Ferner hieß es, ich wär halbtot und hässlich
Es war nur kurze Zeit lustig
(Tom Liwa)
171/∞
Good evening, Europe!
Letzte Woche war es mal wieder soweit: Ich hatte einen Song für mich entdeckt, den ich so grandios fand, dass ich wollte, dass meine gesamte peer group ihn hört. Jetzt! Sofort!
https://www.youtube.com/watch?v=aI5NKbACq0M (Opens in a new window)Das sind Like Roses. Die Band aus der East Bay um Sängerin und Gitarristin Amy Schmalkuche hat bisher zwei EPs und einige Singles veröffentlicht, die mir ziemlich gut gefallen. Dieses zauberhafte Pop-Punk-Cover von Chers „Believe“ - vielleicht das beste und stimmigste Pop-Punk-Cover, seit The Ataris „The Boys Of Summer“ (Opens in a new window) veröffentlicht haben - ist Teil des Projekts „Songs That Saved My Life“ (Opens in a new window), bei dem Bands Songs covern, die ihnen viel bedeuten, um damit Geld für Organisationen zu sammeln, die sich um die geistige Gesundheit junger Menschen kümmern. Es ist also alles daran toll: Der Song, die Coverversion, der Hintergrund.
Ich habe folglich mein direktes Umfeld damit zugetextet1 und wollte es von allen Dächern schreien, hab’s dann aber nur in einer Instagram-Story gepostet, auf die es natürlich keinerlei Reaktionen gab.2
Auch auf die Gefahr, mich zu (Opens in a new window) wiederholen (Opens in a new window): Mich macht es wahnsinnig, dass gute Dinge fast gar nicht mehr stattzufinden scheinen.
Im Moment ist Instagram voll damit, dass das Europäische Parlament entschieden (Opens in a new window) hat, dass pflanzliche Ersatzprodukte nicht mehr so heißen sollen wie die tierischen Produkte, die sie nachahmen. (Eine lesenswerte Einordnung der Hintergründe gibt es hier (Opens in a new window); als Linguist würde ich gerne jeder einzelnen Person, die an der Entstehung dieses Gesetzentwurfs beteiligt war, ein etymologisches Wörterbuch auf den Fuß fallen lassen.)
Klar: Da kann man sich wunderbar drüber aufregen, weil es ja nicht nur ein Problem zu lösen vorgibt, das nicht existiert, und nicht nur das Ergebnis plumpester Lobby-Arbeit ist, sondern eben auch noch so spektakulär dumm (jedes durchschnittliche Kindergartenkind kann die ganze, beleidigend lächerliche „Argumentation“ mit Hilfe von Bratwurstschnecke und Hot Dog aushebeln) — und wunderbar dabei hilft, von so vielen anderen Sachen abzulenken wie dem geplanten sozialen Kahlschlag unserer Bundesregierung oder dem Umstand, dass unser Planet immer wärmer wird.
Und damit beschäftigen sich dann alle, bis das nächste Aufregerthema kommt. Da sind natürlich manchmal kluge Posts dabei und manchmal lustige (Opens in a new window), aber die ganze Kampagne klingt schon so, als hätte sie Mark Zuckerberg selbst erfunden: reines rage bait (Opens in a new window). Jeder Post, den wir in unseren Stories teilen, ist die Selbstvergewisserung, dass wir auf der richtigen Seite stehen und uns gegen dieses Schweinesystem (höhö) engagiert haben. Und dafür bekommt man dann auch noch virtuellen Applaus.
Musik hingegen wird – so zumindest mein Eindruck - fast nur noch von Musiker*innen geteilt, die versuchen, ihre peers zu unterstützen. Vielleicht hören aber andere Menschen um die 40 einfach gar keine Musik und ich bin bei Instagram zur falschen Zeit am falschen Ort. Denn natürlich ist eine Plattform, die zum Teilen von Fotos mit Analog-Filtern entwickelt wurde und heute als Schwungrad für Empörungen aller Art dient, das völlig falsche Werkzeug für eine tiefergehende Beschäftigung mir irgendetwas, aber Instagram ist quasi zum Synonym für „das Internet“ geworden (außer bei sehr alten und sehr jungen Menschen, die Facebook bzw. Tiktok nutzen) und da sind halt alle.3
Um auf Instagram lobend erwähnt zu werden, hilft es jedenfalls sehr, gerade gestorben zu sein, wie jüngst Diane Keaton und gestern D'Angelo.
Ende August schrieb Kelefa Sanneh im „New Yorker“ (Opens in a new window) über den aktuellen Zustand der Musikkritik. Nach einem kurzen Rückblick auf ein paar der übelsten Beleidigungen beweist er anhand von belastbaren Zahlen, dass die Urteile über Alben in den letzten immer positiver geworden seien.
