Neulich war ich in Leipzig als Fachbesucher bei einer Veranstaltung des Branchen-Informationsdienstleisters Heinze (Opens in a new window) namens »ArchitekTOUR 2025«. (Opens in a new window) Neben Ständen und Kurzpräsentationen von Zulieferern aller Art gab es dort in Kooperation mit der Architektenkammer auch Präsentationen aktueller interessanter Bauprojekte in Sachsen, die am Tag der Architektur (Opens in a new window) teilgenommen haben. Wie versprochen habe ich mir ein paar Notizen gemacht, ein informierter Laie wie ich konnte da eine ganze Menge über das Thema Bauen im Jahre 2025 lernen.
(Opens in a new window)Die erste größere Erkenntnis, allerdings auch nicht neu: Nachhaltigkeit, Energiesparen, Ökologie ist offensichtlich das Megathema, gleichzeitig versucht man aber auch möglichst großen Komfort und elegante Optik zu realisieren. Verschiedene Ansätze, Gebäude elegant gekühlt, geheizt und gelüftet zu bekommen, ohne auf klassische Lüftungs- und Klimaanlagen zurückzugreifen, waren z.B. in der Ausstellung vertreten und wurden auch bei verschiedenen Projekten angesprochen. Gleich zwei Hersteller automatischer Parksysteme, bei denen Autos irgendwie automatisch eingelagert werden, so dass man z.B. weniger Tiefgarage ausheben muss und mehr Platz für Grün hat, waren auch da.

Ebenfalls aus der Nachhaltigkeitsabteilung: Das dänische Unternehmen Ennogie (Opens in a new window) präsentierte sein Solardach, bei dem dicht an dicht gefügte Photovoltaik-Elemente auf einer ganz normalen Latten-Unterkonstruktion die Dachdeckung ersetzen. Ich erinnere mich, dass ich öfters schon geradezu verschwörungstheoretische Überlegungen dazu gelesen habe, warum Solaranlagen auch bei Neubauten öfters über die Ziegeldeckung gebaut werden und sie nicht ersetzen – das hatte tatsächlich meines Wissens v.a. technische und genehmigungsrechtliche Gründe, und die Zeiten sind vermutlich in einem überschaubaren Zeitraum vorbei. Interessant in dem Zusammenhang ist, dass man das Ennogie-Dach bald auch in Ziegelrot bekommen wird. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten für Solarenergie in Altstädten, historischen Siedlungen und natürlich in Dörfern mit engstirnigen Bebauungsplänen.
Es ist, insbesondere mit ein bisschen historischer Perspektive, faszinierend, welche Produkte auf einer solchen Veranstaltung vorgestellt werden. Bauen ist seit ca. 150 Jahren maßgeblich dadurch geprägt, dass die zur Verfügung stehenden Materialien immer diverser und ausgefeilter werden und immer mehr Technik in die Gebäude reinkommt. Um 1880 hatten neugebaute Mietshäuser in deutschen Großstädten noch Außentoiletten und Ofenheizung. Gaslicht und ein einzelner Wasserhahn (auf dem Treppenabsatz oder in der Küche) waren schon fortschrittlich. Das änderte sich dann aber rapide. Kaum 30 Jahre später können Mehrfamilienhäuser in reichen Gegenden schon Badezimmer, WCs, elektrisches Licht (zumindest im Treppenhaus) haben, manchmal sogar Telefon und Zentralheizung. Für die Materialien gilt Ähnliches: Mitte des 19. Jahrhunderts ist Backstein – in industriell produzierten Mengen – noch ein verhältnismäßig neumodischer Baustoff und Beton völlig exotisch. Dann kommen aber Schlag auf Schlag Bauteile aus Gusseisen, Schmiedeeisen, Stahl, Stahlbeton, großflächige Verglasungen auf Eisenkonstruktionen, Faserzementplatten, Bodenbeläge wie Linoleum und so weiter und so weiter.
Bei der Veranstaltung konnte man die Ausläufer dieser Entwicklung begutachten: Allein Hersteller von Verglasungen unterschiedlichster Art waren x-fach vertreten. So gibt es beispielsweise die seit einiger Zeit sehr beliebten Glasbrüstungen für Balkone und dergleichen auch ohne Handlauf oben. Ähnlich wie bei Brückengeländern, bei denen im Handlauf oft ein Spannseil steckt, hat dieser normalerweise eine statische Funktion. Ohne ihn muss das Verbundglas der Brüstung, damit es trotzdem einen Anprall aushält, eine besonders robuste Kunststofffolie als Zwischenschicht enthalten – so etwas wurde in Leipzig beispielsweise präsentiert.

