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Coercive Control-Reihe: Teil 2: Jetzt als regelmäßige Serie – Alles über Coercive Control

Redaktion free.fem.minds MAGAZIN / Tina Steiger

Interview mit Anna Rhoër-Stenker

In der letzten Ausgabe haben wir Coercive Control vorgestellt und die Resonanz war überwältigend. Die Gewaltform, die in anderen Teilen der Welt mit hohen Haftstrafen verbunden ist, ist hierzulande noch fast unbekannt. Die Muster jedoch erkennen viele Frauen als das, was ihnen selbst passiert ist.

Dieses Interview ist der Start einer neuen, regelmäßigen Serie mit Expertin Anna Rhoër-Stenker. Diesmal zu der brisanten Kombination aus Coercive Control, Mutterschaft und dem deutschen Familienrechtssystem. Ein Blick auf die Mechanismen.

Coercive Control und gemeinsame Kinder, das bedeutet meist ein gefährliches Abhängigkeitsverhältnis. Kontrolle scheint sich bereits wie ein roter Faden durch die Mutterschaft zu ziehen. Welche Ausprägungen von Coercive Control lassen sich beobachten, wenn Frauen Kinder mit ihrem Täter bekommen?

Anna Rhoër-Stenker: Schwangerschaft und Mutterschaft markieren Wendepunkte in Gewaltdynamiken. Wenn sie es vorher noch nicht vollkommen gewesen ist, so ist die Frau jetzt in einer absoluten vulnerablen und abhängigen Situation. Coercive Control ist weit verbreitet, gerade in dieser Zeit, aber viele Frauen verbinden nicht mit systematischer psychischer Gewalt, was ihnen passiert.

Folgende Taktiken kennen und beschreiben erschreckend viele Frauen, sobald sie mit ihm gemeinsame Kinder hat: vorgetäuschte Unfähigkeit im Haushalt und bei Care-Arbeit, Dauergenörgel, Alleingänge ohne jede Absprache, subtile Entwertungen, beleidigtes Schweigen über Tage. Für viele spielt auch finanzielle Gewalt plötzlich eine große Rolle. Sie gibt ihren Job (zeitweise) auf fürs gemeinsame Kind, und plötzlich ist sie die, die sein Geld ausgibt und sich dafür rechtfertigen muss. Was vorher subtil und bedingt erträglich war, bekommt mit Kind eine völlig neue Dimension: Sie wird in eine Rolle gedrängt, aus der es scheinbar keinen Ausweg gibt. Entweder sie ergibt sich – schluckt die Demütigungen, übernimmt alles allein, hält den Hausfrieden aufrecht. Oder sie geht und zerstört damit die Familie.

Doch welche Frau verlässt den Vater ihres Kindes, weil er nur nicht im Haushalt hilft? Das gilt als normal und andere Frauen schaffen es doch auch! Die Diskussionen im Kopf finden kein Ende und nach außen fehlen die Worte. Und überhaupt: Wohin sollte sie gehen? Keine bezahlbare Wohnung als alleinerziehende Mutter, kein Kitaplatz, kein Job ohne Betreuung, kein Geld ohne Job – ein Teufelskreis.

Also fügt sie sich. Genauso wie das Patriarchat es vorgesehen hat. Sie hatte nie eine Wahl(möglichkeit).

Frauen berichten oft, dass ihr Umfeld und sogar Hilfestellen oder das Jugendamt die Kontrolle durch Täter als normal und notwendig empfinden, sobald Kinder im Spiel sind. Ist das in der Praxis wirklich so?

