. Die große Hoffnung ist der “Trickle Down”-Effekt. Die Maßgabe sind die Spiele aus Paris, die mit eindrucksvollen Bildern in die Geschichte eingingen. Wie teuer das ganze Unterfangen wird: unklar. Wer international zur Konkurrenz für Deutschland wird: noch offen.

Doch Olympia verkauft sich gut, die damit verbundenen Emotionen begeistern viele, schon allein eine Bewerbung. Sich jedoch deswegen mit den komplexen Begleiterscheinungen (Infrastuktur, Finanzierung, Vermächtnis) auseinanderzusetzen können Politik, DOSB und die Bewerberstädte allerdings nicht von der Bevölkerung erwarten.

Entscheidend sind aber auch die Fragen: Warum braucht es Olympia für einen Modernisierungsschub im Land? Warum wird der Schulsport reformiert, nur wenn es eine Olympia-Bewerbung gibt? Warum tut sich was im Wohnungsbau, weil es ein Olympisches Dorf braucht?

Und damit zurück nach Köln: Eine Stadt mit Haushaltssperre entscheidet in vier Monaten, wie es mit der deutschen Bewerbung weitergeht. Ein Nein würde die NRW-Bewerbung begraben. Daran würde auch nicht helfen, das Ganze “vom Prozess her” zu denken, wie Stadtsportbund-Vorsitzender Schaefer es nannte.

In der Domstadt hat die Diskussion begonnen. Die Iniative “NOlympia-Colonia (Opens in a new window)” bringt sich schon in Stellung. Offen ist nur, ob es zu einer größeren Mobilisierung bis zum Bürgerentscheid kommt.

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