Liebe Leser:innen,
Ich starte diese Newsletter-Ausgabe mit einer Preisfrage - bei der es nichts zu gewinnen gibt: Was ist privilegiert, unreflektiert und beratungsresistent, kann Fehler nicht eingestehen, verwechselt Übergriffigkeit mit Humor und leidet unter der ständigen Angst vor Machtverlust? Genau, es ist ein AWM. Ein alter weißer Mann. Und diese spezielle Kategorie der männlichen Mitmenschen - die sich nicht immer zwingend am Alter festmachen lässt - feiert dieser Tage wieder mal ganz besondere Festspiele.
Eigentlich mag man gar nicht richtig glauben, dass es im Jahr 2026 noch immer so zugeht. Aber da sind wir nun und lesen: Der Wiener Marktamt-Chef soll sich jahrelang misogyn und rassistisch geäußert und Mitarbeiter:innen gemobbt haben (Opens in a new window) (mittlerweile ist er zurückgetreten). In der Wiener Wirtschaftskammer (Opens in a new window) soll der Oberboss ebenso mit frauenfeindlichen Aussagen aufgefallen sein, sich generell abfällig über andere geäußert und zur Postenschacherei geneigt haben (er möchte erstmal nicht zurücktreten). Ein deutscher Comedian glaubt, dass es witzig ist, Femizide für Pointen heranzuziehen, und will dann jene klagen (Opens in a new window), die ihn dafür kritisieren. Und in den USA rückt der Verteidigungsminister aus und will den Testosteronstatus der Streitkräfte (Opens in a new window) überprüfen. Was kommt als Nächstes - das Einüben von Urschreien? Ugga-ugga?
Das Gebaren solcher Männer ist derart antiquiert und teilweise so bizarr, dass man sich in einer satirischen Parallelwelt gefangen wähnt. Doch wie wir leider wissen, sind Realität und Satire oft nicht voneinander unterscheidbar. Ganz gleich, welche Fortschritte wir in den vergangenen Jahrzehnten gemacht haben, viele Machtpositionen, Entscheidungsebenen und öffentlich exponierte Funktionen sind nach wie vor fest in der Hand dieser AWM.
Hartnäckiges Mindset
Nach außen hin wird von vielen gerne so getan, als gebe es kein Problem mehr mit Sexismus, als würden Ungleichbehandlungen längst der Vergangenheit angehören. “Offene Firmenkultur” wird beschworen, man handle natürlich respektvoll und auf Augenhöhe. Fairness und Chancengleichheit seien “Teil unserer DNA”, kann man in Stellenanzeigen lesen oder Pressesprecher:innen sagen hören. Doch wer ein bisschen an der Oberfläche kratzt, wird sehen, dass sich hinter den schönen Worten häufig noch immer ein ziemlich hässliches Mindset verbirgt. Und das hält sich hartnäckig - ganz gleich, ob es sich um Unternehmen, Behörden oder politische Parteien handelt.
Gleichzeitig wird vielerorts bewusst wieder der gesellschaftliche Rückwärtsgang eingelegt. Backlash-Wellen durchziehen die Gesellschaft und bringen Frauen, aber auch unterschiedliche Minderheiten, immer stärker unter Druck. Ausgehend vom ach so fortschrittlichen Silicon Valley (hier habe ich darüber schon einmal ausführlich geschrieben (Opens in a new window)) wird Diversität zum Feindbild erklärt und an den Rechten von Frauen genagt. Zum Teil geschieht das mittlerweile ganz offen.
Diese reaktionäre patriarchale Gedankenwelt ist also keineswegs Geschichte. Sie beherrscht weiterhin weite Teile unserer Berufswelt, und auch des Privatlebens. Weiterhin halten die Herren der AWM-Riege ihre Reihen geschlossen. Sie schützen sich gegenseitig - egal, wie daneben sich jemand benommen hat. Sie mühen sich mit Kräften dazu ab, dass die “Kollegen” ihre gut bezahlten und mächtigen Positionen nicht verlieren. Sie betreiben Täter-Opfer-Umkehr und scheuen auch nicht davor zurück, jene mit allen Mitteln zu bekämpfen und zu bedrohen, die sich gegen die Missstände auflehnen.
Wer sich zuletzt bei mancher Schlagzeile wieder einmal gefragt hat “Wie kann das sein?”, findet genau darin eine Antwort: So kann es sein - indem übergriffige Männer weiterhin geschützt und gestützt werden, indem Männern automatisch mehr geglaubt wird (die Himpathy lässt grüßen), indem Sexismus, Rassismus und Mobbing noch immer als Kavaliersdelikte gelten und nicht als ernstzunehmendes Problem.
Die gute Nachricht
Obwohl das alles einigermaßen frustrierend klingt und man das Gefühl haben kann, wir kämen nicht vom Fleck - ganz so ist es glücklicherweise nicht. Die gute Nachricht nämlich lautet, dass wir immer öfter von dem inakzeptablen Verhalten betreffender Männer erfahren. Dass immer häufiger der Scheinwerfer und nicht mehr der Deckel darauf gehalten wird. Dass immer mehr Menschen den Mut finden, dagegen aufzustehen.
Es gibt zwar nach wie vor große Schwierigkeiten zu überwinden. Viele, die den Schritt wagen und Grenzüberschreitungen aufzeigen, brauchen dafür sehr viel Kraft und müssen mit massiven Widerständen rechnen. Aber die Hoffnung lebt, dass es sich letzten Endes auszahlt. Dass nicht mehr einfach alles durchgeht, dass jene, die den toxischen Männern die Mauer machen, weniger werden. Und dass gleichzeitig immer mehr Menschen begreifen, warum man solches Verhalten nicht einfach schweigend tolerieren darf. Denn am Ende profitiert von den vorgestrigen Männern niemand - außer die Männer von vorgestern.
Ich bin überzeugt, dass ein wertschätzender Umgang ohne übergriffige, aggressive oder sexistische Ausfälle zwischen Menschen möglich ist. Ich bin außerdem überzeugt, dass man sich das erwarten darf und nicht mit weniger zufrieden geben muss. Fehlverhalten sollte sanktioniert und nicht akzeptiert werden. Niemand braucht darauf stolz zu sein. Denn es ist nicht egal, nicht cool und nicht erstrebenswert, andere zu verletzen, herabzuwürdigen oder zu beleidigen. Wir sollten aufhören, Männer dafür mit Macht und Geld zu “belohnen”.
In diesem Sinne, alles Liebe.
Wir denken an morgen!