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“So eine schöne Sprache!”

Von Hasnain Kazim - Zug fahren und Deutsch lernen / Öffnungszeiten / Kritik- und Auslachfreiheit?

Liebe Leserin, lieber Leser,

als Lesereisender verbringe ich viel Zeit in Zügen, und ich gehöre nicht zu denen, die ständig über die Bahn schimpfen. Manchmal nervt sie natürlich, bisweilen treibt sie einen in den Wahnsinn, aber meistens klappt es doch ganz gut. Ich fahre sehr gerne Bahn. Man kann lesen, schreiben, einfach aus dem Fenster gucken, nachdenken, nichts tun, schlafen.

Gerade sitze ich auch im Zug, im ICE von Hamburg nach Ingolstadt, wo ich am Sonntagvormittag am Stadttheater an einem Bühnengespräch teilnehme (Opens in a new window). Es ist “Tag der Menschenrechte”, und wir sprechen über Meinungsfreiheit.

Warten am Bahnhof.

Gestern bin ich von Oldenburg nach Stade gefahren, und in einem Regionalzug saß mir ein junger Mann gegenüber, Mitte zwanzig vielleicht, vermutlich Syrer. Er hatte einen DIN-A4-großen Block auf dem Schoß und schrieb mit einem Kugelschreiber einen Text auf die Linien. Es sah so aus, als lernte er Deutsch und schriebe einen Aufsatz. Neben sich ein Lehrbuch, in das er immer wieder einen Blick warf. Irgendwann schaute er mich an.

“Entschuldigung, was ist der Unterschied zwischen schwül und schwul?”, fragte er mich. Ich musste lächeln, erklärte ihm den Unterschied. Nun lächelte er auch. “So eine schöne Sprache!”, sagte er. Im weiteren Verlauf erfuhr ich, dass er tatsächlich vor ein paar Jahren aus Syrien geflüchtet ist, als Teenager. Sein Deutsch war nahezu perfekt, und man merkte ihm an, dass er nicht nur um sprachliche Korrektheit, sondern um Eleganz bemüht war.

Solche Menschen machen mir Hoffnung. Menschen, die die sprachliche Klaviatur sorgfältiger und überlegter bespielen als viele andere.

“So eine schöne Sprache!” Wie wahr.

Ich beschrieb diese Szene vorgestern in den “sozialen” Medien. Erwartungsgemäß kamen von rechter Seite Reaktionen, wonach diese Geschichte ein “Märchen” sei, “erfunden”, “aus dem Paulanergarten”, manche warfen mir vor, ein “Lügner” zu sein, andere wiederum zweifelten zwar nicht den Wahrheitsgehalt an, erklärten aber, solche Leute seien “die reine Ausnahme”, “in der Regel sind Syrer ein Problem” et cetera.

Ich habe manchen von diesen Leuten ziemlich deutlich geantwortet. Diplomatie oder pädagogisches Feingefühl sind bisweilen meine Sache nicht. Ja, manchmal taugt das Florett, hin und wieder kommt man aber auch mit dem Vorschlaghammer weiter. Ich halte sehr viel von zielgruppengerechter Ansprache. Hab ich beim Militär gelernt.

Es ist erstaunlich: Die einen wollen nur Horrorgeschichten über Zuwanderer, Ausländer, Flüchtlinge hören und halten jede schöne Begebenheit - wie die beschriebene - für eine Erfindung. Die anderen wollen nur Schönes verbreitet sehen und finden in jeder Berichterstattung über Probleme und kritische Fälle “rechte Propaganda”.

Man muss beides sehen. Und alles abbilden.

Lob der Spätis

Vor Oldenburg war ich während dieser Reise in Berlin, um an einer Jurysitzung teilzunehmen. Es war ein Schreibwettbewerb für Schülerinnen und Schüler, “Schreiben für Hanau” (Opens in a new window), sie sollten Texte einreichen zum Thema Rassismus, Diskriminierung, Integration etc. Das Spektrum war bewusst weit gefasst, auch die Form war frei: von Prosa bis Lyrik, von Bühnenstücken bis Liedtexten. Ich bin von der Qualität der Einreichungen begeistert. Die Preisträger stehen nun fest und werden im Frühjahr 2026 ausgezeichnet.

