Skip to main content

Glasklar

Das Foto einer grau getigerten Katze von der Seite in der Halbtotalen. Der Hintergrund ist gräulich und verwaschen. Das Licht kommt von der Seite und leuchtet die Katze direkt an.

Manchmal kann sie es sehen. Wie kein Regen mehr fällt, aber dafür schließlich alle Blätter. Grün wird zu gelb wird zu grau wird zu Staub und eine Stille zieht dann über das Land.  Natürlich würde es vor der Stille laut und schmerzhaft sein. Es kann ja gar nicht still vor sich gehen, so ein großes Sterben.

Oder doch?

Sie hat dazu keine Idee. Das kann sie sich seltsamerweise nicht vorstellen.

Nur die Stille danach.

Und wie in jedem großen Schrecken, findet sie, liegt ja darin der Frieden, dass es endlich passiert ist.

Dass das Warten vorbei ist.

Das Warten ist das Schwerste. So ist ihre Erfahrung. Und gleichzeitig schiebt sie die Gedanken an das Warten weit von sich.

Und deshalb steht sie immer wieder am Fenster und stellt sich die Ruhe vor, die irgendwann kommt, irgendwann. Wenn alles vorbei ist.

Der Gedanke ist für sie sehr beruhigend.

Dieses ganze Durcheinander.

Einfach vorbei.

Nicht nur für sie.

Für alle.

Sie weiß, es klänge ein bisschen besorgniserregend, deshalb würde sie die Gedanken auch nicht laut aussprechen. Vielleicht ist es einfach das Alter. Diese Sehnsucht nach Ruhe. Denn das ist es am Ende.

So denkt sie sich das jedenfalls. Als studierte Psychologin beginnt sie immer wieder sich selbst zu analysieren, ganz automatisch passiert das. Sie kann es nicht verhindern. Das machen die Jahrzehnte Beschäftigung mit den Abläufen der menschlichen Psyche. Der am Ende wenig mehr ist als ein Pawlowscher Hund, findet sie. So ehrlich sollte man sein. Jedenfalls vor sich selbst.

Auch das Gehirn liebt ausgetretene Pfade, die immer gleiche Reaktion auf die immer gleichen Reize. Und eine Psychologin ist einfach die, die das weiß. Und es trotzdem so macht.

Es stört sie nicht mehr.

Sie hat ihren Frieden damit gemacht.

Wie gesagt. Vermutlich das Alter.

Auch so eine Angewohnheit. Immer begründen zu müssen, warum ein Mensch sich wie verhält. Als würde das irgendeinen Unterschied machen.

Das tut es nicht. Sie weiß das. Und doch beobachtet und begründet sie. Sich selbst. Andere. Wenigstens ist sie so sehr geübt und gut in ihrer Arbeit.

Der Kater kommt und streicht ihr schnurrend um die Beine. Er ist groß und grau und bringt sie jedes Mal ein wenig aus dem Gleichgewicht, wenn er sich gegen sie lehnt. Er ist zu fett. Aber sie hat nicht vor, etwas dagegen zu tun. Es macht ihr Freude, ihn zu verwöhnen. Die Zügel einfach schleifen zu lassen.

„Ich weiß. Du hast Hunger.“ Und sicher ist ihm auch ein wenig langweilig. Sie wird noch mit ihm spielen müssen.

„Pass auf, ich gebe dir Futter, dann lässt du mich arbeiten und heute Abend spiele ich mit dir.“

Der Kater maunzt. Ein viel zu hohes Stimmchen für seinen massigen Körper. Das nimmt sie sehr für ihn ein. Dass sein Körper und alles andere, was ihn ausmacht überhaupt nicht zusammenpassen. Er sieht aus wie ein Mäuseschlächter – und  ist ängstlich, verschmust, friedfertig mit einem hohen Stimmchen. Er bricht Klischees, die die Menschen alle so artig einhalten und das liebt sie an ihm. Außerdem ist er sehr vorhersehbar in seinen Bedürfnissen. Pflegeleicht.

