Wie oft ich diesen wunderbar konsequenten und herrlich abgespaceten Endzeitfilm schon gesehen habe, kann ich gar nicht so genau sagen. Einmal im Jahr schiebe ich die Disc in den Player und lege los, denn es gibt eben Filme, die mich immer wieder reizen. Die kann ich mir ständig ansehen, ohne dass mir langweilig wird oder bei denen ich das Gefühl bekomme, dass ich das doch längst alles auswendig kennen müsste.
Der neuseeländische Film von Geoff Murphy (Young Guns II / Freejack) aus dem Jahre 1985 ist ein absolutes Ausnahmewerk, da er sich keinen gängigen Konventionen unterwirft. Zwar reiht er sich in eine ganze Serie von Endzeitfilmen der 70er und 80er ein, dennoch steht er außenvor. Ohne viel Brimborium, aber angereichert mit einigen wunderbaren Tricksequenzen, erzählt der Regisseur mit ruhigem Tempo die Geschichte von Zac Hobson, dem letzten Menschen auf der Erde. Denn alle anderen verschwinden innerhalb eines Augenblicks, morgens früh um 6:12 Uhr. Dafür verantwortlich ist höchstwahrscheinlich ein weltumspannendes Experiment names Projekt Flashlight. Ganz allein auf sich gestellt, versucht Zac weitere Überlebende zu finden, doch die Erde ist sehr still geworden. Nahezu alles Leben ist verschwunden: Menschen, Tiere und Insekten.
In seiner Verzweiflung setzt Zac eine Radioaufnahme ab, die ununterbrochen läuft, er sucht einzelne Städte auf und klappert alles ab. Doch die Menschen bleiben verschwunden. Die Einsamkeit fordert bald ihren Tribut und so kann man Zac dabei beobachten, wie er allmählich den Verstand verliert. Denn nach und nach wird klar, dass er nicht ganz unbeteiligt an dem “Effekt” zu sein scheint und das es einen Grund für sein eigenes Überleben gibt.
Der Film beeindruckt durch seine Einfachheit und bietet dennoch viele starke Bilder von verlassenen Straßen, leeren Einkaufszentren und unbelebten Häuserzeilen. Bruno Lawrence, Hauptdarsteller und Mitverantwortlicher für das Drehbuch - nach dem gleichnamigen Roman von Craig Harrison - wuchtet die ersten 35 Minuten des Films ganz allein, was für sich schon bemerkenswert ist. Ohne allzu große schauspielerische Exzesse fügt er sich in das Gesamtbild ein und zeigt uns, was Einsamkeit und Schuldgefühle anrichten können. Mit sanften Gesten und sachlicher Herangehensweise spielt er sich die Seele wund, spürt mit seinen Blicken dem eigenen Wahnsinn nach und zeigt uns ohne viel Aufregung seine Verletzlichkeit.
Der wunderbare orchestrale Soundtrack von John Charles unterstreicht mit seinen episch-dröhnenden Ausbrüchen immer wieder das Gefühl der Leere und der zunehmenden Dringlichkeit. Mit zarten Klängen, die fast melancholisch wirken, nimmt der Film seinen Anfang, um die aufgehende Sonne über dem Meer zu begrüßen. Sofort hat man den Eindruck, dass hier etwas unrund läuft und es gleich zur Katastrophe kommt. Die folgt dann auch - ein Farbflash, ein wenig Nebel im Laserlicht, heransausende Lichtpartikel - und mehr braucht es nicht, um dem Publikum eine Gänsehaut einzujagen und klarzumachen: jetzt ist es passiert!
Typisch für die 80er und auch ein wenig abhängig vom Budget, gibt sich der Film allerdings auch eine künstlerische Note, indem er die Darsteller:innen ein wenig mystisch verklärt und ihnen einige recht pseudophilosophische Dialoge in den Mund legt. Zudem ist die Handlunsgweise der Protagonist:innen nicht immer ganz nachvollziehbar. Hier entsteht dann ein interessanter Konflikt, der dem Ganzen einen sehr menschlichen Anstrich verleiht und uns mal wieder aufzeigt, dass es nur wenige Menschen braucht, um eine verfahrene Situation eskalieren zu lassen. Diese zwischenmenschlichen Konflikte meistern die Darsteller:innen aber recht gekonnt und zum Ende hin löst sich auch so manches persönliches Rätsel auf.
Das Ende des Films steht dann wieder ganz allein für sich. Ein eigenes kleines Filmrätsel, das komplett ohne Dialoge auskommt und noch lange nachhallt. Ähnlich wie bei 2001 - Odyssee im Weltraum wird hier einfach etwas in den Raum gestellt, mit optischen Effekten und gnadenlos einsetzender Musik gefüllt und ohne weitere Erklärungen auf die Zuschauer:innen losgelassen. Zwar kann man sich die Antwort darauf ziemlich leicht zurecht biegen, wenn man dem Film aufmerksam folgt, dennoch ist man im ersten Moment ordentlich geflasht. Das ist aus heutiger Sicht technisch vollkommen überholt, sieht aber für 1985 und dem geringen Budget des Films verdammt eindrucksvoll aus. Der letzte Akt einer vollkommen irren Geschichte, der jedem durch Mark und Bein fährt.
The Quiet Earth (Das letzte Experiment) ist ein beeindruckender Film, dessen Stärken in der einfachen Umsetzung und der großartigen Leistung seiner Darsteller:innen liegen. Der Film erschafft mit wenigen Mitteln eine unvorstellbar endgültige Stimmung, die unter die Haut geht. Das ist Endzeit pur, mit einem Hauch Melancholie und theatralischer Mystik, die sich im ewigen Kampf mit der wissenschaftlichen Seite des Films befindet. Natürlich hat das Werk einige Schwächen, vor allem das oft manische Geplapper einiger Darsteller:innen und die nicht gerade astrein fundierte wissenschaftliche Grundlage, machen es einem nicht immer leicht. Darüber kann man aber getrost hinweg sehen, denn letztendlich besticht der Film als Gesamtwerk und als Mahnmal für wissenschaftlichen und militärischen Größenwahn.
Fazit:
Ein Ausnahmefilm, der von seiner eindringlichen Atmosphäre lebt und trotz kleiner Schwächen als Klassiker des Genres gilt.
4,8 von 5 Pappaufstellern