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Wie gefährlich ist Deutschlands Gasabhängigkeit wirklich?

Guten Tag!

Herzlich Willkommen zur ersten Ausgabe meines Energieblogs. Nach 2 ½ Jahren weitgehender Funkstille melde ich mich hier mit diesem Blog/Newsletter wieder zu Klima- und Energiethemen zu Wort und hoffe, dass Sie und Ihr darin den ein oder anderen interessanten Gedanken finden. Ich nenne den Blog “Von Mauern und Windmühlen” nach dem chinesischen Sprichwort “Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen” - weil es so schön auf den Energiesektor passt, wo der Wind des Wandels nunmal ordentlich weht und manche leider lieber Mauern bauen als Windräder (und Solaranlagen).

Los gehen soll es (ein bisschen überraschungsfrei, ich weiß) mit dem Thema Gas – und der hohen Gefahr, in der sich Deutschlands Wirtschaft wieder, wie schon 2022, befindet. Die aber allgemein klein geredet wird, wieder wie schon 2022. Damals war es russisches Pipeline-Gas, und aktuell ist es amerikanisches LNG, das zur „geopolitischen Waffe“ (Opens in a new window) wird, so die aktuelle Analyse der Columbia University in New York. Wir sitzen m.E. auf einem energiepolitischen Pulverfass, das Trump jederzeit anzünden könnte - mit der Folge einer Wirtschafts- und Energiekrise wie 2022.

Warum das so ist und was zu tun ist, darum soll es im Folgenden gehen. Auch wenn es komisch klingt: Ich wünsche eine gute Lektüre!

Kurz ein Blick auf die deutschen Gasspeicher: Sie sind aktuell ziemlich leer (Stand heute, 6.2.: unter 30% Füllstand, s. Abbildung) und sie leeren sich kontinuierlich; für nächste Woche ist weiterhin kaltes Wetter vorhergesagt. Das ist insofern ein bisschen beunruhigend, als dass wir 2026 unter dem Niveau von 2022 liegen – und zwar völlig ohne Fremdeinwirkung. Damals, wir erinnern uns, hatte Gazprom den größten deutschen Gasspeicher Rehden vor dem Winter leer gefahren, um Deutschland gezielt parallel zum Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 in die Gaskrise laufen zu lassen.   

Grafik mit den Füllständen der deutschen Gasspeicher 2011-2026 (Opens in a new window)
Quelle: Tagesschau.de

Nun erklären kundige Menschen, dass die Situation nicht vergleichbar sei und keine Gasmangellage drohe – Indizien dafür seien zum Beispiel, dass der Gaspreis an der Börse aktuell (bei 35 € pro MWh, Stand 6.2.2026 (Opens in a new window)) unter dem Niveau von vor einem Jahr liege und die deutschen LNG-Importterminals nicht ausgelastet seien.

Das Problem ist, dass man sich auf die niedrigen Gaspreise nur bedingt verlassen kann. Wir haben es im Januar gerade erst erlebt: Als Trump laut über militärische Interventionen in Iran und Grönland nachdachte und es zudem richtig kalt wurde, ist der Gaspreis an der Börse binnen kurzem um 40% gestiegen – von 28 EUR/MWh am 8. Januar 2026 auf 40 EUR/MWh am 23. Januar. (Opens in a new window) Weil Europa in Sachen Grönland Zähne gezeigt und Trump vorerst abgelassen hat, ist der Gaspreis aktuell wieder niedriger; aber es zeigt, wie schnell sich die Lage drehen kann.

Damit ist man beim entscheidenden Punkt: Der neuen Gas-Abhängigkeit Deutschlands und Europas von den USA.

