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die Kosten des Mannsein-Müssens

In meinen Abiturjahren befreundete ich mich enger mit einem Jungen aus meinem Abi-Jahrgang. Er war lustig, aufregend, kreativ und anders; er war offen homosexuell und interessierte sich für andere Dinge als Fußball und Rummackern. So wie ich, interessierte er sich für Kunst und die leisen Zwischentöne, das Besondere, das Zarte. Wir haben 2 oder 3 — ich erinnere es nicht genau — intensive Jahre miteinander verbracht. Wir erlebten gemeinsame Abenteuer verschiedener Natur, die unser Geheimnis bleiben und die nicht nur dadurch ganz besonderer Art sind. Wir schufen kunstvolle Werke im Bereich Malerei, Design und Performance, erzählten uns alles und hatten sehr viel Spaß. Mein erstes Album mit meiner damaligen Band haben er und mein heutiger Partner damals gestaltet. Wir alle 3 sind in kreativen und künstlerischen Berufen gelandet. Solche zukunftsweisenden Schulfreundschaften, die aus einem Außenseiter-Dasein entstehen, tragen unglaublich viel Gewicht, dass man tragen lernen muss und eben manchmal trotz aller Kraft untragbar ist. Unausweichlich wurde dieser Freund Opfer des Patriarchats, so wie viele Männer es werden, weil Männer in dieser Gesellschaftsform eben auch unter die Räder kommen. Sie erkennen es nur oft nicht.

Illustration: Falko Walter
Wie das Patriarchat Männer formt, beschädigt und was Heilung ohne weibliche Fürsorge-Arbeit bedeutet

Es ist ein paradoxes Verhängnis, das schon die Feminismustheoretikerinnen des 20. Jahrhunderts immer wieder beschäftigte: Das Patriarchat unterdrückt Frauen und beschädigt die Männer, die es stützen, gleichermaßen. Niemand hat das klarer benannt als Bell Hooks. In ihrem 2004 erschienenen Werk The Will to Change: Men, Masculinity, and Love (Opens in a new window) schreibt sie, dass jeder Mensch Liebe braucht und geliebt werden möchte — auch Männer. Um aber Liebe zu kennen, müssen Männer in der Lage sein, zu verstehen, wie sie die patriarchale Kultur daran hindert, sich selbst zu begreifen. Diese Fähigkeit aber — das Begreifen des eigenen Inneren — wird Jungen systematisch abtrainiert, bevor sie auch nur wissen, dass sie etwas verlieren.

Die Maske als erstes Lernziel

Jungen lernen früh, dass Gefühle zu zeigen gefährlich ist. Eine Maske zu tragen ist die erste Lektion patriarchaler Männlichkeit, die ein Junge lernt. Er erfährt, dass seine tiefsten Gefühle nicht ausgedrückt werden dürfen, wenn sie nicht den Verhaltensweisen entsprechen, die Sexismus als männlich definiert. Aufgefordert, das wahre Selbst aufzugeben, um dem patriarchalen Ideal zu entsprechen, lernen Jungen noch vor dem Schuleintritt den Verrat an sich selbst und werden für diese Akte der Seelenmordung belohnt.

Das ist kein theoretisches Konstrukt. Es ist eine empirisch messbare Realität. Studien zeigen, dass 78 % der Männer Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen auszudrücken, während 65 % sich durch gesellschaftliche Erwartungen unter Druck gesetzt fühlen, keine Hilfe bei psychischen Problemen in Anspruch zu nehmen. Die Zahlen erzählen von einem kollektiven Schweigen — einem Schweigen, das als Stärke verkauft wird und als Krankheit endet.

In der männlichen Sozialisation wirkt ein tiefenpsychischer Mechanismus der Idolisierung des Männlich-Starken und Abwertung des Weiblich-Schwachen, der in allen Jungen und Männern unserer Kultur steckt. Trotz veränderter Rollenmodelle ist dieser Mechanismus weiterhin — wenn auch heute oft verdeckt — wirksam. Er funktioniert wie eine Grammatik, die sich dem Bewusstsein entzieht: Sie prägt jeden Satz, den ein Junge über sich selbst bildet.

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