
Hallo Ihr Lieben:
Was ich nicht empfehlen kann:
Innerhalb von rund drei Wochen…
eine gut zehn Jahre lang bewohnte Wohnung fast komplett ausräumen
sehr kurzfristig Untermieter*innen suchen und finden
Flüge nach New York buchen
Hotels in New York und Boston buchen
mit dem Amtrak nach Boston übersiedeln
eine Wohnung in Boston finden
ein amerikanisches Bankkonto
eine amerikanische Handynummer
eine Social Security Nummer
eine Harvard ID
die Einrichtung für die Wohnung
Internet, Strom, Gas, Kinderarzt und Schulanmeldung organisieren.
Und das alles mit zwei Kindern, vier Rucksäcken und elf Koffern.
Ihr lest raus: Wir hatten einen schwierigen Sommer. Mitte April habe ich die Zusage für das Nieman Fellowship in Harvard bekommen. Wenige Tage später habe ich meinen Job bei NDR, WDR und SZ gekündigt. Alle unsere Visa für die Einreise haben wir aber erst knapp drei Monate später, am 24. Juli bekommen, wenige Wochen vor Beginn des Fellowships, wenige Tage vor der geplanten Einreise in die USA. Wir haben lange gezittert und dann am Ende extrem viel Stress gehabt.
Die USA haben für uns Anfang August mit einem Flug von Frankfurt nach New York und fünf Tagen in Manhattan und Brooklyn begonnen. Aus verschiedenen Gründen, aber auch der Erinnerung wegen – vor zwölf Jahren habe ich dort bereits einmal ein Jahr lang gelebt, in der 108. Straße Ecke Broadway, für mein Studium an der Columbia University.
Nach dem rumpeligen Start lief es in den letzten Tagen zum Glück besser. Wir haben hier in Cambridge überraschend schnell eine sehr zentral gelegene Wohnung gefunden. Es war Zeit für den Strand, für ein paar Streetball-Plätze und die ersten Laufrunden. Es gibt sehr viel mehr, sehr viel bessere vegetarische Alternativen als ich befürchtet hatte. Und offenbar war Boston die erste Stadt in den USA, die Hot Sauce eingeführt hat (Opens in a new window)? What?

Jetzt freuen wir uns auf das Jahr an der Uni – gestern ging es mit der Orientation los, im Lippmann House der Nieman Foundation. Der erste Eindruck: Es ist voller (Journalismus-)Bücher, es gibt Snacks und die anderen Fellows und deren Partner*innen sind großartig! In den kommenden Monaten werden meine Frau Sanaz (Opens in a new window) und ich einige Veranstaltungen bei der Nieman Foundation selbst haben, etwa wöchentliche Treffen mit den anderen Fellows und Partner*innen, aber auch Storytelling-Kurse und Gastvorträge. Parallel dazu werden wir als Gäste Vorlesungen an den anderen Fakultäten hören. Mehr dazu sicher in diesem Newsletter in den kommenden Wochen.
Jetzt aber erst einmal wie versprochen eine Reihe von Recherchen, Ideen, Geschichten, die mir in den vergangenen Tagen aufgefallen sind. Und zum Abschluss noch eine Newsletter- und eine Sachbuchempfehlung.
Falls Ihr mich und mein neues Projekt hier unterstützen wollt, dann geht das nicht finanziell – sondern nur, indem Ihr Freund*innen, Verwandte, Kolleg*innen zu “Dreppers Woche” einladet, diese E-Mail direkt weiterleitet oder den Link zu diesem Newsletter und/oder Screenshots in den sozialen Medien weitertragt. Ich würde mich sehr darüber freuen.

Und falls Ihr mich erreichen wollt, könnt Ihr das wie gewohnt unter daniel.drepper@proton.me (Opens in a new window) tun oder mich über Signal anschreiben unter +4915140795370.
Auf ganz bald!
Daniel
“The Documenters” (Opens in a new window)
Wer schaut lokalen Politiker*innen auf die Finger, wenn nicht mehr genügend Reporter vor Ort sind? The Documenters will Bürger*innen dazu motivieren, in ihren lokalen Gemeinderatssitzungen wortwörtlich zu dokumentieren, diese Notizen hochzuladen und zu teilen. So dass andere Bürger*innen, Medien, Wissenschaftler*innen Zugriff haben. Transparenz als Desinfektionsmittel gegen schmutziges Gebahren. The Documenters ist ein Netzwerk aus Medienorganisationen und NGOs und bezahlt die lokalen Hilfs-Dokumentar*innen mit 20 Dollar in der Stunde. Und ist bereits in mehr als zwei Dutzend Städten aktiv.
