
Mit dem sogenannten „Realitätscheck der Energiewende“ hat Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche ein Monitoringverfahren auf den Weg gebracht, das vorgibt, objektiv zu prüfen, wie es um die Energiewende steht. Doch ein genauer Blick auf die Ausschreibung offenbart: Was hier als nüchterne Analyse verkauft wird, ist in Wahrheit ein ideologisch motivierter Versuch, eine alternative energiepolitische Realität zu konstruieren – eine, in der das Erneuerbare-Energien-System gar nicht erst ernsthaft modelliert wird, um es später als „zu teuer“ abtun zu können.
🎯 Kein Realitätscheck – sondern ein Selektionsverfahren
Die Ausschreibung legt mitnichten offen dar, wie die Energiewende wirklich funktioniert oder was sie kostet. Vielmehr fordert sie:
aus Zeitgründen auf neue Modellierungen zu verzichten,
stattdessen bestehende Studien zusammenzufassen – aber bitte nur die genehmen.
Studien, auf die man sich stützen soll:
Aurora Energy Research – seit 2024 mehrheitlich im Besitz von EnBW
EWI Köln – wirtschaftsliberal, industrie- und fossilnah
acatech, Dena, Prognos AG
Studien, die nicht erwähnt werden:
WWF, DIW, Wuppertal Institut, Öko-Institut
Agora Energiewende (nur implizit, keine direkte Referenz)
Reiner Lemoine Institut, Energy Watch Group, Bürgerenergie-Studien
Es geht also nicht um eine offene wissenschaftliche Auseinandersetzung, sondern um das Verengen der Perspektive – zugunsten eines Systems, das weiterhin stark auf Großkraftwerke, fossile Brückentechnologien und zentrale Steuerung setzt.
🧱 Auswahl der Auftragnehmer: Von wegen unabhängig
Den Zuschlag für die Durchführung der Analyse hat das beratungsnahe Zentrum für Energie, Klimaschutz und Wirtschaft erhalten – in enger Kooperation mit dem Energiewirtschaftlichen Institut (EWI). Das EWI ist bekannt für konservative Strommarktmodellierungen, die regelmäßig CCS, Gaskraftwerke und zentrale Strukturen als „kosteneffizient“ ausweisen – weil das dezentrale, bürgernahe Energiesystem dort gar nicht systematisch betrachtet wird.
Besonders zynisch: Die 20 geplanten Gaskraftwerke der Kraftwerksstrategie werden nicht hinterfragt, sondern als konstanter Annahmewert übernommen – obwohl genau diese Zahl einer versteckten politischen Modellierung entspricht. Der Auftrag der Analyse ist also nicht: Realität abbilden. Sondern: bestehende Annahmen legitimieren.
🧠 Die versteckte Logik
Solange man:
das schnelle, erneuerbare, dezentrale System nicht modelliert,
die Kosten für Speicher, Sektorkopplung, Flexibilität nicht vollständig beziffert,
und transformative Effekte wie Elektrifizierung, Digitalisierung, Energy Sharing ausblendet,
… kann man problemlos behaupten, das „kosteneffizienteste“ System sei jenes, das auf:
zentrale Infrastrukturen,
fossile Kraftwerke mit CCS
und importierten Wasserstoff setzt.
Was man nicht rechnet, braucht man auch nicht umzusetzen.
🚨 Warum das gefährlich ist
Der „Realitätscheck“ schafft kein besseres Verständnis – er etabliert eine parallele Realität, in der:
Klimaneutralität nur unter industriekompatiblen Bedingungen gilt,
Bürgerenergie, Dezentralität und Digitalisierung als „unsicher“ oder „unwirtschaftlich“ erscheinen,
und „technologieoffen“ plötzlich nicht mehr offen für disruptive Lösungen, sondern nur noch für Verzögerung ist.
Es ist ein Rückschritt in die technokratische Vergangenheit der Energiepolitik – zu Lasten von Klima, Innovation und gesellschaftlicher Teilhabe.
Passend hierzu auch das aktuelle Video von Mario Buchinger zu Katherina Reiche: https://www.youtube.com/watch?v=p1dD4UI564Y (Opens in a new window)
🟩 Fazit
Wer nur Studien berücksichtigt, die zur eigenen Agenda passen, will keine Realität prüfen – sondern eine Realität schaffen.
Katherina Reiche nutzt den „Realitätscheck“, um das erneuerbare System gezielt auszublenden, das schneller, dezentraler und günstiger sein könnte als jedes fossil-zentrale Ersatzsystem. Und genau davor scheint man im Bundeswirtschaftsministerium die größte Angst zu haben.
Hier gibt es die Ausschreibung zum Download: https://home.mycloud.com/action/share/ecd0e12d-87bc-496b-ab93-9c8772537543 (Opens in a new window)