Anna Rhoër-Stenker: Das hat tiefe Wurzeln – und die reichen bis in die NS-Zeit. Johanna Haarer hat mit ihrem Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ eine ganze Generation geprägt.
Bis heute steht das Werk als der Inbegriff der bindungsarmen, emotional kalten Erziehungsmethodik im Dritten Reich.
1,2 Millionen verkaufte Exemplare, jahrelang Pflichtlektüre in den sogenannten Reichsmütterschulungen. Das Buch wurde nach 1945 zunächst nur vom gröbsten Nazi-Jargon bereinigt und dann bis 1987 weiter verkauft. Die Kernbotschaft: Das Kind ist ein Feind, den es zu bändigen gilt. Schreien lassen. Keine Zärtlichkeit. Gehorsam erzwingen. Bindung verhindern. Was Haarer propagierte, war im Kern Coercive Control an Säuglingen und Kindern. Diese Kinder wurden zu Eltern. Und ihre Kinder wurden Eltern. Und einige von ihnen sitzen heute in Jugendämtern, in Familiengerichten, in Gutachterpraxen. Für sie ist ein Kind, das nicht gehorcht, ein Problem. Eine Mutter, die nicht durchgreift, gilt als versagend.

Nach Haarer kam Michael Winterhoff – eine Art Haarer in moderner Verpackung. Die Thesen ähnlich. Sein Bestseller „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ hat 2008 genau diesen Nerv getroffen. 1,3 Millionen verkaufte Exemplare. Dauergast in Talkshows. Berater von Jugendämtern und Heimen. Genau diese Institutionen – Jugendämter, Heime, Familiengerichte – haben jahrelang nach Winterhoffs Konzepten gearbeitet. Weil es in ihr Weltbild passte: Das schwierige Kind muss zur Ordnung gerufen werden. Die Mutter, die zu viel kuschelt, ist das Problem.

Eine Mutter, die eine bedürfnisorientierte Pädagogik bevorzugt, wird kritisch beäugt. Sie setzt keine klaren Grenzen, sie verwöhnt. Für Institutionen, klingt das in der Tat gefährdend fürs Kindeswohl. Ein getrennter Vater braucht dann oft nur vor dem Jugendamt erklären, die Mutter sei „überängstlich“ oder „zu nah mit dem Kind“, er wird offene Ohren finden. Weil sein Narrativ zum alten Bild passt: Sie, die emotionale, hysterische Mutter. Und er, der besonnene Vater, der durchgreift. Die Haarer-Pädagogik gilt offiziell als überwunden. In den Köpfen vieler Institutionen – und in Winterhoffs Bestsellern – lebt sie weiter.

Wie kann es sein, dass eine Gewaltform,
die in anderen Ländern einen schwerwiegenden Straftatbestand darstellt, in Deutschland als
normal und Form gemeinsamer Elternschaft angesehen wird?

Anna Rhoër-Stenker: In Großbritannien, Irland, Australien ist Coercive Control ein eigenständiger Straftatbestand. In Deutschland existiert diese Gewaltform rechtlich nicht.

Warum erkennen wir als Gesellschaft nicht, was vor unseren Augen passiert?

Anna Rhoër-Stenker: Weil wir diese Gewaltform normalisiert haben. Es beginnt schon in der Kindheit, schon bei Säuglingen. „Schreien lassen stärkt die Lungen.“ Das haben Generationen von Müttern gehört. Die Idee, dass man Babys alleine lassen soll, bis sie aufhören zu weinen, stammt direkt aus der Haarer-Pädagogik. Später wurde sie von der Industrialisierung verstärkt. Vater und Mutter mussten funktionieren, also hatte das Baby es auch zu tun. Das sogenannte Schlaftraining, also Babys alleine im Bettchen schreien lassen, bis sie „lernen“, durchzuschlafen – wird heute noch propagiert. Dabei zeigt die Wissenschaft längst, welchen Stress das für den Säugling bedeutet. Das „Still Face Experiment“ des Entwicklungspsychologen und Psychoanalytiker, Dr. Edward Tronick hat es dokumentiert: Wenn eine Bezugsperson nur für wenige Minuten aufhört zu reagieren, geraten Babys in massive Verzweiflung. Nach drei Minuten kollabieren manche Säuglinge körperlich. Nur drei Minuten. Die Forschung zeigt: Kinder, die frühe Vernachlässigung erleben – und dazu gehört auch das systematische Ignorieren von Schreien – haben ein erhöhtes Risiko für Bindungsstörungen, Schwierigkeiten mit Emotionsregulation und Veränderungen in der Gehirnstruktur. Die Auswirkungen können ein Leben lang beeinträchtigen.
Und doch ist das keine Randerscheinung. Das ist Alltag in Deutschland.