Die Gründe seien vielfältig: veränderte Mediennutzung, ein Kulturwandel, veränderte Strukturen in Medienhäusern, aber auch militante Fangruppen, die mit Beleidigungen und Schlimmerem reagierten, wenn man es wage, ihre Idole nicht ausschließlich zu feiern.
Einen zentralen Gedanken äußert Sanneh beinahe nebensächlich:
As the magazine world shrank, much professional reviewing was done not by all-purpose critics like [Robert] Christgau [of the “Village Voice“], who covered just about everything, but by freelancers, who might be assigned reviews based on their affinity for the performer, which created a built-in positive bias.
Da hat er natürlich nicht Unrecht: Wenn ich der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vorschlage, über Musik zu schreiben, dann über Acts, die ich eh mag. Zwar hätte ich mich über das letzte Album von Bob Mould auslassen können, das ich schon beim ersten Hören irgendwann entnervt und enttäuscht ausgemacht hatte, weil es mich auf schreckliche Art an den glatten, digitalen Sound von Rockbands wie Nickelback oder 3 Doors Down um die Jahrtausendwende erinnerte (und an das gruselig produzierte Wallflowers-Album „Red Letter Days“), aber was hätten denn die Leser*innen davon gehabt, dass ich ihnen erzähle, dass das 15. Soloalbum des ihnen womöglich unbekannten Hüsker-Dü-Sängers Mist ist?4 Dann doch lieber mal wieder „Hardly Getting Over It“ (Opens in a new window) hören!
Was Sanneh auch selbst anreißt: Musikkritik hatte ihren Wert, als die Leute wissen mussten, wofür sie ihr (Taschen-)Geld ausgeben sollten. Es gab viel Gatekeeping, Bro-Kultur und Feindseligkeit gegenüber allem, was „anders“ war.
Heutzutage können die Leute alles „kostenlos“ hören und sich ihre eigene Meinung bilden. Es besteht kein Grund, jemanden vor „schlechten“ Platten zu „warnen“. Die Zeiten sind schlimm genug. Medien, die Künstler*innen stärker zur Verantwortung ziehen als Politiker, wirken schnell lächerlich. Und die meisten Leute hatten sich sowieso nie für Musikjournalismus interessiert, wie ein Vergleich von Rezensions-Archiven und alter Hitparaden zeigt.

Ich informiere mich über neue Musik am liebsten bei „All Songs Considered“ (Opens in a new window) und „Pop Culture Happy Hour“ (Opens in a new window), wo ich meist erst eine informative Anmoderation bekomme, dann den Song höre und dann ein Gespräch zwischen mehreren fachkundigen Personen, die mal der gleichen Meinung sind und mal unterschiedlicher, und noch mal sehr detailliert auf Musik, Text und/oder Produktion eingehen. Das ist kein Angebot für den Mainstream, aber eins für mich — und wenn Stephen Thompson, Ann Powers oder Robin Hilton einen Song oder ein Album empfehlen, dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Musik auch mir gefallen wird.
Man darf das alles nicht verwechseln: Online-Bewertungen von Kulturgütern, Restaurants und Ärzt*innen werden heutzutage auch als Waffe im „Kulturkampf“ eingesetzt; eine Rezension ist kein Produkttest; man kann von den Leser*innen erwarten, dass sie den Einschub „das ist meine Meinung“ bei jedem Werturteil mitdenken.5 Ein gelungener Verriss kann in sich selbst literarischen Wert haben — aber man muss sich dann darüber im Klaren sein, dass man dieses Werk auf dem Rücken und dem Werk einer anderen Person schafft, die ihre Einwilligung dazu nicht gegeben hat.6 Andererseits werden standing ovations auch etwas wertlos, wenn sich das Publikum am Ende nahezu jeder Theateraufführung erhebt.
Der ganze Text wirkt beinahe wie eine Meta-Textinstallation, denn nachdem Sanneh zwanzig Minuten den Eindruck erweckt hat, er wünsche sich kritischere Rezensionen zurück, endet er auf einer fast schon enttäuschend versöhnlichen Note, wenn er erklärt, dass er, wie viele Kolleg*innen, viel lieber lobe als zu bashen.
Interessant ist es natürlich trotzdem, dass in einer Welt, in der vor allem diejenigen wahrgenommen werden, die in Online-Kommentaren und Fernsehtalkshows maximal ausfallend agieren, ausgerechnet die professionelle Kritik nachgelassen hat. Kein Kritiker könnte jemals so vernichtend urteilen wie „Star Wars“-Fans über die jeweils neuen Filme und Serien des franchise.
