Von Hasnain Kazim - Bautzen, Görlitz, Dresden / Wortwahl / Zoff mit Linken
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich wünsche Ihnen ein gesegnetes, schönes Osterfest - aus der Osterhauptstadt Bautzen!
Das erste Mal in dieser Stadt war ich vor knapp zehn Jahren, als ich den SPD-Politiker Serdar Yüksel aus Nordrhein-Westfalen im Oktober 2016 hierher begleitete und für den “Spiegel” darüber schrieb. Den Artikel finden Sie hier. (Opens in a new window) Damals brannte ein früheres Hotel, aus dem eine Flüchtlingsunterkunft werden sollte. Asylbewerber wurden angegriffen, Menschen niedergebrüllt. Als der damalige Bundespräsident Joachim Gauck die Stadt besuchte, wurde er wüst beschimpft. Peinlich und völlig daneben, fand ich.
Die Rechtsextremisten und Neonazis gibt es leider immer noch, hier und in vielen anderen Regionen. Ich war über die Jahre immer wieder in Bautzen und habe auch viele sehr engagierte, mutige, kämpferische Menschen kennengelernt, die dagegenhalten, sich für Demokratie und Vielfalt einsetzen und gleichzeitig auf vernünftige Weise kritisieren, was zu kritisieren ist. Von denen man viel lernen und mit denen man diskutieren kann.
Ich habe die Schönheit dieser Stadt entdeckt - und auch von anderen Städten in der Region, Dresden sowieso, einerseits furchtbar mit diesem peinlichen “Pegida”-Geschrei, andererseits voller Kultur und Geschichte und der wunderbaren Frauenkirche, die eben das Gegenteil symbolisiert von all dem, was diese Wutbürger verbreiten.
Deutschland hatte den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen und unendliches Leid über die Welt gebracht. Dresden wurde noch kurz vor Kriegsende, im Februar 1945, von den Alliierten angegriffen, vor allem von Briten und von US-Amerikanern, realistische Schätzungen gehen von 25.000 Toten aus. Durch die Hitze, die die Brände in der Umgebung erzeugten, stürzte die Frauenkirche ein - und blieb bis lange nach der deutschen Wiedervereinigung, die gesamte DDR hindurch, ein Trümmerhaufen. Heute steht sie als Symbol des Friedens ausdrücklich allen Menschen, unabhängig von Glauben, Herkunft, Geschlecht et cetera offen. So steht es an den Eingängen.

Bautzen und Dresden also, aber auch Görlitz, diese wunderschöne Stadt, von der ein Teil in Polen liegt (Zgorzelec) und die zum Glück von Zerstörung im Krieg verschont blieb und in den zurückliegenden drei Jahrzehnten mit viel Liebe und Geld restauriert und aufpoliert wurde. Und die als Kulisse für einige Hollywood-Produktionen dient und daher auch “Görliwood” genannt wird. Meißen, eine Perle an der Elbe. Und einer meiner Lieblingsorte: das bullerbühafte Altkötzschenbroda, ein Stadtteil von Radebeul, wo man die meiner Meinung nach beste Eierschecke der Welt bekommt.
In den zurückliegenden Jahren war ich oft in Sachsen, für meine “Deutschlandtour” (Opens in a new window) entlang Elbe und Neiße, aber auch zu diversen Lesungen und Vorträgen. Bautzen hat es mir dabei ganz besonders angetan.
Meine Familie, stellte ich Anfang des Jahres fest, war noch nie in Sachsen gewesen. So wie ich überhaupt feststelle, dass viele Menschen, die im Westen groß geworden sind, noch nie im Osten Deutschlands gewesen sind. Umgekehrt kommt das viel seltener vor. Ich finde, das ist kein guter Zustand. Wir müssen viel mehr andere Regionen kennenlernen, den Blick schärfen, miteinander ins Gespräch kommen, dann versteht man einander besser - und kann gezielter, treffender Kritik üben, wo es nötig ist.
Wir beschlossen also, Osterferien in Sachsen zu machen. Und in Bautzen sind wir nun über die Osterfeiertage, hier wird Ostern besonders prächtig gefeiert, mit viel (auch sorbischem) Osterschmuck, evangelischen und katholischen Gottesdiensten - der Dom zu Bautzen ist ja eine “Simultankirche”, er wird von Katholiken und Protestanten gleichermaßen genutzt.

Wir haben uns die Gedenkstätte Bautzen, den alten Stasi-Knast, angeschaut, (Opens in a new window) in dem vor allem politisch Verfolgte, aber auch Mörder, Vergewaltiger und andere Verbrecher inhaftiert waren. Es ist ein Mahnmal, das an einen bedrückenden Teil deutscher Geschichte erinnert. Sehens- und besuchenswert.
