Skip to main content

Möchte ich auch für (und mit) Arschlöcher(n) die Welt retten?

roter Kreis, mittitg mit einer roten Linie auf weißem Untergrund, in der Mitte eine erhobene Hand in schwarz auf der "Stop" steht

Ganz ehrlich, wer von uns, die sich in aktivistischen Kontexten wiederfindet, die Repressionen erfahren hat, vielleicht auch Gewalt, die Beschimpfungen über sich hat ergehen lassen, deren kompletter Lebensentwurf nicht mehr existent ist und die das Gefühl des Scheiterns kennt, die weiß, wie es sich anfühlt, alles gegeben zu haben, was möglich war und doch am Ende wieder gefallene Bäume, zerstörte Träume und Hoffnungen aushalten muss, während man am nächsten Ort, in der nächsten Aktion von vorne anfangen muss im Bewusstsein, das Ende ja eigentlich schon zu kennen – wer von uns hat sich die Frage, die heute die Überschrift bildet, nicht schon mal in der ein oder anderen Form gestellt? Wer hat sich noch nicht bei dem Gedanken ertappt, dass man dem prügelnden Cop, dem nicht bremsenden Autofahrer, dem marschierenden Nazi, dem RWE – Baggerfahrer und dem Mann mit der Kettensäge alles, aber bloß nichts Gutes und schon gar nicht die „Rettung der (auch seiner) Welt“ wünscht? Ich kenne das jedenfalls nur zu gut und ich fühle mich dann immer „ertappt“ und schuldig. Werde ich jetzt auch zum Arschloch? Gewinnt die Arschlochgesellschaft, weil sie mich nun doch kriegt? MUSS ich nicht besser sein, immerhin verorte ich mich schließlich auf der richtigen und guten Seite. Andererseits: wieviel Scheiße soll/muss ich deshalb aushalten, ohne emotional und psychisch irgendwann ans Limit zu kommen und nicht mehr in der Lage und/oder willens zu sein, alles hinzunehmen und weiterzumachen? Wann dürfen auch „wir“ als die Guten mal wütend sein und böse? Natürlich kann mensch hier in philosophische Diskussionen abbiegen über Gut und Böse, Moral und Ethik, richtig oder falsch, schwarz oder weiß. Darum soll es in diesem Text aber gar nicht in 1. Linie gehen. Es gibt auch keinen Punkt, den ich machen will oder kann, sondern es geht um ein paar persönliche, emotionale Einblicke, weil ich glaube, damit nicht allein zu sein, zumindest hoffe ich, damit nicht allein zu sein😉.

Handlungen sind entscheidend

Im Prinzip bin ich der Überzeugung, dass es völlig in Ordnung ist, sich bei solchen Gedanken zu erwischen, sie zu denken und entsprechend zu fühlen, denn es ist menschlich und nachvollziehbar. Wichtig ist, dass sie nicht unsere Handlungen und unser Verhalten prägen und bestimmen, denn genau da liegt für mich der Unterschied zu den tatsächlichen Arschlöchern auf der anderen, der falschen Seite der Geschichte. Diese entscheiden sich (inzwischen bereits auch völlig ohne Hemmungen und Scham), gegen bestimmte Menschen und Gruppen zu handeln, diese von uns als Gesellschaft/Gemeinschaft an sich zu trennen und sie in den Fokus von Schuld und Verantwortlichkeit zu rücken, um dann rücksichtslos gegen sie vorzugehen. Wir sehen das bereits an unzähligen Beispielen: Menschen mit Fluchterfahrungen, finanziell Arme, Menschen mit krankheitsbedingten Einschränkungen, Queers… Exklusion ist inzwischen DAS Mittel der Politik und oft auch der Justiz einer Arschlochgesellschaft und das geht weit über meine/unsere Wut und Gedanken hinaus. Ich werde mich weiterhin auf Bäume setzen, Tagebaue blockieren und alle möglichen meiner Kapazitäten in die Kollapsbewegung stecken, weil der Aspekt des solidarischen Preppens meiner Meinung nach ein wichtiger, richtiger und konsequent logischer nächster Schritt ist, auch und gerade für Klimaaktivist:innen, ohne sich für das eine und gegen das andere entscheiden zu müssen. Ich möchte weiterhin die Welt retten und dabei mache ich mir keine Gedanken, wem das zugutekommt, denn es ist quasi ein universelles Ziel, etwas ganz Grundsätzliches. Die Rettung der Welt ist vermutlich nicht möglich, aber wie ich schon meinem Uniprofessor vor ein paar Jahren auf diese Anmerkung hin gesagt habe: das ist kein Grund, es nicht zu versuchen. Die Welt kann man vielleicht nicht mehr im Großen retten, aber in vielen kleinen Welten und die Chance, grundsätzlich viel für viele besser oder weniger schlimm zu machen, sollten wir nutzen.