Der Absolutheitsanspruch, dem man heute vielerorts begegnet, ist natürlich eine denkbar schlechte Einladung zu einem ergebnisoffenen Dialog, aber andererseits eine phantastische Grundlage für einen weiteren engagement battle auf Social Media.
Sannehs lesenswerter Artikel kam kürzlich in Deutschland zur praktischen Anwendung, als Juliane Liebert für die „Zeit“ (Opens in a new window) über das neue Album von Nina Chuba schrieb.
Liebert mochte das Album nicht, was sie selbst schade fand, wie sie gleich zum Einstieg ihres Textes erklärte:
Nina Chuba ist eine sehr sympathische Person, und ihr neues Album ist grässlich. Schauen Sie nicht so vorwurfsvoll. Es wäre allen lieber, wenn es nicht so wäre. Frauen haben es im Rapgeschäft notorisch schwer.
Ich finde „Ich lieb mich, ich lieb mich nicht“ recht gelungen (vgl. letzter Newsletter (Opens in a new window)), aber es ist ehrlich gesagt unwahrscheinlich, dass ich es besonders oft hören werde. Und natürlich ist das am Ende auch eine Geschmacksfrage. Juliane Liebert, jedenfalls, scheint mit zeitgenössischem Pop eh ein Problem zu haben:
Leider ist ein Großteil der marktgängigen Popmusik heute präzedenzlos schrottig und überflüssig. Das ist keine aus stilistischen Gründen gewählte Hyperbel, sondern im Wortsinn gemeint: grässlich, unhörbar. So furchteinflößend grausig, so abgefuckt und austauschbar herz- und geistlos, dass man einen baldigen Hörsturz erfleht, sich aus dem Taxi werfen will oder den Supermarkt niederbrennen möchte, in dem man den ganzen unerträglichen Mist zwangshören muss.
Okay, da sind die Sonnenpferde der „Zeit“ jetzt vielleicht ein bisschen mit der Rezensentin durchgegangen, die in diesem Moment eher Autorin ihres eigenen Werks ist (s.o.). Ist das, was sie da auskotzt, lustig? Joa, Geschmackssache. Wenn sie offenbar so empfindlich ist, warum geht sie dann nicht mit Kopfhörern in den Supermarkt und warum schreibt sie über zeitgenössischen Pop?
Diese Rezension, die „Zeit online“ blöderweise auch noch hinter der eigenen Paywall verstaut hatte,7 kam bei Nina Chubas Anhänger*innen nicht so gut an.
Rezo, dieser blauhaarige, meinungsfreudige YouTuber, von dem auch Menschen über 30 schon mal gehört haben, als sein Video über „Die Zerstörung der CDU“ (Opens in a new window) 2019 (2019?! Alter!) viral ging, von klassischen Medien verhandelt wurde und die nach unten offene Philipp-Amthor-Peinlichkeitsskala neu vermaß, postete ein kurzes Video (Opens in a new window) bei Instagram, in dem er die knackigsten Werturteile aus Lieberts Rezension zitierte, auf die generelle Subjektivität von Geschmack verwies (Rezo ist selbst Musiker, was in diesem Kontext nicht ganz unwichtig ist) und erklärte: „Deswegen ist es so wertlos, was Du tust, Juliane, in Deinem Leben — und das ist nicht als Hyperbel gemeint. Zu sagen, dass man etwas grässlich und scheiße und unhörbar findet, das kann man machen, aber wenn man dafür mehr als fünf Minuten investiert, das Leuten klarzumachen, dann ist man ein Opfer.“
Natürlich kann man Rezos Kritikkritik beleidigend finden und die Ausweitung „in Deinem Leben“ ist tatsächlich so infam, dass sich eine weitere Auseinandersetzung mir seinen Ausführungen eigentlich verbietet, aber ich sehe unter diesem Hip-Hop-szenigen Wortmüll auch einen entwaffnenden Gedanken: Wenn man so viel Energie investiert, um etwas abzuwerten, dann ist das schon eine Entscheidung, die man treffen wollen muss. (Oder zumindest eine, die man trifft, um auf die von der Redaktion bestellte Zeichenzahl zu kommen.)
Rezos Video wurde natürlich tausendfach geliket, geteilt (auch von Nina Chuba, was ich an ihrer Stelle vielleicht nicht gemacht hätte) — und in der Verwertungskette weitertransportiert, denn als nächstes war es natürlich Thema beim Deutschlandfunk Kultur (Opens in a new window), wo der von mir sehr geschätzte Popkulturjournalist Jens Balzer (der, wie Juliane Liebert, auch für die „Zeit“ arbeitet, was aber immerhin direkt zu Beginn des Gesprächs erwähnt wird) kurz darauf zu diesem Clip befragt wurde.