Gibt es weitere Beispiele, etwa wenn Kinder älter sind?

Anna Rhoër-Stenker: Ja, das geht weiter. „Das tut doch gar nicht weh. Hör auf zu weinen.“ Ein Kind erlebt einen Schmerz – und bekommt gesagt, dass seine Wahrnehmung falsch ist. Das ist Gaslighting. Und es passiert täglich, millionenfach.

Ein anderes Beispiel: Ein dreijähriges Kind wird bestraft, weil es nicht teilen will. Die Forschung zeigt: Faires Teilen entwickelt sich erst zwischen vier und sechs Jahren. Wir bestrafen Kinder für etwas, das sie neurologisch noch nicht können.

Emotionale Invalidierung. Unterwerfung. Die Botschaft, dass die eigene Wahrnehmung nicht zählt. Das sind keine Erziehungsmethoden. Das sind die Grundlagen, auf denen Coercive Control aufbaut. Wer so aufgewachsen ist, hat nie gelernt, eigene Grenzen zu spüren. Hat gelernt, dass Autorität recht hat – auch wenn sie sich falsch anfühlt. Und dann sitzen diese Menschen als Erwachsene vor Familienrichtern, Gutachtern, Jugendamtsmitarbeitern – die mit demselben Erziehungsverständnis aufgewachsen sind. Die Coercive Control nicht erkennen, weil das, was sie sehen, für sie selbst normaler Alltag war und ist.

Liegen Mutterschaft und Gewalterleben in Deutschland näher beieinander, als uns bewusst ist?

Anna Rhoër-Stenker: Gleichstellung in Deutschland ist eine Mogelpackung. Frauen können studieren, Karriere machen, sich in gewissen Rahmen frei und selbstbestimmt fühlen, alles solange sie nicht Mutter werden. Aber sobald ein Kind da ist, merkt sie ziemlich schnell, wie rückschrittlich die Kultur für Mutterschaft konzipiert ist. Plötzlich gelten andere Regeln. Der Mann arbeitet Vollzeit, die Frau reduziert auf Teilzeit. Weil es „finanziell sinnvoller“ ist, weil er mehr verdient, weil es keine Kitaplätze gibt, weil irgendjemand sich ja um das Kind kümmern muss. Und dieser Jemand ist fast immer die Frau.

Die Zahlen: 75 Prozent der deutschen Mütter sind erwerbstätig – die meisten davon in Teilzeit. Bei Vätern sind es weniger als zehn Prozent. Frauen leisten im Schnitt 30 Stunden unbezahlte Care-Arbeit pro Woche. Und aus Teilzeit wird selten wieder Vollzeit. Was bedeutet das konkret? Im Erwerbsverlauf erhalten Frauen durchschnittlich 49,8 Prozent weniger Einkommen als Männer. Die Hälfte. Ein Leben lang. Das schlägt direkt auf die Rente durch. Der Gender Pension Gap liegt bei 27 Prozent. Jede fünfte Frau über 65 ist armutsgefährdet. Mütter bilden 30 Prozent weniger Rücklagen als kinderlose Frauen. Und sie leben im Schnitt fünf bis sieben Jahre länger als Männer, müssen also ihre geringeren Ersparnisse über einen längeren Zeitraum strecken. Altersarmut ist weiblich. Das ist keine Phrase. Das ist Statistik.

Und jetzt kommt der Teil, über den niemand spricht:
Das Patriarchat ist Coercive Control auf kultureller Ebene,
diese finanzielle Abhängigkeit ist Absicht.

