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Treue im Tierreich

Wusstest du, dass drei von vier vermeintlich treuen Vogelarten fremdgehen? Oder dass Bonobos Sex als Konfliktlösung nutzen und See-Elefanten-Bullen als „Strandmeister“ über ihre Harems herrschen? Schauen wir uns ein paar Liebesmodelle im Tierreich an!

Wolfgang Hasselmann für Unsplash.

Zwischen Biber und Schimpanse liegt ein Abgrund, das zeigt eine Studie, die Mark Dyble von der Universität Cambridge im Dezember 2025 veröffentlichte. Der Evolutionsanthropologe hat anhand von Geschwisterverhältnissen einen Monogamie-Index für verschiedene Säugetierarten errechnet: Je mehr Vollgeschwister in einer Population vorkommen (also Tiere mit denselben beiden Eltern), desto treuer lebt die Art. Biber führen die Rangliste mit 72 Prozent an. Menschen folgen mit 66 Prozent, knapp vor Erdmännchen mit 60 Prozent. Am anderen Ende der Skala: Berggorillas mit sechs Prozent, Schimpansen mit vier, Rhesusaffen mit gerade mal einem Prozent, die kleinen versexten Kerlchen. Wir Menschen stecken also mitten in der “Premier League der Monogamie”, wie Dyble es nennt.

Diese Zahlen werfen aber auch ein paar Fragen auf: Was bedeutet Monogamie im Tierreich überhaupt? Wie verliebt sich ein Albatros, wie hält ein See-Elefant seinen Harem zusammen, und warum haben Bonobos so viel Sex miteinander? Die Evolution hat ein Kaleidoskop an Paarungssystemen hervorgebracht, die jeweils eigenen Regeln folgen. Schauen wir uns doch mal ein paar der Konzepte an.

Sex als Sozialverhalten: Die Bonobos

Um zu verstehen, wie weit das Spektrum reicht, lohnt sich ein Blick auf unsere nächsten Verwandten. Bonobos (Pan paniscus) teilen über 98 Prozent ihres Genoms mit uns, doch ihr Beziehungsleben sieht völlig anders aus. In ihren Gruppen gehen mehrere Männchen und Weibchen langfristige Bindungen in verflochtenen Netzwerken ein, wir Biolog:innen sprechen da von Polygynandrie. Das Besondere: Die Menschenaffen haben Sex teilweise vom Fortpflanzungsakt entkoppelt. Sexuelle Interaktionen dienen der Konfliktlösung, dem Aufbau von Allianzen und der sozialen Kommunikation. Der Primatologe Frans de Waal (1948-2024) prägte dafür den Begriff »Versöhnungssex«. Nach Streitigkeiten paaren sich Bonobos häufig, um Spannungen abzubauen und die Wogen zu glätten.

Michael Kelso für Unsplash.

Eine Studie an der Bonobo-Gemeinschaft im Rahmen des LuiKotale Bonobo Projekts im Kongo hat gezeigt, dass Weibchen untereinander besonders enge Bindungen pflegen. Sie reiben ihre Genitalien aneinander, was die Ausschüttung von Oxytocin steigert. Nach diesem gleichgeschlechtlichen Sex wiesen die Weibchen höhere Oxytocin-Werte auf als nach heterosexuellem Kontakt mit Männchen … das kennt man ja auch von Menschen, Stichwort Gender Orgasm Gap in Hetero-Beziehungen. Die hormonelle Reaktion jedenfalls festigt die Bindungen zwischen den Weibchen und ermöglicht die für Bonobos typischen weiblichen Koalitionen, die in der Rangordnung eine zentrale Rolle spielen. Sex ist bei dieser Art also ein Werkzeug der Diplomatie, ein … Schmiermittel ;))) … für den sozialen Zusammenhalt.

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Zwei Arten von Treue

Bonobos bilden einen Pol des Spektrums. Am anderen Ende stehen Arten, die feste Paarbindungen eingehen. Forschende unterscheiden zwei Formen: soziale und sexuelle Monogamie. Bei der sozialen Monogamie teilen sich zwei Individuen die Aufgaben des Alltags, sie bauen gemeinsam Nester, verteidigen ihr Revier und ziehen den Nachwuchs groß. Ein eingespieltes Team also. Sexuelle Exklusivität gehört dabei häufig nicht zum Arrangement, da wird auch mal das Angebot außerhalb des heimischen Schlafzimmers … exploriert. Die sexuelle Monogamie dagegen definiert sich über die ausschließliche Paarung mit einem einzigen Partner, und die ist im Tierreich tatsächlich sehr selten: Bei Säugetieren leben weniger als fünf Prozent in festen Paarbindungen. Bei Vögeln sieht das anders aus: Über 90 Prozent aller Arten galten jahrelang als monogam und absolut treu. Doch eine Übersichtsstudie von Brouwer und Griffith aus dem Jahr 2019 hat das Bild zurechtgerückt. Die Forscher:innen fanden heraus, dass bei 76 Prozent der untersuchten angeblich monogamen Vogelarten Fremdvaterschaften vorkommen. Das heißt: Drei von vier vermeintlich treuen Vogelarten nutzen gern mal die Gunst der Stunde, wenn der Partner oder die Partnerin kurz beschäftigt ist, und schnackselt fremd. Sie sind also sozial monogam, aber eben nicht sexuell.

