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Wenn Wolfsburg endet wie Detroit

Vom Wert einer Gesellschaft, wenn man ihren Wohlstand abzieht

Prolog: Zwei Städte, eine Frage

Es gibt Fotografien aus Detroit, die man nicht wieder vergisst. Die Michigan Central Station, ein Bahnhofspalast im Beaux-Arts-Stil, achtzehn Stockwerke hoch, mit zerschlagenen Fenstern, durch die der Winterhimmel fällt. Verlassene Fabrikhallen der Packard-Werke, in denen Birken aus dem Beton wachsen. Ganze Straßenzüge, in denen von hundert Häusern noch drei bewohnt sind, während die übrigen dem langsamen Rhythmus von Feuer, Frost und Vandalismus überlassen bleiben. Diese Bilder haben ein eigenes Genre begründet, das man mit einem unbehaglichen Wort ruin porn genannt hat: die ästhetische Ausbeutung des Niedergangs, das wohlige Gruseln der Wohlhabenden vor dem Skelett einer Stadt, die einmal die viertgrößte der Vereinigten Staaten war und deren Name auf der ganzen Welt für das Automobil stand.1

Und es gibt eine deutsche Stadt, die man nicht ansehen kann, ohne an diese Bilder zu denken – nicht weil sie ihnen gliche, sondern weil sie ihr genaues Gegenbild ist. Wolfsburg, 1938 auf dem Reißbrett gegründet als „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben", ist die jüngste Großstadt Deutschlands und zugleich eine der reichsten. Ihr Bruttoinlandsprodukt je Einwohner gehört seit Jahrzehnten zur Spitze der Republik. Ihre Skyline wird nicht von Kirchtürmen bestimmt, sondern von den vier Schornsteinen des Kraftwerks am Mittellandkanal, die auf dem Logo des VfL Wolfsburg prangen wie anderswo Stadtwappen mit Löwen und Adlern. Die Geschichte dieser Stadt bis heute ist hier dokumentiert (Opens in a new window). Rund die Hälfte aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten der Stadt arbeitet direkt bei einem einzigen Unternehmen; rechnet man Zulieferer, Dienstleister und die vom Werk abhängige Kaufkraft hinzu, gibt es in Wolfsburg kaum eine Existenz, die nicht am Volkswagen hängt. Detroit war eine Stadt mit einer Industrie. Wolfsburg ist eine Industrie mit einer Stadt.

Seit dem Herbst 2024 ist die Frage, die dieser Essay stellt, keine akademische Fingerübung mehr. Damals erklärte der Volkswagen-Konzern erstmals in seiner Geschichte, Werksschließungen in Deutschland nicht mehr auszuschließen; der anschließende Tarifkonflikt endete im Dezember 2024 mit einer Vereinbarung, die den Abbau von rund 35.000 Stellen bis 2030 vorsieht.2 Die Elektromobilität, die chinesische Konkurrenz, die Softwarekrise, die Erosion des chinesischen Absatzmarktes – all das hat aus der rhetorischen Frage „Was wäre, wenn?" eine Planungsgröße gemacht. Niemand behauptet, Wolfsburg werde morgen enden wie Detroit. Aber niemand kann mehr guten Gewissens behaupten, es sei ausgeschlossen.

Dieser Essay handelt jedoch nicht in erster Linie von Automobilen, Absatzzahlen und Standortpolitik. Er handelt von einer Frage, die tiefer liegt und die wir uns als Gesellschaft beharrlich nicht stellen, weil ihre bloße Formulierung schmerzt: Welchen Wert haben wir als Gemeinwesen, wenn man unseren Wohlstand abzieht? Können wir eine Gesellschaft sein, die auf etwas anderes stolz ist als auf ihre Industrie? Können wir eine Nation sein, die sich nicht über das definiert, was sie besitzt und produziert? Nirgendwo, so scheint es, definieren sich Menschen so sehr über ihre Arbeit wie in Deutschland; nirgendwo wird eine Nation so sehr für ihre Motoren, ihre Präzision, ihre Arbeitsdisziplin bewundert – und nirgendwo wäre deshalb der Sturz tiefer, wenn das Fundament dieser Bewunderung wegbräche.

Die Frage ist alt, auch wenn ihre Kulisse neu ist. Der Prophet, der Babylon fallen sah, der Geschichtsphilosoph, der den Kreislauf der Dynastien beschrieb, der Weise, der den nutzlosen Baum pries, weil ihn keine Axt fällte – sie alle haben über Gemeinwesen nachgedacht, deren Größe an Dinge geknüpft war, die vergehen. Wir werden sie alle noch treffen. Zunächst aber müssen wir verstehen, wie es dazu kam, dass ausgerechnet die Deutschen ihre Seele in ihre Werkhallen verlegt haben. Denn das war keineswegs immer so. Das Land, das heute als Nation der Ingenieure gilt, galt zwei Jahrhunderte zuvor als Land der Dichter und Denker – und der Weg von Weimar nach Wolfsburg ist die eigentliche Vorgeschichte unserer Frage.

Topic Philosophie

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