Das seltsame, widersprüchliche Abenteuer, ein Mensch zu sein
Eine Kolumne von Christina Emmer
#16 - Kälter oder wärmer?
Ich bin mir gerade nicht sicher.
Würden wir über Wetter reden, wäre es klar: ich persönlich mag es lieber ein bisschen zu kalt, als ein bisschen zu warm. Und mit richtiger Hitze komme ich gar nicht gut klar.
Diskutieren wir lieber über Klima. Aber bitte nein, nicht über den wissenschaftlich gut belegten, menschengemachten Klimawandel. Darüber gibt es nichts zu diskutieren.
Über das Klima der Menschlichkeit allerdings schon.
Da gibt es die Statistik, die besagt, dass die Welt tatsächlich besser und sanfter geworden ist, als wir denken. Global leben heute weniger Menschen in extremer Armut, mehr Kinder gehen zur Schule, die Menschen werden älter und viele Rechte und Sicherheiten haben sich verbessert. Aber wir nehmen das anders wahr.
Ein Test in dem Buch “Factfulness” von Hans Rosling veranschaulicht das sehr schön. Ich würde mich als Optimistin bezeichnen und doch habe ich in diesem Test ziemlich schwarzseherisch abgeschnitten. Das liegt nicht daran, dass ich zu ungebildet wäre, es liegt daran, dass wir so häufig und massiv mit schlechten Nachrichten bombardiert werden, dass wir kaum anders können, als die Welt insgesamt zu negativ zu bewerten.
Wird es also in Wirklichkeit doch wärmer?
Ich weiß nicht.
Denn trotz allem sind da Entwicklungen, die mich erschrecken und manchmal schier verzweifeln lassen.
Da gibt es Menschen, die Dir bei jeder Begegnung sagen, dass alles, was Du tust, Deine Eigenverantwortung ist - und sie lassen Dich genau deswegen auch alleine bluten.
Es gibt Menschen, die Meldungen über Hitzetote kommentieren mit “Also ich hab es toll hier am Pool!”. Egal wie schön Du einen heißen Sommer findest - zynischer und kälter geht es kaum.
Es gibt so viele Menschen, die Dich im Netz mit Hass überschütten und einfach vergessen, dass dahinter ein Mensch steht. Es ist ihnen vermutlich schlicht egal. Gleichgültigkeit ist die kleine Schwester von Kälte.
So viele, die “Migranten geht heim” schreien, ohne jemals eine persönliche Geschichte so eines Menschen gehört zu haben. Man muss ja schließlich auch mal an sich selbst denken. Ich sehe dahinter Angst.
Aber ist es wirklich nur die Angst, die uns kälter werden lässt?
Und wie ist es überhaupt möglich, dass Statistiken einerseits sagen, die Welt wird besser, aber andererseits z.B. immer mehr Autoren in ihren Büchern* über die zunehmende Kälte der Welt schreiben?
Ist es möglich, dass beides wahr ist?
Kann es gleichzeitig wärmer und kälter werden?
Ist vielleicht sogar eins die Voraussetzung für’s andere?
Kann es sein, dass wir an Menschlichkeit verlieren, je sicherer die Welt wird? (Das Gegenteil zeigt sich ja oft in Katastrophensituationen.)
Kälte entsteht dort, wo wir glauben, niemanden mehr zu brauchen.
Können wir uns heute schlicht leisten, Arschlöcher zu sein? Denn zumindest in Deutschland brauchst Du Dich nicht zwingend mit irgendjemandem gutstellen. Wir sind nicht mehr wirklich voneinander abhängig.
Früher war der Nachbar überlebenswichtig.
Heute kann ich Essen bestellen.
Handwerker buchen.
Brauche mit niemandem reden.
Und den Frust und die Einsamkeit, die daraus entstehen, kannst Du ja dann wieder im Netz ablassen und einfach irgendeinen Menschen mit einem emphatielosen Kommentar eine reinhauen.
Das muss gar nicht Hass sein.
Kälte reicht schon.
Es gibt auch Menschen, die sagen, im Grunde ist der Mensch gut*.
Ich würde sagen: Im Grunde will der Mensch gut sein.
Auch wenn es ihm nicht immer gelingt.
Wenn wir nicht wollen, dass die Kälte am Ende siegt, müssen wir uns darin üben, genau das wieder im anderen zu sehen.

Alles Liebe
Christina
PS: Danke an Martina für Deine Gedanken und Erfahrungswerte zur letzten Kolumne. Danke auch an Sabine für Dein schönes Feedback!
PPS: Was denkst Du? Wird es wärmer oder kälter in unserer Welt? Antworte mir einfach auf diese Email. Ich bin gespannt auf Deine Sicht.
*Buchempfehlungen zum Thema:
“Die Kälte darf nicht siegen! Was Menschlichkeit gegen Gewalt bewirken kann” (Opens in a new window) von Gisela Mayer
“Den Winter der Welt überleben: Ein Buch über politische Resilienz, Klarheit und innere Stärke” (Opens in a new window) von Christina Christiansen
“Die leblose Gesellschaft: Warum wir nicht mehr fühlen können” (Opens in a new window) von Jeannette Hagen
“Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit” (Opens in a new window) von Ruther Bregman