wie es euch Leser*innen geht, aber hier und da sehe ich, dass manche Menschen Schwierigkeiten haben, sich in der neuen Jahreszeit einzurichten. Der Winter kehrt ein, und damit eine Zeit, in der vielen Menschen Energie, Antrieb und Freude abhandenkommen.
Ich halte mich an meine Routinen, beginne jeden Tag zur selben Zeit, setze Kaffee auf, hole die Zeitung rein, schalte die Tageslichtlampe ein, setze mich an den Esstisch, meine Tochter daneben, sie möchte auch etwas von dem Licht abbekommen, während sie, wie jeden Morgen, ihren Joghurt löffelt. Auf Dauer ist es nicht auszuhalten, wenn ein Tag dem anderen gleicht. Gerade erscheint es mir wie eine unverzichtbare Stütze.
Nachdem ich aus einer langen Arbeitsphase in eine neue Gangart gefunden habe – darüber habe ich letztes Mal berichtet –, folge ich einem neuen Rhythmus, einem ruhigeren, weicheren vielleicht, der weniger von Zielen als von Zuständen und Gefühlen bestimmt ist.
Es ist nicht leicht, in diesen Zeiten weich zu bleiben. Aber ich halte es für notwendig. Während ich sehe, wie militärische Auseinandersetzungen, Rassismus, Antisemitismus, Misogynie, soziale Kälte, Misstrauen, Gewalt um sich greifen, wächst in mir das Bedürfnis, dem etwas entgegenzusetzen und umso entschiedener daran festzuhalten, was ich einmal als meine Werte definiert habe. Ich habe mich entschieden, nicht zu verhärten, und wähle deshalb nicht die Sprache der Gewalt, sondern suche die der Verbundenheit. Vielleicht siegt da, trotz allem, der Glaube an das Gute.
Dass ich auf die letzte Ausgabe dieses Newsletters ungewöhnlich viele Reaktionen bekommen habe, dafür bin ich dankbar, und es zeigt mir einmal mehr, dass es sich lohnen kann, wenn man sich verletztlich zeigt und öffnet. Gefühle sind ein starkes Gegenmittel gegen die Rhetorik des Hasses, aber auch gegen die Gleichgültigkeit jener, die sich ernüchtert und verdrossen vom Weltgeschehen abwenden. Um füreinander erreichbar zu bleiben, muss man sich zeigen, wie man ist. Wir können keine fehlende Menschlichkeit beklagen, wenn wir uns selbst verbergen und unberührbar werden.
Das kostet Überwindung, auch mich, der es seit Jahren gewohnt ist, Texte zu veröffentlichen, in denen immer wieder auch ich selbst, oder zumindest Ausschnitte von mir, zum Vorschein kommen. Als ich einer Leserin auf ihre Nachricht antwortete, es falle mir nicht leicht, über mich zu schreiben, zeigte sie sich überrascht. Das hätte sie nie gedacht. Was wiederum mich überraschte.
Ich habe in der letzten Ausgabe über die Schwierigkeit geschrieben, nach einer intensiven Arbeitsphase, in der es weniger um eigene Befindlichkeiten, sondern vor allem um das Funktionieren und Erledigen geht, zurückzufinden in eine neue Gangart, die Regeneration und Muße zulässt. Ich schrieb darüber, wie sehr mich solche Übergänge herausfordern und wie ich versuche, die einsetzende Erschöpfung zu akzeptieren und als gesundes Zeichen zu werten, statt sie als Vorbote eines unvermeidlichen Absturzes zu sehen.
https://steady.page/de/inseln-der-zeit/posts/dff38398-cbec-478e-b74d-e76e19f3fd4f (Opens in a new window)Darüber öffentlich zu schreiben hat nicht unbedingt einen “therapeutischen Effekt”, im Gegenteil sogar einen vorübergehend destabilisierenden. Wer über eigene Schwächen, Grenzen und Herausforderungen schreibt, macht sich in einer Welt, die Leistung, Stärke und Durchhaltevermögen belohnt, angreifbar. Das fällt, glaube ich, niemandem leicht, mir jedenfalls nicht.
Weil wir alle aber davon profitieren, dass verletzte, geschwächte und leiderprobte Menschen von ihrem Weg erzählen, darf ich mich auch als Autor fragen, ob ich etwas beizutragen habe, um – in diesem Fall – das Stigma psychischer Belastungen und Erkrankungen, oder konkreter gesagt, von Erschöpfung, Nicht-Funktionieren und Orientierungslosigkeit, ein stückweit zu lösen. Meine Antwort darauf lautet: Ja.
Dieser Newsletter heißt auch deshalb Inseln der Zeit, weil er von Anfang an als ein Ort des Innehaltens, der Milde, des Zweifelns, aber auch der leisen Hoffnung gedacht war. Dass Brüche, Wendepunkte, Zwischenzeiten und Verwandlungen ein wiederkehrendes Thema sind, hat zum einen persönliche Gründe.
