
Ich möchte den Begriff nicht mehr verwenden und in linken und linksradikalen Kontexten nicht mehr sehen, es sei denn, die Praxis entspricht dem Wort. Zweifel daran, dass eine Revolution benötigt wird, habe ich nicht. Aber Zweifel daran, dass wir kurz davor sind…
Worte sind manchmal nur Worte und dann eben nicht genug
Die inflationäre Verwendung dieses Begriffs alleine wird – für viele offensichtlich überraschenderweise – nicht dazu führen, dass es zu einer Revolution kommt. Eine Revolution kann Mensch ebenso wenig herbeireden, wie das Ende des Kapitalismus, Klassenkampf und Systemchange. Eine Revolution entsteht durch Taten, die sich summieren, Kettenreaktionen und ja, Eskalation hervorrufen. Eine Revolution wird auch nicht „gemacht“, sie kann entfacht werden und ist ab diesem Punkt ein Ereignis, das sich entwickelt und aus einem Momentum Dynamik gewinnt. Sie sollte gelenkt werden. Sie sollte vorbereitet werden, indem man erkennt, wann „der Moment“ gekommen ist, indem man ein Ziel samt Zwischenschritten vor Augen hat, Notfallpläne und auf jeden Fall einen langen Atem. Sie kann aber ganz sicher nicht herbeigeredet werden, umso weniger, wenn die Verwendung des Wortes „Revolution“ das Einzige ist, was potenziellen Revolutionä*innen einfällt.
Ich habe diese Woche lange keinen Aufhänger, keine Idee und vor allem keine Motivation für einen Blogtext gefunden, weil Wal, Welt und von vielem zu viel. Aber dann schickte mir jemand diesen Link: Revolution Days der Neuen Generation (Opens in a new window) – „die Revolution Days sind das Zusammenspiel aus Aufbauen, Einmischen und Gemeinschaft – das, was die Neue Generation ausmacht.“ Eine Weile blieb nur atmen, dann die Frage „lachen oder weinen“, bin ich es oder sind es die anderen und ist das noch diversity of tactics (die es zweifelsohne braucht)?
Atmen ist noch immer. Wut ist auch. Und Müdigkeit.
Nein, liebe Neue Generation, Revolution ist nicht das Zusammenspiel von Aufbauen, Einmischen und Gemeinschaft! Laut Politiklexikon (Opens in a new window) definiert sich Revolution wie folgt: [lat.] Revolution bezeichnet eine schnelle, radikale (i. d. R. gewaltsame) Veränderung der gegebenen (politischen, sozialen, ökonomischen) Bedingungen. Steht man eurem Ansatz wohlwollend gegenüber, liest man diese Definition noch etwas weiter: Politische Revolutionen zielen i. d. R. auf die Beseitigung der bisherigen politischen Führer und die Schaffung grundsätzlich neuer Institutionen, verbunden mit einem Führungs- und Machtwechsel. Ziel der bewusst herbeigeführten, tiefgreifenden Veränderungen ist es, mit einem politischen Neuanfang die bisherigen Probleme und Machtstrukturen zu beseitigen und radikal Neues an ihre Stelle zu setzen (z. B. neue Machtstrukturen, neue Eliten, neue Eigentumsverhältnisse, eine neue [Verfassungs-]Ordnung etc.).
Im besten Fall zielt euer Ansatz auf das Setzen von etwas radikal Neuem (neue Machtstrukturen, Eigentumsverhältnisse usw.) nach der Beseitigung des Alten. Ihr sucht also im besten Fall nach einer Antwort auf eine Frage, die wir alle, die wir vom Ende des Kapitalismus, einem Systemchange und einer Revolution träumen, immer wieder hören: „Und dann? Was wollt ihr denn?“ Ihr sucht nach einer möglichen Antwort auf das „Danach“ – nach (zeitlich) einer Revolution. Ihr liefert aber keine Revolution und sicher auch keine Wege, um diese zu entfachen. Ebenso kann man kritisch hinterfragen, ob das bloße Ersetzen der einen Machtstruktur durch eine andere, die Übertragung von Eigentum von aktuellen Eliten auf viele/andere richtig, sinnvoll, langfristig nicht auch wieder problematisch und nichts als ein weiter-so ist usw. Aber lassen wir das hier.
