Von Hasnain Kazim - Özdemir / Buchveröffentlichung / Bohne / Iranische Fußballerinnen
Liebe Leserin, lieber Leser,
Freud und Leid können nah beieinander liegen, das habe ich diese Woche jedenfalls mal wieder vor Augen geführt bekommen. Es war eine tolle, spannende, aufregende Woche für mich, aber auch eine leidvolle, belastende. Was genau sie dazu gemacht hat, lesen Sie im Folgenden in den “Erbaulichen Unterredungen”.
Aber zunächst ein politisches Thema, das mich beschäftigt hat. Vergangenen Sonntag hat Baden-Württemberg gewählt. Man könnte nun lang den Wahlkampf analysieren, die CDU, die monatelang uneinholbar vorne schien, es am Ende dann aber doch nicht reichte. Oder über das Ergebnis, wonach die Grünen hauchdünn gewonnen haben mit 30,2 Prozent, so steht es jedenfalls im vorläufigen Endergebnis (Opens in a new window), und die CDU landet mit 29,7 Prozent auf dem zweiten Platz. Andere werden anführen: Die Grünen haben 2,4 Prozentpunkte verloren, die CDU hingegen 5,6 Punkte gewonnen. Wieder andere werden sagen: Aber es haben beide Parteien jeweils 56 Sitze im Landtag in Stuttgart. Und einige aus der CDU treiben derzeit den Preis für eine Zustimmung zu einer Koalition mit den Grünen hoch, ein eigentlich normaler Vorgang, nur tun das manche auf höchst unangenehme Weise.
Auf all das möchte ich aber gar nicht eingehen, sondern vielmehr darauf, wie mit dem wahrscheinlich nächsten baden-württembergischen Minischderpräsidenten Cem Özdemir umgegangen wird. Und das ist zum Teil: haarsträubend.
Özdemir ist im schwäbischen Bad Urach zur Welt gekommen. Es ist so schwäbisch, wie man nur schwäbisch eben sein kann. Seine Eltern sind aus der Türkei nach Deutschland gekommen, und ja, Özdemir ist Muslim. Für ihn privat mag das eine Rolle spielen oder auch nicht, aber mir ist nicht aufgefallen in all den Jahren, in denen ich ihn beobachte (und auch kenne), dass er das auf dem Tablett vor sich herträgt oder dass das seine Politik bestimmt. Er steht zu seinen Wurzeln und zu seiner Religion, gleichzeitig kritisiert er, was zu kritisieren ist - auch das, was aus islamischen Gemeinschaften kommt. So weit, so vernünftig.
Rechtsaußen findet dennoch nichts als dümmliche bis verlogene Kommentierung zu seiner Person statt. Die “AfD”-Bundestagsabgeordnete Christina Baum, Zahnärztin und seit 2021 im Parlament, schreibt: “Ich gratuliere den noch mehrheitlich christlichen Baden-Württembergern zum ersten muslimischen Ministerpräsidenten Sultan Özdemir”. Sicherheitshalber schreibt sie noch klein “Satire” in die Ecke, damit sie sich darauf berufen kann, falls es Ärger gibt. Wenn man dazuschreiben muss, dass ein Witz ein Witz ist, ist es entweder ein ziemlich idiotischer Witz oder tatsächlich kein Witz.
Andere warnen ironiefrei vor einer “Islamisierung” Baden-Württembergs und vor dem “Islamisten” Özdemir. Und dann kommt da dieser österreichische Identitärenknilch um die Ecke und legt, mal wieder, erstaunliche Ahnungslosigkeit über Deutschland und deutsche Politik an den Tag. Er betont die “Ethnie” Özdemirs und schreibt allen Ernstes: “Wäre Özdemir ein Patriot, dem die Interessen Deutschlands am Herzen liegen, wäre er nicht bei den Gründen [Er meint: “den Grünen”; Anm. H. K.] DEM Katalysator von Islamisierung & Bevölkerungsaustausch. Er ist ein erklärter politischer Gegner. Dazu hat seine Wahl symbolisches Gewicht: Es ist Ausdruck eines epochalen Prozesses der Landnahme und Verdrängung einheimischer Europäer auf ihrem eigenen Kontinent. In den letzten 5000 Jahren hat es das nicht gegeben. Es gibt bereits in zahlreichen englischen Städten muslimische Bürgermeister. Auch Wien und Berlin und viele weitere europäische Großstädte werden muslimische Bürgermeister haben. Wenn es keine drastische Veränderung der Migrationspolitik gibt.”
