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Zwischen Glocken, Gulasch und Golem – eine Hörreise durch Prag

Man kann eine Stadt zu Fuß erobern, sagt man.

Ich habe es wörtlich genommen: achtzehn Kilometer am ersten Tag, zehn davon in der charmant unerschütterlichen Begleitung einer gewissen Pavla, die Geschichte so lebendig erzählte, als habe sie persönlich mit Kafka Kaffee getrunken und Smetana beim Komponieren assistiert.

Am zweiten Tag kamen weitere acht Kilometer hinzu – und mein Schrittzähler war emotional überfordert.

Prag also.

Eine Stadt aus Musik, Stein und Geschichte. Ein Ort, der klingt, selbst wenn man ihn nur ansieht.

Gotik, Jugendstil, tschechischer Kubismus – architektonische Dissonanzen, die sich zu einer vollkommenen Harmonie fügen, wenn man den Blick schulen lernt.

Das Wiesel in Hochform – die Büffelin auf Valium

Mein inneres Wiesel war in akustischer Dauerrotation.

Touristenströme, Glocken, Geigen, Stimmen, Straßenmusiker, Möwen, die Moldau – ein Konzert, das selbst Mahler als zu viel des Guten bezeichnet hätte.

Die Wasserbüffelin, weise und phlegmatisch, murmelte aus dem Off:

„Atme. Iss. Trink. Schau. Hör weniger, fühl mehr.“

Ein Satz, den ich mir fortan wie eine philosophische Notrufschnur durch die Stadt legte.

Pavla, die Unerschütterliche

Pavla war eine jener seltenen Führerinnen, die nicht nur führen, sondern begleiten.

Nach den ersten Minuten tat ich, was Hörmenschen mit Improvisationstalent eben tun:

Ich hing ihr kurzerhand mein MiniMic um.

Eine kleine, unscheinbare Geste – doch sie veränderte alles.

Von diesem Moment an hörte ich sie klar und unmittelbar, als spräche sie direkt in mein Bewusstsein.

Sie nahm es mit der Gelassenheit einer Frau, die nichts mehr überrascht – und erzählte einfach weiter, als sei es das Normalste der Welt, in ein fremdes Innenohr zu sprechen.

Doch als wir im Jüdischen Viertel standen, zwischen den dicht an dicht gedrängten Grabsteinen, da schwieg selbst das Wiesel.

Die Zahlen, die Geschichte, das erdrückende Zeugnis menschlicher Vergänglichkeit – plötzlich war alles still.

Kein Summen, kein Pfeifen, kein digitaler Tonfilter. Nur ein ehrfürchtiger Moment, der jede noch so gute Technik entwaffnet.

Wirtshausakustik – oder: Wenn Worte sterben gehen

Am Mittag des ersten Tages folgte das erste gemeinsame Essen – deftig, traditionell, herrlich böhmisch.

Die Portionen üppig, die Soßen ehrgeizig, die Stimmung laut.

Ich warf alle technischen Hilfsmittel in die Schlacht – Mikrofone, Programme, strategisches Lippenlesen – doch gegen die Klangwand aus Stimmen, Krügen und Polka war kein Kraut gewachsen.

Ich trinke keinen Alkohol, also blieb ich bei Kaffee und Coke Zero – beides tapfere, aber letztlich akustisch nutzlose Verbündete.

Das Wiesel verzweifelte, die Büffelin hob den Kopf, bestellte gelassen noch ein Knödelgericht – und damit war der Frieden vorübergehend gesichert.

Doch irgendwann, zwischen zweitem Kaffee und der vierten erfolglosen Gesprächsrunde, passierte es:

Mein Gehirn schaltete von „Verstehen“ auf „Überleben“ um –

und ich hatte plötzlich kein tschechisches Gulasch auf dem Teller, sondern im Kopf.

Ein tschechisches Synapsengulasch mit Knedli, gewürzt mit Frequenzchaos, Gesprächsfetzen und einem Hauch Resignation.

Köstlich – im rein metaphorischen Sinn.

Zu Fuß ging's weiter zum Bürgerhaus (Obecní dům) – Jugendstil in Reinkultur, Mosaike von Alfons Mucha, ein Café wie eine Zeitkapsel.

Der Pulverturm, der Wenzelsplatz, die Staatsoper mit ihrem roten Samt – jede Ecke eine Bühne, jede Fassade ein Monolog.

Ich liebe solche Details.

Dieses Wissen, das nicht belehrt, sondern verführt.

Das erzählt, statt zu dozieren, und lehrt, ohne zu belehren.

Im Hotel war ich nur kurz - zum frisch machen, wie es so schön heißt. Und kaum hatte ich die Beine hochgelegt, wollte unsere kleine Gruppe schon wieder los. Oder besser, die Mägen übernahmen wohl die Kontrolle. Zu Fuß im Richtung Burg - das Essen will schließlich verdient sein - marschierten wir durch die Menschenmengen.

Ich hörte mich noch sagen, als wir das Abendprogramm planten, "abends ist bestimmt nimmer soooo viel los"... Weit gefehlt. Wir schoben und drückten uns durch die Menschenmengen und hatten unsere Liebe Mühe einander nicht im Gewirr zu verlieren. Aber der Blick auf die Stadt und die Burg, als wir die Karlsbrücke überquerten, entschädigte für so manchen Rippenrempler.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass Prag richtig laut ist? Mir fiel das bei früheren Besuchen nie auf (OK, böse Zungen behaupten, ich war da schließlich auch noch sehr schwerhörig - und ja, diese Tatsache räume ich ein)

Aber, mal unter uns: Prag ist schon echt laut. Laut und unfassbar charmant.

(Liste mit vielen Sehenswürdigkeiten die ich genießen durfte kommt im Anschluss)

Frühstück im Himmel

Der zweite Tag begann mit einem Frühstück, das alle Erwartungen übertraf.

Ein Buffet, das keine Wünsche offen ließ – und selbst in Paris neidische Blicke geerntet hätte.

Eine Köchin bereitete Omeletts nach persönlichen Vorlieben zu, als wäre sie ein Künstler im Dienst der Ei-Philosophie.

Mein Teller: Käse Omelette, Rührei, Butter, Bacon, Frischkäse, Bacon, eine Tasse frische Zitrone mit heißem Wasser, grüner Tee und viel, sehr viel Kaffee.

Das Wiesel war im Himmel, knabberte knusprigen Bacon und lachte über seine eigene Gier.

Ich weiß bis heute nicht, wer öfter Nachschub holte – es oder ich.

Die Wasserbüffelin beobachtete uns gelassen, nickte milde und murmelte:

„Solange der Bacon knusprig ist, ist die Welt in Ordnung.“

Gestärkt, zufrieden und mit Koffein im Blut war ich bereit für neue Klangabenteuer.

Die zweite Führung – mit Kollegin und Klarheit

Nach Pavla übernahm an diesem Tag ihre Kollegin – ebenso klug, herzlich und charmant – die Leitung.

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