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Der Aufstieg der Oligarchen

Bluesky-Briefing Nr.5/25

Hallo zusammen,

der kanadische Schriftsteller Cory Doctorow prägte den Begriff "Enshittification" für den Verfall von Plattformen. „Ja, um das Kackhäufchen-Emoji auf meinem Grabstein komme ich nun wohl nicht mehr herum“, scherzte er gerade im Interview mit DIE ZEIT (Opens in a new window) und brandeins (Opens in a new window).

Doctorow erklärt den Niedergang am Beispiel Facebooks: Anfangs versprach die Plattform, nur relevante Inhalte von Freunden zu zeigen. Doch mit wachsender Nutzerzahl rückten die Werbekunden in den Fokus. Sie erreichten günstig präzise Zielgruppen und Medien erhielten viel Traffic. Doch Nutzer wurden überwacht und sahen ungefragt Werbung. Als Medien und Firmen abhängig wurden, stiegen die Werbepreise – oft war unklar, wie viele die Anzeigen tatsächlich sahen. Um sichtbar zu bleiben, mussten Medien zahlen.

Der Nutzen verlagerte sich von Nutzer:innen zu Geschäftskunden und schließlich zu den Aktionären. Die letzte Phase ist der drohende Tod der Plattform – den Anbieter wie Zuckerberg oder Musk hinauszögern wollen.

Quasi-Monopole durch Netzwerk- und Lock-In-Effekte

Wir bleiben bei Facebook, weil viele Freunde dort sind. Wir nutzen WhatsApp, weil es fast alle tun. Manche bleiben bei X, weil Politiker:innen oder Prominente, denen sie folgen, noch nicht zu Bluesky gewechselt sind. Wer von X zu Bluesky wechselt, beginnt außerdem mit null Follower:innen.

Neben diesen Netzwerkeffekten verhindern Lock-In-Effekte den Plattformwechsel, selbst wenn es bessere Alternativen gibt. Unternehmen setzen oft auf Microsoft-Produkte, nicht aus Begeisterung, sondern weil der Umstieg auf Alternativen wie LibreOffice zeitaufwendig ist, Schulungen erfordert und es manchmal Kompatibilitätsprobleme gibt. Amazon-Kunden bleiben, weil ihre E-Books oft nur auf Kindle-Geräten oder in der Kindle-App lesbar sind. Apple-Kunden, die in Apps, Musik oder Filme investiert haben, können diese Inhalte nicht einfach auf Android nutzen – und umgekehrt ebenso. Nutzer:innen bleiben bei Spotify, weil ihre Wiedergabelisten und Empfehlungen schwer übertragbar sind.

Diese Effekte halten Nutzer und Unternehmen trotz Nachteilen bei einer Plattform, weil der Wechsel zu aufwändig, teuer oder unpraktisch wäre. Deshalb bleibt die Enshittification profitabel. Offene Protokolle wie AT-Proto von Bluesky oder ActivityPub von Mastodon bieten einen Ausweg aus der Spirale des Plattformverfalls, so Doctorow. Ich schrieb darüber bereits Ende Mai in diesem Newsletter (Opens in a new window).

https://steady.page/de/bsky-briefing/posts/e8069636-9d29-405b-a351-a9220a14530e (Opens in a new window)

Der Aufstieg der US-Oligarchie

Der Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman (Opens in a new window) veröffentlichte gerade in seinem Newsletter (Opens in a new window) eine interessante Grafik. Sie zeigt den Aufstieg der amerikanischen Oligarchie. Dieser sei in zwei Phasen verlaufen: “In der ersten Phase, ab Mitte der 80 er Jahre bis Mitte der 2010 er Jahre, ging es größtenteils um Financial Engineering, insbesondere Unternehmensübernahmen und Leveraged Buyouts (Opens in a new window) (fremdfinanzierte Übernahmen). Es war die Ära von Gordon Gekko (Opens in a new window).”

Seit dem New Deal der 1930-Jahre sank der Anteil der reichsten 0,01% am Gesamtvermögen der USA, seit etwa 1980 steigt er wieder steil an.
Anteil der reichsten 0,01% am Gesamtvermögen der USA. Quelle: GC Wealth Project

Die zweite Phase des Aufstiegs der Oligarchie in Amerika konzentrierte sich auf Technologie, insbesondere auf die Art und Weise, wie Netzwerk-Effekte Quasi-Monopole schaffen. Diese Quasi-Monopole ähneln in gewisser Weise den Monopolen, die zwischen dem Bürgerkrieg und dem Ersten Weltkrieg in den USA entstanden.