Nun mag man einiges an Zuwanderung und islamischen Regeln et cetera kritisieren, aber so? Die Wahl Özdemirs sei “Ausdruck eines epochalen Prozesses der Landnahme und Verdrängung einheimischer Europäer”? Ich befürchte, da hat eher irgendetwas anderes das Hirn dieses „identitären“ Mannes verdrängt, die “Landnahme” hat in seinem Kopf stattgefunden… Es erinnert an diesen “millionenfache Remigration”-Unsinn, den diese Typen in die Welt blöken, daran, dass sie null differenzieren und im Zweifel brutal gegen alle Muslime und Menschen, die sie als Muslime wahrnehmen, vorgehen wollen. Der “AfD”-Mann Björn Höcke hat seine Pläne ja schon ausformuliert: “Mit starkem Besen sollen eine feste Hand und ein Zuchtmeister den Saustall ausmisten...”
Am Ende wird das auch Menschen wie Özdemir oder mich treffen. Obwohl wir mit “Islamisierung” nichts zu tun haben und ebenso wenig “Ausdruck eines epochalen Prozesses der Landnahme und Verdrängung einheimischer Europäer” sind.
Dann regen sich nicht wenige Menschen mit türkischen Wurzeln über Özdemir auf: Erdogan-Anhänger vor allem, weil Özdemir zurecht immer wieder den Autokraten kritisiert. Aber Kritik vertragen diese Typen ja insgesamt nicht so gut, sind dauerbeleidigt und schlagen deshalb verbal völlig enthemmt um sich. Den Rechtsextremen ist Özdemir ein verkappter Islamist, den Islamisten wiederum ein “Verräter”, viel zu “unislamisch”. In trauter Eintracht mit sehr weit links stehenden Leuten nennen sie ihn “deutsche Bockwurst”, einen “Assimilierten”, “Onkel Tom” und so weiter. Und das sind noch die harmloseren Bezeichnungen.
Die dauererregte “Grüne Jugend” weiß gar nicht, wie sie mit dem Dilemma umgehen soll, dass einer der Ihren die Wahl in Baden-Württemberg gewonnen hat, sie ihn aber am liebsten gar nicht als einen der Ihren sehen möchte, weil er ihr nicht Fundamentalist genug ist. Auch weil er, ogottogott, ganz gut mit, ogottogottogott, Boris Palmer kann. Den wollten die grünen Spätpubertierenden am Sonntagabend in Stuttgart am liebsten von der Wahlparty ausschließen.
Und die Antirassismus-Aktivistin Bafta Sarbo schreibt in ähnlicher geistiger Umnachtung wie der Identärenknilch, aber vom anderen Ufer des politischen Spektrums: “In Zeiten des Rechtsrucks ist die Wahl von Cem Özdemir ein wichtiges Signal an Menschen mit Migrationsgeschichte, dass auch sie es in Deutschland schaffen können solange sie gegen andere Ausländer hetzen.”
Wahnsinn. Es fällt einem nicht viel zu all dem ein.
Außer das: Wenn Rechtsextremisten, Islamisten und Linksextremisten sich gleichermaßen über jemanden aufregen, dann kann der nur eine gute Wahl sein.
Buchpremiere!
Vergangene Woche sind nun meine beiden Bücher erschienen: mein allererstes, “Grünkohl und Curry (Opens in a new window)”, als Neuauflage bei Penguin Random House, außerdem mein neuestes: “Der Islam und ich (Opens in a new window). Was mich meine Familie, meine norddeutsche Heimat und mein Leben in muslimischen Ländern über den Islam gelehrt haben”.