Bei Blaumeisen (Cyanistes cerulaeus) haben Forscherinnen und Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen sechs Jahre lang das Paarungsverhalten dokumentiert. Das Ergebnis: In jedem zweiten Nest ist mindestens ein Küken dabei, das genetisch von einem anderen Männchen stammt. Die Forschenden stellten auch fest, dass unverpaarte Männchen besonders von Seitensprüngen profitieren, weil die Küken aus fremden Nestern oft ihre einzigen Nachkommen sind.

Bei den australischen Prachtstaffelschwänzen (Malurus cyaneus) haben Forschende ein Muster entdeckt, das die Funktion von Seitensprüngen beleuchtet. Diese kleinen Singvögel mit dem auffällig blauen Gefieder der Männchen leben sozial monogam, doch genetisch sieht die Sache anders aus. Wenn ein Weibchen zufällig mit seinem eigenen Sohn in einer Partnerschaft lebt (was bei dieser Art gelegentlich vorkommt … 🫠), paart es sich ausnahmslos mit anderen Männchen (thank god). Die Inzuchtvermeidung funktioniert hier instinktiv und absolut zuverlässig. Über 26 Jahre Daten aus einer australischen Population zeigen: Mutter-Sohn-Beziehungen führen zu hundertprozentiger “Untreue”. Das Weibchen scheint genau zu wissen, wann genetische Vielfalt wichtiger ist als soziale Treue. Auch wenn es aus Menschenperspektive erstmal mega seltsam wirkt, dass Mutter und Sohn ein Paar bilden, aber es ist eben nur ein soziales Paar.

Pärchen des Prachtstaffelschwanzes, das Männchen links im Prachtkleid. benjamint444 für Wikimedia Commons.

Die wirklich Treuen

Es gibt sie aber, die Arten, die dem romantischen Disney-Ideal der sexuellen Monogamie nahekommen. Schneeeulen (Bubo scandiacus) zählen beispielsweise dazu: Männchen und Weibchen bleiben während ihrer Beziehung exklusiv beieinander, oft ein Leben lang. Doch auch hier spielen Umweltbedingungen eine Rolle. In Jahren, in denen Lemmingpopulationen explodieren und Nahrung im Überfluss vorhanden ist, teilen sich manchmal zwei Weibchen einen männlichen Partner. Der Grund: Ein Männchen kann dann zwei Gelege versorgen und doppelten Paarungserfolg erzielen, ohne sich zu verausgaben, und für beide Ladies ist das in Ordnung, solang sie nicht vernachlässigt werden.

Auch die Familie der Albatrosse leben ein Konzept der absoluten treuen Fernbeziehung. Diese Meeresvögel verbringen den Großteil ihres Lebens allein über dem offenen Ozean und treffen ihre Partner nur zur Fortpflanzung an den Brutkolonien. Vor der ersten Brut durchlaufen sie eine lange Verlobungsphase, in der sie synchron tanzen, sich gegenseitig das Gefieder putzen und ihre Rufe aufeinander abstimmen. Dieser aufwendige Kennenlernprozess schafft das Vertrauen, das bei einem Lebensmodell unverzichtbar ist, bei dem man sich monatelang aus den Augen verliert und aber drauf bauen muss, dass der andere am Treffpunkt auf einen wartet.

Höckerschwäne (Cygnus olor) gelten ebenfalls als Symbole der Treue, doch auch bei ihnen kommen Seitensprünge vor. Besonders während der Brutzeit, wenn das Weibchen auf dem Nest sitzt, flirtet das Männchen gelegentlich mit anderen Schwänen, interessanterweise ohne Präferenz für ein bestimmtes Geschlecht. Da werden auch mal Robert aus dem Bowlingteam Avancen gemacht, wieso auch nicht.

Šárka Krňávková für Unsplash.

