Die erneute Massenaktion von Ende Gelände ist nun Geschichte. Die Frage ist, was machen wir jetzt damit? Was machen wir mit Ende Gelände und dem massenhaften zivilen Ungehorsam, der mal das Potential hatte, wirklich etwas zu erreichen?
(Opens in a new window)Die Fakten
Es sind 5 Finger in Aktion gegangen, ungefähr 1500 Menschen sind dem Aufruf von Ende Gelände gefolgt und haben sich an den Aktionen des zivilen Ungehorsams beteiligt. Zur Großdemo am Samstag liegt die Wahrheit zu den Teilnehmer*innen wohl irgendwo zwischen 3000 – 5000. Es konnte 1 Schicht beim u.a. Panzerstahl produzierenden deutsch-französischen Rüstungsunternehmen KNDS verhindert werden. Beim Pipeline-Hersteller Europipe, einer der weltweit führenden Fertigungsstätten für Großrohre aus Stahl, die für globale Energie- und Wasserstoffinfrastrukturen benötigt werden, konnten für mehrere Stunden Schienen blockiert werden, so dass fertige Produkte nicht abtransportiert werden konnten. Ob bzw. wie viele Züge dadurch verzögert wurden, wäre noch eine Frage, die eine gewisse Relevanz besitzt. Das Betriebsgelände eines Uniper-Kraftwerkes konnte ebenfalls „erobert“ werden und mitgebrachte Solarpanele dienten einer symbolischen Aktion. 2 weitere Finger waren hauptsächlich unterwegs und hatten mit Polizeischikanen zu kämpfen. Der Höhepunkt der Demo am Samstag in Form eines Weltrekords (2000 Menschen formen ein Windrad) ist einfach nur peinlich und sollte verschwiegen, statt gefeiert werden, wenn man auszog, den Kapitalismus zu zerstören.
Hervorzuheben bleibt, dass es gut gelungen ist, internationale Gäste auf das begleitende Camp einzuladen, die aus 1. Hand berichten konnten, welche Auswirkungen fossile Brennstoffe und Kriege auf ihr Leben und ihre Heimat haben. (Sollte es bei einer Massenaktion zivilen Ungehorsams aber darum gehen?) Es war ebenfalls ermutigend zu sehen, dass andere internationale Akteur*innen Ende Gelände wieder willkommen heißen, dass Greta vor Ort war (auch wenn nicht mal das noch für Schlagzeilen sorgt) und die erklärte Palästina-Solidarität inzwischen auch ganz praktisch immer wieder sichtbar, die entsprechende öffentliche Positionierung also mit Leben gefüllt wird. Es hat funktioniert, Gas und Krieg/Militarisierung zu verknüpfen und somit Verbindungen zwischen Kämpfen für Klimagerechtigkeit, gegen Fossile und die dramatisch voranschreitende Militarisierung aufzuzeigen und herzustellen.