Sie geht zur Ecke neben dem Kühlschrank wo die Näpfe des Katers stehen, holt die Tüte mit den getrockneten Insekten vom Kühlschrank und lässt das Futter mit schüttelnden Bewegungen in die kleine Porzellanschale fallen.

Die steifen Körperchen der Tiere machen ein helles, klingelndes Geräusch, als sie auf dem lasierten Tiefblau aufprallen. Sie mag das. Ein zarter Ton. Freundlich.

„Lass es dir schmecken.“ Sie streicht ihm über den Körper, von der Schädelplatte bis zum Ende seines Schwanzes, dann legt sie ihre Hand zwischen seine Ohren und spürt das feine Vibrieren, das durch seinen Kopf geht, wenn er sein Futter mit den Zähnen knackt.

Sie richtet sich auf.

Sie schaut auf die Uhr. Elf. Es ist Zeit für ihr Arbeitspensum, nachdem sie kontrolliert hat, welche Videos ihr zu Evaluation zugesandt wurden.

Sie wird sich anschauen, was Menschen in ihren Befragungen sagen. Wie sie es sagen, wie sich die Gesichtszüge ändern, die Gestik, die Haltung des Körpers, die Stimmfarbe. Sie wird Einschätzungen formulieren, vorsichtig, nicht eindeutig, denn nichts in der Psychologie ist eindeutig und sicher. Sie will sich eine gewisse Integrität bewahren. Das Wissenschaftliche Prinzip des letzten Zweifels in ihrer Arbeit aufrecht erhalten. Nichts ist eindeutig. Selbst in der Physik ist alles viel weniger sicher als die meisten Menschen glauben.

Und schließlich wird sie eine Empfehlung abgeben, wie mit der Aussage - und der betreffenden Person - idealerweise umzugehen ist.

Ihre Qualifikationsrang ist hoch, sie braucht jeden Tag nur wenige Stunden arbeiten, um ein angenehmes Gehalt zu erzielen. Genau genommen müsste sie gar nicht mehr arbeiten. Aber das wäre ihr langweilig und Langeweile ist schlecht fürs Gehirn, gerade im Alter. Und. Ja. Auch wenn sie ein Recht auf eine Pension hätte. Zu Arbeiten ist ein positiver Marker. Und sie muss einplanen, dass die positiven Marker wichtiger werden, sich die Regeln ändern. Regeln ändern sich ständig.

Ein paar Jahre mit noch größeren Naturkatastrophen, finanziellen Schwierigkeiten, vielleicht noch ein regionaler Krieg, der die Lebensmittelknappheit anheizt. Und dann wird sie auf ein möglichst positives Profil angewiesen sein, um ihre Versorgung – und einen gewissen Wohlstand, sie mag es bequem – zu sichern.

Man weiß nie.

Nahrungsmittelrationierungen hält sie für möglich.

Halten viele für möglich.

Regelmäßige Missernten sind nun einmal eine Tatsache, der man ins Gesicht sehen muss.

Damit hat sie kein Problem.

Ist ihr nie schwergefallen.

Unangenehme Dinge betrachten und analysieren, das kann sie.

Es macht ihr nichts aus. Wirklich nicht.

Sie weiß, es ist eine seltene Gabe. Und deshalb wird sie gebraucht. Nicht jeder Mensch kann sich Dinge auf Distanz halten. Sie, Katharina Wagner, kann das.

Das leise Knurpsen des kauenden Katers ist verstummt. Sie schaut zu ihm hinunter. Ihr Blick trifft seine gelben Augen, die ihn studieren. Hofft er auf mehr Futter? Fragt er sich, was sie da tut? Sie hat bei sich die Neigung beobachtet, dem Kater menschliche Motive zu unterstellen. Was natürlich Unsinn ist. Sein Gehirn wiegt etwa 25 Gramm. Was soll er damit schon groß anstellen. Und es ist ja auch nicht sein Job. Sie tätschelt ihm über den Kopf.

 

Das erste Video ist, wie so viele, gefilmt von schräg oben und erstaunlich grobkörnig. Es überrascht sie immer wieder, dass die Bilder so schlecht sind, so viele Innovationen in den letzten Jahrzehnten und die Überwachungskameras bieten noch immer diese seltsamen Bilder.

