Gofigramm

Es wird Dir nicht entgangen sein, dass ich am Ende dieser Woche nach Griechenland reisen werde. Gemeinsam mit einer Gruppe von knapp 20 Leuten zwischen Ende 20 und Anfang 70 werde ich mir die Orte anschauen, die der jüdische Gelehrte Shaul von Tarsos, besser bekannt als Paulus, bereist hat: Thessaloniki, Philippi, Veria (das biblische Beröa), Athen und Korinth.
Paulus begleitet mich schon mein ganzes Leben. Seit meiner Jugend studiere ich seine Briefe, die im Neuen Testament überliefert worden sind, und versuche, mir einen Reim auf sie zu machen. So nah wie zuletzt aber bin ich ihm noch nie gekommen. Als Vorbereitung auf die Reise studiere ich seine Worte und sein Leben neu, höre stundenlang Vorträge und lese Bücher. Eine Sache sticht mir dabei ganz besonders ins Auge: Er lehnte sich gegen die bestehenden Ordnungen und Autoritäten der damaligen Zeit auf.
Paulus forderte die religiösen, philosophischen und politischen Kräfte heraus, erklärte sie für ungültig und entwarf ein Gegenmodell auf der Grundlage seines jüdischen Glaubens und einer tiefgreifenden spirituellen Erfahrung, die sein Verständnis der Wirklichkeit völlig veränderte. Dieser Gegenentwurf blieb bei ihm nicht Theorie, sondern er manifestierte sich in der Gründung von Gemeinschaften, die es so ähnlich zwar bereits gab, in der Form, in der Paulus sie bildete, aber dennoch etwas völlig Neues waren.
Die Briefe, die er schrieb, bildeten die theologische Grundlage. Es waren praktische Anleitungen für die Art, wie das Leben in diesen Gemeinschaften jetzt geführt werden sollte. Und sie lieferten die Begründung dafür, warum das wichtig war. Das war eine riesige Leistung. Denn Paulus griff das auf, was er gelernt hatte und was er in der damaligen Gesellschaft vorfand, und formte daraus etwas bisher nie Dagewesenes. Zwar erinnert es an Formen und Gedanken, die bereits existierten. Paulus greift aber das Vorhandene auf, deutet es neu und führt es von dort ausgehend weiter.
Er hätte sich nicht als Revolutionär verstanden, auch wenn das, was er (und andere Leiterinnen und Leiter der frühen Kirche) tat, revolutionär war. Auch hätte er sich nicht als Künstler bezeichnet, weil die damalige Welt unter Kunst etwas völlig anderes verstand als wir heute.
Nach unserem heutigen Verständnis eines Künstlers aber würde das durchaus gehen. Die Kunst der heutigen Zeit bietet neue Perspektiven an, zweifelt an gesetzten Ordnungen und Normen, fragt: „Warum sollte es so sein müssen, warum sollte es nicht anders sein können?“ Kunst, die uns heute bewegt, sucht danach, wer wir sind, wo wir herkommen und wohin wir gehen. Sie erkennt Repression und lebensfeindliche Strukturen und attackiert sie. (Bis sie in Museen wandert und Wohnzimmer dekoriert, aber das ist ein anderes Thema.) So, wie ich meinen Paulus verstehe, hat er das auch getan. Und damit erinnert er mich an einen zeitgenössischen chinesischen Künstler, den Du vielleicht auch kennst und den ich in diesem Newsletter schon einmal vorgestellt habe: Ai Weiwei.
Ai Weiwei lebt inzwischen nicht mehr in China. Er hat sich vehement mit dem dortigen Regime angelegt und wurde schwer unter Druck gesetzt, zwischenzeitlich inhaftiert und bei anderer Gelegenheit ins Krankenhaus geprügelt. Die Kopfverletzung, die er sich dabei zuzog, hätte tödlich sein können. Schließlich ist er nach Europa geflohen.
Seine Kunstwerke suchen nach Schönheit. Sie sind aber immer auch eine grundsätzliche Anfrage an die bestehenden Ordnungen und hinterfragen das Handeln der Mächte und Gewalten. Ai Weiwei proklamiert die Freiheit des individuellen Ausdrucks. Er fordert das Recht für jeden einzelnen Menschen, eigene Lebensentscheidungen treffen zu dürfen. Die Tradition ehrt er, formuliert sie aber auch neu.



(Die Bilder habe ich aus dem Buch AI WEIWEI, herausgegeben von Werner Holzwarth bei TASCHEN abfotografiert.)
Ganz schön viele Parallelen zu Paulus. Zu weit darf ich es damit aber natürlich nicht treiben. Beide Männer verstehen die Welt und die Wirklichkeit grundsätzlich vollkommen unterschiedlich. Und trotzdem. Vielleicht kann uns das Wirken des einen dabei helfen, die Arbeit des jeweils anderen besser zu verstehen? Ich glaube schon.
Was mich zu der Frage führt: Was bringt es? Wie aussichtsreich ist es, sich gegen die bestehenden Mächte und Gewalten aufzulehnen? Hat das überhaupt Aussichten auf Erfolg?
Der Vorteil an Paulus ist, dass sein Wirken bereits 2000 Jahre zurückliegt. Und in seinem Fall können wir sagen: Ja, es ist erfolgreich gewesen. Die Anfänge waren zwar bescheiden, aber die Wirkungsgeschichte enorm. (Leider nicht durchweg positiv, aber auch das ist eine andere Geschichte.)
Was lerne ich aus dem allen? Lass uns mit dem Guten, woran wir arbeiten, einfach immer weitermachen. Über Erfolg oder Misserfolg müssen vielleicht irgendwann andere befinden.
Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!
Dein Gofi
Ich bin Gofi, Künstler, lebe in Marburg und engagiere mich für den Erhalt von Kunst, Kreativität, Gemeinschaft und einer menschenfreundlichen Spiritualität. Das GOFIZINE veröffentliche ich bewusst kostenlos für alle, weil ich möchte, dass jede/r Zugang zu guten Inhalten hat, unabhängig von Einkommen und finanziellen Möglichkeiten. Wenn Du mir bei meiner Arbeit helfen möchtest, bin ich Dir sehr dankbar.
Podcast
Drama um Timmy, den Wal – Was die Rettung des Wals mit der Rettung der Welt zu tun hat