Wir haben uns Bautzen, die vielen sehr alten, sehr schönen Gebäude angeschaut und alle möglichen Gassen erkundet. Wir werden uns am heutigen Ostersonntag die Osterreiter, die Prozession und diverse andere Sachen anschauen. Das alles ist möglich, weil einige inzwischen gute Freunde in Bautzen es möglich machen. Menschen, die ich ins Herz geschlossen habe, Heiner und Marlies, Lothar und Margit, Miriam in Bautzen, Axel in Görlitz, um einige zu nennen. Dafür herzlichen Dank!
Wie Worte wirken
Wenn ich mir die politischen Debatten der vergangenen Tage und Wochen und Monate und Jahre anschaue, dann ist es gewiss so, dass Menschen in vielen Bereichen inhaltlich sehr weit auseinander liegen. Dass sie Dinge unterschiedlich sehen, unterschiedlich wollen, durchaus auch ganz grundsätzlich.
Aber, davon bin ich überzeugt, in vielen, wenn nicht sogar in den meisten Auseinandersetzungen ist es kein weltanschauliches oder religiöses oder juristisches Problem, sondern eines schlechter Kommunikation. Wir kommunizieren zu schlecht.
Ich bin ja, wie beschrieben, gerade in Sachsen unterwegs. In einem Ort bin ich auf dieses Plakat hinter einer Glastür gestoßen: “Vielen Dank den Hundebesitzern, welche ihre Vierbeiner in diese Stadt koten lassen und deren Hinterlassenschaften liegen lassen.”

Nun ist es so, dass ich diese Region, wie oben beschrieben, wirklich mag. Meine folgende Kritik ist also kein “Bashing”. Ich nenne den Namen des Ortes übrigens bewusst nicht, weil es mir nicht darum geht, den Ort zu kritisieren.
Es ist nämlich so, dass sowohl mein Hund Frau Dr. Bohne als auch ich die auf dem Plakat zum Ausdruck gebrachte Kritik nicht nur nachvollziehen können, sondern sogar teilen: Wir hassen es, wenn irgendwo Hundehaufen herumliegen. Wir kritisieren es sehr - und schauen Sie nur, wie kritisch wir beide auf dem Foto dreinblicken! -, wenn Leute die Haufen nicht beseitigen. In Wien gibt es dafür alle paar Meter einen Spender für die Sackerl, die aus der Hundesteuer, 72 Euro pro Jahr, 105 Euro für jeden weiteren Hund, finanziert werden.
In diesem Ort haben wir keinen einzigen Spender für Tüten gesehen, dafür aber viele Hunde. Er ist dennoch sehr sauber, die Leute haben eben ihre Sackerl selbst dabei. Die meisten Hunde und ihre Menschen, so scheint mir, sind hier sehr ordentlich. Ich kann aber verstehen, wenn man sich darüber ärgert, dass einige Leute die Hundekacke einfach liegen lassen. Und das kann und darf und soll man auch äußern. Rechtlich ist natürlich auch zulässig, es so zu tun wie auf dem Plakat.
Nur ist das dieser typische “AfD”-Sound: pseudoironisch, übellaunig, unsympathisch. Nun macht Hundekacke auf dem Gehweg natürlich schlechte Laune, das verstehen wir. Aber solch eine Kommunikation bewirkt entweder nichts oder sogar das Gegenteil dessen, was es bewirken soll. Man sollte doch ein bisschen darüber nachdenken, wie man was äußert, um möglichst das Ziel zu erreichen (und ich erspare Ihnen und mir das Wort “konstruktiv”, es wird inflationär genutzt und führt bei mir inzwischen dazu, dass ich erwidern möchte, dass ich überhaupt nicht beabsichtige, konstruktiv sein zu wollen).
Man könnte sagen: “Liebe Leute, wir lieben Hunde, so wie Sie auch! Wir lieben aber auch unsere Stadt und wollen, dass sich hier alle wohlfühlen. Daher wäre es wirklich sehr schön, wenn Sie die Hundehaufen Ihres Lieblings beseitigen würden! Vielen Dank!”
So in der Art. Oder irgendetwas Lustiges. “Dein Hund kann’s nicht wegmachen – aber du schon. Sei kein Schwein, bitte!” Oder: “Mach’s weg, bevor es jemand anders erlebt.” Oder: “Helden tragen Beutel. Sei einer davon!” Oder was auch immer. Ich wette, damit erreicht man mehr als durch diese leicht griesgrämige Wortwahl, auch wenn ich, wie gesagt, die schlechte Laune ob der Hundehaufen im Stadtbild nachvollziehen kann.
