Der Flächenbrand im Nahen Osten hat heute eine neue Eskalationsstufe erreicht: Nach Attacken u.a. auf die größte LNG-Anlage in Katar, sind die globalen Öl- und Gaspreise (Opens in a new window) sprunghaft um zeitweise mehr als 30 Prozent angestiegen. Weitere ökonomische Folgen sind sehr wahrscheinlich - manche Beobachter fürchten eine Ernährungskrise (Opens in a new window), andere wiederum starke Inflationstendenzen (Opens in a new window). Der Ökonom Jaques Attali gar einen Dritten Weltkrieg (Opens in a new window).

In dieser aufgeheizten geopolitischen Lage ist dieser heutige Newsletter ein Spagat. Denn er spannt den Bogen von einer der treffendsten Situationsanalysen, die mir bekannt sind, über die beschriebene, aktuelle Lage in Nahost bis hin zur Frage: Wie kommen Haushalte und Staaten raus aus diesem fossilen Casino?
Teil 1: Die Diagnose – und warum die Realität schneller ist als das neue Buch von Claudia Kemfert
https://www.cleanthinking.de/buch-kurzschluss-kemfert-fossilokratie/ (Opens in a new window)Prof. Kemfert hat ein weiteres Buch geschrieben, das bei Erscheinen bereits von der Wirklichkeit eingeholt wurde. „Kurzschluss" erscheint heute im Campus Verlag.
Die These: Bei jeder fossilen Krise stabilisiert (auch) Deutschland reflexartig das fossile System, statt es zu überwinden. Kemfert nennt dieses Muster Kurzschluss. Und die Machtordnung dahinter: Fossilokratie.
Drei historische Belege liefert sie selbst: die Ölkrise der 1970er (neuer Lieferant statt Ölausstieg), den Dieselskandal 2015 (Betrug statt Elektromobilität), die LNG-Terminals 2022 (russisches Gas ersetzt durch US-Fracking-LNG). Drei Krisen, drei Jahrzehnte, ein Muster.
Den vierten Beleg liefert die Realität in Echtzeit. Seit dem 1. März bombardieren die USA den Iran. Die Straße von Hormus (Opens in a new window) ist geschlossen, Öl- und Gaspreise steigen stark - heute neuerlich. Und was passiert in Deutschland? Ministerin Katherina Reiche fordert Gas-Fracking (Opens in a new window). Fraktionschef Jens Spahn will irgendwie irgendwann kleine, modulare Atomreaktoren (Opens in a new window). WELT-Chefreporter Wissenschaft Axel Bojanowski erklärt Erneuerbare zum Problem. Die Bundesregierung gibt strategische Ölreserven frei. Kemferts Kurzschluss-Muster, live und in Farbe.
Die DIW-Ökonomin nimmt sich in 13 Kapiteln die Kampfbegriffe der fossilen Gegenwart vor: „Heizungshammer", „Technologieoffenheit", „Dunkelflaute". Sie zerlegt jeden einzelnen mit Daten, ökonomischer Logik und einer Methode, die „Kurzschluss" von ihrem Vorgänger „Schockwellen" unterscheidet: Jedes Kapitel beginnt mit einer persönlichen Begegnung. Der Taxifahrer, dessen Sohn bei VW arbeitet. Die 68-Jährige, die um den Wert ihres Hauses fürchtet. Der erschöpfte Student, der fragt: Ist es nicht schon zu spät?
Kemferts Antwort: Erneuerbare Energien sind dezentral, resilient und unerpressbar. Kein Autokrat kann den Hahn abdrehen, wenn Millionen Solardächer die Versorgung sichern. Das ist keine Utopie. Das ist Physik und Ökonomie.
Dazu passt: INES, der Betreiberverband der deutschen Gasspeicher, hat gestern bestätigt: Keine Gasmangellage (Opens in a new window), Versorgung gesichert. Die „unabwendbare" Apokalypse, die AfD-nahe Experten auf YouTube und bei NIUS im Januar prophezeit hatten (Opens in a new window)? Nicht eingetreten. So wie wir es analysiert haben. So wie es alle seriösen Quellen bei halbwegs normalem Winterverlauf analysiert haben.
Hier kann man das Buch kaufen (mit einem Kauf erhält Cleanthinking eine kleine Provision):
https://amzn.to/40FsN1G (Opens in a new window)Teil 2: Wie Haushalte rauskommen
https://www.cleanthinking.de/mutmacher-weg-raus-aus-fossiler-ohnmacht/ (Opens in a new window)Kemfert beschreibt das System. Aber was tun Haushalte, die nicht auf die Politik warten wollen? Die einfach anfangen?
Genau darum geht es in der neuen Cleanthinking-Serie „Die Mutmacher". Ich habe Menschen gesucht, die ihre Häuser und ihren Alltag konsequent elektrifiziert haben. Keine Ingenieure mit unbegrenztem Budget, sondern ganz normale Eigenheimbesitzer, die irgendwann gesagt haben: Wir fangen jetzt an. Jede Geschichte zeigt einen anderen Weg raus aus dem fossilen Casino. Und jede zeigt: Es geht. Auch ohne Neubau, auch ohne Riesenbudget.
Diese Woche sind die ersten Geschichten erschienen:
Nabil aus Südhessen hat sein Eigenheim Schritt für Schritt elektrifiziert. Sein Trick: gebrauchte E-Autos statt Neuwagen und smarte Sektorenkopplung mit kleinem Budget. Mehr dazu hier. (Opens in a new window)
Svenja aus NRW hat mit ihrem Mann ein Haus von 1932 in radikaler Eigenleistung saniert. Ohne Handwerker-Budget, dafür mit wassergeführter Deckenheizung im Eigenbau und Einblasdämmung. Ihr Antrieb: „Wir wollten keinen Krieg mitfinanzieren." Hier die Mutmacher-Story. (Opens in a new window)
Judith und Thomas aus Baden-Württemberg haben ihr 1970er-Haus zum Prosumer-Eigenheim umgebaut. Vom fossilen Bestandshaus zum weitgehend autarken Haushalt. Soweit sind sie gekommen. (Opens in a new window)
Dominic kümmert sich nicht nur um die eigene Energiewende, sondern auch um die seiner Mieter. Der Schweizer ist nämlich Mit-Vermieter eines Mehrfamilienhauses. Wie er das angegangen ist? (Opens in a new window)
Das sind alles Menschen, die die letzte große Krise 2022 zum Anlass genommen haben, aus Öl und Gas auszusteigen. Auch aktuell berichten Unternehmen in Großbritannien oder Deutschland (Opens in a new window), das die Nachfrage nach Solaranlagen, Wärmepumpen und Elektroautos spürbar angezogen hat, seit Trump mit Netanjahu begonnen hat, den Iran zu bombardieren.
Bloomberg hat in einer interessanten Analyse errechnet (Opens in a new window): Schon das zarte Pflänzchen Elektromobilität, das durch Exponentialkurven schnell wachsen wird, hat zu einem Nachfragerückgang beim Öl von 2,3 Millionen Barrel Rohöl geführt - pro Tag.
Und selbst manche Talkshow beginnt endlich, Wege aus dem fossilen Casino zu diskutieren. Der Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein, Claus Ruhe Madsen (CDU), etwa vertritt ein Bundesland, das mehr erneuerbare Energie produziert als es verbrauchen kann. Doch statt Redispatch als unabwendbares Problem zu karikieren, sucht Madsen pragmatisch nach Lösungen.
Bei Maischberger berichtet er von einem Treffen mit einem investitionsbereiten Unternehmen, das als Bedingung 1,2 GWh erneuerbaren Strom pro Jahr verlangte. Die Antwort des Netzbetreibers? Super, das können wir problemlos garantieren - wir wissen gerade eh nicht wohin mit dem Strom (sinngemäß).
Sind also Stromüberschüsse vielleicht gar kein Problem, sondern Teil der Lösung? Braucht es mehr kreative und pragmatische Wege, um diese Überschüsse sinnvoll zu nutzen? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Industrieansiedlungen dort häufiger sein werden, wo ausreichend Strom und ggf. auch Wasserstoff verfügbar ist.
Und auch Herbert Diess - Ex-VW-Chef - macht sinnvolle, zukunftsgerichtete Aussagen, berichtet über das 5-Milliarden-Investment von Infineon und die Lage der Autoindustrie sowie des Standorts:
https://www.youtube.com/watch?v=0JAQwMfN0k0 (Opens in a new window)So viel Zukunftsorientierung ist selten geworden im deutschen Fernsehen - umso wohltuender sind diese 25 Minuten.
Teil 3: Wie Staaten rauskommen
Kingsmill Bond und EMBER (Opens in a new window) haben gestern eine Analyse veröffentlicht, die den Weg aus der fossilen Abhängigkeit in Zahlen gießt. Die Kernbotschaft: Drei Viertel der Weltbevölkerung leben in fossilen Importländern. Die Importrechnung lag 2024 bei 1,7 Billionen Dollar. Jede Erhöhung des Ölpreises um 10 Dollar pro Barrel kostet die Welt 160 Milliarden Dollar pro Jahr.