“Parkplatz mit Aussicht auf Hitzschlag” (Opens in a new window)
Was habe ich mich geärgert, als ich mitbekommen habe, wie Berlin den Gendarmenmarkt versiegelt hat… Als Läufer, Radfahrer, Vater, Bürger – einfach als denkender Mensch – kann ich nicht verstehen, wie Menschen im Jahr 2025 auf die Idee kommen, Flächen zu versiegeln, statt sie zu begrünen, städtebaulich progressiv und für eine lebenswerte Zukunft zu denken. Die Reporter*innen von FragDenStaat haben sich gemeinsam mit der ARD in den vergangenen Monaten die versiegelten Parkplätze in sechs deutschen Städten angesehen. Und können zeigen, dass sich die Städte nicht für Verbesserungen einsetzen, obwohl das ohne großen Aufwand möglich wäre.
Klöckner gießt Öl ins Feuer (Opens in a new window)
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hatte am Wochenende in einer Rede das Hetzportal Nius um Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt mit der Tageszeitung taz verglichen und gesagt, beide seien sich in ihren Methoden und Vorgehensweisen „nicht so sehr unähnlich“. Damit setzt Klöckner die seriöse und nach hohen journalistischen Standards arbeitende taz mit einer ultrarechten Plattform gleich, die regelmäßig gegen journalistische Grundregeln verstößt. Die Aussagen von Klöckner normalisieren Hass und Hetze und antidemokratische Kampagnen.
Zuletzt hatten Spitzenpolitiker*innen verschiedener demokratischer Parteien – insbesondere von Union und FDP – ultrarechten Medien wie Nius Interviews gegeben oder deren Inhalte verbreitet. Ich finde das extrem problematisch. Diese Medien verhelfen mit Kampagnen und Desinformation dem Rechtsextremismus zum Aufstieg. Wenn Politiker*innen diese Medien aufwerten, schaden sie nicht nur dem Vertrauen in den Journalismus, sondern auch sich selbst.
Michael Bröcker von Table.Media (Opens in a new window) hat zudem recherchiert, dass Klöckner dem Nius-Investor Gotthardt im Jahr 2023 eine Mehrheitsbeteiligung an einer neuen, geplanten Digitalfirma der CDU geben wollte (Opens in a new window) (Projektname “China Club”). Starker Scoop!
Philipp Amthor beschäftigt rechten Burschen (Opens in a new window)
Apropos taz: Eine Recherche der Kolleg*innen zeigt, dass der CDU-Abgeordnete Philipp Amthor einen Mitarbeiter beschäftigt, der Mitglied einer umstrittenen Burschenschaft ist, der Markomannia Aachen Greifswald. Die Burschenschaft “tritt ein für „Ehre, Freiheit, Vaterland“, beklagt „zeitgeistlichen Bildersturm“ gegen rechts-nationale Dichter, warnt vor Identitätsverlust und interessiert sich für Remigration”, schreibt die taz, der ein Mitgliederverzeichnis vorliegt. Amthor sagte der taz, die Mitgliedschaft in der Burschenschaft gehöre zum “Privatleben” seines Büroleiters. Einen Tag nach Erscheinen des taz-Textes am Montag ist Amthors Büroleiter dann jedoch aus der Burschenschaft ausgetreten (Opens in a new window).
Wirtschaftsministerium will Tausende Euro für Lobby-Unterlagen zu Katherina Reiche (Opens in a new window)
Das Rechercheteam von abgeordnetenwatch.de (Opens in a new window) macht regelmäßig herausragende Arbeit, wenn es um Lobbyismus und Verbindungen und Nebengeschäfte von Politiker*innen geht. Aktuell hat das Portal mit Hilfe des Informationsfreiheitsgesetzes Zugang zu Unterlagen zu Lobby-Treffen von Bundeswirtschaftsministerin Reiche beantragt. Doch Reiches Ministerium will nun 4000 Euro Bearbeitungsgebühr für die Anfrage. Das ist natürlich absurd. Die Forderung von Reiches Ministerium ist auch deshalb frech, weil es ein Grundsatzurteil zu genau diesem Fall gibt. Im Jahr 2016 hatte das Bundesverwaltungsgericht geurteilt, dass pro die Gebühren pro Anfrage 500 Euro nicht überschreiten dürfen, auch nicht bei großen Anfragen. Ich kenne das Urteil gut, denn ich hatte es damals mit Unterstützung des Deutschen Journalisten Verbandes erstritten nachdem das Innenministerium uns für eine umfangreiche Anfrage mehr als 15.000 Euro Gebühren berechnet hatte. Wir waren damals extra bis in die letzte Instanz gegangen, damit so etwas nie wieder vorkommt. Hier das sehr deutliche Urteil aus dem Jahr 2016. (Opens in a new window)
“Rollende Zeitbomben auf den Autobahnen” (Opens in a new window)
Eine meiner letzten Recherchen für NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung: Vor einigen Wochen hatten wir über schlechte Arbeitsbedingungen von osteuropäischen LKW-Fahrern in Deutschland berichtet. Die Kolleg*innen Marta Ahmedov, Miriam Davoudvandi, Angelina Horosun, Nils Heck (Opens in a new window) und Leon Ueberall haben im Anschluss weiter recherchiert und können zeigen, dass LKW-Fahrer in Deutschland offenbar ohne Führerschein und mit gefälschten Papieren unterwegs sind. Die Kolleg*innen haben mutmaßliche Fälscher aus Rumänien, Usbekistan und Deutschland unter teils falscher Identität angeschrieben und nach Informationen zu ihrem Angebot gefragt. Die Preise der kontaktierten Fälscher rangierten zwischen 150 Dollar und 1200 Dollar. Die Angebote wirkten authentisch.