In Zahlen ausgedrückt sieht es wie folgt aus: Im Jahr 2021 lag der Anteil Russlands an den EU-Gasimporten bei 45%, der der USA bei 6%. Im Jahr 2025 stieg der Anteil der USA an den Gasimporten in die EU auf 28%, der von Russland sank auf 13% (s. Abbildung). Berücksichtigt man jetzt noch den Beschluss der EU, bis spätestens Ende September 2027 russische Gasimporte komplett einzustellen (Opens in a new window), und den 750 Mrd. US$-Energie-Deal zwischen von der Leyen und Trump (Opens in a new window) von Juli 2025 (bei dem explizit der Ersatz russischer durch amerikanische Gasimporte versprochen wurde), dann landet man schon im Sommer nächsten Jahres – also gerade mal in 18 Monaten – bei 41% Gasabhängigkeit der EU von den USA. Was ziemlich nah dran an den 45% EU-Abhängigkeit von Russland kurz vor Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine im Februar 2022 liegt.

Abbildung, die die zentralen Herkunftsländer von EU-Gasimporten 2021-2025 zeigt (Opens in a new window)
Quelle: Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA). Hinweis: Die EU-Gasimporte betrugen 2021 insgesamt 380 bcm, 2025 waren es 319 bcm. Der Gasverbrauch betrug 2021 etwa 413 bcm, 2025 waren es 340 bcm.

Nun gibt es verschiedene Gegenargumente, warum man nicht gleich wieder an den Worst Case denken müsse, wie etwa in dieser Analyse im Spiegel (+) (Opens in a new window). Trump werde schon nicht die LNG-Exporte nach Europa unterbinden und wenn, dann werde es schon nicht so schlimm kommen.

Oder vielleicht doch?

Schauen wir uns die Beschwichtigungen einmal genauer an:

  • Für Deutschland ist die US-Importabhängigkeit nicht so hoch, schließlich machten im Jahr 2025 direkte LNG-Importe nach Deutschland nur 10% unserer Importe aus. Selbst wenn die LNG-Schiffe, die in Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Mukran anlanden, fast ausschließlich aus den USA kommen (94% laut Zahlen des BDEW) (Opens in a new window), ist das also nicht ganz so wild.

Diese Argumentation übersieht die innereuropäischen Gasflüsse: Die Importe aus Belgien und den Niederlanden nach Deutschland (immerhin zusammen 45% der deutschen Importe 2025) stammen aus, nunja, den dortigen LNG-Importterminals. Und die LNG-Schiffe, die in Rotterdam und Zeebrugge anlanden, die kommen natürlich auch weitgehend aus den USA.

  • Die USA sind in ihren Gas-Exporten genauso abhängig von Europa wie Europa in seinen Importen von den USA.

Das stimmt zwar – zwei Drittel der US-LNG-Exporte des Jahres 2025 gingen nach Europa. Aber falls Ihnen dieses Argument bekannt vorkommt, dann liegen Sie richtig: Genau so wurde immer mit Blick auf Deutschland und Russland argumentiert. Daraus haben damals die Russland-Versteher bis in den Februar 2022 abgeleitet, dass Putin es am Ende schon nicht darauf ankommen lassen werde. Was dieses Argument übersieht: Beim Gas besteht eine massive Abhängigkeits-Asymmetrie zwischen Exporteur und Importeur. Während Gas damals für Russland und heute für die USA nur einen Bruchteil der Exporterlöse ausmacht, bedeutet eine Gasmangellage für die Wirtschaft des Importeurs eine heftige Energie- und Wirtschaftskrise – wie wir es 2022 erlebt haben.

  • Ein Exportstopp von LNG aus den USA in die EU muss ja nicht zwangsläufig bedeuten, dass die Gasmengen vom Weltmarkt verschwinden. Wenn das LNG stattdessen von den USA in Drittländer ginge, dann würde dort ja wieder Gas frei, das nach Europa fließen könne. Im Ergebnis gäbe es zwar zusätzliche Transportkosten, aber keine Knappheiten.

Diese Argumentation unterschätzt m.E. Trump und seine Administration massiv – das wissen die schließlich auch. Wenn es darum ginge, Europa unter Druck zu setzen, würden die USA natürlich den Export der Mengen nach Europa ersatzlos streichen; alternativ könnten sie hohe LNG-Exportsteuern für Schiffe in die EU verhängen (und Drittstaaten wie Katar drängen, dies ebenfalls zu tun – siehe aktuell die Diskussionen mit Indien zum russischen Öl). Das hätte sogar den Nebeneffekt, dass der Gaspreis in den USA sinken würde, was Trump bei der inneramerikanischen Lebenshaltungskosten-Diskussion helfen könnte.