Über Berlin verliere ich nicht oft freundliche Worte, diese Stadt macht mich fertig, ihr Selbstbewusstsein ist, finde ich, wenig unterfüttert, und große Klappe, wenig Sein ist etwas, das ich nicht mag. Inzwischen würde ich sogar sagen: Diese Stadt ist in nicht unwesentlichen Teilen verwahrlost. Und mir kann niemand weismachen, dass massenweise Müll an den Straßenrändern eine Folge von Armut beziehungsweise städtischem Geldmangel ist. Klar, Müllentsorgung kostet, und vielleicht mag es da Schwierigkeiten geben, aber das ist noch lange kein Grund, seinen Müll einfach irgendwohin zu werfen.

Aber, um jetzt doch etwas Positives loszuwerden über Berlin: Ich liebe Spätis! Sie sind eine Institution! Geschäftchen, in denen man Getränke, Snacks, eigentlich alles Lebensnotwendige bekommt, und zwar bis weit in die Nacht, ach was, in den Morgen hinein! Wunderbar! Geschäfte, die nach 18 Uhr geöffnet haben, sind für mitteleuropäische Verhältnisse ein zivilisatorischer Fortschritt. (Ich erinnere mich an die Novelle des Ladenschlussgesetz 1996, wonach Geschäfte nicht mehr nur donnerstags, sondern jeden Werktag bis um 20 Uhr öffnen durften; wir haben das damals als eine der Mondlandung ebenbürtige Errungenschaft gefeiert…)

Späti in Berlin.

In Wien, wo ich sehr gerne lebe, schließen viel zu viele Läden um 18 Uhr. Manche machen sogar eine einstündige Mittagspause. Also genau dann, wenn viele Leute Zeit haben, um einzukaufen…

Vielleicht wird der Klimawandel es in Zukunft auch bei uns regeln: dass wir mittags, während der heißesten Zeit, alle Siesta halten, die Geschäfte erst um 16 Uhr öffnen und dann bis ein, zwei Uhr nachts geöffnet haben. Wäre das besser? Ich weiß es nicht.

Aber: Hoch leben die Spätis!

Lachen und kritisieren

Ohne auf konkrete Fälle oder Ereignisse dieser Woche eingehen zu wollen, möchte ich fürs Protokoll und zum weiteren Nachdenken festhalten:

Niemand hat das Recht, nicht kritisiert zu werden. Dass manche Kritik ungerechtfertigt und/oder überzogen ist - das stimmt. Und Hetze, Beleidigungen, Beschimpfungen, üble Nachrede et cetera sind keine Kritik. Das alles bedeutet aber nicht, dass notwendige Kritik unterbleiben sollte. In einer Demokratie ist immer zu kritisieren, was zu kritisieren ist.

Und: Niemand hat das Recht, nicht ausgelacht zu werden. Dass manches Auslachen gemein, unhöflich, unangemessen, unpassend ist - richtig. Manches Auslachen kann in Mobbing münden, oft ist es unfair. Dort sollten wir, gerade wenn es Kinder betrifft, erzieherisch einwirken. Aber grundsätzlich hat niemand das Recht, nicht ausgelacht zu werden. Politikerinnen und Politiker schon gar nicht.

Die „Erbaulichen Unterredungen“ erscheinen heute seit genau einem Jahr, Sonntag für Sonntag. Ein einziges Mal sind sie ausgefallen. Mir macht das samstägliche Schreiben Freude, ich hoffe, Ihnen das sonntägliche Lesen auch! Viele von Ihnen schreiben mir, und ich danke Ihnen für Ihre Worte. Und bitte um Entschuldigung, wenn ich spät oder nicht antworte, weil es manchmal wirklich sehr, sehr viele Zuschriften sind.

Ich wünsche Ihnen einen schönen zweiten Advent und eine angenehme Woche! Lassen Sie sich nicht auslachen, lachen Sie lieber gemeinsam mit anderen.

Herzliche Grüße, inzwischen raus aus dem ICE und in Ingolstadt,

Ihr Hasnain Kazim

P. S.: Ich habe die berufliche Reise auch in den Norden Deutschlands dazu genutzt, bei meinem Dealer vorbeizuschauen und den guten Stoff zu besorgen, den es in Wien nicht gibt und den ich nun dorthin schmuggeln werde:

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