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Rising Out of Hatred

Foto eines Papierstapels neben einem Laptop in einer Bibliothek.
Lesen! Das hier sind die "Readings" für zwei meiner Kurse nächste Woche. Ich freue mich, beruflich in diesem Jahr noch mehr lesen zu können als sonst – vor allem mehr Dinge, die nichts mit den tagesaktuellen Nachrichten zu tun haben.

Hallo Ihr Lieben:

Zwei Ökonomen gehen eine Straße entlang.

Sagt der eine: Guck mal, da links am Bordstein, ein 20-Euro-Schein.

Sagt der andere: Das kann nicht sein, den hätte längst jemand aufgehoben.

Mein erster Ökonomen-Witz. Ich bin angekommen an der Harvard Business School.

Was mache ich in Harvard, außer schlechte Witze über bisher nicht genutzte Business-Ideen zu sammeln? Das haben mich (in ähnlicher Form) in den vergangenen Wochen immer wieder Menschen gefragt. Deshalb heute einmal eine Übersicht, wie so ein Jahr als Nieman Fellow in Harvard abläuft.

Agnes Wahl Nieman, die Stifterin der Nieman Foundation, vor bald 100 Jahren.
Ein Portrait von Agnes Wahl Nieman im Lippmann House in Cambridge.

Das Nieman-Fellowship gibt es seit bald einem Jahrhundert. Gestiftet wurde es von der Witwe eines Verlegers aus Milwaukee, Agnes Wahl Nieman, im Jahr 1936. Die Mission: “to promote and elevate the standards of journalism in the United States and educate persons deemed specially qualified for journalism.” Es dauert zehn Monate, also zwei Semester. Man kann sich dafür bewerben (immer im Herbst des Vorjahres), jedes Jahr nehmen etwa ein Dutzend US-Journalist*innen und ein Dutzend internationale Kolleg*innen teil. Hier die ganz tollen Menschen aus unserem Jahrgang. (Opens in a new window)

Für das Fellowship gibt es ein Stipendium über 85.000 Dollar plus Geld für Kinderbetreuung und Krankenversicherung. Wir Journalist*innen können dieses Jahr hier frei von redaktionellen Vorgaben und “Geld verdienen müssen” dazu nutzen, in allen Fakultäten der Uni sowie am MIT Kurse zu belegen, als Gasthörer– das heißt, wir machen die Kurse, werden aber nicht benotet und müssen keine Prüfungen schreiben. Dazu gibt es eine Reihe von Veranstaltungen für uns bei der Nieman Foundation: Workshops und Seminare zu Pressefreiheit, Faktenchecks, zum erfolgreichen Verhandeln etc. – und viele Veranstaltungen, bei denen sich die Fellows untereinander besser kennenlernen. Insgesamt bietet dieses Jahr vor allem eines: Ganz viel Zeit, um nachzudenken, sich mit neuen Dingen zu beschäftigen und zu überlegen, was man mit seinem Leben nach diesem Jahr anfangen möchte.

In Harvard sind viele Kurse relativ aufwändig, häufig finden sie zwei oder drei Mal in der Woche statt und wer sich wirklich reinhängen möchte, der hat gut zu tun – auch weil es oft pro Woche und Kurs 100 oder mehr Seiten zu lesen gibt. Empfohlen wurde uns deshalb, “um die vier Kurse” zu belegen – viel mehr sei unrealistisch. Das Problem: Es gibt jedes Semester mehrere tausend Kurse zur Auswahl. Von großen Vorlesungen mit hunderten Studierenden bis zum Buchclub für angehende Romanautor*innen.