Mich begleitet schon seit meiner Jugend immer mal wieder das immer nur kurz aufleuchtende Gefühl, dass jetzt, genau jetzt etwas Neues beginnt. Das hängt sicher damit zusammen, dass ich seit der Jugend, wahrscheinlich schon seit der Kindheit, wiederkehrende Phasen tiefer Melancholie und Verlorenheit kenne und jedes Ende einer solchen Phase einem fallenden Vorhang gleicht, der den Blick auf eine neue Bühne freigibt, auf der etwas Neues möglich erscheint. Dann steht man da, zwischen dem Alten, das nicht mehr trägt, und dem Neuen, das sich noch nicht zeigt und deshalb Angst macht.
Mein Eindruck ist, dass wir uns als Gesellschaft an einem ähnlichen Punkt befinden, und das ist der zweite Grund, warum ich immer wieder über das Thema der Übergänge und Neuanfänge nachdenke.
Das Persönliche und das Politische überlappen sich. Gerade habe ich erlebt, wie es ist, ein großes Projekt abzuschließen. Das kann zu einer Form von Erschöpfung und Leere führen, wie ich sie in meinem letzten Newsletter beschrieben habe. In einer zweiten Bewegung aber erscheinen Endpunkte nicht mehr als Endpunkte, sondern als Wendepunkte, die die Möglichkeit von etwas Neuem markieren.

Wer lange nur funktioniert hat, fängt vielleicht wieder an etwas zu fühlen. Wer lange unter Druck und Anspannung stand, spürt neue Freiheit und Präsenz. Wer lange einer Aufgabe, einer Deadline, einem Auftrag gefolgt ist, begegnet nach dessen Erfüllung auf einmal wieder sich selbst. Das kann unheimlich sein. Denn wer war man noch mal, ohne diesen Auftrag, ohne dieses Funktionieren?
Das lässt sich nicht immer sofort beantworten. Aber letztlich sind wir es, die antworten. Und genau darin liegt die Bedeutung der Übergänge, die uns immer wieder durchs Leben tragen, in eine neue Richtung.
Dieser Schritt fehlt mir auf gesellschaftlicher Ebene. Wir wissen nicht, wo wir hinwollen. Nach Jahren der Dauerkrisen ist Ernüchterung eingetreten. Der Mut zur Vision ist verflogen, allein darüber zu sprechen, weckt Misstrauen und Argwohn.
Weil die Gegenwart nicht trägt und eine gesellschaftliche Vorstellung von einer lebenswerten Zukunft fehlt, wenden sich immer mehr Menschen um. Morgen soll es wieder so sein, wie es gestern war. Dieser hoffnungslose Trugschluss ist natürlich nichts, worauf man bauen kann. Und doch entfaltet reaktionäre, autoritäre Politik derzeit unzweifelhaft einen erheblichen Sog.
Politische Kräfte, die diesen Sog für sich nutzen, sind keine gestaltenden, sondern abwehrende und zerstörende Kräfte. Was Trump und die MAGA-Bewegung, die AfD, Viktor Órban, Giorgia Meloni und Marine Le Pen eint, ist weniger die positive Vorstellung davon, wie die Zukunft aussehen soll als vielmehr eine geteilte Abwehrhaltung gegen Modernisierung, Pluralität und Gleichberechtigung.
Über Jahrhunderte errungene demokratische und rechtstaatliche Prinzipien und Institutionen werden systematisch geschwächt, die Presse- und Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt, Gleichstellungspolitik zurückgedreht, Minderheitenrechte und sozialstaatliche Sicherheitsnetze in Frage gestellt.
Vieles davon ist auch in Deutschland zu beobachten. Es gibt eine sogenannte Stadtbild-Diskussion, ausgelöst dadurch, dass Bundeskanzler Friedrich Merz laut darüber nachdenkt, wen er in Zukunft lieber nicht mehr auf den Straßen sehen möchte. Man könnte auch die Vielfalt und das Engagement der Menschen betonen, die täglich auf den Straßen unterwegs sind und ihr Leben in herausfordernden Zeiten zu meistern versuchen. Man könnte.
Ein anderes aktuelles Beispiel: Während Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) Syrien bereist, sich erschüttert zeigt vom Ausmaß der Zerstörung und bezweifelt, dass Geflüchtete in ihre Heimat zurückkehren können, behaupten Merz und Unionsfraktionschef Spahn hingegen (Stichwort Außenpolitik aus einem Guss), dass der Bürgerkrieg beendet sei und es demzufolge keinen Grund mehr für Asyl gebe. Spahn versteigt sich sogar zu der Aussage, dass es eine patriotische Pflicht sei, das eigene Land wieder aufzubauen. Ihn interessiert letztlich aber nicht der Wiederaufbau Syriens, sondern: Wie wird man diese Menschen los, wie schottet man sich noch besser ab?
