Liebe Phantastik-Fans,
die 102. Ausgabe der phantastisch! ist da! Ich bin gespannt, wer die Lady auf dem Cover erkannt hat. Günter Puschmann hat sich von Clarissa McDougal inspirieren lassen. Sie stammt aus dem fünften Band des Lensman-Zyklus, eines der Urgesteine des Space Opera Genres überhaupt. Geschrieben wurden sie von E.E. Smith zwischen den 1930er und 1950er Jahren. Clarissa ist Krankenschwester der Galaktischen Patrouille. Sie wird im Laufe des Romans zur ersten Frau, die eine Lens tragen darf, das Symbol und Werkzeug der Lensmen.

Clarissa ein Stück Genregeschichte, eine der frühesten weiblichen Figuren in der Science-Fiction, die nicht gerettet wird, sondern selbst zur Trägerin der mächtigsten Technologie der Galaxis wird. Daher freuen wir uns, mit dem Cover an eine frühe Heldin des Genres zu erinnern.
Den ersten Band der Lensmen (leider noch ohne Clarissa) gibt es übrigens kostenlos beim Projekt Gutenberg (auf Englisch): https://www.gutenberg.org/ebooks/20782 (Opens in a new window)
Und weil wir gerade beim Lesestoff sind, hier zwei Empfehlungen, die den Stapel ungelesener Bücher hoffentlich noch ein Stückchen höher wachsen lassen. Zwei grundlegend verschiedene Titel, einmal Science-Fiction mit Nachhall und einmal Fantasy mit Irrwitz:
„Und hoffentlich zu lernen …“ von Becky Chambers

„Und hoffentlich zu lernen …“ (erschienen bei Carcosa (Opens in a new window)) ist mit nur 220 Seiten sehr schmal, aber dafür umso intensiver. Erzählt wird die Geschichte von Ariadne, einer Ingenieurin an Bord eines Raumschiffs, das Lichtjahre von der Erde entfernt potenziell bewohnbare Welten erforscht. Ariadne und die Crew schicken Berichte zurück zur Erde, doch dort ist seit ihrer Abreise fast ein Jahrhundert vergangen. Die Frage, die über allem steht, ist nicht, ob sie überleben, sondern ob, wenn sie zurückkehren, noch jemand da ist, der sich an sie erinnert.
Chambers schreibt mit einer Ruhe, die fast schon meditativ ist, ohne je in Belanglosigkeit abzurutschen. Jeder Satz sitzt, jedes Bild trägt. Es gibt hier keine actiongetriebenen Kapitel, sondern nur die pure Faszination an der Entdeckung, die jede Person auf dem Raumschiff mit dem anderen teilt. Jeder neue Planet ist ein Wunder. Und je weiter sie sich von der Erde entfernen, desto weniger können sie ihre Erfahrungen mit den Entwicklungen auf der Erde in Einklang bringen. Chambers ist eine Autorin, die verstanden hat, dass Science-Fiction nicht laut sein muss, um zu wirken.
„How to become the Dark Lord and die trying" von Django Wexler

Hier nun das Gegenmodell zur vorherigen Buchempfehlung, laut, schnell und rotzig. Davi ist die prophezeite Heldin, die die Menschheit vor dem Dark Lord retten soll. Das Problem: Sie stirbt. Immer wieder. Und wacht immer wieder am Anfang ihrer Geschichte auf. Nach dem 237. Tod beschließt sie, die Regeln zu ändern, und will kurzerhand selbst der nächste Dark Lord werden. Wozu sie eine Horde finsterer Kreaturen benötigt.
Die Grundgeschichte ist eine klassische Quest, nur die Umsetzung ist … nennen wir es alternativ. Wexler bedient sich des Zeitschleifen-Motivs, aber nimmt es nicht wirklich ernst, wie alles andere in dem Buch auch. Die Figuren sind schräg, der Humor ist sarkastisch, und wer Terry Pratchett mag, wird sich hier wohlfühlen. Mit dem Vorbehalt, dass Wexler weniger Weltenbau betreibt und dafür mehr Tempo draufpackt. Es ist nicht Pratchett, und es will nicht Pratchett sein, aber auch hier wird nicht immer alles ernst genommen. Wer Spaß an einer unkonventionellen Heldin hat, die übrigens wie auch manche männliche Pendants gerne erst einmal an Sex denkt und dann an Konsequenzen, wird das Buch mögen.
Mein persönlicher Liebling ist die zahnlose Zwergen-Prinzessin Odlen, die wohl am meisten Spaß in der ganzen Geschichte hat.
Und persönlich schade finde ich es, dass der Titel nicht übersetzt wurde. So kann ich die deutsche Ausgabe nicht auf einen Blick von der englischen Version unterscheiden. Der Titel hätte sich übersetzen lassen.
Erschienen bei Penguin (Opens in a new window). Und es ist ein erster Band, die erste Quest ist so weit abgeschlossen, aber natürlich ergibt sich daraus nun eine neue Quest für Band 2.
Nun hoffe ich, der Stapel wird größer. Jedes Buch lohnt sich! Und in der Nummer 102 der phantastisch! gibt es noch mehr lohnende Buchtipps! Außerdem Hintergrundwissen zu Lovecraft, Vampiren und koreanischen Webtoons. Wer noch kein Abo hat: Jetzt wäre der richtige Moment.
Herzliche Grüße vom Sofa mit Buch (und Eiskaffee!)
Sandra