Ein Problem linker Räume

Die Frage, ob ich die Welt auch für (oder gar mit) Arschlöcher(n) retten will, geht bei genauerer Überlegung in die Richtung des Textes, den Tadzio Müller letzte Woche in seinem Blog (Opens in a new window) veröffentlicht hat und der sich dem Thema der Exklusion aus linken Räumen und denen der gerade entstehenden Kollapsbewegung widmet: wen wollen wir in unseren Räumen, mit wem wollen wir politisch arbeiten und etwas aufbauen? Wollen wir bestimmte Menschen nicht ansprechen? Dürfen wir sie gar aktiv ausschließen? Und wenn ja, wo und wann ist die Grenze, die wir in diesem Zusammenhang ziehen?

Die Fragen sind nachvollziehbar und berechtigt, ganz besonders im Falle einer sich gerade erst selbst findenden Kollapsbewegung, umso mehr, weil diese Bewegung die typische linke Klimablase durchbrochen hat. Es steht für mich außer Frage, dass Tadzio Müller mit seiner Analyse zur Anziehungskraft von rechten Räumen richtig liegt. Auch Philipp Ruch (Opens in a new window) vom Freitag argumentiert aktuell in diese Richtung. Es geht nicht darum, dass die Themen und Gedanken neu sind oder das irgendetwas es rechtfertigen oder nachvollziehbar machen würde, solche Einstellungen zu entwickeln und zu teilen. Diese Einstellungen sind nicht neu, sie waren immer da. Was sich geändert hat, ist die Offenheit, mit der diese zur Schau getragen, geteilt und verbreitet werden. Da gibt es keine Angst oder Scham mehr, da ist jede Menge Selbstbewusstsein, was ebenso Teil der Anziehungskraft ist, wie die (vermeintliche) Offenheit rechter Räume. Der kleinste gemeinsame Nenner oder bloße Neugier reichen aus, um sich diesen Räumen zu nähern, offene Türen zu finden und bleiben zu können. So funktioniert die stetige Radikalisierung dann ganz von allein und schrittweise. Im Gegensatz dazu, und auch wenn wir das nicht gerne hören wollen, haben linke Räume Hürden, die offenen Türen grundsätzlich entgegenstehen und die wir oft selbst gar nicht mehr als solche wahrnehmen. Seien es Regeln für Plena, notwendige Vertrauensbrücken, um überhaupt erst in einen Raum zu kommen, die (Nicht-) Verwendung bestimmter Begriffe, Bezeichnungen, die außerhalb linker Strukturen kaum jemand kennt und nicht zuletzt die vermeintlich einfachen Antworten und Lösungen von rechts, die Diskussionen und Konsensentscheidungen links gegenüberstehen. Das fängt teilweise schon bei dem Begriff Küfa an oder dem plötzlichen „Wedeln“, um Zustimmung zu signalisieren. Für uns kaum nachvollziehbar, sind das Dinge, die Menschen zu „Außenstehenden“ machen, ohne dass es bewusst oder gar mit böser Absicht erfolgt. Auch das war ein Lerneffekt aus dem Kollapscamp und dem Orga – Prozess des Ganzen. Linke Räume sind (wenn auch aus richtigen, guten und nachvollziehbaren Gründen) oft weniger offen, als wir uns das wünschen oder eingestehen und das ist ein Problem, welches uns gerade in den letzten Jahren auch bezüglich unserem Mobi – Potential aufgefallen ist. Wir stecken oft in unserer Blase fest und trotz aller Bemühungen gelingt es uns kaum, diese zu verlassen.