Eine junge Frau in einer matt roten Jacke mit braunem Haar, kinnlang, der Pony seltsam kurz, was ihr einen etwas einfältiges Ausdruck verleiht, der aber sicher täuscht, soweit legt sie sich schon fest.

Die Hände der Frau. Nervös. Die Finger verhaken sich ineinander. Stehen aber auch nie still. Ein feines Zappeln, immer wieder werden sie neu angeordnet.

Die Frau klemmt nah am Tisch. Den Brustkorb an die Kante gedrückt. Die Schultern nach vorne geschoben.

Als sperrte sie sich selbst ein. Hielte sich vorauseilend gefangen.

Nein, ruft sie sich zur Ordnung. Keine poetische Reingeheimserei. Sie hat eine Schwäche dafür gehabt. Früher. Im Studium. Aber jetzt hat sie es meistens im Griff. Besinnt sich auf sachliche Distanz und Analyse.

Der Befrager betritt den Raum. Die Kamera ist so montiert, dass sie nie mehr sieht als Rücken und Hinterkopf und das ist ihr recht. So kann sie sich auf die Befragten konzentrieren. Ihre Aufgabe.

Das Übliche beginnt.

Überprüfung der Personalien.

„Familienname“

„Moradi. Könnte ich...“

„Vorname“

„Azada Marie. Ich wollte ...“

Die Frau presst sich noch weiter an den Tisch, gleichzeitig versucht sie offenbar, dem Befrager in die Augen zu schauen. Hohe emotionale Intelligenz, tippt sie in das Kommentarfeld zum Video. Und: Möglicherweise überhöhtes Selbstbewusstsein, was unter Umständen zu Schwierigkeiten mit Autoritäten führen kann.

„Es gibt einen Gesprächsablauf, dem werden Sie folgen, für Einwände haben Sie später Gelegenheit.“

Wieder spürt sie in sich das Interesse zu erfahren, wie die Befrager geschult werden. Sie hält das Video an, beugt sich etwas vor, um die Situation zu studieren.

Die Haltung des Befragers. Weder zu angespannt, noch zu gelassen. Ein neutrales Sitzen, wenn es das gibt. Es fasziniert sie. Auch der Kontrast zur Befragten. Die in höchstem Maß angespannt ist, verständlicherweise, aber es überhaupt nicht verbergen kann. Und vielleicht auch nicht will.

Menschen spiegeln üblicherweise das Verhalten ihres Gegenübers. Zumindest zu einem gewissen Maß. Das lässt sich kaum vermeiden. Ein hohes Maß Selbstkontrolle ist nötig, um sich so zu verhalten, wie es der Befrager tut. Als sei er unbeteiligt. Obwohl er doch das Gespräch führt.

Sicher ist es herausfordernd, die richtigen Personen auszuwählen. Aber bestimmt auch eine spannende Aufgabe. Vielleicht wird es doch bald einen Wechsel zu KI-gesteuerten Befragungen geben. Allerdings sind dann wieder noch höhere Irritationen bei den zu Befragenden zu erwarten. Ausfälle bei Interviews durch völlige Verweigerung. Ausbrüche. Zusammenbrüche.

Nein, das aktuelle Setup ist vermutlich perfekt gewählt. Menschen. Aber sehr kontrollierte Menschen. Sie beugt sich ein wenig vor, um den Befrager noch einmal zu betrachten. Seinen Rücken. Hellgraues Jacket, eher lose sitzend. Haare vermutlich dunkelblond, kurz und voll.

Die Ohren eher groß, ein wenig fleischig.

Die Hände, die vor ihm auf dem Tisch liegen.

Kräftig. Kurze Finger. Nägel gepflegt, soweit sie das beurteilen kann. Kein Ring. Aber sie meint, am Ringfinger eine leichte Markierung zu erkennen. Als ob er einen Ring trägt, den er abnimmt. Das einzige, was auffällig ist.