Eisenbahnen, Bergbau, Industrie und Banken schufen damals eine neue Klasse von Superreichen. Die Daten legen nahe, dass die größten Vermögen des Gilded Age1 inflationsbereinigt wahrscheinlich größer waren als die heutigen. John D. Rockefeller war vermutlich reicher als Elon Musk, Andrew Carnegie reicher als Jeff Bezos. Dennoch besitzen die reichsten paar Hundert oder Tausend Amerikaner:innen heute etwa den gleichen Anteil am Volksvermögen wie um 1900, so Krugman.

https://bsky.app/profile/pkrugman.bsky.social/post/3ls7yd4gx5227 (Opens in a new window)

Allerdings sind all diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen, wie Krugman selbst schreibt. Eine sehr kleine Gruppe, die dennoch einen großen Prozentsatz des Volksvermögens kontrolliert, lässt sich statistisch nur schwer erfassen.

Außerdem drücken sich viele Superreiche vor Steuern, indem sie große Teile ihres Vermögens in Steuerbetrugsinseln verstecken. Gabriel Zucman (Opens in a new window), einer der führenden Experten auf diesem Gebiet, beleuchtet das Thema in seinem Buch Steueroasen (Opens in a new window).

Superreiche besteuern, Wettbewerb ermöglichen

Um zu verhindern, dass Europas liberale Demokratien zu Oligarchien verkommen, müssen wir sehr große Vermögen, Erbschaften und Vermögenserträge der Superreichen endlich wieder gerecht besteuern. Noch wichtiger ist aber, dass die EU-Kommission entschlossen gegen die Quasi-Monopole der Tech-Oligarchen vorgeht, die ihren extremen Reichtum erst ermöglichten. Der Digital Market Act (DMA) und der Digital Service Act (DSA) bieten dafür zumindest Ansätze.

Ursula von der Leyen (Opens in a new window) (CDU) und ihre EU-Kommission müssen jedoch gleichzeitig einen Handelskrieg mit den USA abwenden, der besonders das exportabhängige Deutschland hart treffen würde. Die Gefahr besteht, dass die Plattform-Regulierung im Streit um Autozölle zur Verhandlungsmasse wird.

Deshalb müssen wir politischen Druck auf die EU-Kommission und die Bundesregierung ausüben, damit sie gegenüber Donald Trump nicht zu nachgiebig sind. Gleichzeitig sollten wir selbst, wo immer möglich, von den Milliardärsplattformen zu offenen Alternativen wie Bluesky wechseln und andere dazu ermutigen, uns zu folgen. Das ist einer der Gründe, warum ich das Bluesky-Briefing ins Leben gerufen habe.

Bluesky-Genossenschaft

Ich plane, mit anderen eine Genossenschaft zu gründen, die in der EU eigene Bluesky/AT-Proto-Infrastruktur betreibt. In Deutschland benötigt eine eingetragene Genossenschaft (eG) mindestens drei Mitglieder, einen Businessplan, eine Satzung und die Prüfung durch einen genossenschaftlichen Prüfverband.

Genossenschaften bieten gegenüber anderen Rechtsformen mehrere Vorteile. Der wichtigste: Sie sind demokratisch organisiert. Generalversammlung, Aufsichtsrat und Vorstand sind die drei Pflichtgremien. Eine Genossenschaft erfordert kein Mindestkapital und haftet nur beschränkt, sobald sie im Genossenschaftsregister eingetragen ist. Neue Mitglieder und Eigenkapital (Genossenschaftsanteile) können ohne Notartermin aufgenommen werden.

Eine spätere Umwandlung in eine europäische Genossenschaft (Societas Cooperativa Europaea, SCE) ist möglich. Dafür sind 30.000 € Mindestkapital in Form von Genossenschaftsanteilen nötig, und mindestens zwei Mitglieder müssen in unterschiedlichen europäischen Ländern leben.

Bei Interesse an einer Mitgliedschaft oder aktiver Mitarbeit in der Genossenschaft antwortet bitte einfach auf diese E-Mail. Ich halte Euch dann auf dem Laufenden.

Anti-Autokratie-Handbuch für Wissenschaftler:innen

In einem Anti-Autokratie-Handbuch (Opens in a new window)geben 19 Forscher*innen aus den USA und Europa Tipps, wie Menschen im akademischen Betrieb gegen aufkeimenden Autoritarismus Widerstand leisten können, abgestuft nach Risikolevel. Viele Tipps sind nicht nur für Wissenschaftler:innen interessant, sondern eignen sich für alle Bürger:innen. Lesenswert ist auch der analytische Teil.

Einige Tipps kreisen um Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und sichere Datenträger - darum, wie man sich vor staatlicher Überwachung schützen kann. Andere sind, zum Beispiel Gastbeiträge für Medien oder Briefe an Politiker:innen zu schreiben.

