Markus Preinfalk stottert, seitdem er fünf ist. Lange wurde er damit alleingelassen. Erst durch eine Selbsthilfegruppe fand er passende Ansätze. Heute leitet er die Organisation ÖSIS (Österreichische Selbsthilfe Initiative Stottern) und erzählt, wie es ist, mit dem Stottern zu leben.
Die Chefredaktion: Wie war die Schulzeit für Sie?
Markus Preinfalk: Ich wurde kaum gehänselt, was untypisch ist. Fast alle Stotternden berichten von Hänseleien. Das Schwierigste war immer, Referate halten zu müssen vor der Klasse. Ich habe mehr Zeit bekommen, was es einfacher gemacht hat.
Welchen Hürden begegnen Menschen, die stottern im Alltag, im Berufsleben und beim Aufwachsen?
Viele leiden schon in der Schule unter Hänseleien. Später wird es in der Pubertät bei Themen wie Partnerschaft noch schwieriger - jemanden anzusprechen ist ja ohnehin schon eine Überwindung. Und auch im Alltag, beim schnellen Bestellen beim Bäcker, entsteht durch den Zeitdruck Stress.
Was genau ist Stottern? Wobei tun Sie sich schwer?
Stottern definiert man als eine Sprechablaufstörung. Meistens ist das Problem, dass man am Wortanfang nicht in den Vokal hineinkommt, die Stimme setzt einfach nicht ein. Heute weiß man, dass das mit dem Gehirn zusammenhängt. Die Bereiche, die Sprache planen, und die, die den Sprechapparat steuern, sind nicht perfekt abgestimmt. Welche Laute schwerfallen, wechselt im Laufe der Zeit.
Gibt es Situationen, in denen Sie stärker stottern, im Gespräch mit anderen im Vergleich zum Sprechen alleine?
Alleine stottert man fast gar nicht. Schwieriger wird es, wenn Emotionen wie Aufregung oder Angst mitspielen, dann nimmt das Stottern zu. Das ist aber sehr individuell. Für viele Betroffene ist das schwer zu verstehen. Allein reden klappt fast flüssig, aber sobald ein Gesprächspartner da ist, stottert man auf einmal wieder. Ich selbst habe zum Beispiel am Telefon kaum Probleme, obwohl viele andere Stotternde dort mehr Schwierigkeiten haben.
In welchen Situationen haben Sie Schwierigkeiten?
Am schwierigsten ist es für mich in lauter Umgebung, zum Beispiel im Wirtshaus. Wenn viele gleichzeitig reden und ich unter Zeitdruck schnell etwas sagen will, wird es besonders schwer.
Wovon erzählen Betroffene, wenn sie in Kontakt mit Menschen sind, die sich mit dieser Thematik nicht auseinandergesetzt haben, normalerweise?
Das andere oft nicht wissen, was los ist, wieso da nichts kommt und sich fragen, warum die Person so kampfartige Bewegungen macht und nicht einfach drauf los redet. Es wäre für uns sehr viel gewonnen, wenn es mehr Bewusstsein gäbe für Stotternde. Aber klar, die meisten Leute sind mit der Problematik nicht konfrontiert und kennen das daher nicht.
Wie sollten Menschen reagieren, wenn sie mit jemandem sprechen, der stottert?
Was man nicht tun sollte und oft gesagt wird, Sätze fertig sprechen. Wenn ein Stotterer anfängt, und im Satz stecken bleibt, und der andere vorschlägt, wie der Satz weitergeht. Das ist so eine Bevormundung, das möchte man als Stotterer nicht. Was man tun sollte, Blickkontakt halten, zum Signalisieren, dass man zuhört, nicht ungeduldig werden und warten, bis die Person fertiggesprochen hat.
Wie wirkt sich Stottern auf das Selbstbewusstsein aus?