Ich habe für das erste Semester einen Kurs im “Narrative Writing”, einen Kurs an der Harvard Business School zu “Social Entrepreneurship and Systems Change (Opens in a new window)” (wo wir mit der berühmten “Case Method” (Opens in a new window) jede Woche mehrere Gründungen im Social Impact-Bereich durchsprechen), einen Kurs bei Dan Gilbert (“Introduction to Psychological Science (Opens in a new window)”) und einen Kurs bei Naomi Oreskes (“Life and Death in the Anthropocene (Opens in a new window)”). Für das zweite Semester im Frühjahr können wir dann erneut Kurse wählen. Und zwischendrin, in der Winterpause, gibt es den sogenannten J-Term, im Januar. Dort können die, die ihre Pause verkürzen wollen, Intensiv-Kurse nehmen, in denen man das, was sonst übers Semester verteilt wird, in fünf vollen Tagen lernt. Insgesamt gibt es über das Jahr verteilt also die Möglichkeit, etwa zehn verschiedene Kurse zu besuchen.

Dazu gibt es eigentlich täglich spannende Veranstaltungen. Nächste Woche etwa ist die “Harvard Climate Action Week (Opens in a new window)” mit zahlreichen Panels, gleichzeitig kommt der Erfinder und Produzent von Mad Men und den Sopranos (Matt Weiner) und gestern war der Produzent von “The Handmaid’s Tale” (Bruce Miller) hier. Zu AI gibt es ohnehin gefühlt jeden Tag ein Panel oder eine Veranstaltung.

Ein idealer Ort also, um ordentlich FOMO zu entwickeln. Aber auch ein Ort, um viel mitzunehmen, was im Arbeitsalltag sonst untergeht.

Unten gibt es wieder einige Recherchen, Ideen, Geschichten, die mir in den vergangenen Tagen aufgefallen sind. Und zum Abschluss noch eine internationale Newsletter-Empfehlung und ein Sachbuch – diesmal passend zu den aktuellen Ereignissen zum Thema Extremismus.

Falls Ihr mein kostenloses Projekt „Dreppers Woche“ unterstützen wollt, dann legt es am besten anderen Menschen ans Herz – direkt oder über Social Media. Ich würde mich sehr darüber freuen.

Und falls Ihr mich erreichen wollt, könnt Ihr das wie gewohnt unter daniel.drepper@proton.me (Opens in a new window) tun oder mich über Signal anschreiben unter +4915140795370.

Auf ganz bald!

Daniel

Sisters (Opens in a new window)

Eine Familie verlässt Guatemala und zieht in die USA, aber eines ihrer Kinder – Dayana – bleibt für Jahre zurück, bei den Großeltern. Die Entscheidung, ob und wann Dayana nachkommt, hinterlässt Narben, die auch Jahrzehnte später die Familie zerreissen. Cindy ist Dayanas kleine Schwester. Sie ist eine meiner Kolleginnen im Nieman-Fellowship. Und sie hat diese (ihre) traurige, wichtige Geschichte bei This American Life erzählt. Ich habe ein paar Mal mit den Tränen gekämpft und war doch sehr froh, durch Cindy auf diese TAL-Folge aus 2021 gestoßen zu sein.

Passend zu Cindys Geschichte habe ich noch einen Sachbuchtipp: Vor wenigen Wochen habe ich “Everyone Who Is Gone Is Here” (Opens in a new window) gelesen, von New Yorker Reporter Jonathan Blitzer. Das Buch zeichnet die Migration von Zentralamerika in die USA nach, aus den Ländern Guatemala, El Salvador und Honduras – und zwar über Jahrzehnte. Es erzählt detailliert von den Lebensgeschichten, erklärt parallel aber auch die Entwicklungen in der US-Einwanderungspolitik. Absolute Empfehlung auch als starke Grundlage für all die Debatten, die aktuell über die und in den USA geführt werden.

Epstein’s Inbox (Opens in a new window)

Was für eine “Bombshell”, wie sie große, Aufsehen erregende Recherchen in den USA nennen: Die Investigativ-Reporter von Bloomberg, darunter mein Ex-Kollege Jason Leopold, haben Zugang zu 18.000 E-Mails zwischen Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell bekommen. Die Mails zeigen, wie eng sich Maxwell und Epstein abgestimmt haben, wie sie versuchen Zeugen und Opfer zu diskreditieren – und auch eine Liste mit 2000 Geschenken an Opfer, Freunde, Bekannte ist in den Mails.