Anna Rhoër-Stenker: Eine Mutter, die wirtschaftlich vom Vater ihrer Kinder abhängig ist, kann nicht einfach gehen. Sie kann sich nicht einfach trennen. Sie steht vor der Frage: Wie finanziere ich die Wohnung? Wie bezahle ich die Kita? Wie überlebe ich, wenn er keinen Unterhalt zahlt – und 75 Prozent der Väter zahlen nicht oder nicht vollständig.

Und geht sie doch, steht sie vor dem nächsten Problem: dem Familiengericht. Die brutale Realität dort ist: Es fehlt nicht viel, damit eine Mutter ihr Kind verliert, es braucht aber ganz viel, bevor ein Vater sein Kind nicht mehr sehen darf. Egal wie sehr er sie kontrolliert hat. Egal wie sehr sie sich aufgeopfert hat. Sogar bei Gewalt oder einer Vergewaltigung. Am Ende steht sie vor dem Richtertisch und muss beweisen, dass sie eine gute Mutter ist, während er nur behaupten muss, ein engagierter Vater sein zu wollen. Eine Mutter, die das weiß, hat die Wahl zwischen Pest und Cholera. Wenn sie bleibt, erlebt sie weiterhin die Gewalt, kann aber ihre Kinder wahrscheinlich besser schützen. Wenn sie geht, riskiert sie, dass das Kind 50 Prozent der Zeit bei ihm ist ohne ihren Schutz. Mutterschaft und Gewalterleben liegen in Deutschland nicht nur nah beieinander. Für viele Frauen sind sie untrennbar verbunden – von der Geburt bis zur Rente.

In dem Versuch, sich und ihre Kinder vor Gewalt zu schützen, erleben Betroffene immer wieder, dass ihnen Entfremdung vom Täter und das sogenannte PAS vorgeworfen wird. Wie häufig kommt das vor und welche Folgen hat diese Schuldumkehr für die Frauen?

Anna Rhoër-Stenker: 1985 erfand der amerikanische Kinderpsychiater Richard Gardner PAS, das sogenannte „Parental Alienation Syndrome“. Es wirft die These auf, Mütter hielten Väter zu Unrecht von gemeinsamen Kindern fern. Er zitierte und publizierte sich selbst und präsentierte das dann als wissenschaftliche Evidenz. PAS wurde von keiner einzigen medizinischen oder psychiatrischen Institution weltweit anerkannt. Trotzdem wird dieses Konzept bis heute weltweit in Familiengerichten angewandt, als handle es sich um eine legitime Diagnose.

Was besonders verstörend ist: Gardner veröffentlichte auch seine Ansichten zu Pädophilie. Er empfahl, dass Kinder lernen sollten, sexuelle Handlungen mit Erwachsenen als „normal" zu betrachten. Diese Aussagen sind in seinen selbst publizierten Büchern nachzulesen. PAS wurde also von einem Mann erfunden, der aktiv daran arbeitete, Missbrauchsvorwürfe gegen Väter zu entkräften. Sein Konzept war von Anfang an dafür konzipiert, schützende Mütter zu pathologisieren und missbrauchende Väter zu entlasten.

Und trotzdem – obwohl nie wissenschaftlich validiert, obwohl von keiner Institution anerkannt, obwohl der Erfinder pädophile Ansichten vertrat und verteidigte – wird PAS unter verschiedenen Namen weltweit bis dato angewandt. In Deutschland umschreibt man es als „Bindungsintoleranz", „Loyalitätskonflikt" oder „zu enge Mutter-Kind-Bindung". PAS selbst wurde 2023 vom Bundesverfassungsgericht verboten. Die neu entwickelten Unterformen derselben Bedeutung nicht.

Was das konkret bedeutet: Wenn eine Mutter sich und ihr Kind schützen will, wird sie sofort verdächtigt. Nicht der Vater, der Gewalt ausgeübt hat. Sie. Sie übertreibt. Sie bildet sich das ein. Sie gibt das vor. Sie instrumentalisiert das Kind. Willkommen in der Twilight Zone Familiengericht.