Ein Fazit
Über diese Massenaktion zu sprechen, bedeutet aber auch, ein realistisches Fazit zu ziehen und die Frage nach dem „und nun?“ durchaus kritisch zu stellen, jenseits von vorbereitetem Pressesprech. Und ich weiß, dass das nicht gern gehört wird, ersparen kann ich es uns aber trotzdem nicht. Ende Gelände hat massiven Aufwand betrieben für diese erneute Massenaktion, ganze AGen mussten wiederbelebt und neu gestartet werden, es gab Mobi-Veranstaltungen, eine Speaker*innen-Tour, Plakate, Flyer, Social Media…Da wurde über Monate großartige Arbeit geleistet. Und es waren 1500 Menschen in Aktion…es waren nur 1500 Menschen in Aktion. Kritik richtet sich definitiv nicht an Ende Gelände und die dort geleistete Arbeit und nicht an die Menschen in Aktion. Kritik richtet sich aber sehr wohl dann an Ende Gelände und uns alle, wenn wir jetzt nicht endlich eine ehrliche und realistische Auseinandersetzung anfangen zum Thema „Aktionsformen, Massenaktion, öffentliche Ankündigung“, wenn wir nicht endlich der Realität Rechnung tragen, dass wir es nicht mehr mit riesigen Tagebauen zu tun haben, die ein so unfassbar relevanter Teil unserer Erfolgsgeschichte mit unserem Aktionsformat waren, wenn wir Dinge weiterhin schön reden, weil die Wahrheit wehtut und anhand der ausgegebenen Slogans zwangsläufig Scheitern bedeutet. Warum tun wir uns das selbst immer wieder an? Nein, wir haben der Regierung nicht deutlich klar gemacht, dass wir ihre Pläne nicht hinnehmen! Wir haben Frau Reiche keinen Angstschweiß auf die Stirn gezaubert! Wir haben keine Drohkulisse aufbauen können, die dafür sorgt, dass Gasausbau und Militarisierung nicht wie geplant weitergehen werden! Wir haben auch nicht die Wiedergeburt einer neuen, starken Klimabewegung gesehen, die aus 1500 oder meinetwegen 5000 Menschen besteht! Es ist nicht so, dass wir all das nicht versucht und nicht ganz viel Kraft dafür aufgebracht haben. Wir haben aber keine Hebel – weder in Form von Menschen noch in Form von Aktionsformen. Wir können so weitermachen. Wir sollten es aber nicht, weil wir dadurch selbst unseren eigenen burnout, aber sicher nicht den der Fossilen vorantreiben. Wir müssen endlich über Hebel reden bzw. über das Fehlen dieser und darüber, wie wir diese schaffen können. Ja, auch über den Preis und die Kosten, die damit vielleicht verbunden sein könnten. Aber es ist ja nicht so, dass wir bei einer nüchternen Kosten-Nutzen-Bilanz momentan schwarze Zahlen schreiben würden…
Wisst ihr noch, damals…?
Ich bin so alt und so lange dabei, dass ich mich noch erinnere, wie es sich anfühlte, als der Ticker nicht hinterher gekommen ist mit dem, was alles passiert ist, mit Fingern und ihrer Dynamik, mit Entwicklungen im Minutentakt, so dass es uns im Presseteam kaum möglich war, Journalist*innen rechtzeitig an alle Orte des Geschehens zu bringen, weil so viel gleichzeitig passierte, weil aus 5 Fingern manchmal 7 oder 8 wurden. Ich kann mich noch erinnern, wie es war, als Polizist*innen auf uns reagierten und überfordert waren, weil sie chancenlos waren, als RWE Vorbereitungen treffen musste, wenn Ende Gelände kam, als Partys in Tagebauen gefeiert wurden, parlamentarische Beobachter*innen erzwingen mussten, dass Wasser und Essen in Blockaden gelassen wurde, als gestoppte Finger spontan neue Aktionsziele angegriffen haben und zu spontanen Blockaden für Cop-Nachschub wurden, als ins Camp zurückkehrende Finger gefeiert wurden und der Weg zurück ein Erlebnis im glückseligen Freudentaumel und Adrenalinrausch war, als tagelang über Ende Gelände berichtet wurde und wir unseren eigenen Mythos geschaffen haben. Es liegt nicht an uns, dass das jetzt nicht mehr so funktioniert, sondern an veränderten Bedingungen von außen. Es liegt aber definitiv an uns, wenn wir uns diesen veränderten Bedingungen nicht anpassen, nicht anpassen wollen und stattdessen so tun, als hätten wir noch 2018. Wir müssen aufhören, unseren eigenen Mythos und uns selbst zu sabotieren, statt Dinge, bei denen das wesentlich sinnvoller wäre 😉
Also:
1. DANKE Ende Gelände!
2. Wann und wo treffen wir uns für eine ehrliche Strategie- und Taktikdiskussion, weil smash symbolism momentan unser erkorenes Ziel sein muss, ehe es mit smash capitalism und end fossil fuels auch nur irgendwas werden kann.