Scham ist ein großes Thema. Wenn man in der Pubertät ist und sich noch nicht gefunden hat, ist das schon eine Belastung. Manche vertragen es besser, manche schlechter. Natürlich ist das für das Selbstwertgefühl negativ. Später kann man das schon überwinden, indem man mit Therapien oder Selbsthilfe schafft an sich zu arbeiten. Das erfordert viel Übung und Durchhaltevermögen.
Wie war das bei Ihnen persönlich?
Im Studium wurde mir klar, dass Stottern keine unüberwindbare Hürde ist. Auch bei der Arbeitssuche war ich überrascht, dass es in den Vorstellungsgesprächen kein Thema war. Eigentlich ist Stottern kein Hindernis im Berufsleben, außer vielleicht bei klassischen Sprecherberufen. Ich kenne sogar Betroffene, die Lehrer geworden sind oder viel telefonieren müssen. Früher sind viele in technische Berufe gegangen, weil man dachte, dort müsse man nicht reden. Aber das stimmt nicht, Präsentationen und Gespräche gehören fast überall dazu.
Was hat es mit Ihnen gemacht, als Sie in der Organisation zum ersten Mal Menschen getroffen haben, die auch stottern?
Das war für mich ganz wichtig, weil man als junger Stotternder oft glaubt, man sei völlig allein. In Filmen gab es damals kaum positive Vorbilder. In der Selbsthilfegruppe habe ich dann zum ersten Mal andere Betroffene getroffen und auch moderne Therapien kennengelernt, die mir wirklich geholfen haben. Alle anderen können für sich sprechen und ich kann es nicht. Und jetzt ist man plötzlich in einer Gemeinschaft, wo man zum ersten Mal in seinem Leben, kein Außenseiter ist. Weil alle das gleiche Schicksal haben. Manche glauben dort werde nur gejammert, aber das stimmt nicht. Es ist oft sehr positiv und sogar lustig.
Gibt es Vorurteile oder Formen von Diskriminierung, die Stotternde erleben?
Eigentlich erstaunlich wenig. Ich persönlich habe es nicht erlebt, auch andere Stotternde kaum. Besonders in den letzten Jahren wurde das Thema den Leuten nähergebracht, dadurch haben viele Verständnis entwickelt. Nur einmal, als ich mich beruflich verändern wollte, wurde ich abgelehnt mit dem Argument, ich hätte zu viel Kundenkontakt. Das war komisch, denn in meiner früheren Firma war das nie ein Thema. Und gerade das Unternehmen, das sich mit Fairness, Inklusion und Vielfalt schmückt, hat mich auf einmal diskriminiert. Darauf war ich nicht vorbereitet und nicht schnell genug reagiert, das habe ich leider verpasst.
Wie ist das heute in der Schule mit Aufklärung und was sollten Lehrer:innen oder Eltern tun, um stotternde Kinder zu unterstützen?
Ob Rücksicht genommen wird, hängt stark von den Lehrkräften ab. Wir hatten etwa den Fall eines Schülers, der bei Prüfungen Probleme hatte, weil seine Lehrerin und die Direktorin keine Erleichterungen gewähren wollten, obwohl es dafür einen gesetzlichen Anspruch gibt. Wichtig wäre, ein Gespräch unter vier Augen, mit dem oder der Betroffenen suchen, weil es wichtig ist, in der Klasse darüber zu reden. Da müssten vorher Eltern, Schüler und Lehrer mal gemeinsam reden drüber, weil es individuell sehr verschieden ist, ob man es ansprechen will oder nicht. Bei mir war es auch so, dass ich das eigentlich nicht wollte.
Was würden Sie ihrem jüngeren Ich raten, wenn Sie auf all die Jahre zurückblicken?
Mutiger sein. Leute reagieren oft nicht so negativ aufs Stottern, wie man denkt. Es gab oft Situationen, in denen ich mich früher mehr trauen hätte können. Einiges habe ich mich eh getraut, aber halt nicht alles. Als Student war ich sehr zurückhaltend, wenn es ums Fortgehen ging am Abend, bin ich seltener in Lokale gegangen. Da dachte ich immer, vielleicht wird mich wer am Abend angesprochen und dann werde ich reden müssen.
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