Fokussiere dich, ruft sie sich zur Ordnung. Der Befrager ist für dich nicht von Interesse. So wird sie ewig brauchen, das Video durchzuschauen. Sie drückt auf das Symbol für Play und das Video läuft weiter.

„Ich habe gar keine Einwände, ich möchte doch nur wissen, worum genau es geht.“ Sie hat eine angenehme Stimme, eher dunkel, auch wenn sie Hochdeutsch spricht, ist ein leichter Singsang zu erkennen. Vermutlich süddeutsche Sprachsozialisierung.

„Das stand in der Vorladung.“ Der Befrager hält seine Stimme komplett neutral. Der Blick bleibt auf das Blatt vor ihm geheftet. Sie meint zu erkennen, dass es leer ist.

„Überprüfung der kulturellen Stabilität stand da, ich verstehe es nicht ganz.“

„Sie brauchen es nicht verstehen, beantworten sie bitte die Fragen.“

Kurze Pause.

„Geburtsort.“

Noch immer bleibt er komplett ruhig, signalisiert dennoch Autorität. Allerdings klingt im Wort „beantworten“ dieses Mal das o ein wenig nach ö. Vielleicht kommt er aus dem Sächsischen. Aber vielleicht möchte sie auch nur etwas heraushören. Auch eine Psychologin ist nicht geschützt vor den Mechanismen der Psyche. Und wir wollen jeden Menschen einordnen, es ist eine Autobahn in unseren Neuronen, unser gegenüber zuordnen zu müssen.

Der Kopf der Frau sinkt etwas nach vorne. Sie gibt den Versuch auf, den Augenkontakt herzustellen.

„Heidelberg.“

Scheint bereit zu sein, Autorität anzuerkennen, tippt sie in das Kommentarfeld, wenn diese konsequent signalisiert wird.

Zwei grüne Punkte leuchten im Kommentarfeld auf. Ihre Anmerkugen wurden also bereits gelesen. Sie hatte nur in der Schulung davon gehört. Grüne Punkt bedeuten, dass ihre Eingaben in das Kommentarfeld direkt gelesen werden. Jemandem scheint das Ergebnis wichtig zu sein. Warum nur?

Wahrscheinlich wird sie das nie erfahren.

Die Betreuung verdächtiger Personen ist bewusst stark segmentiert. Sie ist für Befragungsauswertung zuständig. Was davor und danach kommt, das geht sie nichts an.

„Geburtstag“

„23.05.2001“

Ihr fallen die Zahlen natürlich sofort auf. 23 und 5. Zahlenmystik. Nicht, dass sie daran glaubt. Aber die kulturelle Prägung ihrer Generation hat sie darauf konditioniert, dass sie ihr auffallen. New Age Spiritualität. Sie fragt sich, ob sie auch im Kopf des Befragers ein Echo auslösen. Er lässt jedenfalls nichts erkennen. Die Befragung läuft ohne Zögern weiter.

„Nationalität“

„Deutsch“

„Das ist nicht korrekt“

„Doch! Ich habe einen deutschen Pass!“

„Sie sind ebenfalls als Bürgerin des iranischen Staates geführt.“

„Ja, naja, die lassen das ja nicht zu, dass man die iranische Staatsbürgerschaft abgibt!“ Die Frau schiebt sich ein Stück vom Tisch zurück, die Hände fliegen in die Höhe, beginnen zu gestikulieren.

Kontrolle von Emotionen fallen der Befragten schon bei leichter Reizung scheinbar schwer, Gestik könnte auf nach wie vor starke orientalische Prägung hindeuten, hierfür ist unter Umständen ein entsprechender Experte zu befragen. Sie tippt die Worte flüssig in die Tastatur. Früher hätte das als rassistisch gegolten. Heute sind das Formulierungen, die erwartet werden. Sie hat sich da angepasst. Eine kleine Irritation bleibt. Aber es ist okay für sie.

Die grünen Punkte leuchten auch jetzt gleich im Kommentarfeld auf.

„Beantworten sie alle Fragen bitte wahrheitsgemäß.“

Topic Shorty

0 comments

Would you like to be the first to write a comment?
Become a member of Geraeuschbar and start the conversation.
Become a member