Liebe Leser:innen,
Vor knapp einem Jahr durchstreifte ich mein Bücherregal, um ein wenig umzusortieren und Platz zu machen für neu angeschafftes Druckwerk. Dabei blieb ich speziell an einer Sammlung hängen: Der gelb leuchtenden Reclamheft-Reihe, die ich noch aus meiner Schulzeit habe. Aus Nostalgie ging ich die Hefte durch und stellte (nicht wirklich überrascht) fest: Nicht ein einziger Text stammte von einer Autorin. Wir hatten meine gesamte Gymnasialzeit hindurch nur Männer gelesen. Sicher, mir waren auch als Teenagerin Autorinnen wie Ingeborg Bachmann und Elfriede Jelinek untergekommen, ich besaß ihre Bücher. Aber aus dem Unterricht hatte ich das nicht. Und es fiel uns allen damals nicht mal auf.
Doch die Zeiten - und auch ich - haben sich geändert. So beschloss ich angesichts der jahrelangen Männerdominanz in meinem literarischen Konsum vorerst einmal ganz auf männliche Ergüsse zu verzichten. Seither lese ich - bis auf weiteres - nur noch Autorinnen. Ausnahmen gibt es für queere und explizit feministisch engagierte Männer.
Und ich kann nur sagen: Mir tut das richtig gut. Der Male Gaze fehlt mir kein bisschen. Ganz im Gegenteil hatte ich seither so viele Aha-Erlebnisse, Momente der Solidarität, das Gefühl des Verstandenwerdens. Ich las in meinem Leben nie lieber als jetzt.
Männliche Verweigerung
Während es sich bei meinem trennkostartigen Leseverhalten um einen bewussten Akt, eine Art ausgleichende Maßnahme handelt, belegen zahlreiche Statistiken, dass sich Männer Autorinnen systematisch verweigern. Für Frauen ist es völlig normal Männer zu lesen, das sieht man nicht nur an dem Kanon, der mir in meiner Schulzeit vorgesetzt wurde. Zahlen aus Großbritannien (Opens in a new window) zeigen zum Beispiel, dass die meistverkauften männlichen Autoren zu in etwa gleichen Teilen von Männern und Frauen (55 Prozent/45 Prozent) gelesen werden. Die meistverkauften weiblichen Autorinnen werden allerdings nur zu 19 Prozent von Männern konsumiert. Schwach.
Vor nicht allzu langer Zeit nahmen Autorinnen sogar männliche Pseudonyme an, unter denen sie publizierten: Sie wussten, dass sie als offen weiblich schreibende Personen keine Chance auf Aufmerksamkeit gehabt hätten. Einer der berühmtesten Romane des 19. Jahrhunderts ist “Middlemarch” von George Eliot. Kürzlich wurde das Buch auch auf Platz eins einer im Auftrag des Guardian erstellten Liste der Top 100 Romane aller Zeiten (Opens in a new window) gewählt. Der Witz daran: George Eliot hieß eigentlich Mary Anne Evans und war eine Frau.
Männer lesen aber auch insgesamt weniger als Frauen. Laut einer Umfrage (Opens in a new window) zum österreichischen Buchmarkt Anfang 2026 greift gut ein Drittel aller Männer selten oder gar nie zu einem Buch. Bei Frauen fällt die komplette Leseverweigerung mit 17 Prozent deutlich niedriger aus.
Männliche Dominanz
Das Patriarchat ist leider auch im Literaturbetrieb und auf dem Buchmarkt hart am Werken. Was von Männern geschrieben und konsumiert wird, gilt als “normal”, als “Standard”. Was von Frauen geschrieben und konsumiert wird, gilt nach wie vor als “Abweichung” davon, als eine Art Sonderkategorie, für die sich im cis-männlichen Selbstverständnis auch nur Frauen zu interessieren haben. Daraus resultieren dann Begriffe wie “Frauenliteratur” - weil nichts, was Autorinnen produzieren unabhängig von ihrem Geschlecht betrachtet wird. Bei Männern ist das ganz automatisch der Fall, klar, sie sind ja auch das Maß der Dinge (Simone de Beauvoir lässt grüßen).
