Skip to main content

Schenken belohnt unser Gehirn nicht nur, es passiert viel mehr

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um Effekte vom Schenken, die unterschätzt werden.

KI-generiert mit Midjourney.

Bei der Entlassungsfeier meines Abiturjahrgangs hielt mein Klassenlehrer eine Rede. Er hatte es nicht immer leicht mit uns, wir waren die Sportklasse und die anderen Klasse (oder: Profile, wie es in Schleswig-Holstein heißt) sagten über uns: Das sind die, die für die anderen Profile zu dumm waren.

Ich weiß: voll fies. Und es stimmte auch nicht, viele von uns hatten nur einfach sehr viel Lust auf Bewegung. Jedenfalls: Unser Klassenlehrer hat sich irgendwann mit uns arrangiert, uns zur Verabschiedung das Du angeboten und jedem von uns ein kleines Geschenk gemacht. Denn, wie er auf der Bühne sagte: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Dass sein Geschenk lediglich aus einer Flasche Shampoo bestand? Egal. Die Geste zählte.

Da derzeit wieder viel verschenkt wird, schauen wir uns heute mal genauer an, was dabei eigentlich in unserem Kopf passiert.

Die einfache Antwort, die man oft hört, spricht vom Belohnungssystem des Gehirns, von einem wohligen Gefühl, dem sogenannten ~Warm Glow~. Aber das ist nur die erste Seite in einer viel komplexeren und faszinierenderen Geschichte. Schenken ist kein simpler Knopfdruck, der Dopamin freisetzt. Schenken geht weit über reines Vergnügen hinaus.

Der Scorekeeper im Kopf: Wer bekommt was?

Unser Gehirn hat keinen einfachen Großzügigkeits-Schalter. Stattdessen agiert es wie ein penibler Buchhalter, der den Kontext jeder einzelnen Geste bewertet. Eine wichtige Frage: Wer bekommt etwas? Die Antwort auf diese Fragen verändert die neuronale Gleichung beim Schenken.

Dein Gehirn reagiert nämlich anders, je nachdem, wer das Geschenk erhält. Eine Studie (Opens in a new window), die das Schenkverhalten von Jugendlichen untersucht hat, zeigte deutliche Unterschiede in der Gehirnaktivität, je nachdem, ob die Teilnehmenden einem Freund oder einem unbekannten Gleichaltrigen etwas schenkten.

🧠 Neu hier? Abonniere den Newsletter kostenlos (Opens in a new window). 🧠

Insbesondere eine Hirnregion war dabei entscheidend: die Temporoparietale Junktion (TPJ). Die TPJ kannst du dir als das Zentrum für Perspektivübernahme vorstellen; sie hilft uns, die mentalen Zustände und Absichten anderer zu verstehen. Beim Schenken an Freund:innen ist diese Region deutlich aktivier als bei Fremden. Das Gehirn arbeitet also intensiver daran, die Perspektive eines Freundes nachzuvollziehen.

Interessanterweise zeigte die Studie auch, dass Jugendliche mit zunehmendem Alter im Verhalten stärker zwischen Freunden und Fremden unterscheiden – ein Zeichen für eine reifende soziale Buchführung. Je älter Jugendliche werden, desto stärker unterscheiden sie, für wen sie empathische Ressourcen mobilisieren. Das Gehirn lernt, Empathie ökonomischer einzusetzen – nicht alle verdienen gleich viel mentale Simulation.

Wenn die TPJ bei Freund:innen stärker reagiert, zeigt das, dass Schenken (und vermutlich auch anderes soziales Verhalten) nicht von einem globalen Altruismus-Schaltkreis gesteuert wird, sondern von Beziehungsmodellen, die im Gehirn getrennt repräsentiert sind.

Altruist oder Stratege: Warum schenkst du wirklich?

Aber warum schenken wir? Ist es reine Herzensgüte oder berechnet unser Gehirn, was uns das Schenken bringen könnte? Die Neurowissenschaften legen nahe, dass das Gehirn dafür zwei getrennte Bücher führt. Eine umfassende Meta-Analyse (Opens in a new window) Dutzender fMRT-Studien hat die neuronalen Signaturen dieser beiden Arten von Großzügigkeit verglichen.

Man unterscheidet dabei zwischen:

  • Altruistischem Schenken: Geben um des Gebens willen, ohne die Erwartung einer externen Belohnung. Die Befriedigung ist rein intrinsisch.

  • Strategischem Schenken: Geben mit der Aussicht auf einen potenziellen Eigennutz, sei es durch Gegenseitigkeit, einen besseren Ruf oder einen gemeinsamen Vorteil.

Beide Arten des Schenkens aktivieren zwar allgemeine Belohnungsnetzwerke. Reines, altruistisches Schenken ist aber einzigartig mit einer stärkeren Aktivierung im subgenualen anterioren cingulären Kortex (sgACC) verbunden – einer Region, die eng mit der Verarbeitung von Emotionen in sozialen Kontexten verknüpft ist und die neuronale Heimat des Warm Glow zu sein scheint.

Strategisches Schenken hingegen beansprucht andere Schaltkreise stärker. Hier feuern vor allem striatale Regionen wie der Nucleus Accumbens und der Nucleus Caudatus intensiver. Diese Bereiche sind maßgeblich an der Vorhersage und Erwartung zukünftiger Belohnungen beteiligt. Das Gehirn scheint hier also bereits die potenzielle Gegenleistung einzupreisen.

Die überraschenden Nebenwirkungen des Schenkens

Kommen wir jetzt zu meinem Versprechen vom Anfang: dass Schenken fürs Gehirn viel mehr ist als reine Belohnung. Die Auswirkungen des Schenkens beschränken sich nämlich nicht auf soziale Bindungen und Belohnungsgefühle. Sie können unsere kognitiven Fähigkeiten schärfen. Ja: Ein Geschenk macht dich eventuell klüger (und schneller) und synchronisiert dein Gehirn mit der Person, die du beschenkst.

0 comments

Would you like to be the first to write a comment?
Become a member of Das Leben des Brain and start the conversation.
Become a member