Die Mutter wird gegaslightet. Diesmal bei Gericht. Ihre Vorwürfe (Und oft auch Beweise) der Gewalt werden ignoriert oder bagatellisiert, sie wird pathologisiert und dann folgt eine Täter-Opfer-Umkehr. Der arme Vater tritt eloquent auf, reicht die Hand zur Versöhnung, zeigt sich bekümmert – er möchte doch nur am Leben seines Kindes teilhaben, doch die böswillige Mutter verhindert es. Die Mutter hingegen – traumatisiert, erschöpft, verzweifelt – wirkt emotional, unberechenbar, gilt als „schwierig“.

Die Mutter muss ihr Kind überzeugen, dass es doch gut ist, zum Vater zu gehen. Die Mutter spricht dem Kind damit nun das eigene Erleben von Unsicherheit und Gewalt ab – aus der Not heraus. „Papa hat dich doch lieb.“ Sie muss das Kind dazu bringen, zum Täter zu gehen – vielleicht sogar gegen seinen ausdrücklichen Willen. Die Mutter wird gezwungen, selbst zur Täterin an ihrem Kind zu werden. Die Konsequenzen, den Umgang nicht zu „fördern“ können sein: Sorgerechtsverlust, Inobhutnahme, Umplatzierung zum Täter, begleiteter Umgang für die Mutter oder Umgangsausschluss.

Zudem wird die Mutter mundtot gemacht. Sobald sie öffentlich über ihre Erfahrungen spricht, könnte es gegen sie verwendet werden: Redet sie schlecht über den Vater – ist sie unkooperativ, bindungsintolerant. Jedes Wort, das sie sagt, kann ihr den letzten Kontakt zu ihrem Kind kosten. Also wird sie schweigen.

Die Hammer-Erhebungen (2024) – eine Analyse von 154 familienrechtlichen Fällen – zeigt: In 147 dieser Fälle wurden Begriffe wie „Bindungsintoleranz“, „Entfremdung“ oder „Mutter-Kind-Symbiose“ zur Begründung von Sorgerechtsentzug, Heimunterbringung oder Zwangsumgang herangezogen.
Das sind 95 Prozent aller untersuchten 154 Fälle.

Ein aktueller Fall zeigt, wohin das System führen kann: Eine Mutter sitzt derzeit in Deutschland im Gefängnis. Ohne strafrechtliche Verurteilung. Das Familiengericht hat entschieden, dass sie ihrer Pflicht nicht nachgekommen ist, ihre Tochter – 13 Jahre alt – zum Vater zu zwingen.

Wie üben Täter und Institutionen ganz konkret Coercive Control über mitbetroffene Kinder aus?

Anna Rhoër-Stenker: Das Kind ist das ultimative Opfer, das ultimative Werkzeug. Eine Mutter tut alles, um ihr Kind zu schützen. Schlussendlich auch: sich fügen und ergeben. Es gibt beim Familiengericht drei Mythen, die sich hartnäckig festgesetzt haben und die für Täter der perfekte Nährboden sind:

Mythos 1: Das Grundbedürfnis nach beiden Eltern

Das deutsche Familienrecht basiert auf einem Glaubenssatz: Ein Kind braucht beide Eltern. Der Satz klingt nach gesundem Menschenverstand. Er ist in dieser Absolutheit, etwa bei Gewalt, gefährlich falsch. Schlimmer noch: Er wird in der Praxis wie ein Naturgesetz behandelt. Familiengerichte, Jugendämter, Verfahrensbeistände – alle gehen davon aus, dass der Wunsch nach beiden Elternteilen im Kind einprogrammiert ist. Die Logik dahinter: Wenn ein Kind nicht zum Vater will, muss etwas passiert sein. Nicht Gewalt. Stattdessen Manipulation durch die Mutter. Kinder brauchen keine zwei Elternteile. Sie brauchen mindestens eine sichere, stabile Bindungsperson. Das ist durch Jahrzehnte der Bindungsforschung belegt. Die entscheidende Variable ist nicht die Anzahl der Bezugspersonen. Es ist die Qualität der Bindung.