How JPMorgan Enabled the Crimes of Jeffrey Epstein (Opens in a new window)

Epstein war jahrelang Großkunde bei JPMorgan. Insgesamt hat die Bank für ihn mehr als eine Milliarde Dollar bewegt – in Überweisungen, Barauszahlungen etc. Selbst als Epstein das erste Mal für 13 Monate im Gefängnis saß wegen Sexualstraftaten, hielt die Bank an ihm fest. Einer der Top-Manager setzte sich immer wieder für ihn ein. Eine aufwändige Recherche der New York Times.

Große Empfehlung außerdem noch zu Epstein: Die Reporterin Julie Brown hat für den Miami Herald vor Jahren den längst eingeschlafenen Epstein-Skandal wieder neu ans Licht geholt. Nur wegen ihr reden wir heute überhaupt über Epstein. Ihr Buch “Perversion of Justice: The Jeffrey Epstein Story” (Opens in a new window) ist wirklich gut.

“Er hat mir dann gesagt, dass er mich liebt” (Opens in a new window)

Morgen beginnt die Leichtathletik-WM und wäre ich ein paar Jahre jünger, mit weniger Verpflichtungen, ich würde von morgens um 9 bis abends um 23 Uhr vor dem Fernseher sitzen. Als Jugendlicher war ich obsessed vom Laufen und von der Leichtathletik. Dienstagabend 19 Uhr, irgendein unbedeutendes Meeting in Zagreb oder Rieti – ich saß vor dem Fernseher und habe zugeschaut wie 400-Meter-Hürden-Legende Félix Sénchez sein 50. Rennen in Folge gewinnt. Über die negativen Seiten des Spitzensports habe ich mir damals keine Gedanken gemacht. Umso dankbarer bin ich heute, wenn Kolleg*innen sich diesen widmen und dran bleiben, gerade auch bei schwierig zu recherchierenden Themen wie sexualisierter Gewalt. Das ZDF hat in dieser Woche eine wichtige Doku veröffentlicht, in der sie Vorwürfe gleich an mehreren Trainingszentren des Deutschen Leichtathletik-Verbandes öffentlich machen. Ich hoffe, dass es dazu weitere Recherchen geben wird.

Teilnehmer an Potsdam-Treffen versichert: “Remigration” von Staatsbürgern wurde geplant (Opens in a new window)

Correctiv legt nach: Eineinhalb Jahre nach der großen Geheimplan-Recherche versichert jetzt einer der Teilnehmer des Potsdam-Treffens an Eides statt, die dort besprochene Remigration laufeauf „ethnische Säuberungen bzw. Vertreibungen“ hinaus, „freiwillig oder unfreiwillig“. Außerdem habe der AfD-Fraktionschef aus Sachsen-Anhalt Ulrich Siegmund – möglicher Ministerpräsident ab Sommer 2026 – davon gesprochen, ausländische Restaurants unter Druck zu setzen. Es solle in Sachsen-Anhalt „für dieses Klientel möglichst unattraktiv sein zu leben“. 

Podcast: “Gilda con Arne” (Opens in a new window)

Zwei meiner Lieblingskolleg*innen haben seit gestern einen Podcast zusammen: Gilda Sahebi und Arne Semsrott. Wöchentlich werden sie über die politische Lage sprechen, immer mit dem Blick auf diejenigen Menschen, die von politischen Entscheidungen am meisten betroffen sind. Ich freue mich sehr.