Es gab auch einen Stand und Präsentationen einer Firma, die Balkonbodenplatten aus Holzzzement herstellt; genauer gesagt sind das Spanplatten, die nicht mit Leim gebunden sind, sondern mit Zement. Das kann man sich von der Materialanmutung so ähnlich vorstellen wie Küchenspülen aus Kunststein, nur rauer und gröber. (Laut Herstellervertreter sind die Balkone die am stärksten beanspruchten Bauteile an einem Haus.)

Bei mehreren der vorgestellten Architekturprojekte spielte das Thema Farben eine große Rolle. Es ist eine Herausforderung, unterschiedliche Bauteile aus unterschiedlichen Materialien farblich so aufeinander abzustimmen, dass sie zusammenpassen. Es gibt zwar genormte Farbpaletten, aber trotzdem passt es eben nicht immer – das war mir gar nicht so klar. Deswegen werden für Verkleidungsplatten, Fliesen, Ziegel, Steine, alles Mögliche oft eigene Farben angemischt; und in vielen Fällen muss man das Ganze dann »bemustern«, also modellhaft in Lebensgröße und im Freien dort aufbauen, wo es später hinkommen soll, um verschiedene Optionen zu begutachten.
(Opens in a new window)Drei Bauprojekte, die gezeigt wurden, will ich noch kurz ansprechen. Am interessantesten fand ich das Förderzentrum mit Landwirtschaftsschule, das Ludloff Ludloff in Nossen, einer Kleinstadt zwischen Dresden und Chemnitz, gebaut haben. (Opens in a new window) Das Architekturbüro konnte den Aufgabenträger (also letztlich das Landwirtschaftsministerium, denke ich) dazu überreden, einen alten Gasthof auf dem Baugrundstück nicht abzureißen, sondern zu erhalten. Drumherum wurde ein geknicktes Erweiterungsgebäude aus Holz gelegt, dessen unterstes Geschoss sich teilweise in den Hang schiebt; dort gibt es einen ovalen Hörsaal mit geradezu sakraler Atmosphäre, um den herum sich Rampen und ein skulpturales Treppenhaus wickeln; Abbruchmaterial von der Entkernung des Altbaus wurde wiederverwendet und das Ganze war am Ende nicht teurer, als ein kompletter Abriss und Neubau gewesen wäre. Wirklich faszinierend.
(Opens in a new window)In Aue steht in der Nähe des Stadions eine neue Volksbank-Filiale von Partner und Partner (Opens in a new window) aus zwei aufgeständerten Gebäudeteilen, weitgehend aus Holz. Die Aufständerung ist der Forderung zu verdanken, dass die Parkplätze auf dem Gelände weitestgehend erhalten werden sollten. Dabei hilft es natürlich, dass Holzbau vergleichsweise leicht ist. Aufstockungen und Überbauungen mit Holz sind einer der ganz großen Trends der letzten Jahre.
Zu guter Letzt noch ein unscheinbares, aber umso cooleres Projekt: In Leipzig-Holzhausen haben Schoener und Panzer (Opens in a new window) 2016 ein altes DDR-Heizhaus mit sehr geringem Budget für einen Judoverein in eine Halle umgebaut. Unter anderem wurde dort ein vor dem Schrott geretteter alter Schwingboden recycelt. Außerdem kam ein Erweiterungsbau dran, für Umkleiden und so weiter. Und nun, fast zehn Jahre später, kam der Verein wieder vorbei, weil er eine zweite Halle haben wollte. Die wurde einfach quer auf den Altbau aufgesetzt und bildet so zusammen mit einem kleinen Erschließungsgebäude ein Eingangsportal. Es musste natürlich wieder besonders günstig sein, und so hat die Halle eine Fassade aus Dichtungsbahn – statt einer Außenschicht sind einfach Metallprofile in einer rhythmisierten Anordnung drauf. Das Ganze sieht viel teurer aus als es ist; ein Beispiel, wie man mit Materialien, die tendenziell »Baumarktcharme« haben, richtiggehend edel bauen kann.
Ich hoffe, ihr fandet es ein bisschen interessant. Bald gibt es mein nächstes Video – ich muss nur dazu kommen, es zu schneiden.
(Nur für den Fall: Ich bin auf eigene Kosten angereist und habe von Heinze oder irgendwelchen anderen Firmen keinerlei Vergütung erhalten. Bei der Veranstaltung gab es kostenloses Catering.)
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