Die Rettung von Timmy, dem Wal, hat die Republik in Atem gehalten. Nun ja, zumindest Teile der Republik. Andere waren von dem Bohei um das Tier eher genervt oder haben sich um für sie wichtigere Themen gekümmert. Immerhin: Das wochenlange Bemühen um den jungen Buckelwalbullen, der vor der Insel Poel gestrandet auf Grund lag, hat Politik, Medien, Umweltschützer, Forschende und Tierfreund*innen beschäftigt und teilweise auch gegeneinander aufgebracht. Was hat die Gemüter so erregt? Warum haben sich einige mit solch einer Energie um die Rettung des Tieres gekümmert? Hat sich die Mühe gelohnt? War sie wirklich sinnvoll oder gar moralisch gerechtfertigt? Und was sagt dieses Drama um Timmy über uns als Menschen aus und über das komplizierte Leben auf diesem Planeten, auf dem vieles, was wir tun, negative Folgen hat und gute Taten leider nicht immer nur positive Folgen haben? Ein launiger, aber trotzdem tiefgründiger Talk über ein aktuelles Thema. Viel Spaß! (Episodenbild: Shutterstock)
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Video
Eine neue Leichtigkeit - Warum Lachen heilig sein kann | openSPACE #podcast
https://youtu.be/9CGSTxCYjUo?si=izytVozWlMzpREtc (Opens in a new window)In dieser Folge sprechen Jan und Gofi über das Thema "Eine neue Leichtigkeit - warum Lachen heilig sein kann". Ausgehend von persönlichen Erfahrungen wird deutlich: Lachen ist mehr als nur Reaktion auf Witze - es ist eine Haltung, die helfen kann, das Leben leichter zu nehmen und selbst schwierige Situationen besser zu bewältigen. Humor scheint in jedem Menschen angelegt zu sein, kann aber auch bewusst entdeckt und eingeübt werden, indem man den Blick für das Spielerische und Absurde im Alltag schärft. Gerade in Krisen kann Lachen entlasten, neue Kraft geben und sogar eine Form von Widerstand sein. Gleichzeitig verbindet gemeinsames Lachen Menschen auf besondere Weise. Auch im Glauben hat Humor seinen Platz: Die Bibel kennt Ironie, Übertreibung und überraschend menschliche Momente. Eine ehrliche Folge darüber, warum ein Leben und ein Glaube ohne Lachen an Tiefe verlieren - und wie Humor neue Leichtigkeit schenken kann. #Humor (Opens in a new window) #Lachen (Opens in a new window) #NeueLeichtigkeit (Opens in a new window) #HeiligesLachen (Opens in a new window) #Fulda (Opens in a new window) #openSPACE (Opens in a new window)
00:00 (Opens in a new window) Prolog
00:35 (Opens in a new window) Willkommen
01:35 (Opens in a new window) Einstieg zum Thema
13:12 (Opens in a new window) Meditation: Gott ich bin hier
16:35 (Opens in a new window) Talk zum Thema
20:00 (Opens in a new window) Fragen und Austausch
50:20 (Opens in a new window) Lesung (Flucht aus Evangelikalien)
1:04:09 (Opens in a new window) Talk zum Buch
1:13:55 (Opens in a new window) Gebet: Schöpferin, Kraft, Mutter und Vater
1:18:40 (Opens in a new window) Epilog
Link zum Buch ("Flucht aus Evangelikalien") von Gofi:
https://www.thalia.de/shop/home/artik (Opens in a new window)... (Opens in a new window)
News

Im Juni gehe ich mit meinem neuen Roman WUT. LIEBE. FILMRISS. auf Konzertlesereise. Begleitet werde ich dabei von meinem langjährigen Freund Martin Denzin, einem Musiker aus Bremen. Wir kennen uns noch aus der Schulzeit. Mit seinem Sony‑Walkman mit zwei (!) Kopfhörerausgängen haben wir unsere Lieblingsmusik gefeiert, erste Songs zusammen komponiert und davon geträumt, zusammen auf Tour zu gehen. Na gut, es hat jetzt doch etwas gedauert ... besser spät als nie 😉.
09. – Bremen (Flux)
10. – Hamburg (Jerusalemkirche)
11. – Braunschweig (Café BRUNS)
12. – Magdeburg (Kulturkollektiv)
13. – Berlin (Theater Verlängertes Wohnzimmer)
Alle Details findest Du hier: https://gofi-mueller.de/termine/ (Opens in a new window)
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