Die Recherche zu “Österreichs Orbanisierer” (Opens in a new window)

Das österreichische Recherchebüro “Dossier” veröffentlicht immer wieder starke Recherchen – und bekommt in dem doch speziellen politisch-medialen Umfeld Österreichs regelmäßig starken Gegenwind. So auch nach einem Portrait über den Investmentbanker Heinrich Pecina und dessen Verbindungen nach Ungarn. Pecina will Dossier auf Schadenersatz verklagen. Aus Dossier-Sicht geht es Pecina “darum, DOSSIER unter Druck zu setzen – und so Recherchen über ihn beziehungsweise die Geschäfte seiner Vienna Capital Partners im Keim zu ersticken. Er macht das, womit er in Ungarn ziemlich erfolgreich war: Er versucht, die Medienfreiheit einzuschränken.” Gut, dass die Kolleg*innen die Hintergründe öffentlich machen und die Recherche nochmal nacherzählen.

Künstliche Intelligenz in der Recherche (Opens in a new window)

KI muss den Journalismus stärken, nicht aushöhlen. Dafür braucht es einen klugen Umgang. Deshalb haben meine Kolleg*innen beim Netzwerk Recherche – allen voran Anna Behrend und Christina Elmer – ein Positionspapier zu KI erarbeitet, mit sechs konkreten Empfehlungen.

“Global Investigative Journalism Oral History” (Opens in a new window)

Wie ist die investigative Recherche entstanden? Wer hat sie wann wohin getragen? Was waren entscheidende Geschichten und welche Hindernisse haben Reporter*innen überwunden? Das Stabile Center for Investigative Journalism an der Columbia Journalism School in New York arbeitet aktuell an einer “Oral History” des globalen investigativen Journalismus. Hier gibt es erste Einblicke in das Projekt. Ich bin sehr gespannt, auch weil ich als Alumni großer Fan des Stabile Centers bin. (Ein gutes Buch über die Entwicklung des investigativen Journalismus in den USA ist übrigens das Buch “Muckraking: The Journalism That Changed America” von Judith und William Serrin.)

Whistleblower-Award in Berlin (Opens in a new window)

Im März wird der Ellsberg Whistleblower Award in Berlin vergeben, benannt nach dem berühmten Whistleblower Daniel Ellsberg, der die Pentagon Papers an die New York Times gab – und damit die Diskussionen und das Wissen über den Vietnam Krieg entscheidend voranbrachte. Ab sofort können Whistleblower für den Award nominiert werden. Dotiert ist der Preis mit 10.000 Euro.

Ein Newsletter-Tipp:

Starke Recherchen auf EU-Ebene kommen in den vergangenen Jahren immer häufiger von “Follow the Money” (Opens in a new window), einem Team mit Sitz in den Niederlanden, aber einem Fokus auf Brüssel. Zuletzt haben die Kolleg*innen zur Rüstungsindustrie, zum Kampf um die Nordsee oder zu Europas Vorstoß in Afrika recherchiert. Immer wieder veröffentlicht das Team auch Original-Dokumente und größere Datenrecherchen. Der wöchentliche Newsletter “Europe Uncovered” (Opens in a new window) verweist nicht nur auf eigene Recherchen, sondern auf die besten investigativen Stücke aus ganz Europa.

Cover von "rising out of hatred: the awakening of a former white nationalist"

Ein Sachbuchliebe-Tipp:

Er ist das Patenkind des “Grand Wizard” des Ku Klux Klan. Er ist rechtsextrem, seitdem er ein Kind ist. Er ist eine Art Hoffnungsträger der amerikanischen Neonazis. Doch als er auf ein kleines College in Florida geht, ändert sich alles. Seine neue Umgebung, seine Freunde, sein Umfeld – sie schaffen es tatsächlich, ihn aus dem Extremismus zu befreuen und zurückzuholen in die Gesellschaft. In “Rising Out of Hatred” schreibt mit Eli Saslow einer der absolut besten Reporter der USA über den jungen, prominenten Neonazi Derek Black – und zwar so detailliert und tief recherchiert, dass ich das Gefühl hatte, mit Derek im Studentenwohnheim zu sitzen, den Gesprächen zu lauschen, seine Wandlung mitzuerleben. Das Buch, rund 300 Seiten aus dem Jahr 2018, ist heute aktueller denn je.