So ist das in vielen anderen Debatten auch: Nicht immer, aber sehr oft macht der Ton die Musik. Und mit gutem Ton kann man oft viel mehr erreichen.
Ich bin also ein “right wing anti-Muslim commentator”!
Mit der Wortwahl haben es leider auch manche, die eigentlich mit Worten umgehen können müssten, nicht so. Am Donnerstag hat die Heinrich-Böll-Stiftung ein kleines Video mit mir veröffentlicht, (Opens in a new window)in dem es um Meinungsfreiheit und Faktenchecks geht.
Auf “X”, ehemals “Twitter” brach daraufhin am Karfreitag am linken Rand ein Sturm der Entrüstung aus, der mich einerseits verwundert, andererseits auch nicht, denn dass einem Worte verdreht und absichtlich missverstanden werden oder einem auch einfach irgendetwas unterstellt wird, kenne ich nicht nur von rechtsextremistischer Seite, sondern seit langer Zeit auch von Linksextremisten und Islamisten. Letztere zwei haben sich mal wieder zusammengefunden.
Ein Typ namens James Jackson, der sich “Journalist” nennt und sich seines “deep knowledge of Germany” rühmt und der mir vor allem ob seiner Pöbeleien aufgefallen ist, schreibt unter das Video: “The Green Party think tank invites a right wing anti-Muslim commentator to talk about disinformation”. Als der “FAZ”-Kollege Michael Martens das dankenswerterweise kritisiert und jene Leser bedauert, die den Infos dieses Typen vertrauen, antwortet der ebenfalls für die “FAZ” schreibende Großintellektuelle Patrick Bahners, der mir in Vergangenheit in seiner bemerkenswerten Toleranz für islamistische Tendenzen mehrfach seltsame Dinge an den Kopf geworfen hat: “He [damit meint er mich] moved to the right on a very fast lane in the last couple of years. Has become a run of the mill hatemonger, paving the way for the AfD takeover.”
Wow. Ob so viel Blödheit muss ich mich erst einmal setzen. Als ob ich nicht zeitweise Hunderte von Morddrohungen aus Richtung der “AfD” erhielt. (Opens in a new window) Als ob ich nicht unter Polizeischutz leben musste. Als ob ich nicht nach wie vor von denen bedroht werde. Und als ob ich glaubte, die Höckes dieser Welt würden mich plötzlich toll finden, weil ich auch Linksextremisten und Islamisten kritisierte. Ich sei, findet Bahners, also “Wegbereiter der Machtübernahme der AfD”. Und hätte mich nach rechts bewegt. Ich frage mich: Wie kann man mit dieser geistigen Beschränktheit jemals Chef des geschätzten Feuilletons der “FAZ” werden, der er - zum Glück kann man hier die Vergangenheitsform nutzen - war?
Dass ich - natürlich - hier und da Ansichten und Positionen verändere, wie es jeder vernünftige Mensch, der sich Argumente anhört und in sein Denken einbezieht, ist eh klar. Aber insgesamt verteidige ich von je her mit meinen Büchern und Artikeln die demokratische Mitte, in der ich politisch stehe. Als ich kritisch über Pakistan oder die Regierung Erdoğan aus der Türkei berichtet habe, bekam ich manchen Beifall aus der konservativen Ecke. Als ich später die AfD für ihren Rassismus kritisiert habe und das Buch “Post von Karlheinz. Wütende Mails von richtigen Deutschen - und was ich ihnen antworte” schrieb, rückten diese Leute schnell von mir ab. Dafür entdeckten mich die Linken. Und jetzt, da ich mich kritisch (und gleichzeitig wohlwollend, aber das lesen sie nicht) mit dem Islam auseinandersetze in “Der Islam und ich”, finden die mich plötzlich wieder doof. Wobei die meisten der Typen, die ich hier erwähne, das Buch wahrscheinlich nicht gelesen haben, sondern einfach so eine Meinung haben.
Als ich in der Bundeswehr war, galt ich einigen als “rechts”. Als ich für den “Spiegel” schrieb, hielten mich manche für einen Angestellten eines “rotgrünversifften Blattes”, einer schrieb mir sogar, das sei ein “kommunistisches Blatt” und ich mithin “Kommunist”…
Ich rede mir ein, dass mir all diese schwachsinnigen Zuschreibungen relativ egal seien, aber die Wahrheit ist: Es treibt mich doch um. Und zwar, weil ich mich frage: Wenn Rechtsextremisten tatsächlich mal wieder mächtig werden, werden einen diese Linken, für die man nicht linientreu ist und damit nicht in deren Ideologie passt, rechts liegen lassen? Werden sie einem helfen? Oder einen den Rechten zum Fraß vorwerfen? So wie sie achselzuckend zuschauen, wenn jetzt Menschen Islamisten zum Opfer fallen zum Beispiel in Iran oder Afghanistan?