In einem Wiki (Opens in a new window) sollen nach und nach weitere Infos und Ressourcen ergänzt werden.

https://netzpolitik.org/2025/anti-autokratie-handbuch-26-werkzeuge-zur-verteidigung-der-demokratie/ (Opens in a new window)

Bluesky-App-Update

Noch diese Woche erscheint wahrscheinlich (Opens in a new window) ein Update der Bluesky-App. Endlich können Nutzer:innen Mitteilungen differenzierter ein- und ausschalten. Besonders User:innen mit vielen Follower:innen wünschen sich das schon lange.

https://bsky.app/profile/samuel.bsky.team/post/3lryfskzsds2p (Opens in a new window)

Blacksky Moderations-Relay

Blacksky hat einen Moderations-Relay (Opens in a new window) entwickelt, der alle Maßnahmen der Labeler im Netzwerk erfasst und zu einem einzigen Output bündelt. Rudy Fraser, Gründer von Blacksky, erklärt: „Mit diesem Update können Entwickler benutzerdefinierter Feeds die Moderationsmaßnahmen des gesamten Netzwerks leichter in ihre Algorithmen integrieren. Möchtet Ihr Twitter-Screenshots, Transphobie und Rassismus aus Feed ausschließen? Der Relay ist jetzt die zentrale Anlaufstelle für all diese Labels. “

Blacksky hat zudem sein Fundraising-Ziel erreicht und plant die Einführung einer App. Diese bietet Funktionen wie das Festlegen von Standardeinstellungen für die Community, etwa die Nutzung des Blacksky-Moderationslabels und des Blacksky-Trending-Feeds als Standard. Blacksky lädt die Community ein, Feedback zu geben, was sie sich von der App wünscht.

Backups von AT-Proto-PDSes speichern

Bsky.storage (Opens in a new window) bietet Nutzern die Möglichkeit, stündlich Backups ihres ATProto PDS zu speichern. Zudem generiert der Dienst einen Wiederherstellungsschlüssel, mit dem Nutzer ihr Konto zurückerlangen können, selbst wenn sie den Zugriff verloren haben oder Bluesky nicht mehr verfügbar ist. Storacha (Opens in a new window) hat Bsky.storage entwickelt und speichert die Daten in einem dezentralen Netzwerk mit IPFS und Filecoin. ATProto ermöglicht es Nutzern, die volle Kontrolle über ihr PDS zu übernehmen, und der damit verbundene Gestaltungsraum wird gerade erst erkundet. Bsky.storage ist ein Beispiel dafür: Die Möglichkeit, jederzeit die Kontrolle über das eigene Konto zurückzugewinnen, selbst wenn der Dienstanbieter offline geht oder feindlich wird, bietet bisher kein anderes soziales Netzwerk.

Abos über Leaflet

Die Publishing-Plattform Leaflet (Opens in a new window) hat die Möglichkeit hinzugefügt, Publikationen über ATProto zu abonnieren. Autoren können mit jedem neuen Beitrag Bluesky-Beiträge erstellen, und wenn das Publikum eine Publikation abonniert, generiert Leaflet einen benutzerdefinierten Bluesky-Feed für sie, der nur die Beiträge aus allen Leaflet-Publikationen enthält, die sie abonniert haben. Leaflet prüft weitere Möglichkeiten, wie das soziale Netzwerk genutzt werden kann, um über Leaflet auf dem Laufenden zu bleiben.

Bluesky warnt Nutzer nun (Opens in a new window), wenn sie auf Links klicken, die als bösartig bekannt sind.

Die Filmkritik-App Popsky (Opens in a new window) kann nun automatisch mit Eurem Letterboxd-Konto synchronisiert werden.

Danke fürs Lesen, das wars für heute. Ihr könnt dem Bluesky-Briefing (Opens in a new window) und mir persönlich (Opens in a new window) auf Bluesky folgen.

Herzliche Grüße,

Yves

P.S.: Unter allen, die bis einschließlich 30. Juni Mitglied werden, verlose ich ein Exemplar des Ebooks “Bluesky for Dummies” (Englisch).

Ebook Bluesky for Dummies von Eric Butow und Rebecca Bollwitt (Opens in a new window)
  1. In einer ersten Version dieses Artikels hatte ich Gilded Age (Opens in a new window) mit „Goldenem Zeitalter“ übersetzt, tatsächlich bedeutet es aber „Vergoldetes Zeitalter“. Der Ausdruck geht auf Mark Twain zurück. Er bezieht sich darauf, dass diese Zeit zwar nach außen hin eine Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs und technologischen Fortschritts war, aber zugleich auch mit Armut und politischer Korruption verbunden war.

Topic News

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