Langzeitstudien zeigen: Entscheidend sind Bindungsqualität, Stabilität und materielle Lage – nicht die reine Anzahl der Eltern im Haushalt.

In den 1980er und 1990er Jahren gab es Studien, die zeigten: Kinder ohne Vater im Haushalt haben häufiger schulische Probleme, psychische Auffälligkeiten, höhere Risiken für Drogenkonsum und Kriminalität. Diese Ergebnisse wurden benutzt, um das Narrativ zu zementieren: Väter sind essenziell. Spätere Analysen zeigten: Der entscheidende Faktor war nicht die Abwesenheit des Vaters. Es war die ökonomische Situation. Wenn der Vater fehlte, fehlte meistens auch das Geld. Das Problem war – und ist – Armut. Nicht Vaterlosigkeit.

Großbritannien zeigt, dass es auch anders geht: Im Oktober 2025 schafft die Regierung – entsprechend aktueller Forschunglage – die gesetzliche Vermutung ab, dass Kontakt zu beiden Eltern grundsätzlich im Kindeswohl liegt.

Mythos 2: Bindung ist gleich Kontakt

Das Gericht sagt: Der Umgang darf nur in den allerseltensten, schwersten Fällen ausgesetzt werden. Warum? Weil die Bindung zum Vater sonst bricht. Diese Argumentation wird benutzt, um selbst in Fällen dokumentierter Gewalt den Umgang zu erzwingen. Aber das ist falsch. Und das Gericht widerlegt damit seine eigene Grundannahme. Wenn die Bindung zum Vater wirklich so natürlich und unauslöschlich wäre, wie das Gericht behauptet – warum sollte sie dann durch eine Unterbrechung zerstört werden können? Ein junger Erwachsener, der als Kind keinen Umgang mit dem Vater hatte, könnte später – wenn er selbst entscheidet – diese Beziehung aufbauen. Wenn der Vater denn bindungsfähig wäre. Aber wenn die einzige Möglichkeit, eine Beziehung aufrechtzuerhalten, darin besteht, das Kind zu Kontakt zu zwingen – dann ist das keine (natürliche) Bindung.

Mythos 3: Das Kind muss sich selbst behaupten lernen

Schon mal davon gehört, dass Erwachsene resilient gegen fortwährende sexualisierte Gewalt werden können? Nein? Ich auch nicht. „Nur“ psychische Gewalt kann traumatisch auf demselben neurobiologischen Niveau wirken wie sexualisierte Gewalt – und bei fortgesetzter Zwangskontrolle sind die Langzeitfolgen der Traumata oft besonders schwer. Wenn jetzt aber ein Familiengericht psychische Gewalt ignoriert und den Täter als nur schwierig klassifiziert, erwartet es genau das von einem Kind – selber zu lernen mit dem „schwierigen“ Vater klar zu kommen. Im Klartext: Resilienz gegen fortwährende Gewalt aufzubauen.

Ein Kind – mit einem unreifen präfrontalen Cortex, ohne Macht, ohne Ressourcen, soll sich allein gegen denselben Täter stellen, von dem es absolut emotional abhängig ist? Dem Täter klare Grenzen setzen, mit fünf Jahren oder auch mit elf Jahren? Das ist nicht nur unrealistisch. Das ist pure Grausamkeit. Im Namen des sogenannten Kindeswohls.

Das System schützt Täter, nicht Kinder?

Anna Rhoër-Stenker: Der Täter weiß das. Er weiß, dass das Gericht auf seiner Seite steht, solange er sich als „engagierter Vater" präsentiert. Solange er die Mutter als hysterisch, bindungsintolerant, manipulativ darstellen kann. Und sollte er es nicht wissen, spätestens wenn er ein wenig recherchiert, wird er schnell fündig werden bei einschlägigen Online-Foren und Beratungsangeboten, die genau diese Strategien vermitteln – wie man Entfremdungsnarrative in Verfahren platziert. Wie man Gutachten beantragt, die die Mutter belasten. Wie man das Wechselmodell als Druckmittel einsetzt. Und sie funktionieren. Weil das Gericht genau diese Narrative bedient.

