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Erschrocken, bevor wir wissen, wovor
Warum Angst nicht verschwindet – und wie sie aufhört, dich zu steuern
Nur das Unbekannte ängstigt den Menschen.
Sobald man ihm die Stirn bietet, ist es schon kein Unbekanntes mehr.
Antoine de Saint-Exupéry, französischer Schriftsteller und Pilot
Es ist zwei Uhr nachts. Du weißt, dass du schlafen solltest. Aber dieser eine Gedanke dreht sich. Und dreht sich. Was hier passiert, hat wenig mit der Situation zu tun, über die du nachdenkst. Und viel mit einem System, das seit Jahrmillionen dasselbe tut: Wir sind erschrocken, bevor wir wissen, wovor.
Angst: die zwei Netzwerke
Der Psychologie-Professor Louis Cozolino hat dieses System in seinem Buch The Neuroscience of Psychotherapy mit einer eigenen Erfahrung beschrieben, die wir kennen: Er geht in seine Garage, um ein Werkzeug zu holen. Im Augenwinkel sieht er einen kleinen braunen Gegenstand. Er springt zurück, sein Herz rast. Dann schaut er genauer hin: ein Holzstück. Innerhalb von Sekunden normalisiert sich alles.
Was ist hier passiert? Zwei neuronale Netzwerke, die beide Angst regulieren, arbeiten parallel. Das schnelle Netzwerk feuert in 1/20 Sekunde direkt zur Amygdala. Die weiß also schon Bescheid, noch bevor der Cortex informiert ist. Während das schnelle Netzwerk sofort reagiert, werden die Informationen an das langsame Netzwerk geschickt, das sich alles genauer anschaut, kontextualisiert und korrigiert. Diese beiden Netzwerke erklären, warum manchmal ein Ton in der Stimme eines Menschen reicht. Eine bestimmte Geste oder ein Geruch. Das schnelle Netzwerk erkennt Muster, aber es unterscheidet nicht zwischen damals und heute.
Der nervöse Bodyguard: die Amygdala
Die Amygdala ist kein Notizbuch, das man neu beschreiben kann. Sie ist eher wie ein nervöser Bodyguard, der einmal einen Einbrecher gesehen hat – und seitdem jeden Besucher verdächtigt. Dass Angst so hartnäckig ist, hat mit drei Eigenheiten der Amygdala zu tun: Sie vergisst nie. Sie unterscheidet nicht. Und sie hemmt genau das Denken, das helfen würde.
Eine alte Angst verschwindet also nicht, sie wird überlagert. Das erklärt, warum sie zurückkommt – manchmal nach Jahren, manchmal nach Jahrzehnten. Das erklärt auch, warum alte Verletzungen in neuen Situationen auftauchen. Warum der neue Partner plötzlich wie der alte klingt. Warum der neue Chef sich anfühlt wie der alte Vater. Dazu schaltet die Amygdala, wenn sie feuert, den präfrontalen Kortex teilweise ab, also genau den Teil, der relativieren, einordnen und beruhigen könnte. Angst macht uns in dem Moment dümmer, in dem wir am klügsten sein müssten.
Die Amygdala beruhigen – mit neuen Erfahrungen
Der Zeitgeist rät zur Schonung. Grenzen setzen. Sich nicht exponieren, wenn es sich nicht sicher anfühlt. Und er verspricht: Wenn du verstehst, woher deine Angst kommt, wird sie weniger. Das klingt fürsorglich, aber das Verstehen allein verändert die Amygdala nicht. Und Vermeidung bestätigt sie. Wenn du ihr immer folgst, wächst sie. Nicht weil sie recht hat, sondern weil die Amygdala Vermeidung als Beweis wertet: Da war tatsächlich Gefahr. Das Muster wird damit tiefer, nicht flacher. Das Gehirn braucht neue Erfahrungen, nicht nur neue Einsichten.