Balzer spricht von einer „selbst in unseren erregten Zeiten immer noch außergewöhnlichen Infamie“ und erklärt, Rezo habe Urteile „aus dem Zusammenhang gerissen“ (ob das der Fall ist, müssten im Zweifelsfall Gerichte entscheiden, die allerdings traditionell nicht besonders literaturwissenschaftlich bewandert sind — ich würde sagen: „geht so“). Er kritisiert das Ziel, „einen Shitstorm gegen die Autorin zu entfachen und eine souveräne Frau mit einer eigenen Stimme mundtot zu machen“ und „Kunstkritik als solche zu diffamieren“, und da ist natürlich was dran: Wenn Rezo und Nina Chuba mit ihren Hunderttausenden empörungswilligen Followern mobil machen, ist das kein Guerilla-Krieg mehr gegen die „böse Übermacht der Presse“, sondern ein umgekehrtes Kräfteverhältnis.
Es geht dann um die Entwicklung der Kulturkritik an sich und Balzer nennt im Wesentlichen die gleichen Punkte wie Sannehs Text (veränderte Medienlandschaft, militante Fans, wirtschaftliche Interessen) und findet Verrisse als „Masche“ auch „blöd“. Es ist eine recht differenzierte Betrachtung aus der Blickrichtung eines leidenschaftlichen Popkultur-Fans und -Experten, der diese Leidenschaft auch bei Nichtgefallen einfordert, aber diese Differenzierung leidet natürlich ein bisschen darunter, dass der Deutschlandfunk Kultur sie unter der Zündschnur-Überschrift „Negative Kritik unerwünscht“ online gestellt hat.
Könnt Ihr mich bitte wecken, wenn das moderne Internet vorbei ist?
Cory Doctorow, Science-Fiction-Autor, Journalist und Netz-Aktivist, hat vor einigen Jahren das Wort „enshittification“ geprägt, das beschreibt, wie um uns herum alles immer schlimmer wird: die Software, die Plattformen, die Onlineshops. Jetzt ist sein Buch „Enshittification: Why Everything Suddenly Got Worse and What to Do About It“ erschienen und der „Guardian“ (Opens in a new window) hat einen Auszug abgedruckt, in dem es darum geht, wie Amazon mittlerweile funktioniert und warum das auch Auswirkungen auf unsere Gesellschaften als solche hat.
Das Gefühl, dass die Technik um uns herum nicht mehr besser, sondern eher schlechter wird, kennen sicherlich viele. Ich bin schon lange der Meinung, dass das Internet seinen Höhepunkt ca. im Jahr 2010 erreicht hatte — interessanterweise an einem Zeitpunkt, zu dem ich als frisch gebackener BILDblog-Chef und ESC-Blogger eine vorher und nachher ungeahnte Aufmerksamkeit erfahren habe und nicht auf Twitter war. Vor zwei Jahren habe ich über 300 Euro für ein iPhone ausgegeben (und es war damit das mit Abstand günstigste), das mit jedem Software-Update schlechter wird. Sogenannte Markt-Beobachter beklagen die ganze Zeit, Apple würde zu wenig KI nutzen; ich hingegen fänd es ganz geil, wenn Siri heute einfach noch genauso funktionieren würde wie vor zehn Jahren.8
Dazu passt ein Text, den Mario Sixtus gerade für die „Zeit“ (Opens in a new window) (ebenfalls hinter der Paywall) geschrieben hat und in dem er sich mit abgehangenen dad jokes befasst, vor allem aber mit einem Internet, in dem die User nur noch eine Funktion haben:
Der Betreiber Meta zahlt also Geld an Maschinisten, die mithilfe von KI-Software Tag und Nacht Unmengen grafischer Dateien in Facebook hineinpumpen, mit dem einzigen Ziel, reflexhafte Klicks der Nutzerinnen und Nutzer zu provozieren. Denn wer klickt, ist immerhin irgendwie anwesend – wenigstens in Form eines Fingermuskelimpulses –, und wer messbar da ist, dessen Augäpfel kann man mit bezahlten Werbeanzeigen bewerfen.
Ich glaube/hoffe, wenn wir mit dieser Entwicklung durch sind, wird das Internet für die meisten Menschen das sein, was Essen für die meisten Amerikaner*innen ist: etwas, das vage an natürliche Dinge erinnert, irgendeine Idee einer vergangenen Wirklichkeit zitiert und ansonsten den Körper (hier dann Geist) sehr schnell kaputt macht.
