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Daniel Wetzels Strohmann

Liebe Leserinnen und Leser,

wissen Sie, was ein Strohmann ist?

In Diskussionen ist ein Strohmann-Argument eine beliebte rhetorische Taktik. Hierbei wird die Position des Gesprächspartners sinnentstellend oder extrem vereinfacht dargestellt, um dieses verfremdete Argument anschließend medienwirksam zu widerlegen. Es wird also ein imaginärer „Strohmann“ bekämpft, anstatt auf das echte Argument einzugehen.

Exakt diese Methode hat WELT-Journalist Daniel Wetzel gestern in seinem Artikel „Die gefährliche Erzählung von der harmlosen Dunkelflaute“ angewendet. Geschickt verengt Wetzel die Kritik von Klimaschützern, Energieexperten, Politikern und dem ökologisch orientierten Wirtschaftsmagazin Cleanthinking.de (Opens in a new window)“ auf „diesen Strohmann: „Batterien könnten fossile Gaskraftwerke im großen Stil überflüssig machen.

https://www.welt.de/wirtschaft/plus6a18217377d857fdb4526c0e/gaskraft-vs-batterien-das-maerchen-von-der-harmlosen-dunkelflaute.html (Opens in a new window)

Wetzel „widerlegt“ das DIW mit dem DIW

Und dann kommt der Clou. Wetzel zitiert eine angeblich neue Auswertung des bundeseigenen Kraftwerksbetreibers Uniper, die belegen soll, dass die DIW-Energieökonomin Claudia Kemfert die Dunkelflauten klein gerechnet habe: zwei statt 160 im Jahr 2024.

Wer den fraglichen MDR-Podcast (Opens in a new window) hört, in dem Kemfert sich zu Dunkelflauten äußert, der hört etwas anderes. Die Forscherin beginnt ihre Antwort dort mit dem Satz, dass es keine einheitliche Definition von Dunkelflaute gebe. Auch nicht in der Energiewirtschaft. Zur Beantwortung einer Frage zur Häufigkeit von Dunkelflauten, wählt sie daher eine andere, eher populärwissenschaftliche Herangehensweise: „Wann hat der Spotmarkt 2024 extreme Preisausschläge gezeigt? Das war zwei Mal im Jahr 2024 - am 6. November und am 12. Dezember“, so Kemfert. Exakt das ist die Aussage, die Wetzel als Verharmlosung bezeichnet.

Wetzel hält dieser ökonomischen Antwort eine technische Definition entgegen. Sie nimmt einen Schwellenwert von zehn Prozent der installierten Leistung und glättet die Stunden über einen Sechs-Stunden-Durchschnitt. Wissenschaftlich klingendes Kürzel: MBT, Mean Below Threshold. Mit dieser Brille sind es 160 Dunkelflauten 2024.

Nur kommt diese Methode nicht von Uniper. Sie kommt aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, dem Haus, in dem Kemfert die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt leitet. Martin Kittel und Wolf-Peter Schill haben den Mean-Below-Threshold-Ansatz dort methodisch ausgearbeitet – und zugleich seine Anwendung mit nur einem einzigen Schwellenwert ausdrücklich verworfen. Veröffentlicht 2024 in der Fachzeitschrift Environmental Research: Energy.

Denn das ist der Kern ihrer Arbeit: Ein einzelner Schwellenwert tauge nicht, man müsse über viele Schwellen hinweg rechnen. Wetzels Uniper-Kronzeuge macht das Gegenteil. Er nimmt genau einen Wert – zehn Prozent der installierten Leistung – und glättet ihn über sechs Stunden. Er benutzt also die DIW-Methode auf exakt die Weise, vor der die DIW-Methodiker warnen. Und Wetzel merkt es nicht.

Drei Monate vor Wetzels Artikel, am 2. März 2026, ist ihr Folgepaper in Communications Earth & Environment erschienen, Open Access. Auf Basis von 38 historischen Wetterjahren (Opens in a new window) ziehen die Autoren eine eindeutige methodische Konsequenz:

„Die Verwendung einzelner Schwellenwerte, wie es in der Literatur üblich ist, ist daher nicht ratsam.“

– Kittel und Schill (DIW Berlin), Communications Earth & Environment 2026

Genau die Methode, die Wetzels Uniper-Kronzeuge anwendet. Und genau auf dieser Methode gründet Wetzels Vorwurf an Kemfert. Wetzel „widerlegt“ das DIW mit dem DIW.

Das Regelwerk und die Willkür

Die Methodenfrage ist nur die eine Hälfte des Problems. Die andere läuft im Bundestag. Faktisch argumentieren die Kritiker des StromVKG (Opens in a new window), des Gesetzes, das die Ausschreibungen für „gesicherte Leistung” regelt, insbesondere, dass die Nutzung bereits existierender Kraftwerke sowie vorhandener Flexibilitäten Vorrang vor neuen fossilen Kraftwerken haben müsse.