Der von mir sehr geschätzte Nils Pickert hat dazu kürzlich auch einen empfehlenswerten Beitrag (Opens in a new window) geschrieben. Abwertung von Literatur von Frauen sei auch heute die Regel. Er wirft zudem die berechtigte Frage in den Raum: Wo gibt es im Gegenzug denn eigentlich den Begriff “Männerliteratur”? Richtig, den gibt es nicht.
Die bittere Wahrheit ist, dass Frauen bzw. Mädchen von klein an lernen, jeden Gedanken, jede Gefühlsregung, jede verschriftlichte Idee eines Mannes als universell menschlich zu begreifen, als etwas, das angeblich (ist nicht so) alle betrifft. Und umgekehrt ist das nun einmal absoult nicht der Fall. “Frauenkram”, warum sollte sich ein echter Kerl denn dafür interessieren? Da wird schon deutlich lieber darauf geschimpft, der Buchmarkt habe sich in den vergangenen Jahren - angefeuert von Trends wie BookTok - zu sehr auf weibliche Kundschaft ausgelegt.
Ja genau, schon wieder ist es zu viel mit der Aufmerksamkeit für Frauen. Bloß nicht, bloß nicht! Ich schrieb darüber erst kürzlich in einem anderen Newsletter (Opens in a new window), der sich mit männlichen Abwehrreaktionen auf den Feminismus befasste.
Männliche Preise
Auch bei Auszeichnungen dominieren bis heute Männer. Der Literaturnobelpreis wurde erst 18 Mal an eine Frau vergeben. Das macht nur knapp 15 Prozent aller verliehenen Preise. Oft wird damit argumentiert, Frauen hätten in der Vergangenheit eben nichts oder nichts Qualitätsvolles geschrieben. Aber das ist (wie etwa das Beispiel “Middlemarch” schon zeigte) natürlich Quatsch. Frauen bzw. ihre Werke wurden einfach nur oft vergessen, von der Geschichtsschreibung ausgelöscht oder heruntergemacht. Dazu gibt es mittlerweile hinreichend Forschung (Opens in a new window) und Belege.
Obwohl bei Wettbewerben inzwischen darauf geachtet wird, dass sich ausreichend Frauen auf den Nominiertenlisten finden, gehen vor allem renommierte Verlage noch immer lieber Verträge mit Männern ein. Auch die Literaturkritik ist ihren Sexismus bis heute nicht losgeworden. Dazu lieferte unlängst der bekannte ARD-Literaturkritiker Denis Scheck live auf Sendung ein eindrückliches Beispiel. Und ganz generell werden Bücher von Frauen anders besprochen als jene von Männern. Ähnliches findet man übrigens auch im Bereich der Musikrezensionen.
Female Gaze
Ändern kann sich das alles nur, wenn Strukturen angegriffen werden. Wenn in Verlagshäusern auch Frauen in Entscheidungspositionen sitzen (vor allem jenen, die das Geld verteilen), wenn Redaktionen divers besetzt sind, wenn sich überhaupt einmal jemand bewusst wird, wie stark wir von männlichen Sicht- und Denkweisen geprägt sind.
Wie wäre es also, es mir gleich zu tun und einmal bewusst Frauen zu lesen? Vielleicht müssen es ja nicht nur ausschließlich Frauen sein. Aber jede:r kann sich einmal fragen, wie das Geschlechterverhältnis beim eigenen Bücherkonsum aussieht. Wem man Aufmerksamkeit schenkt, wessen Gedanken und Ideen man ernstnimmt. Und warum. Warum nicht einmal den Male Gaze durch einen Female Gaze ersetzen - und erfahren, dass es noch mehr auf der Welt gibt, als den patriarchalen Blick. Ich verspreche es lohnt sich.
In diesem Sinne, alles Liebe.
Wir lesen uns!