Der Täter nutzt jede Gelegenheit. Beantragt Gutachten. Stellt Anträge auf Wechselmodell. Droht mit Sorgerechtsentzug. Und während die Verfahren laufen – oft über Jahre – findet der Umgang weiter statt. Beim Vater erlebt das Kind die direkte Gewalt, die Manipulation, die Kontrolle. Und die Mutter? Sie bekommt ein Kind zurück, das nach jedem Umgang verstört ist, sich mehr und mehr durch die Sabotage des Vaters von ihr entfernt. Dazu die Zermürbung durch zig Gerichtsverfahren, Gutachten, Anhörungen – ein Zustand permanenter Bedrohung. Wenn keine Umplatzierung oder Inobhutnahme stattfindet kann dieser Zustand über Jahre hinweg andauern. Coercive Control in Reinform – vom Familiengericht gefördert.

Wie erleben Kinder Coercive Control und was sind die Folgen für sie?

Anna Rhoër-Stenker: Kinder in Coercive-Control-Haushalten entwickeln Fähigkeiten, die kein Kind entwickeln sollte: Hypervigilanz – ständige Wachsamkeit. Sie scannen Gesichter, Tonlagen, Körperhaltungen. Sie wissen, wann Gefahr droht, bevor etwas passiert. Das Nervensystem läuft auf Hochtouren. Dauerhaft. Der Täter wendet dieselben Taktiken und Manipulationen gegen das Kind an wie gegen die Mutter – surprise, surprise. Und diese zerstören peu à peu die Identität und Autonomie des Kindes, wie bei der Mutter. Manche Kinder werden zum Verbündeten gemacht. Sie bekommen Aufmerksamkeit, Geschenke, Lob – solange sie auf seiner Seite stehen. Das ist Lovebombing. Das Kind fühlt sich besonders, auserwählt. Bis es merkt: Diese Liebe hat Bedingungen. Und die Bedingung ist Loyalität gegen die Mutter. Andere Kinder werden zum Sündenbock. Sie können nichts richtig machen. Sie tragen die Schuld für seine Stimmung. „Wegen dir ist Papa jetzt wütend.“ Und manchmal wechselt es. Heute der Liebling, morgen der Sündenbock. Das Kind weiß nie, wo es steht. Diese Unberechenbarkeit ist Teil der Kontrolle.

Was macht das mit einem Kind?

Anna Rhoër-Stenker: Es lernt, dass Liebe nicht sicher ist. Dass Beziehungen Machtkämpfe sind. Dass man sich anpassen muss, um zu überleben. Es lernt, eigene Bedürfnisse zu unterdrücken, eigene Grenzen zu ignorieren. Das sind keine Kindheitsprobleme, die man rauswächst. Das sind Traumata, die ein Leben lang beeinflussen. Studien zeigen: Kinder, die Coercive Control erlebt haben, haben ein erhöhtes Risiko für Angststörungen, Depressionen, komplexes PTBS. Und diese Schäden sind nicht nur psychisch – sie sind physisch messbar. MRT-Scans zeigen: Chronischer Stress verändert die Gehirnstruktur.

Und die Wahrscheinlichkeit ist auch höher, als Erwachsener in einer Gewaltbeziehung schneller „hängen“ zu bleiben. Wenn Kinder Traumabonding erfahren, dann bilden sich schon da die Suchtpfade für das manipulative Verhalten des Täters. Das bleibt ein Leben lang, wie jede andere Sucht auch.

Und das Schlimmste: Viele dieser Kinder wissen nicht, dass das, was sie erlebt haben, nicht normal war. Weil es ihr Normal war. Weil es in der Gesellschaft für die Mehrheit ihr „Normal“ ist.