Es geht auch nicht um die Neue Generation als singuläres Problem. Es geht um die Aushöhlung, Schwächung und Entwertung von Worten, die eigentlich sehr bedeutungsvoll und stark sind und die es genauso braucht, heute vielleicht mehr denn je. Mit der Schwächung und Entwertung dieser Worte wird gleichermaßen Geschichte (im historischen Sinne) und werden Geschichten entwertet, ihrer Bedeutung, ihrer Wichtigkeit und ihrer Funktion beraubt. Und das tun wir, als Linke und Linksradikale, als diejenigen, die diese Geschichte und Geschichten so dringend brauchen, um neue (alte?) Praxis zu finden und der Geschichte und den Geschichten neue Kapitel hinzuzufügen selbst, in geradezu inflationärer Weise. Wir entmachten und schwächen uns selbst in einer Zeit, in der wir durch vielfältige äußere Einflüsse bereits in einer Position der Schwäche sind.
Geschichte und Geschichten
Wir brauchen Geschichte, um zu sehen, wie bestimmte Ziele schon mal erreicht wurden, somit im besten Fall wieder erreicht werden können, wo Probleme lauern, welche Gefahren es gibt, was funktioniert hat und was nicht. Wir brauchen Geschichte, um von Erfolgen und aus Fehlern zu lernen und somit das eine zu wiederholen und das andere zu vermeiden. Geschichten, gerade solche, die nicht „nur“ der Unterhaltung dienen, brauchen wir im Prinzip aus genau denselben Gründen. „Früher“ war eine so deutliche Trennung von Geschichte und Geschichten übrigens weder vorhanden noch möglich, da Geschichten nicht nur um der Unterhaltung Willen erzählt wurden. Geschichten dienten häufig dem Schaffen und Berichten von Geschichte, dem Weitergeben von Ereignissen. Sie dienten dem Vermitteln von Werten, von richtig und falsch, Gut und Böse und dem Aufzeigen von Möglichkeiten. Geschichten erzählten dabei von Ereignissen, Entdeckungen, von Kämpfen, Siegern und Verlierern, von Revolutionen und Revolutionär:innen. (Solche mit religiösem Kontext und Hintergrund sind eine andere Sache.)
Ein erster großer Bruch bezüglich der Motivation hinter dem Erzählen von Geschichte(n) erfolgte, als Menschen sesshaft wurden und Gebiete beanspruchten, aus denen sich wiederum Einfluss und somit Macht ergaben. Dann erzählte man Geschichten zunehmend, um den Eindruck von Legitimität des eigenen Besitzes und Machtanspruchs zu generieren und um diese Ansprüche und Positionen zu festigen. Geschichte wurde mehr und mehr zu Geschichten der Sieger, die Wahrheit blieb vermehrt auf der Strecke bzw. war eine Frage der Interpretation.
Wenn wir heute Geschichten mit großen Worten erzählen, fehlt ihnen oft ebenfalls das – vor allem für das politische Geschichtenerzählen - entscheidende Element von realem aktuellem Hintergrund, von tatsächlichen Ereignissen und es fehlt ihnen das auf realistischen Annahmen basierende Versprechen von Hoffnung und Möglichkeiten. Revolutionen in unseren Geschichten existieren nur noch als Verweise auf die (beinahe mythisch anmutenden) Ereignisse vor mehr oder weniger langer Zeit, an denen niemand von uns und unseren Zeitgenoss:innen wirklich beteiligt war. Manchmal haben wir nicht mal mehr Geschichten, sondern nur das Wort auf einem Transparent oder eingebaut in einen gereimten Demo-Spruch.