Man kann auch noch andere Argumente anführen (die EU ist jetzt nicht mehr ganz so gasabhängig wie 2022, damals hätte man es ja dann auch innerhalb von 12 Monaten geschafft, etc.), aber für mich klingt das sehr nach dem berühmten Pfeifen im Walde. Denn auf der Gegenseite steht, dass die Norweger ihre Exporte nicht mehr nennenswert erhöhen können und die kurzfristig verfügbaren zusätzlichen Liefermengen aus dem arabischen Raum oder Australien auch sehr begrenzt sind.

Wie sieht also der Worst Case aus? Wie hoch wären die Preisauswirkungen bei einem Stopp der LNG-Lieferungen aus den USA wirklich?  Das ist nicht so einfach zu beantworten. Ein paar Anhaltspunkte gibt es aber schon:

  • Die wegfallenden Gaslieferungen aus Russland in die EU im Jahr 2022 im Vergleich zu 2021 betrugen etwa 70 bcm (s.o.). Die USA haben in die EU im letzten Jahr 80 bcm Gas geliefert. Die Mengen, um die es hier geht, sind also ziemlich ähnlich. Da helfen auch die freien Kapazitäten an den LNG-Terminals an der Nord- und Ostsee nicht – wenn das globale Gasangebot ordentlich verknappt wird, dann schießen die Preise in die Höhe, wie 2022 erlebt.

  • Iran hat in der Vergangenheit immer wieder eine Sperrung der Straße von Hormuz angedroht, durch die 20% der globalen LNG-Exporte (und knapp 30% des globalen Rohöls) verschifft werden. Zu einer solchen Sperrung ist nie gekommen, auch weil das iranische Regime vor einer solchen ultimativen Eskalation zurückgeschreckt hat. Nichtsdestotrotz war das Szenario ernst genug für Analysen, was denn in einem solchen Szenario mit dem Gaspreis passieren würde. Der Think Tank Oxford Energy Economics hat 2025 (Opens in a new window) sein Gasmarktmodell angeworfen, das in diesem Fall einen Rückgang des globalen LNG-Angebots in Höhe von 86 bcm (sic!) erwartet, und in der Folge einen Gaspreis von ca. 90 EUR/MWh. Die Berater von Aurora Energy sehen in ihrer Analyse von 2023 (Opens in a new window) für einen solchen Fall einen Gaspreis von sogar 95-180 €/MWh, je nachdem wie voll die europäischen Gasspeicher im Winter sind. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Gas-Spotmarktpreis 2022, also dem Jahr der deutschen und europäischen Energiekrise, lag bei 125 €/MWh. Dementsprechend konstatiert Oxford Energy: „The price shock of the loss of Middle East LNG is estimated to be similar to the price shock in 2022, following the Russian invasion of Ukraine.” Jetzt muss man nur noch “Middle East” durch “US” ersetzen, und man beschreibt in etwa die heutige Situation…

Quellen: Aurora Energy (2023), Oxford Institute for Energy Studies (2025)

Kurz und nicht gut: Würden die US-Gaslieferungen nach Europa ersatzlos ausfallen, spricht viel dafür, dass wir wieder eine Energie- und Wirtschaftskrise wie 2022 hätten. Mit allem, was dazu gehört: Preisschock für Unternehmen und Haushalte, staatliche Unterstützungsmaßnahmen, schnell entworfene Preisbremsen, explodierende öffentliche Schulden…

Schauen wir der Tatsache ins Auge: Gas ist für Europa ein hoch riskanter, gefährlicher Energieträger. Weil Gas eben weitestgehend nicht heimisch ist, sondern importiert – und wir abhängig sind von Akteuren, denen man nicht trauen kann. Diversifizierung der Gaslieferungen, wie 2022, hilft kaum mehr – das Potenzial ist weitgehend ausgereizt. Wir müssen unsere Abhängigkeit schnell reduzieren, um in der neuen geopolitischen Realität souverän zu sein. Die aktuell relativ niedrigen Gaspreise an der Börse und die noch niedrigeren Gas-Futures für 2027 und danach sind insofern sehr trügerisch: das Risiko, dass LNG zur geopolitischen Waffe wird, ist nicht eingepreist.  