Die Lösung existiert bereits und hat einen Namen: Electrotech. EVs, Erneuerbare, Wärmepumpen, Batteriespeicher. Wenn Importländer diese Technologien konsequent skalieren, könnten sie ihre fossilen Importe um 70 Prozent senken. Allein EVs würden die Importrechnung um 600 Milliarden Dollar pro Jahr reduzieren.
Die Skala ist schon da: Der globale Solarausbau in 2025 konnte so viel Strom erzeugen wie alle LNG-Exporte durch die Straße von Hormus. EVs haben 2025 weltweit 1,7 Millionen Barrel Öl pro Tag verdrängt, fast so viel wie Irans gesamte Exporte.
Bond schreibt: „Sceptics argue electrotech merely exchanges one dependency for another – Saudi oil out, Chinese solar panels in. But this is to confuse renting and owning." Ein Solarpanel liefert 30 Jahre Strom ohne Brennstoffkosten. Öl und Gas müssen endlos neu importiert werden. Das eine ist Eigentum, das andere ist Miete. In einer Welt, in der der Vermieter jederzeit die Miete verdreifachen kann.
Das ist der Weg raus aus dem fossilen Casino. Nicht irgendwann. Der Anfang muss jetzt gemacht werden. Allerdings droht ein nächster Kurzschluss: Heute beim EU-Gipfel geht es um die Frage (Opens in a new window), ob der Europäische Emissionshandel weiter geschreddert wird. Fossile Panik greift weiter um sich.
Selbst Kanzler Merz will den Emissionshandel erhalten. Hoffen wir, dass er sich in dieser Frage durchsetzen kann.
Die jetzige Polaykrise wird also wieder zur Chance, wenn wir dieses Mal keinen Kurzschluss daraus machen, sondern den Blick in Richtung saubere Zukunft richten. Diese geht bei der Energieversorgung los, aber natürlich bei regenerativer Landwirtschaft oder alternativen Proteinen weiter.
Was passieren könnte, wenn wir auch dieses Mal wieder falsch agieren, hat Blackout-Autor Marc Elsberg in seinem neuen, atemberaubenden Thriller “Eden” beschrieben. Hier gibt es das Hörbuch (mit einem Kauf erhält Cleanthinking eine kleine Provision):

Viele Grüße,
Ihr Martin Jendrischik