Am Montag habe ich Letzteres im thüringischen Mühlhausen vorgestellt, in der dortigen “Stadtbibliothek Jakobikirche”, veranstaltet von der Buchhandlung C. Strecker. Und am Tag darauf die offizielle Premiere im Pfefferbergtheater in Berlin, im Gespräch mit dem wunderbaren Menschen Michel Abdollahi. Beide Veranstaltungen waren mir ein Fest.
Es ist jedes Mal so: Man arbeitet meist jahrelang an einem Text, mit Hilfe vieler toller Menschen wird es ein Buch und kommt auf die Welt - und dann entwickelt es sein Eigenleben, wird hoffentlich gelesen, diskutiert, gelobt, auch scharf kritisiert, aber das ist dann alles außerhalb meines Einflussbereichs. Es gibt manchmal ausführliche, kritische Besprechungen. Hübsch finde ich auch Rezensionen im Netz: “Schnell geliefert. Alles in Ordnung. Gerne wieder!” Und dann, immerhin, fünf Sterne.
Ich war diese Woche in mehreren Redaktionen, zu Interviews und Gesprächen, für Artikel und Podcasts, das gehört dazu. Mir persönlich macht das Spaß. Ich kenne aber auch Kolleginnen und Kollegen, die das sehr ungern machen und am liebsten nur schreiben und danach in Ruhe gelassen werden wollen. Ich mag den Austausch, die Begegnungen nach dem Schreiben, das Gesellige nach der sehr langen, doch sehr einsamen Tätigkeit (die ich aber noch mehr mag; eher würde ich auf die Lesungen und Interviews und den Tingeltangel verzichten als auf das Schreiben in der Einsamkeit).
Kommendes Wochenende werde ich auf der Leipziger Buchmesse sein, vielleicht sehe ich ja die eine oder den anderen von Ihnen dort? Die “Erbaulichen Unterredungen” werden kommenden Sonntag daher nicht erscheinen - in der Woche darauf dann wieder!
Bohnis Leid
Das war die Freude diese Woche: die Buchveröffentlichungen, die ersten Lesungen, das Drumherum. Am Donnerstag dann das Leid: Ich war mit meinem Hund, mit Frau Dr. Bohne, in einer Hundezone, und da kam ein sehr, sehr großer Hund - und biss sie.
Wir gehen nur in Hundezonen, wenn keine anderen Hunde da sind. Böhnchen hat es ja nicht so mit ihren Artgenossen. Aber in dieser - sehr weitläufigen - Hundezone war plötzlich eine junge Frau mit ihrem Tier da, und schneller als ich reagieren konnte, bellten Böhnchen und der fünfmal so große Hund sich gegenseitig an. Tja, und dann schnappte der andere kräftig zu und richtete Böhnchen ziemlich übel zu.
Und prompt waren die Frau und ihr Hund aus der Hundezone verschwunden. Böhnchen winselte, konnte aber noch gehen. Ein Paar, das ebenfalls mit einem Hund unterwegs war und den Vorfall aus der Ferne beobachtet hatte, fragte, was passiert sei. Die beiden sagten mir, sie hätten auch schon mal solche Erfahrungen mit dem beißenden Hund gemacht.
Zu Hause winselte Böhnchen, war lethargisch und leckte sich die Wunden, die ich nicht genau sehen konnte wegen des Fells. Wir beide sind dann zum Tierarzt. Tja, und dann: Narkose, Wunden begutachten, es sah schlimm aus, sofortige Operation.

Ich kann noch nicht sagen, ob es ihr nun wieder besser geht. Samstagvormittag war super, ich konnte problemlos ihren Verband wechseln, sie winselte kaum. Am Abend: ein absoluter Überlebenskampf, sie hat sich ohne Ende gewehrt und um ihr Leben gefürchtet, am Ende blieb sie eine Zeit lang ohne Verband. Vor dem heutigen Sonntag graut mir ein wenig. Ich muss zugeben, die Nerven liegen an beiden Seiten der Leine etwas blank.
Böhnchen hat natürlich noch Schmerzen, die Wunde muss verheilen, in der kommenden Woche wird sie noch ein paar Mal zum Tierarzt müssen, Kontrolle, Drainage entfernen, Fäden ziehen. Allein die OP hat 867 Euro gekostet, weitere Kosten werden hinzukommen, eigentlich hätte es die andere Hundehalterin zahlen müssen beziehungsweise ihre Haftpflichtversicherung, aber sie wird schon gewusst haben, warum sie so schnell abhaut.