“So werden Kinder zu Ideologen” (Opens in a new window)
Ideologisches, vorurteibehaftetes Denken ist weniger politische Einstellung als eine Art, die Welt wahrzunehmen. Und Kinder und Jugendliche sind dafür besonders anfällig. Dabei kommt es offenbar stark darauf an, wie offen Eltern ihre Kinder erziehen – und wie viel Sicherheit sie ihnen geben. “Wenn Ideologie ein Denkstil ist, sollte politische Bildung dann nicht weniger als Wissensvermittlung, sondern mehr als Denkstiltraining gedacht werden?”, fragt Bent Freiwald in seinem Text für Krautreporter.
“How Tea’s Founder Convinced Millions of Women to Spill Their Secrets, Then Exposed Them to the World” (Opens in a new window)
Die App “Tea” können nur Frauen nutzen – um dort über problematische Männer zu schreiben und sich gegenseitig vor ihnen zu warnen. In den vergangenen Wochen wurde Tea extrem gehyped und war zeitweise in den USA die am häufigsten heruntergeladene App. Bis mehrere Sicherheitslecks die angemeldeten Frauen gefährdeten. Das junge Internet-Medium 404media (das insgesamt eine starke Arbeit macht!), hat die Geschichte von Tea und dessen Gründer nachrecherchiert. Und zeigt, mit was für einem problematischen Vorgehen er offenbar seine App aufgebaut hat.
SpaceX Gets Billions From the Government. It Gives Little to Nothing Back in Taxes. (Opens in a new window)
SpaceX, die Satelitten- und Raketenfirma von Elon Musk, hat trotz Milliardenumsätzen und riesigen Regierungsaufträgen offenbar seit dem Start der Firma im Jahr 2002 kaum bis gar keine Steuern gezahlt. Und internen Unterlagen zufolge soll die Firma ihren Investoren gesagt haben, dass sie auch in Zukunft keine Steuern zahlen wird. Für diese Recherche hatte die New York Times über Quellen Zugang zu internen Unterlagen von Elon Musks Firma SpaceX bekommen – und konnte die Gewinne und Verluste von insgesamt 23 Jahren einsehen. Eine starke Recherche, die ich angesichts all dessen, was tagtäglich so passiert seit Monaten, kaum mitbekommen habe.
“What Dan Read” (Opens in a new window)
Zum Abschluss keine Recherche, sondern der für mich schönste Text der vergangenen Tage: Dan hat in seinem Leben mindestens 3599 Bücher gelesen und diese sauber dokumentiert. Jetzt ist Dan gestorben und seine Tochter hat diese Liste aufgearbeitet, bei der Beerdigung über einen QR-Code mit Freunden und Verwandten geteilt – und schließlich auch mit der New York Times. Sie berichtet von ihren Erinnerungen an ihren Vater und seine Bücher. Was für eine schöne Lese-Motivation.
Ein Newsletter-Tipp:
Jagoda Marinić schreibt jetzt jeden Sonntag bei Substack über das, was ihr aufgefallen ist. Als Jagoda-Fan muss ich diesen Newsletter natürlich empfehlen – übermorgen kommt schon der nächste (Opens in a new window).
Ein Sachbuchliebe-Tipp:

“The Sixth Extinction: An Unnatural History” von Elizabeth Kolbert (aus dem Jahr 2014) –– In Harvard möchte ich ein Jahr lang unter anderem darüber nachdenken, wie wir Umwelt- und Klimarecherchen mit mehr Wumms möglich machen können. Auch deshalb habe ich zuletzt vermehrt Klima- und Umweltbücher gelesen. Kolbert beschreibt in ihrem Buch das aktuelle Massensterben auf der Erde und vergleicht dieses mit früheren Artensterben. Kolbert erklärt, wie und warum Arten aussterben und erzählt dies anhand derer, die solche Artensterben erforschen – in Südamerika, Europa, Ozeanien. Stark geschrieben, viel gelernt. 2015 hat das Buch den Pulitzer Preis gewonnen. Zehn Jahre nach Erscheinen ist es aktueller denn je. Auf deutsch gibt es das Buch als “Das 6. Sterben: Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt”.