Moment, werden einige jetzt denken, die meine Texte regelmäßig lesen. Hat sie da gerade Hoffnung gesagt und das noch dazu in positiver Bedeutung? Ja, das habe ich – mit dem vorangestellten und zwingend erforderlichem Zusatz von realistischen Annahmen. Ich weiß durchaus um die positiven Effekte von Hoffnung und der Aussicht auf Erfolge und Verbesserungen. Diese Effekte greifen auch und sind eine gute Sache, sofern die in Aussicht gestellten Erfolge und Verbesserungen realistisch und durch unser Zutun erreichbar sind. Revolution ist es – angesichts der aktuellen Situation (0 Hebel usw.) und unserer Praxis (appellativ und um jeden Preis GEWALTFREI) nicht.
Auch Hoffnung war früher besser 😉
Was unterscheidet also die Hoffnung in den Geschichten und der Geschichte vergangener Tage vom Hopium heute? Nun, zum einen gab es noch weitaus weniger der beinahe allumfassenden und miteinander vernetzten Katastrophen, denen wir heute gegenüberstehen. Zu hoffen, dass sich diese lösen oder eindämmen lassen, war berechtigter und realistischer als heutzutage. Zum anderen gab es noch so viele unbekannte Ecken und so viel Unbekanntes an sich, dass der Glaube an und die Hoffnung auf eine Retter:in, die von irgendwo auftaucht, nicht annähernd so unrealistisch absurd war, wie es das heute ist, wo wir als Menschheit, gerade in Gestalt der „Mächtigen“ unser wahres Gesicht schon so oft gezeigt haben, dass kaum Grund zu großer Hoffnung besteht. Lange Zeit waren viele Geschichten Berichte von tatsächlichen Ereignissen der eigenen Zeit, sicher ausgeschmückt, aber ihre Protagonist:innen hatten durchaus reale Versionen, große Geschichten spielten sich in der eigenen Realität ab, die Folgen von Geschichte hatten aufgrund der zeitlichen Nähe Einfluss auf den eigenen Alltag.
Das Geschichtenerzählen ist eine Kunst, es besitzt aber auch eine tatsächliche Relevanz und das sollten wir uns verstärkt vor Augen halten. Im Rahmen unseres Mutual Aid HEAT (Opens in a new window) im September werden wir das ganz bewusst ins Programm integrieren und jeden Abend Geschichte (im doppelten Wortsinn) aus jeweils einem unserer vier Themenbereiche hören, erzählt von Menschen, die dabei waren oder sind. Und weil Geschichten wichtig sind, sollten wir aufhören, Bullshit-und-Worthülsen-Bingo als Geschichten zu verkleiden, die uns ernsthaft Hoffnung verkaufen sollen.
Rechts überholt
Rechte haben uns übrigens leider auch in diesem Bereich überholt. Sie können eigene Erfolgsgeschichten mit ihren großen Worten verknüpfen. Dem „Genderwahnsinn“ stehen mehr und mehr reale Gesetze gegenüber, die Rechte von Trans*personen zunichtemachen. Remigration wurde mit der Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS), einem Rückführungsprogramm ausgehandelt mit den Taliban, mehr Geld und Macht für Frontex usw. inzwischen bereits ziemlich real. „Der Osten macht’s“ könnte im Herbst Tatsache werden. „Traditionelle Familienwerte“ spiegeln sich in Abtreibungsgesetzen aus der Steinzeit wider und wenn Trump davon redet, den Iran „in Schutt und Asche zu legen“, zweifelt niemand daran, dass er das kann und tun wird.
Was ist mit dem, was unsere Banner verkünden? Klimaschutz jetzt? Eher nicht so. No border, no nation? Da passiert gerade eher das Gegenteil. Nationen und Grenzen werden brutal verteidigt und ausgedehnt. Smash [you name it] läuft auch eher schlecht. United we fight? Fehlanzeige. Gas stoppen? Bitte, Ende Gelände Massenaktion – lasst uns liefern! Damit das nicht nur in Worten verpufft, müssen unsere Aktionen den Worten etwas mehr entsprechen. Sie müssen Worten wieder Gewicht und Bedeutung verleihen, damit wir wieder eigene Geschichte(n) erzählen und machen können, die wir miterlebt, aktiv beeinflusst haben und deren Folgen und Siege wir vor Augen haben. Daraus können wir dann sehr gerne wieder Zuversicht und Hoffnung ziehen, die dann aber eben in der Realität verankert und durch uns selbst beeinflussbar ist.