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Zwischen Frust und Freude –

oder warum selbst ein Wiesel manchmal schlechte Laune haben darf

Gute-Laune-Socken

Viele Menschen sagen zu mir, ich sei stark. Sie meinen das freundlich, wertschätzend und vermutlich auch bewundernd. Und dennoch stolpere ich innerlich immer ein wenig über dieses Wort. Stärke klingt oft so endgültig, so monolithisch, als sei sie ein Charaktermerkmal wie die Augenfarbe oder die Körpergröße. Dabei empfinde ich sie eher als etwas Situatives. Wir alle sind so stark, wie wir es gerade sein müssen. Nicht mehr und nicht weniger.

Manchmal tragen wir Lasten mit einer Selbstverständlichkeit, die uns selbst überrascht. Und manchmal sitzen wir auf dem Sofa, starren missmutig in eine Kaffeetasse und finden die Welt ausgesprochen unerquicklich.

Auch ich bin nicht immer der fröhliche Mensch, dem viele begegnen. Ich kenne die tiefen Täler ebenso wie die sonnigen Höhenzüge. Ich kenne Traurigkeit, Wut, Frustration und Verzweiflung. Es gibt Tage, an denen mir alles zu viel wird. Tage, an denen ich die Hörtechnik, die Organisation, die Rücksichtslosigkeit mancher Mitmenschen und die akustischen Hindernisparcours des Alltags am liebsten kollektiv zum Mond schießen würde.

Mein Wiesel übrigens auch.

Das Wiesel besitzt diesbezüglich eine bemerkenswerte Konsequenz. Es ist ein ausgesprochen emotionales Wesen mit einer gewissen Neigung zur Empörung. Während andere Menschen gelassen durch die Welt spazieren, führt mein inneres Wiesel akribisch Buch über jede akustische Unverschämtheit des Tages.

Die Wasserbüffelin hingegen reagiert anders. Sie hebt gelegentlich den Kopf, kaut bedächtig weiter und betrachtet die Situation mit einer stoischen Lakonie, die ich zutiefst bewundere.

„Ist es wichtig?“, fragt sie dann.

Das Wiesel fuchtelt mit den Pfoten.

„Natürlich ist es wichtig!“

Die Wasserbüffelin nickt langsam.

„Dann frag eben noch einmal nach.“

Für das Wiesel ist das allerdings leichter gesagt als getan.

Denn genau darin liegt eine der großen Erschöpfungen einer Hörbehinderung. Nicht im einzelnen Missverständnis. Nicht im einmaligen Nachfragen. Sondern in der schieren Summe der kleinen Hindernisse, die sich über einen Tag hinweg akkumulieren und irgendwann zu einem stattlichen Gebirge auftürmen.

Schon ein gewöhnlicher Arztbesuch kann zu einer expeditionären Herausforderung werden. Anmeldungen hinter Plexiglasscheiben, Wartezimmer voller Nebengeräusche und Behandlungsräume, deren Akustik offenbar nach dem Prinzip „Kathedrale trifft Turnhalle“ konzipiert wurde, verlangen ein Maß an Konzentration, das Außenstehenden oft verborgen bleibt. Während andere Menschen zuhören, verstehen und antworten, analysieren wir gleichzeitig Raumhall, Blickwinkel, Lichtverhältnisse, Mundbild und Nebengeräusche.

Das ist keine Schwäche.

Das ist Hochleistungs-Multitasking.

Nicht viel anders verhält es sich beim Elternabend. Während die übrigen Eltern scheinbar mühelos den Ausführungen der Lehrkraft folgen, sitzt das Wiesel bereits in erhöhter Alarmbereitschaft auf meinem geistigen Schreibtisch und überprüft Fluchtwege, Sitzpositionen und Sichtachsen. Die Wasserbüffelin hingegen hat sich längst eingerichtet und vertraut darauf, dass sich schon irgendein sinnvoller Informationskern aus dem akustischen Durcheinander herausdestillieren lassen wird.

An der Supermarktkasse wiederum hat das Wiesel längst kapituliert. Die Kassiererin kann sagen, was sie möchte. Mein Blick sucht bereits das Display. Zahlen sind verlässlich. Zahlen nuscheln nicht. Zahlen drehen sich nicht weg. Zahlen sprechen auch nicht in Richtung Förderband.

Besonders reizvoll werden jene Situationen, die eigentlich von Nähe und Gemeinschaft geprägt sein sollten. Ein Spaziergang mit dem Partner oder der besten Freundin gehört dazu. Menschen lieben es nämlich erstaunlicherweise, beim Gehen nach vorne zu schauen. Hörbehinderte Menschen hingegen lieben Gesichter. Diese beiden Interessen befinden sich nicht immer in harmonischer Konvergenz.

So laufen wir nebeneinander her, während der Wind mitdiskutiert, Autos vorbeifahren und die Freundin plötzlich auf eine besonders hübsche Blume am Wegesrand zeigt. Während sie sich wegdreht, spricht sie weiter. Das Gespräch verschwindet augenblicklich in einem akustischen Paralleluniversum.

Das Wiesel bleibt irritiert zurück.

Die Wasserbüffelin kaut.

Ich frage nach.

Wieder einmal.

Und genau das ist der Punkt, über den so selten gesprochen wird. Nicht das technische Hören ist häufig die größte Herausforderung. Nicht die Implantate, die Hörgeräte oder die Anpassungen. Es ist vielmehr die permanente Notwendigkeit, immer wieder um Kommunikation bitten zu müssen. Immer wieder zu erklären. Immer wieder nachzufragen.

Viele von uns schämen sich dafür. Nicht rational, sondern emotional. Wir möchten nicht anstrengend erscheinen. Nicht unbequem wirken. Nicht den Eindruck erwecken, wir hätten nicht aufgepasst. Dabei liegt die Ursache oftmals nicht bei uns. Das Gehirn kann keine Sprache verstehen, die nie bei ihm angekommen ist.

Deshalb dürfen wir frustriert sein.

Wir dürfen genervt sein.

Wir dürfen auch einmal sagen, dass uns die ständige Aufmerksamkeit, das permanente Mitdenken und die unablässige Kompensation erschöpfen.

Denn zur Wahrheit des Lebens mit Hörbehinderung gehört nicht nur die Dankbarkeit. Sie gehört selbstverständlich dazu. Die Freude über Vogelstimmen am Morgen. Über Musik. Über das Lachen unserer Kinder. Über Gespräche, die gelingen. Über Teilhabe. Über die kleinen Wunder der Technik.

Aber Dankbarkeit ist kein Konkurrenzmodell zu Frust.

Beides

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