Eltern neurodivergenter Kinder tragen oft etwas Unsichtbares mit sich herum: ein leises, manchmal lautes inneres Gericht. Mache ich genug? Treffe ich die richtigen Entscheidungen? Warum klappt das bei uns nicht?
Wenn man diesen Gedanken mit jemandem teilt, kommt häufig eine gut gemeinte Antwort: “Sei nicht so hart zu dir selbst.” Aber was bedeutet das eigentlich? Und wie soll das gehen? Diese Aufforderung bleibt oft wirkungslos, weil sie zwar sagt, was wir tun sollen, aber nicht wie. Genau hier setzt die Forschung zu Selbstmitgefühl an.
Kristin Neff ist eine der führenden Forscherinnen im Bereich Selbstmitgefühl, einem zentralen Thema der Positiven Psychologie, und sie weiß das nicht nur aus der Theorie. Sie ist selbst Mutter eines autistischen Sohnes. In einer Studie, die sie gemeinsam mit Daniel Faso veröffentlichte, untersuchte sie genau diese Frage: Welche Rolle spielt Selbstmitgefühl für das Wohlbefinden von Eltern autistischer Kinder?
Was die Forschung zeigt:
Das Ergebnis ist bemerkenswert klar. Eltern mit höherem Selbstmitgefühl berichteten von mehr Lebenszufriedenheit, mehr Hoffnung und einer größeren Fähigkeit, nach Rückschlägen neue Ziele zu finden. Gleichzeitig hatten sie weniger Depressionen und weniger Elternstress – in allen drei gemessenen Dimensionen.
Besonders interessant: Selbstmitgefühl war in fast allen Bereichen ein stärkerer Vorhersagefaktor für das Wohlbefinden als die Schwere der Autismussymptome des Kindes. Nicht wie schwierig die äußere Situation ist, sondern wie wir innerlich mit uns selbst umgehen – das macht den entscheidenden Unterschied.
Was Selbstmitgefühl wirklich bedeutet:
Und damit kommen wir zurück zur Frage: Wie geht das eigentlich, "nicht so hart zu sich selbst zu sein"? Neff beschreibt Selbstmitgefühl als drei konkrete, erlernbare Elemente – und genau das macht es so wertvoll:
Selbstfreundlichkeit: Sich selbst in schwierigen Momenten mit Fürsorge begegnen, statt sich zu kritisieren.
Gemeinsame Menschlichkeit: Erkennen, dass Scheitern und Leid universelle menschliche Erfahrungen sind, keine persönlichen Versagen.
Achtsamkeit: Schwierige Gefühle wahrnehmen, ohne in ihnen zu versinken oder sie wegzuschieben.
Es ist also kein vages Gefühl, sondern eine Haltung, die geübt und kultiviert werden kann.
Was das für meine Arbeit bedeutet:
Als ich Positive Psychologie und Coaching studierte, wurde mir schnell klar, dass Selbstmitgefühl ein zentraler Baustein meiner Arbeit werden wird – eines der Konzepte, das ich aus fundierter Forschung direkt in die Praxis übersetze.
Denn ich arbeite nicht nur mit dem Kind. Neurodivergenz betrifft immer ein ganzes System: Die Familie, das Umfeld, die Fachkräfte. Ein Kind kann noch so viele Tools lernen – wenn die Erwachsenen um es herum erschöpft, selbstkritisch oder überwältigt sind, wirkt sich das unweigerlich auf das Kind aus. Kinder spüren, wie ihre Bezugspersonen mit sich umgehen.
Genau deshalb richte ich meine Workshops explizit an Eltern und Fachkräfte: Nicht als Ergänzung zur "eigentlichen" Arbeit mit dem Kind, sondern als genauso wichtigen Teil davon. Selbstmitgefühl ist in diesem Zusammenhang keine nette Zusatzoption – es ist eine der wirksamsten Ressourcen im gesamten System.
Quelle: Faso, Daniel & Neff, Kristin. (2014). Self-Compassion and Well-Being in Parents of Children with Autism. Mindfulness. 6. 10.1007/s12671-014-0359-2.