Rechte Räume scheinen da wesentlich leichter zugänglich. Zu allem Überfluss kommt angesichts der aktuellen politischen Situation hinzu, dass es oft gar keine expliziten „Räume“ sind bzw. es diese gar nicht braucht. Es ist der Alltag selbst, der sich leider viel zu oft als rechter Raum präsentiert: die Schlange an der Supermarktkasse, das Gespräch mit dem Nachbarn über den Gartenzaun hinweg, das Wartezimmer…all das sind Situationen, die ich inzwischen häufig als rechten Raum wahrnehme. Das bedeutet, es gibt keinerlei Hürden oder Barrieren, um rechte Gedanken zu teilen und damit völlig ungefiltert Menschen zu erreichen. Fallen diese Aussagen auf fruchtbaren Boden, steht einer unmittelbaren Kontaktaufnahme, einer Fortführung des Gespräches und im schlimmsten Fall auch der Einladung zu intensiverem Austausch absolut nichts im Wege. Sogar für den Fall das solche Gespräche und Aussagen eine Gegenreaktion hervorrufen, steht man als diejenige, die dem widersprechen möchte, schon vor dem ersten Problem: ich muss mich outen. Ich muss mich in eine Situation begeben, die mich sichtbar, im schlimmsten Fall angreifbar und identifizierbar macht. Dabei sollte man sich auch überlegen, wie groß der tatsächliche Nutzen eines geäußerten Widerspruchs ist. Er macht das, was gesagt wurde, nicht ungesagt und befeuert unter Umständen eine Diskussion, die nur noch Raum für mehr Nazi – Propaganda schafft. Der Alltag ist rechter Raum, er umgibt uns und wir bewegen uns fast ständig in diesem, völlig barrierefrei, im wahrsten Sinne des Wortes.

Möchte ich linke Räume aufsuchen, bedeutet es genau das: ich muss suchen und zu einem bestimmten Ort gehen. Ich muss eine linke Struktur in meiner Nähe finden, zu einem Plenum, einer Diskussion, einem OAT (hallo Hürden: offener Antifa – Tresen) etc. gehen. Gibt es all das nicht, wird es noch schwieriger und die Hürden noch höher. Das in Kombination mit den oben genannten Beispielen, die die Teilnahme an, das Sein und Bleiben in linken Räumen erschweren, besteht kein Zweifel mehr daran, dass wir hier ein großes Problem haben. Somit ist es durchaus angebracht, sich damit genauer auseinanderzusetzen und die Frage „was mache ich mit Arschlöchern?“ ganz bewusst zu stellen. 

Ausschluss oder Toleranz?

bildliche Darstellung der Begriffe Exklusion, Separation, Integration und Inklusion mit verschieden farbigen Vierecken, die entsprechend angeordnet sind.