Was ist also zu tun?

Zum einen: Für den nächsten Winter eine nationale Gasreserve anlegen, ähnlich wie bei der nationalen Ölreserve. Der Staat hält dann eine Mindestmenge an Gas für Krisenzeiten vor, die Kosten werden über eine Umlage auf die Kunden umgelegt. Die Chefs von Bundesnetzagentur und BDEW haben dieser Tage diese Diskussion (Opens in a new window) wieder neu eröffnet. Ich halte das für richtig. Es gibt aber einen Haken: So viel leeren Platz haben wir nicht in unseren Gasspeichern, dass eine nationale Gasreserve mengenmäßig auch nur in die Nähe der 90-Tage-Reserve bei Öl käme. Der Blick müsste insofern (auch) ins europäische Ausland gehen und, siehe da, es gibt große leere und ungenutzte Gasspeicherkapazitäten, und zwar in der Ukraine.* Ja, es wäre ein mutiger Schritt, für die Reserve auch ukrainische Gasspeicher zu nutzen, aber gleichzeitig auch ein sehr klares Signal an Russland und die USA, dass Deutschland und die EU es ernst meinen mit der Verteidigung der Ukraine.

Zum anderen: Sofort den Turbo anschalten bei Erneuerbaren und Elektrifizierung, um unsere Gas- und Trump-Abhängigkeit zu minimieren. Jede Megawattstunde Gas, die wir weniger verbrauchen und durch heimische Erneuerbare und Elektrifizierung ersetzen, erhöht Europas Souveränität. Wenn die EU-Mitgliedstaaten ihren Gasverbrauch um 25-30% reduzieren, sind dies mehr als die LNG-Mengen, die wir letztes Jahr aus den USA importiert haben. Das wäre, bei entsprechender Politik, bis 2030 gut erreichbar. Die zentralen Technologien dafür sind: Der massive Ausbau von Wind, Solar, Batterien, Wärmepumpen (groß, mittel und klein) und allen Elektrifizierungstechnologien in der Industrie.

Ja, ich weiß, dass das jetzt ein bisschen klingt wie bei einer kaputten Schallplatte. Aber es ist schon ein Irrwitz, dass wir 2026 im Energiesektor wieder auf dem gleichen Gas-Pulverfass sitzen wie 2022 – und Katherina Reiche dieses Jahr mit ihren Gesetzesinitiativen bei EEG und GEG plant, diese Gasabhängigkeit sogar noch zu verlängern, anstatt bei Erneuerbaren und Elektrifizierung den Booster zu zünden. Im Interesse der deutschen Wirtschaft ist das jedenfalls nicht. Einfach zu hoffen, dass es gut geht, ist schon mal schief gegangen. Es braucht jedenfalls nicht viel Phantasie, um sich verschiedene Anlässe auszudenken, warum Trump der Meinung sein könnte, es sei jetzt mal gut mit den LNG-Exporten in die EU - und die Lunte zündet…

Vielen Dank dafür, dass Sie bis hierher mitgelesen haben – und bleiben Sie stabil in diesen irren Zeiten! Falls Sie Kommentare zu diesem Post oder zu anderen Klima- und Energiethemen haben, freue ich mich sehr, ich greife das dann gern bei einem der nächsten Newsletter auf.

Herzlichst,

Ihr Patrick Graichen

P.S. Transparenzhinweis zu *: Ich bin Mitglied im Aufsichtsrat des ukrainischen Stromnetzbetreibers Ukrenergo und auch deshalb in Sachen Ukraine nicht unvoreingenommen.