Wir anderen können dann auf den Wochenmarkt gehen, frisch einkaufen, selber kochen, Sport treiben, meditieren und glücklich sein. Idealerweise schließt sich die Bubble um die Mainstream-User irgendwann komplett, die KI nimmt ihnen auch ihre Hasskommentare ab und sie können den ganzen Tag „Candy Crush“ spielen.
Ich habe im Moment mal wieder ein kostenloses Probeabo für einen dieser Dienste, mit denen man jede Menge Zeitungen und Zeitschriften lesen kann, und ich habe mich gestern Abend dabei erwischt, wie ich eine halbe Stunde in der Digitalausgabe der „Architectural Digest“ geblättert habe.
Es waren mindestens so viele Werbeanzeigen wie auf Instagram, aber die redaktionellen Seiten waren von Layoutern angelegt, irgendjemand hatte sich bei jedem Detail und jeder Bildunterschrift wenigstens ein bisschen was gedacht und diese Lektüre hat mich so viel glücklicher und zufriedener gemacht, als es Instagram mit seiner erratischen Mischung aus verschiedenen Themen und Medien (Fotos! Texttafeln! Videos mit Off-Kommentar! Videos mit Aufsager! Videos mit Texttafeln und O-Tönen! Reels, die eigentlich nur eine Texttafel sind, aber mit nerviger, lauter Musik unterlegt wurden! Überhaupt: ständig überraschender Lärm!) in den letzten Jahren gekonnt hätte.
Ich wiederhole (Opens in a new window) mich (Opens in a new window) da (Opens in a new window), aber: Können wir Instagram bitte hinter uns lassen und die Blogs zurückhaben?!
Wenn Ihr bis hierhin durchgehalten habt, seid Ihr gut vorbereitet auf das kommende Frühjahr, denn dann könnt Ihr sehr viel Text von mir auf einmal lesen: Es ist mir eine große Freude und Ehre, verkünden zu dürfen, dass am 25. März 2026 mein nächstes Buch (Opens in a new window) erscheinen wird!

Es wird um den Eurovision Song Contest gehen, der nächstes Jahr sein 70. Jubiläum feiert (so er denn überhaupt (Opens in a new window) stattfindet), aber in ganz anderer Form als in meinem ersten Buch zum Thema — so werde ich zum Beispiel erstmals enthüllen, was für unsendbare Worte die schwedischen Gastgeber im Jahr 2013 in ihre Finalshow einbauen wollten.
Wenn Ihr das Buch jetzt schon bestellen wollt (was mich natürlich sehr freuen würde und für die Auflagenplanung, die Vorverkaufszahlen und die - hoho - Bestsellerlisten ziemlich wichtig ist), macht es am Besten in der kleinen Buchhandlung bei Euch um die Ecke, beim Verlag (Opens in a new window) selbst oder bei Autorenwelt (Opens in a new window), wo ich damit doppelt so viel Geld verdiene wie überall sonst.
Ich werde bis zum Release noch einiges zu diesem Buch schreiben, aber jetzt muss ich erstmal das Buch selbst fertigstellen.
Was hast Du veröffentlicht?
Vergangene Woche kam die Nachricht, dass Franz Josef Wagner, der Chefbriefeschreiber der „Bild“-Zeitung, im Alter von 82 Jahren gestorben ist. Ich hatte erst im Juli für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (Opens in a new window) über Wagner geschrieben (mein Text wurde von Ulf Poschardt in dessen Nachruf (Opens in a new window) auf Wagner gewohnt verständnislos zitiert), jetzt hab ich für Übermedien (Opens in a new window) (aktuell noch hinter der Paywall) noch einmal auf das Leben ’n’ Werk jenes Mannes zurückgeblickt, der mich mit seiner „Post von Wagner“ im Laufe der Jahre nicht nur wahnsinnig gemacht und begeistert hat, sondern damit - wie ich erst jetzt checke - womöglich auch Inspiration für den beknackten Namen dieses Newsletters hier war.
Außerdem habe ich mich mit einem kleinen YouTube-Video von ihm verabschiedet, in dem ich auch seine (wie ich finde) bedeutendste „Post“ vorlese:
https://www.youtube.com/watch?v=YHmtW6T5_e8 (Opens in a new window)Und dann gab es natürlich noch ein neues Mixtape mit den (wie ich finde) schönsten Songs aus dem September (die ich bisher gehört habe):
https://open.spotify.com/playlist/50q4C9TnCX0tDfuDgBhPZg?si=70d087c851f64d0b (Opens in a new window)Was hast Du gehört?