Die Erinnerung der Amygdala bleibt. Immer. Was sich verändert, ist der präfrontale Kortex: er sorgt dafür, dass die Erinnerung nicht länger das Nervensystem übernimmt. Der Bodyguard lernt nicht, weniger misstrauisch zu sein. Aber du lernst, ihn zu überstimmen. Du baust eine Instanz auf, die zwischen seinem ersten Impuls und deiner Reaktion steht. Heilung bedeutet nicht, dass die Vergangenheit verschwindet, sondern dass sie aufhört, die Gegenwart zu regieren. Und der Hebel dafür sind neue Erfahrungen – nicht nur Einsicht. Wer seine Angst nur versteht, aber nie das Gegenteil erlebt, bleibt stecken. Das Gehirn braucht Handlung, nicht nur Reflexion.
Es kann gut sein, dass deine hartnäckigste Angst kein Hinweis auf die Gegenwart ist, sondern ein Echo aus der Vergangenheit. Das lässt sich nicht im Kopf herausfinden. Aber vielleicht im Schreiben. Welche Angst in deinem Leben könnte eine Generalisierung sein – ein Damals, das sich als Jetzt verkleidet?
Herzlich
– Britta
Jetzt bist du dran: Schreibimpuls der Woche
An dieser Stelle erhältst du jede Woche einen Schreibimpuls, der dich ins Spüren, Wahrnehmen, Reflektieren bringt. Du brauchst dafür gar nicht lang Zeit, etwa 15 Minuten genügen.
Reflexion ist ein wichtiger Hebel, wenn wir etwas zwischen den Reiz und die automatisierte (Angst-)Reaktion setzen wollen. In der folgenden Übung unterhältst du dich mit deiner Angst – und bringst so automatisch Distanz zwischen dich und sie.
Das Angst-Interview
Mach es dir gemütlich und stell dir einen Timer auf 15 Minuten. Stell dir vor: Du und deine Angst, ihr seid auf einen Kaffee verabredet. Du trittst dabei in der Rolle eines Journalisten auf – du interviewst die Angst. Schildere eine bestimmte Situation, in der die Angst auf den Plan trat und frag sie ganz direkt: Also, wovor wolltest du mich beschützen?
Notiere sowohl deine Fragen als auch die Antworten der Angst – so wie sie kommen.
Frage: Letzte Woche im Auto, als ich plötzlich Herzklopfen bekommen habe – wovor wolltest du mich da beschützen?
Antwort: …
Sei dabei freundlich, aber bestimmt. Vielleicht bleibt deine Angst mit den Antworten vage. Lass dich nicht abwimmeln und bohre nach: Aber wieso? Woran genau hat dich das erinnert?
Wenn du genug Antworten erhalten hast, kannst du den Gesprächsverlauf ein wenig verändern. Sprich weiter mit deiner Angst. Bedanke dich höflich für ihre Fürsorge – und mach ihr gleichzeitig klar, dass sie es hier und da deutlich übertrieben hat. Geh geduldig auf ihre Einwände ein, aber sag ihr, dass du jetzt wieder die Führung übernimmst.
Spüre, wenn der Wecker klingelt, noch ein wenig in dir nach. Wie war es für dich, dich so mit deiner Angst zu unterhalten?
Wenn du davon erzählen magst: Schreib uns an hello@innerwriting.de (Opens in a new window).
Gutes Schreiben! ✍️❤️
– Miriam
Unsere Schreibübungen kommen in unterschiedlicher Intensität daher. Manche sind locker-leicht, andere gehen tiefer.
Wie auch immer es gerade für dich ist: Wenn du merkst, dass beim Schreiben mehr hochkommt als du im Moment bewältigen kannst, dann sorge bitte gut für dich.
Brich Übungen ab, die dir zu intensiv sind, tu dir etwas Gutes und suche das Gespräch mit Freunden, deiner Familie, deinem Partner – oder hole dir professionelle Hilfe, wenn du sie brauchst. Du musst da nicht alleine durchgehen.
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Britta Bettendorf – Psychologin mit eigener Praxis – und Miriam Schaan – Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Schreibpädagogin.
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