Ich sehe die Gefahr, dass bei so viel Dummheit und Ideologievernarrtheit tatsächlicher Extremismus zunimmt: am rechten und am linken Rand ebenso wie im islamistischen Spektrum.
Der seine Liebe zur Linkspartei öffentlich zelebrierende Daniel Bax unterstellt mir jetzt öffentlich “rechte Verschwörungstheorien” zu verbreiten. Der ab und zu Artikel schreibende Arzt Cihan Celik, der mich mehrfach auf “X” bepöbelt hat, schreibt an die Böll-Stiftung: “Groteske Testimonial Auswahl zu diesem Thema.” Ich sei, schreiben irgendwelche Linken, “Hausmuslim”, “Zionistenschwein”, “Rechtsextremist”, “Nazi”. Ein Typ namens Sahak Ibrahimkhil, nach eigenen Angaben Mitglied der Partei “Volt”, schreibt an die Böll-Stiftung: “Das ist so, als würde Alice Weidel zu einem Thema wie Rassismus einladen.” Dümmer geht’s immer. Immerhin hat er diesen Kommentar wieder gelöscht.
Wie gesagt, es verwundert mich nicht, weil ich diesen Unsinn seit Jahren kenne. Die Antirassismus-Aktivistin Jasmina Kuhnke warf mir einmal indirekt vor, Rassist zu sein, weil ich “kein Problem mit dem N-Wort” hätte. Was Unsinn ist. Ich habe lediglich gesagt - und sage es immer noch -, dass das reine Aussprechen des Wortes noch niemanden zum “Rassisten” macht. In meiner Kindheit sagten wir nicht “Schokokuss”, und manche Menschen tun das bis heute nicht. Ich finde, man sollte dieses Wort nicht nutzen, schon gar nicht Menschen so bezeichnen, aber wer nun nicht “Schokokuss” sagt, tut das vielleicht unüberlegt, ist aber nicht automatisch ein “Rassist”. Für Kuhnke reichte meine differenzierte Haltung, mich ihren “Followern” zum Fraß vorzuwerfen.
Der “Shitstorm” - welch furchtbares Wort - zog ebenso vorüber wie der, den sie anzettelte, als sie mir öffentlich vorwarf, “ableistisch” zu sein, also diskriminierend gegenüber Menschen mit Behinderungen, weil ich einen Politiker als “rückgratlos” kritisiert hatte. Das Wort “rückgratlos” sei behindertenfeindlich, meinte sie. Ihr Mob fiel verbal über mich her. Ich nannte diese Sache idiotisch, was sie als Bestätigung für meine “ableistische” Einstellung sah - sie machte sich die Nutzung des Wortes “Idiot” der Nazis zu eigen, die so Behinderte nannten. Wahnsinn.
Ein weiteres Mal fand sie absolut inakzeptabel, dass ich ihrem Boykott der Frankfurter Buchmesse nicht folgen mochte, weil dort ein rechter Verlag einen Stand hatte, von dem sie sich bedroht fühlte. Ich weiß um das physische Gerangel, das es dort einmal gegeben hat. Und ich finde, man muss da sehr genau hinschauen. Andererseits finde ich, dass man die verbale Auseinandersetzung suchen muss. Andere mögen das anders sehen und anders handhaben. Denen, die dem Boykottaufruf nicht Folge leisteten, “Nähe zu Rechtsextremismus” vorzuwerfen, wie es ihre Fans taten - absurd!
Oder die Aktivistin Shanon Bobinger, die mir in der Sendung “13 Fragen” allen Ernstes sagte, Pakistaner, die es nicht als “kulturelle Aneignung”, sondern als Anerkennung empfänden, wenn Weiße Shalwar Kameez tragen, seien immer noch “semi-kolonisiert”. Sie hätten einfach noch nicht verstanden, dass das “kulturelle Aneignung” und damit “nicht in Ordnung” sei. Hier nachzuschauen ab Minute 26:30. (Opens in a new window)
Diese Art von Unsinn nimmt leider zu. Ich werde das nicht unkommentiert lassen, sondern - wie bei anderen Formen des Extremismus auch - gegenhalten. Mit Worten.
Ihnen wünsche ich, dass Sie sich nicht ärgern lassen, sondern fröhliche Ostern verbringen, wo auch immer Sie sind! Herzliche Grüße aus Bautzen!
Ihr Hasnain Kazim
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