Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Nach der heutigen Ausgabe wirst du deine Partnerin oder auch einen guten Kumpel umarmen.

Mein September war dieses Jahr verrückt: Anfang September ist mein erstes Buch (Opens in a new window) erschienen, inklusive Buchpremiere auf einer Berliner Bühne. Mitte September haben wir dann gemeinsam mit dem ZDF Magazin Royale eine Recherche (Opens in a new window) zu Rechtsextremismus an Schulen veröffentlicht. Monatelang hatten wir recherchiert, zu teilweise sehr emotionalen Geschichten, manchmal bis spät abends.
Nahezu alles, woran ich in diesem Jahr gearbeitet habe, hat sich im September entfaltet. Am Tag nach der Veröffentlichung hat meine Freundin mich umarmt. Und gefühlt konnte ich mich zum ersten Mal seit Monaten wieder richtig entspannen. Einfach mal … loslassen.
Solche Momente kennst du vielleicht. Berührung tröstet, beruhigt und verbindet. Aber ist dieses Gefühl nur Einbildung, ein psychologischer Trick, den wir uns selbst vorspielen? Oder stecken dahinter tiefere, messbare wissenschaftliche Wahrheiten? Auch hier kannst du die Antwort erahnen, sonst würde ich dazu keinen Newsletter schreiben.
Aber in den letzten Jahren hat die Wissenschaft neue Einblicke in die immense Kraft von Berührungen für unsere körperliche und geistige Gesundheit gewonnen. Kuscheln tut gut – und kann sogar heilen. Von den aus meiner Sicht fünf wichtigsten Erkenntnissen will ich dir heute erzählen. Und ja, es kann wirklich sein, dass sie deine Beziehung verändern.
1. Kuscheln reduziert tatsächlich die Schmerzsignale im Gehirn
Als ich Kind war, musste meine Mutter beim Zahnarzt immer meine Hand halten. Warum eigentlich? Man könnte das jetzt einfach als seelischen Beistand abtun, mit der meine Mutter mir gezeigt hat: Du musst hier nicht allein durch. Eine wegweisende Studie (Opens in a new window) von Forscher:innen um Marina López-Solà konnte aber zeigen, dass Kuscheln viel tiefer wirkt. In einem Experiment wurde die Schmerzwahrnehmung von Frauen gemessen, während sie entweder die Hand ihres romantischen Partners oder einen neutralen Gegenstand hielten.
Das Ergebnis war eindeutig: Das Händchenhalten mit dem Partner reduzierte nicht nur das subjektive Schmerzempfinden signifikant. Mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) konnten die Forschenden zeigen, dass die Berührung auch die Aktivität in den Gehirnregionen dämpfte, die spezifisch für die Schmerzverarbeitung zuständig sind – eine Aktivität, die als „Neurologic Pain Signature“ (NPS) bekannt ist.
Das wirklich Überraschende: Dieser Effekt auf die NPS war beim Händchenhalten stärker als bei vielen Placebo-Behandlungen, die in anderen Studien untersucht wurden. Das deutet darauf hin, dass Berührung nicht nur unsere Interpretation von Schmerz beeinflusst, sondern auf einer neurobiologischen Ebene in die Schmerzverarbeitung eingreift. Die Autor:innen der Studie schreiben:
„Soziale Berührungen beeinflussen zentrale Gehirnprozesse, die zu Schmerzen und schmerzbedingten affektiven Belastungen beitragen, und sollten neben anderen Behandlungen im medizinischen und pflegerischen Kontext berücksichtigt werden.“
Diese Erkenntnis ist wichtig. Sie zeigt nämlich: Wenn du das nächste Mal die Hand eines geliebten Menschen hältst, um Trost zu spenden, leistest du eigentlich sowas wie erste Hilfe.
2. Eine Umarmung pro Tag hält den Arzt fern
Diese direkte Wirkung auf das Gehirn ist nur ein Teil der Geschichte. Körperkontakt kann uns auch widerstandsfähiger machen, bevor wir überhaupt krank werden. Der Volksmund sagt ja: An apple a day keeps the doctor away. Die Forschung legt nahe, dass eine Umarmung eine ähnliche Wirkung haben könnte. Eine Studie (Opens in a new window) eines Forschungsteams aus den USA untersuchte den Zusammenhang zwischen wahrgenommener sozialer Unterstützung, Umarmungen und der Anfälligkeit für Krankheiten.
Der Versuchsaufbau war echt fies, aber clever: Zuerst befragten die Forschenden gesunde Erwachsene über ihre sozialen Konflikte und die Häufigkeit, mit der sie umarmt werden. Anschließend setzten sie die Versuchspersonen kontrolliert einem gewöhnlichen Erkältungsvirus aus und beobachteten sie in Quarantäne. (Was man als Versuchsperson so alles mitmacht …)
Das Ergebnis: Personen, die angaben, häufiger umarmt zu werden, zeigten eine geringere Anfälligkeit für eine Infektion nach der Konfrontation mit dem Virus. Die Umarmungen wirkten wie ein „Puffer“ gegen die krankmachenden Auswirkungen von Stress, der durch soziale Konflikte entsteht. Und selbst bei denjenigen, die sich dennoch ansteckten, waren häufigere Umarmungen mit weniger schweren Krankheitssymptomen verbunden. Zeit für ein Volksmund-Update: An Unarmung a day keeps the doctor away.
3. Kumpel oder Ehepartner? Dem Gehirn ist es überraschend egal
Während eine Umarmung von nahestehenden Personen unser Immunsystem stärkt, stellt sich die Frage: Wie nah muss diese Person eigentlich sein? Man könnte annehmen, dass die beruhigende Wirkung von Berührungen bei Ehepartnern am stärksten ist. Aber eine Studie (Opens in a new window) aus den USA stellt das in Frage. In ihrem Experiment wurde die neuronale Reaktion von Versuchspersonen auf die Androhung eines leichten Elektroschocks untersucht, während sie die Hand einer anderen Person hielten.
Wie erwartet, dämpfte das Händchenhalten mit einem vertrauten Partner die Bedrohungsreaktion im Gehirn. Das wirklich überraschende Ergebnis war aber: Es machte statistisch keinen signifikanten Unterschied, ob dieser vertraute Partner der Ehepartner, ein zusammenlebender Partner, ein Dating-Partner oder nur ein guter platonischer Freund war.
Im Gegensatz dazu hatte das Händchenhalten mit einem Fremden keinen beruhigenden Effekt auf das Gehirn. Echter Trost scheint auf Vertrauen zu basieren.