Ich weiß nicht, ob Ihr es mitbekommen habt, aber Taylor Swift hat vor knapp zwei Wochen ein neues Album veröffentlicht: „The Life Of A Showgirl“ (Republic; Apple Music (Opens in a new window), Spotify (Opens in a new window), Amazon Music (Opens in a new window), Tidal (Opens in a new window), YouTube Music (Opens in a new window)).
Die Swifties in meinem Umfeld haben sehr starke, sehr unterschiedliche Meinungen dazu, aber ich mag’s. Nachdem ich „The Tortured Poets Department“ schon wegen seiner Ausmaße unkonsumierbar fand, ist dieses Album endlich mal wieder eins, das ich gerne höre: Kein „1989“ und erst recht kein „Folklore“, aber für mich reicht’s.
Natürlich liegen Swifts lyrische Stärken vor allem in der Verarbeitung von und Abrechnung mit alten Beziehungen und die glückliche, verlobte Taylor ist eine sehr andere Geschmacksrichtung, aber musikalisch ist „TLOAS“ so nah an Carly Rae Jepsen wie noch nie — und das finde ich natürlich erstmal super. Mein Lieblingssong: Das andernorts viel gescholtene „Wood“ über das Gemächt von Travis Kelce.
Natürlich hab ich auch sofort die einschlägige Sekundärliteratur konsultiert, in diesem Fall also die Folge von „Pop Culture Happy Hour“ (Opens in a new window), in der sich Ann Powers und Stephen Thompson engagiert über das Album austauschen.
Und dann gab es noch die 1686. und letzte Episode von „WTF with Marc Maron“ (Opens in a new window), in der Barack Obama noch einmal zu Gast ist. Es ist eine Erinnerung an bessere Zeiten, als US-Präsidenten noch keine verrückten Milliardäre waren und Podcasts keine mehrstündigen, unhörbaren Redaktionsverweigerungen.
Was hast Du gesehen?
Bei Disney+ läuft jetzt die Dokumentation „Lilith Fair: Building A Mystery“ (Opens in a new window) über das von Sarah McLachlan in den 1990er Jahren ins Leben gerufene Musikfestival, bei dem ausschließlich Frauen (McLachlan selbst, Jewel, Sheryl Crow, Patti Smith, Emmylou Harris, Lisa Loeb, Paula Cole, Aimee Mann, Suzanne Vega, Tracy Chapman, Fiona Apple — you name it) auftraten.
Der Teil meiner Persönlichkeit, der in Wahrheit eine 50-jährige lesbische Grafikdesignerin ist, war hellauf begeistert und der Rest auch. Der Film von Ally Pankiw (produziert u.a. von Daniel Levy) baut manchmal eine Dramatik auf, wo keine war, aber es ist schön, all die Songs von damals wiederzuhören und all die Musikerinnen zu sehen (plus die heute schon mehrfach erwähnte Ann Powers als Popkultur-Chronistin). Die Doku ist aber auch eine Erinnerung daran, dass die 1990er nicht nur das beste musikalische Jahrzehnt überhaupt waren (zumindest für uns, weil wir verdammt noch mal jung waren), sondern auch kulturell eines der vielleicht offensten misogynen (weil die Frauen eben nicht mehr still und brav und nett waren; ein Problem, das sich bis heute fortsetzt).
In der ARD-Mediathek habe ich die drei Folgen „Press Play“ (Opens in a new window) mit Louis Klamroth gebinget. Es ist eine Art „Gogglebox“ (Opens in a new window) (oder „17,50“ (Opens in a new window), wie das gleiche Format im WDR hieß, als ich vor zehn Jahren daran mitgearbeitet habe) mit einer einzelnen prominenten Person pro Folge: Cem Özdemir, Heidi Reichinnek und Michel Friedman. So eine Sendung, in der man anderen Leuten beim fernsehen zuschauen kann, ist natürlich sehr praktisch, wenn man sich grundsätzlich für Popkultur interessiert, sich praktisch aber nie dazu durchringen kann, den ganzen Kram auch wirklich anzuschauen (z.B. weil man eine sehr niedrige Fremdscham-Grenze hat und/oder selbst beim Fernsehen arbeitet und deswegen immer unzufrieden ist mit allem, was man sieht — wenn man also ich ist).
Friedman ist natürlich so sensationell toll, dass man das Transkript gerne sofort an jeder Uni durcharbeiten möchte. Mit den vorgesetzten Szenen aus „Shopping Queen“ weiß er nicht viel anzufangen (er nutzt sie immerhin als Rampe für eine schöne autobiographische Anekdote), aber als es um Friedrich Merz geht, urteilt er in einem vermeintlich harmlos-spöttischen Ton, der in Wahrheit einem rhetorischen Nuklearschlag gleichkommt und damit sogar Guido Maria Kretschmer in den Schatten stellt. Schließlich bekommt er einen Ausschnitt vorgesetzt, in dem sein eigenes, jüngeres Ich mit Christoph Schlingensief essen geht — und das ist auf so vielen Ebenen toll, dass man es gesehen (Opens in a new window) haben sollte.
