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#3 Zu laut, zu frech, zu fordernd

Liebe Leser:innen,

Unlängst saß ich im Publikum einer Preisverleihung auf einem Branchenevent. In einer gegen Ende platzierten Kategorie, als alle schon recht müde waren, sorgte eine Laudatorin noch einmal für etwas Schwung. Die in der Branche tätige Frau belobigte die Nominierten und Gewinner mit einer Rede, in die sie eine kräftige Portion Kritik gemischt hatte - daran nämlich, dass nur Männer zur Auswahl standen. Der Freund, der mich zu der Veranstaltung eingeladen hatte, quittierte den Auftritt mit den Worten: “Das hat sie jetzt 30- bis 40-tausend Euro gekostet.” Als ich fragte, was das bedeuten soll, erklärte er mir, dass sich nun wohl einige Mächtige in betreffender Branche auf den Schlips getreten fühlen würden. Schlips - ein gutes Stichwort, denn jene, die dort das Geld und das Sagen haben, sind vorwiegend Schlipsträger (Männer). 

Die Einschätzung lautete, dass die Laudatorin in näherer Zukunft gewisse Aufträge oder Zusagen wohl eher nicht bekommen würde. Ihre Kritik, “mit der sie ja eigentlich recht hat” so der Tenor unter vielen der Gäste, sei einfach etwas “zu direkt”, “zu undiplomatisch”, “zu aggressiv” gewesen. Das brachte mich, die bei der Laudatio selbst kurz zusammengezuckt war, zum Nachdenken: Wer darf wann wie sprechen? Wer bestimmt, was angemessen ist und was nicht? Und vor allem: Wer wird für Gesagtes sanktioniert und wem lässt man alles durchgehen?

Fangen wir ganz oben in der Pyramide an: Donald J Trump, US-Präsident, der “mächtigste Mann der Welt”. Was hat er nicht alles schon gesagt, kein Tag vergeht, an dem er nicht mit Unsagbarem aufhorchen lässt. Hat es ihm geschadet? Nein. Hat man ihm aufgrund seiner alle Grenzen sprengenden Aussagen die Macht entzogen? Nein. Für Trump war es sogar möglich, als verurteilter Sexualstraftäter ein zweites Mal ins höchste Amt der USA gewählt zu werden. Dort kommen Frauen - bislang - gar nicht erst hin. 

Bitte nicht lachen

Die werden für ihr Gesagtes, das zeigte sich auch am Beispiel Kamala Harris im letzten US-Wahlkampf wieder, nämlich ganz anders bewertet. Da war schon ihr simples Lachen Grund genug, sie mit Beschimpfungen zu überschütten und ihr jegliche Kompetenz abzusprechen. Ähnlich verlief es einige Jahre zuvor mit Hillary Clinton. Über sie machten sich TV-Kommentatoren lustig, weil ihre Stimme angeblich “nervig” sei. Während Trump, egal welchen Unsinn er von sich gibt, immer noch bei vielen damit durchkommt, der “Führer” und der “Business-Mann” zu sein, werden Kompetenzen von Frauen gar nicht erst wahrgenommen. 

Frauen werden schon in der Art, wie sie sprechen, auf eine Weise beurteilt, wie es bei Männern nicht vorkommt. Da sind wir noch gar nicht bei dem Punkt, was sie sagen, oder etwa, wie die erwähnte Laudatorin, wagen zu kritisieren. Die Beispiele sind endlos - in der Vergangenheit ebenso zu finden wie in der Gegenwart. 

Die extremistischen Taliban verbieten Frauen das Lachen und neuerdings das Sprechen in der Öffentlichkeit sogar generell (wie so ziemlich alles andere auch). Aber auch in deutschen “Benimmbüchern” aus den 60er-Jahren konnte man nachlesen, dass Frauen, die laut lachen, “vulgär” seien. Gar als Anzeichen für Promiskuität wurde dieses Lachen gewertet.

In der Türkei sorgte ein Mitstreiter von Präsident Erdogan 2014 für Aufsehen, der das öffentliche Lachen von Frauen als unvereinbar mit der Tugendhaftigkeit bezeichnete und es auch nicht gerne sah, dass Frauen “so viel am Handy telefonieren”. Frauen wird sogar negativ ausgelegt, dass bzw. wenn ihre Stimmlage höher ist als jene von Männern. Die berühmt-berüchtigte britische Permierministerin Margaret Thatcher unterzog sich Trainings, um ihre Stimme tiefer zu regulieren, weil man ihr vorwarf “zu schrill” zu reden. 

Was ist Meinungsfreiheit?

Und obwohl Frauen, die öffentlich sprechen, wegen absurdesten Dingen kritisiert werden, obwohl sie in Diskussionen häufiger unterbrochen werden (auch dazu gibt es Studien), in Medien weniger oft vorkommen und schneller “bestraft” werden, wenn sie lautstark Forderungen stellen, sorgt sich eine gewisse, mächtige Gruppe medienöffentlicher Männer weiterhin nur um sich selbst. Es folgt ein Beispiel. 

Der deutsche Alleskommentierer Richard David Precht, der montags Experte für den Ukrainekrieg ist und dienstags bewertet, was (nicht) Sexismus ist, klagt in Büchern und auf Bühnen gerne über die “böse Cancel Culture”. Ihm zufolge vergleichbar mit Faschismus (auch da ist er Experte). Der Mann, für den kaum ein Tag vergeht, ohne dass er mit Schlagzeilen belohnt wird, sorgt sich um das Recht auf freie Meinungsäußerung. Dieses sieht er offenbar besonders für (ältere) dauerpräsente Männer wie ihn selbst bedroht. Komischerweise spricht er selten von jungen Frauen, die ihre Stimme erheben und infolge Aufträge verlieren. 

Es liegt die Vermutung nahe, dass die freie Meinungsäußerung (darunter versteht man das Recht sich mitzuteilen ohne vom Staat dafür verfolgt zu werden) von Menschen wie Precht mit Kritik und Gegenwind verwechselt wird. Es ist wahr: Das Internet kann ein ziemlich ungemütlicher Ort sein und auch die Mächtigsten und Berühmtesten werden dort in die Mangel genommen. Doch manche von ihnen sind so an ihren überhöhten Status und ihre Privilegien gewöhnt, dass sie dabei übersehen, aus welcher Position sie eigentlich sprechen. Es ist eine, in die andere niemals kommen werden, weil sie schon viel früher auf dem Weg dorthin sanktioniert oder mundtot gemacht wurden: durch finanziellen Druck, Einschüchterung oder Bedrohung. 

Wer bestimmt jetzt also, was wie gesagt werden darf? Ich habe keine endgültige Antwort, aber einen dringenden Verdacht. 

In diesem Sinne, alles Liebe.
Wir sprechen uns noch!

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