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Was es für mich bedeutet, taub zu sein

Es heißt, mich neu zu erfinden – nicht einmal, sondern immer wieder.

Mein Leben ist kein geradliniger Pfad, den ich in stoischer Selbstverständlichkeit beschreite. Manche Tage fordern mich heraus, weil das Jetzt nicht ohne Weiteres in mein Inneres passt. Dann muss ich innehalten, mich neu ausrichten, in der veränderten Wirklichkeit meinen Platz erspüren.

Ich lerne, mich in Situationen nicht nur zu bewegen, sondern mich in ihnen neu zu erleben. Ich entdecke Seiten an mir, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren – und schenke mir die Zeit, aus diesen Begegnungen mit mir selbst zu wachsen.

Es ist nicht so, dass ich in endloser Melancholie verharre, gefangen in einem trügerischen „Was wäre, wenn“.

Ich verliere mich nicht in der rückwärtsgewandten Fantasie, was hätte sein können – ob ich mich entschiedener gegen die Worte eines Arztes gestellt, mehr Unerschütterlichkeit gezeigt, entschlossener für mich selbst gekämpft hätte.

Ich verweigere diesen Gedankenspiralen den Zutritt, weil sie nichts nähren außer einer Leere, die keine Antwort kennt.

Sie sind Schattenfragen, ohne Gegenwart und ohne Zukunft, und ich weiß: Würde ich ihnen Raum geben, raubten sie mir die Kraft, die ich brauche, um heute zu leben.

Darum meide ich den Rückblick – nicht aus Feigheit, sondern aus Einsicht.

Keine noch so beharrliche Frage an die Vergangenheit wird mir eine Antwort schenken; sie würde nur ein kreisendes Gedankenkarussell in Gang setzen, dessen Fahrt mir schwindelt.

Also wende ich mich dem Heute zu – dem Hier und Jetzt.

Ich lege meine Gedanken auf den Seziertisch der Gegenwart, prüfe meine Gefühle wie ein Gärtner den Boden vor der Saat.

Denn nur, was ich heute in die Hand nehme, kann ich gestalten.

Nur, was sich im Augenblick entfaltet, gibt mir die Möglichkeit zu wachsen – damit ich vielleicht morgen nicht mehr an denselben Stolpersteinen zu Fall komme.

Natürlich gelingt mir dieser Fokus auf das Heute nicht immer.

Es gibt Tage, an denen Traurigkeit wie Nebel durch meine Gedanken zieht, an denen Frustration schwer auf meiner Brust liegt – und an denen sich Wut in mir aufstaut, eine glühende, unbändige Wut.

Wut über Barrieren, die nicht sein müssten, über Hürden, die längst überwunden sein sollten in einer Zeit, die sich rühmt, im Licht von Privilegien und technischen Hilfsmitteln zu leben.

Und doch hält man krampfhaft an den alten Zöpfen fest, zurrt sie noch enger, und erschwert so das Leben für alle, die mehr Offenheit bräuchten.

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