Heidi Reichinnek offenbart direkt zu Beginn ihrer Sendung ein profundes Wissen um den Eurovision Song Contest und äußert auch eine angenehm differenzierte Haltung zur immer noch aktuellen Diskussion um einen möglichen Ausschluss Israels. Mit Özdemir, der sich freut, dass seine Bildungslücken geschlossen werden, geht es, ein bisschen klischeehaft, vor allem um Rassismus und die AfD, aber ich bin ja schon zufrieden, wenn im deutschen Fernsehen mal Einzelinterviews laufen und nicht diese gruseligen Panels.
Die Idee, das Fernsehprogramm als Basis für ein reguläres Interview zu nutzen, geht mal mehr, mal weniger gut auf. Aber Louis Klamroth, den ich sehr schätze, wirkt immer aufrichtig interessiert bzw. - vor allem im Gespräch mit Reichinnek - überrascht über das, was er da hört. Sein Versuch, den Politikbetrieb mit Reality TV gleichzusetzen, erscheint erstmal etwas bemüht, führt aber zu spannenden Antworten, wenn etwa Özdemir erzählt, dass die AfD in nicht-öffentlichen Ausschüssen deutlich weniger inszenatorischen Krawall stattfinden ließe als sonst.
Aus lokalpatriotischen Gründen muss ich noch darauf verweisen, dass Tim Raue in der ersten Folge der neuen Staffel „Tim Raue isst!“ (Opens in a new window) (eine Art Anthony-Bourdain-Kulinarikreise durch die Bundesrepublik) um die „beste Currywurst“ geht und der Koch deshalb bei der Bochumer Traditionsmetzgerei Dönninghaus zu Gast war — und bei einer Currywurstbude am Berliner Gesundbrunnen.
Natürlich ist es ein bisschen unjournalistisch, jemanden, der in Berlin mit der dortigen Sauce (inkl. drüber gestreutem Curry) aufgewachsen ist, die deutlich anders schmeckende Sauce im Pott bewerten zu lassen. Und überhaupt trägt das inhaltlich vielleicht für 15 Minuten YouTube, aber doch nicht für 45 Minuten Fernsehen/Streamer! Aber wenn man tief in das Thema eintauchen will: Es schadet nicht.
Was hast Du gelesen?
Linus Volkmann hat im „Musikexpress“ (Opens in a new window) einen Text über seine eigene journalistische Laufbahn geschrieben, an dem mir vieles bekannt vorkam.
Jakob Strobel y Serra war beim großen dîner am Vorabend des Tags der deutschen Einheit dabei und in seinem Text, den er darüber für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (Opens in a new window) geschrieben hat, lernt man viel über Esskultur, Deutschland und - nie verkehrt - eine neue Schmähung für Markus Söder.
Außerdem hat sich Daniel Theweleit für die „FAZ“ (Opens in a new window) mit Felix Mnecha beschäftigt. Der Fußballer, der für Borussia Dortmund und die deutsche Nationalmannschaft spielt, war schon mehrfach in den Sozialen Median auffällig geworden, weil er transphobe, homophobe oder sonstwie reaktionäre (oder, wie er es wahrscheinlich nennen würde: „christliche“) Ansichten geteilt hatte. Der Text behandelt das Thema erstaunlich differenziert, beschönigt aber auch nicht, in was für verstörenden Kreisen der Spieler sich da bewegt. (Ich halte ihn für einen kompletten Dulli und der Gedanke, dass Kinder sein Trikot tragen, bereitet mir echt Bauchschmerzen. Aber da ist man wieder bei dem Thema, wie viel Meinungsfreiheit eine solche Vorbildfunktion verträgt, die ja auch nur kollateral zur Karriere als Fußballprofi anfällt.)
Und in der „taz“ (Opens in a new window) hat Donata Künßberg darüber geschrieben, was es für unsere Welt, unsere Unabhängigkeit und unser Grundrecht auf analoge Teilhabe bedeutet, wenn sich selbst der bisher als Digitalverweigerer bekannte Werner Herzog ein Smartphone zulegen musste, um weiter in der Gegenwart leben zu können. Der Text nimmt diese vermeintlich amüsante Nachricht zum Aufhänger für tiefgreifende Fragen, über die man schon mal ein paar Minuten nachdenken kann, wenn man mal wieder darauf wartet, dass das iPhone das neueste Update installiert.
