Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es darum, was ein kleines Streicheln im Gehirn auslöst.

Neulich habe ich mich mit einer guten Freundin getroffen. Als wir uns zum Abschied umarmt haben, sagte sie: “Irgendwie kuschel ich gerade total wenig.” Was sie meinte: Früher hat sie mit ihren Freundinnen und Freunden ganz oft auf dem Sofa gesessen, Arm und Arm, oder der Kopf auf dem Schoß, und gekuschelt. Heute sei das weniger geworden. Und das, sagt sie, sei doch irgendwie schade. Ihr fehlt das.
Jetzt muss man wissen: Wenn man mit mir befreundet ist, kann man solche Dinge nicht einfach sagen und denken, dass ich verständnisvoll nicke, aber sonst nicht weiter darüber nachdenke.
Berührungen sind besonders: Wir können uns die Augen verbinden, die Ohren verstopfen, die Nasenlöcher zuklemmen, aber eines der größten menschlichen Organe, die Haut, können wir nicht einfach ausschalten, denn sie ist über den ganzen Körper verteilt. Sie enthält Millionen von Berührungsrezeptoren. Durch sie spüren wir Wärme, Kälte, Strukturen, Druck, die feste Umarmung der Freundin und den zarten Windhauch am Sommerstrand. Berührungen lösen im Gehirn ziemlich viel aus. Das ist mittlerweile Allgemeinwissen – und wenn man darüber redet, kommt immer jemand, der sagt: “Ja, genau, wenn wir kuscheln, bildet das Gehirn Oxytocin, das Kuschelhormon, und wir werden sofort glücklich!”
Das stimmt im Groben und Ganzen zwar, aber natürlich passiert da noch viel mehr. Deshalb schauen wir uns heute an, was genau mit dem Signal einer Berührung auf der Haut im Gehirn passiert. Nächste Woche schauen wir uns dann an, warum und wie Berührungen heilend sein können: bei Depressionen, Schmerzen und Ängsten.
Es beginnt mit einer Bewegung von kleinen Härchen
Du sitzt neben deiner Partnerin oder deinem Partner auf der Couch. Ihr guckt Fernsehen und irgendwann streichelt er oder sie dir langsam über deinen Unterarm. Du spürst es, aber noch bevor dein Kopf es in Worte fassen kann, ist dein Körper längst in Bewegung. Puls runter, Muskeln locker.
Die Geschichte beginnt ganz außen, in deiner Haut. Wenn jemand dich sanft mit etwa 3 cm pro Sekunde streichelt – was sich am angenehmsten anfühlt – werden spezielle Nervenenden aktiviert: die C-taktilen (CT) Fasern. Diese Nerven sind langsam, unmyelinisiert, und sie sind nicht dafür da, dir zu sagen, wo du berührt wurdest. Sie sagen dir viel mehr, wie es sich anfühlt: Angenehm? Zärtlich? Sicher? Genau das ist ihr Job.
Sie feuern, wenn die Berührung weich ist. Und nur auf behaarter Haut, nicht an den Handflächen. Das ist kein Zufall. Diese Fasern haben sich vermutlich speziell für soziale Nähe entwickelt – für Kuscheln, Streicheln, Körperkontakt. Sie sind, wie Forscher:innen sagen (Opens in a new window), ein neuronales System für soziale Bindung.
Vom Rückenmark zur Insel der Emotionen
Das Signal von deiner Haut reist weiter ins Rückenmark. Von dort wird es über eine eigene Route, den sogenannten spinothalamischen Trakt, direkt an eine tief im Gehirn liegende Region geschickt: die Insula, auch Inselrinde genannt.
Die Insula ist eine Art Gefühlsdetektor für deinen Körper. Sie registriert nicht nur Berührung, sondern auch Hunger, Schmerz, Atemrhythmus – all das, was du unterbewusst fühlst, ohne darüber nachzudenken. Und wenn sie CT-Berührungen empfängt, springt sie an. Studien zeigen: Die Insula reagiert besonders stark auf sanftes Streicheln. Sogar, wenn du nur siehst (Opens in a new window), wie jemand anderes gestreichelt wird.
In Babys ist diese Reaktion schon mit zwei Monaten messbar (Opens in a new window). Ihr Gehirn reagiert auf sanfte Streichelbewegungen genauso wie bei Erwachsenen: mit erhöhter Aktivität in der Insula und im Temporallappen.
Oxytocin – Das soziale Molekül
Kommen wir jetzt zum berühmten Kuschelhormon. Oxytocin gehört, wie Daniel Z. Lieberman und Michael E. Long in ihrem Buch „The Molecule of More“ schreiben, zu den Hier-und-jetzt-Molekülen. Demnach löst alles, was von uns aus gesehen in der Zukunft liegt und noch nicht erreicht ist, eher das Ausschütten von Dopamin aus. Denn Dopamin ist das Molekül der Zukunft, dessen, was wir haben wollen. Deshalb ist es so aktiv, wenn wir uns verlieben. Alles, was in unserer direkten Umgebung ist und was wir berühren können, löst das Ausschütten anderer Hormone aus: Serotonin, Endorphine und eben auch Oxytocin. Sie sind zuständig für das Erleben des gegenwärtigen Moments.
Während das Signal weiterwandert, wird also ein weiteres System geweckt: die Oxytocinproduktion im Hypothalamus. Dass dieses Hormon „Kuschelhormon“ genannt wird, greift zu kurz.