Der Gesetzentwurf stellt jedoch genau das verhindernde Bedingungen an die Kraftwerke, die bei den ersten neun Gigawatt Chancen auf einen Zuschlag haben sollen. Bewerber müssen zwei Dinge erfüllen: Sie müssen zehn aufeinanderfolgende Stunden Strom in Höhe der installierten Leistung liefern können. Und bei energiebegrenzten Technologien zusätzlich die Fähigkeit beweisen, diese Zehn-Stunden-Lieferung jederzeit innerhalb einer Stunde wiederherzustellen.

Die zweite Auflage schließt Batteriespeicher praktisch aus. Sie verlangt eine Anschlussleistung, die ein Vielfaches der Entladeleistung beträgt. Das ist ökonomisch nicht darstellbar.

Leonhard Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme nennt die Regel gegenüber der WirtschaftsWoche „willkürlich gewählt, um eine Vorauswahl an Technologien festsetzen zu können.“

Speicherbetreiber prüfen laut Handelsblatt inzwischen Klagen gegen die Ausschreibungen. So werden Batteriespeicher faktisch ausgeschlossen, was rechtlich höchst fragwürdig ist und besonders schlecht zu der „Technologieoffenheit“ passt, die Unionspolitiker so gern beschwören.

Die Hälfte der Studie

https://www.cleanthinking.de/langzeit-batteriespeicher-gaskraftwerke/ (Opens in a new window)

Cleanthinking bezieht sich in der Debatte auf eine Studie des Beratungshauses LCP Delta (Opens in a new window), die im Auftrag des Investors Field entstand. Wetzel zitiert sie auch. Allerdings nur einen Teil. Die Zahl, die er übernimmt, lautet: 82 bis 87 Prozent aller Knappheitsereignisse dauern laut LCP zehn Stunden oder weniger. Diesem Befund hält er die Uniper-Definition entgegen, die mehr und längere Ereignisse zählt. So weit der Streit um die Häufigkeit.

Der zweite Teil der Studie ist ökonomisch. Genau dieser Teil ist das eigentliche Argument für Batteriespeicher in der Kraftwerksstrategie. Und genau dieser Teil kommt im WELT-Artikel nicht vor.

Zwei Gigawatt geplanter Gaskraft durch äquivalente Langzeit-Batteriespeicher zu ersetzen, würde laut Studie jährlich bis zu 166 Millionen Euro an Subventionen sparen, bei gleicher Versorgungssicherheit. Über die Projektlaufzeit von 2031 bis 2050 summieren sich die Systemkosteneinsparungen einer einzelnen 100-Megawatt-Batterieanlage auf rund 270 Millionen Euro. Ein vergleichbares Gas-und-Dampf-Kraftwerk kommt auf 70 Millionen Euro.

Der Förderbedarf ist ähnlich klar. Ein Zehn-Stunden-Batteriespeicher braucht jährlich 31 Euro pro Kilowatt. Ein GuD braucht 102 Euro. Das Dreifache. Thomas Seltmann vom Bundesverband Solarwirtschaft bringt es im MDR (Opens in a new window) auf einen Satz: „Batteriespeicher sind ein sehr kostengünstiges Instrument.“

31 Euro gegen 102 Euro. Diese Zahl steht im WELT-Artikel nicht.

Wem nützt der Strohmann?

Bleibt die Frage, wem das alles nützt. Wetzels Kronzeuge Uniper ist kein neutraler Schiedsrichter, sondern direkter Profiteur der Kraftwerksstrategie. Jedes zusätzliche Gigawatt Gas in der Ausschreibung bedeutet Anschubfinanzierung in Richtung des Konzerns. Wenn ein Nutznießer der Strategie die Methodik gleich mitliefert, die die Debatte in seine Richtung drehen soll, ist das Lobbyarbeit. Wenn ein WELT-Wirtschaftsredakteur das als wissenschaftliche Auseinandersetzung präsentiert, ist das ein Problem.

Die Kraftwerksstrategie wird über den Sommer im Bundestag verhandelt. Die zehn Gigawatt neue Gaskraftwerke, die das Bundeswirtschaftsministerium plant, ergeben sich nicht aus technischer Notwendigkeit. Sie ergeben sich aus einem Regelwerk, das Fraunhofer-Forscher als willkürlich einstufen, und aus einer Methode, die das DIW selbst zurückweist. Wer das Regelwerk schreibt, bestimmt das Ergebnis.

Daniel Wetzel darf eine Position vertreten, die Gaskraftwerke priorisiert. Er sollte nur nicht so tun, als argumentiere er gegen einen Gegner, der das Gegenteil behauptet. Diesen Gegner gibt es nicht. Es geht nicht um „Entweder-Oder“. Es geht um die richtige Logik und die richtige Kombination. Wer sie ehrlich führen will, beginnt nicht mit der Frage, ob Klimaschützer recht haben, sondern mit der Frage, was das Stromsystem 2030ff. wirklich kostet und wem die Regeln nutzen.

In diesem Sinne,

Ihr Martin Jendrischik

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