Er könnte auch erwähnen, wie erfolgreich die Integration vieler Syrer*innen verlaufen ist, wie hoch die Beschäftigungsquote ist, sprich, wie sehr Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte hier gebraucht werden und wie sehr sie sich hier, in dem Land, in dem sie oft erst kurze Zeit leben, einbringen. Doch lieber arbeitet man mit patriotischen Appellen und gefühlten Wahrheiten und ist sich nicht einmal zu schade, die Vulnerabilität eigener und fremder Töchter zu instrumentalisieren, um die eigene, inzwischen offen fremdenfeindliche Haltung artikulieren zu können.
In vielen Feldern lässt sich jene Politik der Abwehr beobachten, die Gestaltung verweigert. Beim Klimaschutz etwa, wo längst bewiesene wissenschaftliche Erkenntnisse kleingeredet oder vertagt werden, während die ökologischen Schäden weiter eskalieren. In der Sozialpolitik, wo Armut und Arbeitslosigkeit als individuelles Versagen statt als strukturelles Problem behandelt werden. In der Energiepolitik, wo Politiker*innen nicht müde werden, über Atomkraft, Öl und russisches Gas nachzudenken. Und nicht zuletzt in der Gleichstellungspolitik, wo alte Geschlechterrollen wieder salonfähig gemacht werden.
Stets geht es darum, politische Lösungen wieder hervorzuholen, die früher einmal funktioniert haben (Haben sie das überhaupt?) oder neue Lösungen zu verhindern oder gesellschafltiche Probleme, die politisch lösbar wären, zu privatisieren.
Der größte gemeinsame Nenner, so scheint mir, die größte politische Utopie, zu der die deutsche Politik derzeit noch fähig ist, ist der Bürokratieabbau. Die lähmende Regulierung. Weg mit all den lästigen Verordnungen. Ja, und dann?
Wie soll eine schöpferische politische Kraft entstehen, wenn stets die Rede davon ist, was wir nicht wollen, was wir abschaffen sollten, wer nicht dazugehört?
Interessanterweise ist Deutschland ein Land, das geübt ist in Verwandlung, Umbruch und Neuanfang. Kaum ein anderes Land Europas hat im 20. Jahrhundert derart viele Systemwechsel, Brüche und kollektive Neuausrichtungen erlebt. Jede dieser Phasen zwang die Gesellschaft, sich neu zu erfinden, Schuld und Verantwortung zu verhandeln, Werte zu prüfen und Zukunft neu zu denken. Wenn wir eins gelernt haben sollten, dann die Erfahrung, dass Veränderung möglich ist.
Wenn konservativen Kräften Tradition und Bewahrung wichtig sind, dann dürfen sie vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte die Definition von Max Frisch zugrundelegen, die sich in dem gerade neu verfilmten Roman Stiller nachlesen lässt:
Was heißt Tradition? Ich dächte: sich an die Aufgaben seiner Zeit wagen mit dem gleichen Mut, wie die Vorfahren ihn gegenüber ihrer Zeit hatten.
Was der Schweizer Autor Max Frisch seinen Protagonisten Anatol Stiller (beziehungsweise James Larkin White) über die Schweiz sagen lässt, lässt sich ohne Weiteres auf die Gegenwart in Deutschland übertragen: Hat das Land irgendein Ziel in die Zukunft hinaus? Was ist das Unerreichte, was ein Land beseelt, was ist das Zukünftige, was es gegenwärtig macht?, lässt Frisch seinen Stiller fragen. “Das Heimweh nach dem Vorgestern, das die meisten Menschen hierzulande bestimmt, ist bedrückend.” Max Frisch, der Stiller 1954 veröffentlichte, interessierte, wie es möglich ist, zukünftig zu sein in einem Volk, das nicht die Zukunft will, sondern die Vergangenheit.
“Was wollen sie aus ihrem Land gestalten? Was soll entstehen aus dem Gewesenen? Was ist ihr Entwurf? Haben sie eine schöpferische Hoffnung?”
Diese Frage halte ich für ungeklärt, wenn ich 70 Jahre später meine Gegenwart betrachte. Eine schöpferische Hoffnung? Es ist dieses Mal nicht die dunkle Jahreszeit, die meine Sicht eintrübt. Ich sehe ziemlich klar, ich bin zum Glück nicht antriebslos, ich bin ganz gegenwärtig und bereit, an einer Zukunft mitzuwirken. Ich bin zuversichtlich.
Aber eine schöpferische Hoffnung, die uns als Gesellschaft eint und handlungsfähig macht, verbindet? Tut mir leid, aber ich sehe es nicht.
28. November 2025: Erich-Fromm-Studientag 2025: Produktivität jenseits des Hamsterrads: Die 4-Tage-Woche im Lichte von gesellschaftlichem Wandel, Erschöpfung und psychischen Bedürfnissen, Podiumsdiskussion, Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin. Anmeldung hier (Opens in a new window).
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