Dabei plädiere ich keineswegs dafür im Sinne der Anschlussfähigkeit alle Hürden fallen zu lassen, im Gegenteil. Wie bereits oben erwähnt, haben diese Hürden Gründe und Legitimation, Sicherheitsaspekte seien hier nur als ein Beispiel genannt. Angesichts des Raumes, der von rechts inzwischen völlig automatisch eingenommen wird, gilt es vielleicht umso mehr, gerade im Rahmen von Bewegungsräumen deutliche Abgrenzungen vorzunehmen und durchzusetzen, uns eigene RECHTS – freie Räume bewusst zu schaffen und zu verteidigen. Abgesehen davon haben mich Jahre im Klimaaktivismus gelehrt, dass Anschlussfähigkeit einen Preis hat, der meiner Meinung nach teilweise zu hoch war und ist, zumal auch hohe Anschlussfähigkeit und vermeintliche Mehrheiten nicht automatisch zu den gewünschten Ergebnissen führen (Stichwort: Kohlepäckchen), weil Machtdynamiken, Arschlöcher und Kapitalismus nicht mit bedacht werden. Wir dürfen und sollten also sehr genau überlegen, wie offen wir unsere Räume gestalten wollen, mit wem wir die Welt retten oder wenigstens verbessern wollen und können (was übrigens ein sehr relevanter Faktor ist). Diese Fragen muss eine Kollapsbewegung meiner Meinung nach jedoch (zum Glück?) nicht sofort, vielleicht noch nicht mal mittelfristig beantworten. Da wir quasi ganz automatisch vom Grundsatz her eine linke politische Ausrichtung verfolgen, was zu einem Großteil in den Menschen und Strukturen begründet liegt, die an der Entstehung beteiligt waren, sich darin wiederfinden und engagieren, ist auch die Personengruppe bereits angelegt, die sich von uns angesprochen fühlt. Außerdem geht es inhatlich um Solidarität, auch das ist etwas, was bestimmte Personen scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Wir werden (noch eine ganze Weile) nicht diejenigen anziehen, die uns in Versuchung führen werden, über bewussten Ausschluss und strikte Regeln etc. nachzudenken, weil unsere roten Linien bewusst, gewollt und aus Überzeugung überrannt werden. Diese Menschen haben bereits ihre Nische (und den öffentlichen Raum) und auch keinerlei Interesse daran, mit anderen für andere etwas aufzubauen und anzupacken. Wahrscheinlich müssen also ein paar von uns etwas mehr Geduld und Toleranz, sowie eine nicht sofort ausschließende, strafende Fehlerkultur erlernen, um denen, die nicht von Anfang an all unsere Codes und Regeln kennen und beachten, die nicht sofort alles zu Tausend Prozent richtig machen, die Chance zu geben, mit uns zu lernen, Dinge, Wissen und Fähigkeiten zu entwickeln und dadurch ausreichend offen für all diejenigen zu bleiben, die mit uns wollen und mit denen wir können. Es wird uns vielleicht nicht auf Dauer erspart bleiben, aktiv über Exklusion nachzudenken und Antworten zu finden, aber für den Moment ist es in Ordnung, erstmal zu sehen, was passiert und uns selbst immer wieder daran zu erinnern, was solidarisches Preppen für uns bedeutet: gemeinsam so gut wie möglich durch die kommenden Krisen, weil es nicht Vorräte sind, die uns retten und helfen, sondern Beziehungen und die sind niemals so ganz einfach und konfliktfrei. Mit Blick auf diejenigen unter uns die weiterhin (und gerne verstärkt) dem radikalen Aktivismus die Treue halten, sei aber nochmals auf die Notwendigkeit und Richtigkeit bestimmter hoher Hürden verwiesen. Angesichts von Repressionen aller Art und geschuldet den Erfahrungen mit Anschlussfähigkeit um jeden Preis, würde ich hier sogar für teilweise noch deutlich massivere Barrieren unter dem Blickwinkel von Vorsichtsmaßnahmen plädieren. Wenn das alles Früchte trägt und wir im besten Fall tatsächlich die Welt retten, sind wir vermutlich alle so sehr und verdientermaßen mit Feiern beschäftigt, mit dem guten Leben für alle, dass die Frage, für wen wir sie nun AUCH gerettet haben, keine Rolle mehr spielt - bis wir wieder anfangen müssen zu überlegen, wie wir die Arschlöcher davon abhalten, mit dem ganzen Mist einmal mehr von vorne anzufangen… 😉.

0 comments

Would you like to be the first to write a comment?
Become a member of disrupt! and start the conversation.
Become a member