Uff, nun zahlen wir es, natürlich, Hauptsache, Böhnchen ist bald wieder gesund. Unser Tierarzt in Wien ist hervorragend, ich bin froh, dass wir ihn haben und dass er sich Böhnchen angenommen hat, obwohl wahnsinnig viel los war bei ihm. Und am Samstag konnte ich ihn sogar anrufen und fragen, was ich tun soll, weil Bohni sich so sehr gegen das Anlegen eines neuen Verbandes wehrt.
Bevor der Hund vor dreieinhalb Jahren zu uns kam, sagte mir ein Freund, ich solle mir das gut überlegen. “Das ist wie mit einem Kind, die Arbeit, die Sorgen, das Mitleiden, die Zeit, die du beim Arzt verbringst.” Er hatte recht. Das alles bereitet einem große Sorgen. Und ich kann gar nicht in Worte kleiden, wie ich mit meinem Hündchen mitleide. Und doch würde ich, trotz allem, nie auf Böhnchen verzichten wollen.
Iranische Fußballerinnen
Der Drang nach Freiheit, nach der Möglichkeit, sein Leben so leben zu können, wie man es sich wünscht, ist etwas, das Menschen schon immer angetrieben hat. In vielen Teilen der Welt wird dieser Drang unterdrückt, wird Freiheit beschnitten.
Die Bilder der iranischen Fußballerinnen diese Woche haben mich bestürzt. In Australien fand der AFC Women’s Asian Cup 2026 statt. Das iranische Team nahm teil, schied allerdings in der Gruppenphase aus. Bei einem Spiel weigerten die Frauen sich, die Nationalhymne mitzusingen - aus Protest gegen das Mullah-Regime. Sie hatten, leider, eine Gruppe von - natürlich männlichen - Aufpassern aus Iran dabei, es muss Druck gegeben haben, jedenfalls sangen sie beim nächsten Mal übertrieben mit und salutierten sogar.
Fünf Frauen aus dem Team gelang es, noch während des Turniers ihr Lager zu verlassen und australische Behörden um Schutz zu bitten. Australien gewährte ihnen anschließend Asyl. Sie legten sofort ihre Kopftücher ab.
Der Rest der Mannschaft reiste ab, Richtung Iran. Aus dem abreisenden Bus sendete eine Frau mit Hilfe der Lampe an ihrem Telefon das Signal “SOS”. Es gab Bilder und Videos, von den verzweifelten Frauen, umgeben von ihren Wächtern, von ihren traurigen Gesichtern durch das Flugzeugfenster.
Gestern, am Samstag, hieß es in iranischen Medien, drei der Spielerinnen, die in Australien Zuflucht bekommen haben, hätten ihre Asylanträge zurückgezogen. Das lässt vermuten, dass ihre Familien in Iran enorm unter Druck gesetzt wurden.
Es ist ein Drama. Es tut mir in der Seele weh. Ich hoffe, dass dieses furchtbare Regime bald weg ist.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und eine angenehme Woche. Vielleicht sehen wir uns am 17. März in der Buchhandlung Lehmkuhl in München (Opens in a new window)oder auf der Leipziger Buchmesse?
Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie die “Erbaulichen Unterredungen” abonnieren, weiterempfehlen und durch eine Mitgliedschaft ermöglichen, dass ich mir die Zeit von anderen Aufträgen freihalte, um sie zu schreiben:
Herzliche Grüße aus Wien,
Ihr Hasnain Kazim
P. S.: Ich bekomme eine Menge Zuschriften, in denen mir Leserinnen und Leser in unterschiedlichen Worten mitteilen: “Ich bin in allem genau Ihrer Meinung!” Denen möchte ich antworten: Wie kann das sein? Ich bin ja selbst oft nicht meiner Meinung! Und ebenso viele schreiben mir: “Also, ich bin sehr oft nicht Ihrer Meinung!” Diese Leute frage ich: Wie, bitteschön, kann man nicht immer und ausnahmslos meiner Meinung sein?