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Kleckskunst – eine Glosse aus dem textilen Untergang (ohne Paywall)

Wenn der Duden ein Bild neben tollpatschig oder Tollpatschigkeit platzieren müsste, so stünde dort vermutlich meines. Und nicht irgendeines, nein: das offizielle Porträt, hochauflösend, mit Zertifikat. Ich bin die wandelnde Illustration, das lebende Piktogramm für Unbeholfenheit. Ich stolpere durch Räume wie andere durch Fußnoten, reiße Dinge um, die festzustehen schienen, und verwandle selbst das simple Greifen nach einem Löffel in eine Slapsticknummer.

Besonders tragisch-komisch entfaltet sich mein Talent im Verhältnis zu Kleidung. Jedes neue Outfit beginnt mit der unschuldigen Hoffnung auf makellose Eleganz – und endet als experimentelles Gemälde in der Schule des Expressionismus. Ich brauche kein Horoskop, um mein Schicksal zu kennen: Der Fleck wird kommen. Immer. Unausweichlich. Verlässlich wie die GEZ.

Es ist eine fast schon naturgesetzliche Regel: Frisch angezogen, könnte ich Wetten annehmen – ich werde mich beschmieren. Und nicht dezent! Nein, wenn, dann richtig. Ein Tropfen Öl, der sich wie ein Triumphbogen über die Bluse spannt. Tomatensoße, die in eleganten Bögen über den Rock spritzt, als hätte Jackson Pollock persönlich die Gabel geführt. Knödel, Nudeln, Reis – sie alle sind meine erbitterten Gegner und zugleich treuen Verbündeten im Kampf gegen Reinheit und Würde.

Und das Allerschönste: Man kann meinen Tagesablauf an meinem Outfit ablesen wie in einer forensischen Chronik. „Ah, da war Cappuccino.“ – „Hier hat sie sich an einem Auto entlanggeschrammt, Schmierfett.“ – „Dieser Schatten stammt eindeutig von Curry, wahrscheinlich Thai, höchstens 2 Stunden alt.“ Ich bin kein Mensch mehr, ich bin ein Tatort. Meine Kleider keine Stoffe, sondern Beweisstücke. CSI: Kleiderschrank.

Und während andere Frauen stolz ihre Garderobe über die Stuhllehne hängen, falten und später wieder tragen, bleibt mir nur, meinen textilen Leichnam in die Waschmaschine zu schieben. Ich habe noch nie einen Tag beendet, an dem mein Outfit unversehrt war. Keinen. Nie. Null. Das ist meine olympische Konstanz.

Manchmal, in besonders ehrlichen Momenten, glaube ich: Ich bin fünf. Keinen Tag älter. Nur, dass ich im Körper einer 46-jährigen Frau stecke, mit all den Ambitionen auf Eleganz, Würde, Anmut. Stattdessen ende ich bekleckert, besprenkelt und bis zu den Ellbogen eingesaut wie ein Kleinkind, das mit Pasta Bekanntschaft macht. Das Outfit: desolat. Der Anspruch: ruiniert.

Und doch gebe ich nicht auf. Noch nicht. Heute zum Beispiel trage ich ein grünes Kleid. Noch ist es makellos. Noch! Ich trage es wie eine heilige Reliquie, beschwöre die Götter der Reinheit, meide Spaghetti und halte Tassen mit beiden Händen. Toi, toi, toi. Vielleicht wird dies der erste Tag in meinem Leben, an dem ich klecksfrei bleibe.

Doch ehrlich gesagt – ich fürchte, auch dieses Kleid wird bald seine Weihen empfangen. Denn ich? Ich bin nicht bloß tollpatschig. Ich bin Haute Couture à la Klecks.

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