Was hast Du zum ersten Mal gemacht?
Mein Name steht jetzt - wie der von Roger Willemsen, Florian Illies, Sarah Kuttner, Thomas Mann und Nobelpreisträger László Krasznahorkai - im Verzeichnis (Opens in a new window) der Fischer-Autor*innen. Direkt hinter Heinrich Heine. 🤣
Was hast Du gelernt?
Eine Milliarde heißt auf Portugiesisch in Brasilien „bilhão“ und in Portugal „mil milhões“. Die portugiesische Sprache nutzt also sowohl die lange als auch die kurze Leiter (Opens in a new window).
Was hat Dir Freude bereitet?
Nach über zwei Jahren in der Gewalt der Hamas sind die letzten überlebenden Geiseln vom 7. Oktober 2023 zu ihren Familien zurückgekehrt.
Und jetzt: Musik!
https://www.youtube.com/watch?v=7qML_NHnf5o (Opens in a new window)Wenn Dir mein Schaffen (Newsletter (Opens in a new window), Blog (Opens in a new window), Musik (Opens in a new window)) Freude bereitet, leite es doch bitte an Personen weiter, zu denen es auch gefallen könnte!
Und wenn Du meine Arbeit auch finanziell unterstützen magst und kannst: Das geht per PayPal (Opens in a new window) oder als Bezahl-Abo.
Habt eine schöne Restwoche!
Always love, Luki
Wir brauchen dringend noch eine Vokabel für das, was früher eine SMS war, heute aber technisch etwas anderes ist. Ich werde niemals akzeptieren, dass jemand „eine WhatsApp“ schreibt, wenn eine einzelne Textnachricht gemeint ist, aber es kann ja eben auch eine iMessage (hier geht der Singular, analog zur E-Mail — die natürlich auch niemals „eine Mail“ ist, denn das wäre ja die analoge Post) oder eine Telegram-Nachricht sein, die ich da verschickt habe — und die Kommunikationen bei diesen Dienste sind für mich auch keine „Chats“, weil die nach meiner Einschätzung in Echtzeit stattfinden, wenn beide Gesprächspartner*innen gleichzeitig online sind (vgl. ICQ, AIM). Ebenso wie beim videocall fehlt uns hier im Deutschen eine Vokabel — oh, ich merke gerade, ich schweife ab. ↩
Klar: Instagram ist weder darauf ausgelegt, dass man die Plattform verlässt, noch dass man Feedback gibt — man soll einfach nur in Instagram bleiben, politische Diskussionen mit Wildfremden führen und so die Werbeeinnahmen für Mark Zuckerberg und seine Minions generieren. ↩
Und: Ja, ich vergesse immer wieder, dass ich ein Blog habe, wo ich Musik und andere tolle Sachen theoretisch auch abladen könnte — zwar mit noch weniger Aufmerksamkeit, aber immerhin in meinem eigenen Ökosystem, nicht in dem von Mark Zuckerberg. ↩
Zumindest für mich, die Kritiken liegen laut Wikipedia (Opens in a new window) zwischen 7 und 9/10. ↩
Das heißt ja nicht, dass man gar keine Urteile über das Handwerk hinter der Kunst treffen kann: Seit Michi Buchinger sich in seinem Podcast (Opens in a new window) darüber lustig gemacht hat, dass Taylor Swift gerne sehr naheliegende, saubere Reime verwendet, kann ich bei ihren Songs auf nichts anderes mehr achten. ↩
Am Ende ist es meines Erachtens auch eine Typfrage: Ich kenne Menschen, die mit fast Thomas-Bernhard-haftem Weltekel durch den Alltag schreiten und dabei ein Bonmot nach dem anderen produzieren, und welche, denen so ein Habitus überhaupt nicht steht. Aber ich mochte Mark van Bommel auch immer mehr als Cristiano Ronaldo. ↩
Junge Menschen wissen offenbar nicht mehr, wie man über eine solche Paywall kommt. So ist das, wenn man mit Spotify aufgewachsen ist statt mit Napster. ↩
Eine der Folgen von iOS 26 ist, dass ich im Sperrbildschirm den Home-Button jetzt mit einem Finger drücken muss, dessen Abdruck nicht hinterlegt ist, weil ich sonst automatisch - und ungewollt - mein Handy entsperre, anstatt Siri zu aktivieren. Da ich Siri eigentlich nur nutze, um mit fettigen Händen inmitten blubbernder Töpfe beim Kochen einen Timer zu stellen, ist das ein immenser Eingriff in mein Leben. ↩