Wenn Täter mit der Schuldumkehr gegen die Mutter erfolgreich sind, folgt irgendwann im schlimmsten Fall eine Umplatzierung der Kinder. Doch auch vorher bleibt die Sabotage an der Mutter nicht ohne Folgen. Welche Beobachtungen machst du hier in der Praxis?

Anna Rhoër-Stenker: Ich möchte hier einen Begriff einführen: CAMS – Child and Mother Sabotage. Der Begriff wurde 2023 von der britischen SHERA Research Group entwickelt. Warum ein neuer Begriff? Weil „Entfremdung“ oder „Parental Alienation“ vergiftet ist. Der Begriff stammt von Richard Gardner. Jedes Mal, wenn wir „Entfremdung" sagen, legitimieren wir indirekt sein Konstrukt.

Und hier liegt der entscheidende Unterschied: Sowohl Coercive Control als auch CAMS benennen das gewalttätige Verhalten – nicht den Menschen. PAS pathologisiert die Mutter. Der Begriff „Narzisst“ pathologisiert den Täter. Aber beides lenkt vom Wesentlichen ab: dem konkreten Verhalten, der Gewalt.

CAMS beschreibt, was tatsächlich passiert: Der Täter sabotiert aktiv die Beziehung zwischen Kind und Mutter. Das ist kein Syndrom beim Kind. Das ist kein Defekt bei der Mutter. Das ist eine Taktik des Täters. CAMS kann nicht umgedeutet werden, kann nicht gegen die Mutter verwendet werden – weil der Begriff explizit auf die Täterschaft verweist. Was beobachte ich in der Praxis? Der Täter manipuliert systematisch alle Beteiligten – das Kind, Familienmitglieder, Nachbarn, Fachleute – dazu, die Mutter als gestört, rachsüchtig, hysterisch oder gefährlich wahrzunehmen. Er nutzt dabei gezielt sexistische Stereotype: Die emotionale Frau. Die überängstliche Mutter. Die Verrückte, die Dinge erfindet. Die Manipulationstaktiken bleiben dieselben wie gegen die Mutter. Das Kind wird zur Waffe gegen die Mutter benutzt, ist aber genauso Opfer. Besonders perfide ist das Timing. Täter intensivieren diese Taktiken oft in der Pubertät – und das ist kein Zufall. Das Gehirn eines Teenagers ist eine Baustelle. Der Täter nutzt das aus. Er bietet sich als der „coole" Elternteil an. Der, der keine Regeln hat. Der, der versteht.

Die Forschung zeigt: Kinder zwischen 8 und 14 Jahren sind am anfälligsten für diese Manipulation.

Was passiert mit diesen Kindern?

Anna Rhoër-Stenker: Sie verbünden sich mit dem dominanten, beängstigenden Elternteil. Es fühlt sich sicherer an, auf der Seite des Mächtigen zu stehen. Und – so paradox das klingen mag – es schützt auch die Mutter. Wenn das Kind sich mit dem Täter verbündet, nimmt es ihm Gründe weg, weiter gegen die Mutter vorzugehen. Aber hier ist etwas Wichtiges: Was CAMS zerstört, ist nicht die Bindung. Was zerstört wird, ist der Zugang. Der Kontakt. Das Vertrauen des Kindes in seine eigene Wahrnehmung. Das Kind kann die Mutter innerlich lieben und sie äußerlich ablehnen. Es kann gebunden sein und trotzdem keinen Kontakt haben. Das Kind ist da – aber unerreichbar.

Wenn noch hinzukommt, dass das Kind dann beim Täter leben möchte, fühlt sich die Situation für die Mutter wie absolute Hoffnungslosigkeit an. Wengleich die Forschung zeigt, dass ein Großteil der Kinder sich im Erwachsenenalter wieder der Mutter zuwedendet. Doch es braucht Geduld.

Die Sabotage der Bindung zwischen Mutter und Kind ist eine ganz spezielle, grausame und subtile Art der Gewalt, umso wichtiger die Aufklärung, das richtige Benennen und laut zu werden und zu bleiben.

Topic Stimme gegen Gewalt

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