Saisonehen und einvernehmliche Trennungen

Manche Arten praktizieren Monogamie auf Zeit. Amseln (Turdus merula) finden sich zu Beginn der Brutsaison als Paare zusammen, kooperieren beim Nestbau, beim Brüten und bei der Aufzucht der Jungen. Wenn die Küken flügge sind, löst sich das Band, und im nächsten Frühjahr beginnt das Spiel von vorn, meist mit anderen Partnern. Rotkehlchen (Erithacus rubecula) verhalten sich ähnlich: Sie gehen Saisonehen ein, bringen zwei bis drei Gelege durch und trennen sich dann ohne Drama. Eine Studie an einer städtischen Amselpopulation in Polen ergab, dass Fremdvaterschaften hier seltener vorkommen als bei Artgenossen auf dem Land. Offenbar wachen die städtischen Männchen intensiver über ihre Partnerinnen, was diesen weniger Gelegenheiten für Seitensprünge lässt.

Serielle Monogamie macht evolutionär Sinn, wenn Ressourcen wie Nahrung und Nistplätze saisonalen Schwankungen unterliegen. Durch den jährlichen Partnerwechsel können sich die Vögel Territorien mit günstigeren Bedingungen erschließen und sich immer wieder upgraden. Gleichzeitig fördert der Wechsel die genetische Vielfalt des Nachwuchses und hält den Genpool durchmischt, was die Anpassungsfähigkeit der Art stärkt.

Harems, Kämpfe und Strandmeister

Am anderen Ende des Spektrums stehen Arten mit polygamen Systemen, bei denen ein Individuum mehrere Partner hat. Bei der Polygynie konkurrieren Männchen um Zugang zu Weibchen. See-Elefanten (Mirounga), die größten Robben der Welt, liefern ein Beispiel dafür. Während der Paarungszeit versammeln sich die sonst einzelgängerischen Tiere an den Stränden zu Kolonien. Ein dominanter Bulle kontrolliert einen Harem von zehn bis zwanzig Kühen. Biologen und Biologinnen nennen ihn den »Strandmeister«, und ich finde den Namen ganz fabelhaft. Um diese Position zu halten, tragen die Bullen Kämpfe aus, bei denen sie sich mit ihren massigen Körpern rammen und mit den Hauern verletzen. Jüngere und schwächere Männchen werden an den Rand der Kolonie gedrängt, wo sie unter schlechteren Bedingungen auf ihre Chance warten. Sie versuchen immer wieder, sich den Kühen zu nähern, was über Wochen zu wiederholten, oft blutigen Auseinandersetzungen führt. Unter dem Schutz des Strandmeisters bringen die Kühe ihren Nachwuchs zur Welt, und nach einigen Wochen der Aufzucht paaren sie sich erneut mit den dominanten Bullen.

Rollentausch beim Drosseluferläufer

Die Polyandrie, bei der sich ein Weibchen mit mehreren Männchen paart, kommt seltener vor, aber es gibt sie. Beim Drosseluferläufer (Actitis macularius) kann man das beispielsweise gut beobachten. Bei diesen adretten Watvögeln kehren die Weibchen als Erste zu den Brutplätzen zurück und kämpfen erbittert um die besten Reviere am Ufer. Sobald die Männchen eintreffen, wechseln die Weibchen von der Rivalität zum Werben. Sie nähern sich den Männchen und präsentieren ihr geflecktes Gefieder, das auffälliger gemustert ist als das der Männchen. Diese schüchternen Junggesellen verhalten sich eher zurückhaltend und warten darauf, dass die Weibchen die Initiative ergreifen. Die Umkehr der klassischen Geschlechterrollen geht mit einer hormonellen Besonderheit einher: Während der Balz weisen die Weibchen erhöhte Testosteronspiegel auf, die ihr konkurrenzbetontes Verhalten unterstützen. Nach der Paarung legt das Weibchen seine Eier in ein vom Männchen vorbereitetes Nest. Manchmal entwickelt sich daraus eine monogame Beziehung, häufiger aber zieht das Weibchen weiter zum nächsten Männchen, während der erste Vater allein brütet und die Kinder aufzieht. Das nenne ich mal female empowerment!

Ein Drosseluferläuferweibchen

Der Vorteil der Polygamie liegt auf der Hand: Sie steigert den Fortpflanzungserfolg, weil ein Tier mehr Nachkommen zeugen kann. Die genetische Vielfalt wächst, was Populationen widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Umweltveränderungen macht. Wo polygame Strukturen existieren, ohne dass soziale Bindungen entstehen, spricht die Wissenschaft jedoch von Promiskuität … das wäre dann sowas wie ein One-Night-Stand. Der Begriff ist hier jedoch wertneutral gemeint und beschreibt lediglich ein Paarungssystem mit wechselnden Partnern.

Wenn du also das nächste Mal Schwäne am Teich beobachtest, wirst du das Geschehen jetzt vielleicht mit anderen Augen sehen: Hinter jedem Balzritual, hinter jedem Revierkampf steckt eine ganz eigene evolutionäre Logik, und vielleicht gar nicht so viel Disney, wie wir es uns wünschen würden. Das ist aber auch besser so.

Bis zum nächsten Mal

Jasmin

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QUELLEN

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