Zwei Dinge, die KI nicht kann: Erstens, ein gutes Ziel auf dem Weg dorthin durch ein besseres Ziel austauschen. Und zweitens Verzweiflung spüren. Aber KI kann helfen, aus Verzweiflung ein besseres Ziel zu machen.

Meine Idee für diese Woche war: “Schreib eine Kurzgeschichte mit KI”. Das ist ein wunderbarer Zeitvertreib, der in meinen Seminaren begeistert aufgenommen wird. Die Idee:
Starte mit den ersten Sätzen einer Story und lass dann Claude, ChatGPT oder Gemini die nächsten Sätze weiterschreiben.
Mein Startprompt:
Ich will mit dir gemeinsam eine kurze Geschichte erzählen. Hierzu benötige ich deine volle Aufmerksamkeit und Kreativität. Wir werden gemeinsam sehen, wohin uns die Geschichte führt. Die Spielregeln lauten so:
- Ich beginne mit einer kurzen Szene
- Du führst diese weiter oder startest mit einer anderen Szene.
- Unsere Texte sollen gut am Stück lesbar sein.
- Insgesamt soll die Geschichte nicht länger als 1.000 Wörter werden.
- Wenn wir Regie-Anweisungen haben z.B. ("Es wird wieder Zeit für einen Twist" oder "Wir müssen zu einem Ende kommen" oder andere) dann schreiben wir jeweils an das Ende unserer jeweiligen Eingabe. Können wir so vorgehen? Soll ich anfangen, oder willst du?Wenn du es besonders kreativ willst, lass die KI die ersten Sätze schreiben und mach was draus.
Diese verdammte Verzweiflung
Genau das habe ich in der Vorbereitung für den Newsletter auch getan – und bin darauf ausgerutscht. Die erste Hälfte hat Spaß gemacht, wir haben uns bis dorthin in eine sehr mystische Geschichte hineingeschrieben. Dann meinte Claude, dass wir langsam zu einem Ende kommen müssen.
Und, zack, gingen bei mir die kreativen Lichter aus.
Erst starrte ich eine Weile auf mein Notebook. Dann schloss ich es und verschob das Problem. Ja, auf einmal war aus der Übung ein Problem geworden. Dann versuchte ich es zähneklappernd wieder, geriet in eine veritable Verzweiflung und wählte wieder die Prokastination.
Allerdings bin ich Schwabe genug, um mein Versprechen an euch “freitags eine neue Ausgabe” nicht schon bei Nummer 3 zu kippen. Also musste ich wieder ran. Auch, wenn die Übung gerade ihren Glanz verloren hatte. Kurz dachte ich darüber nach, stattdessen halt irgendein KI-Tool vorzuschlagen. Oder so.
Der eigentliche Täter ist…
Was war da los? Hat mich Social Media nun endlich zur kreativen Amöbe gemacht? Fehlen mir eigene Ideen? Habe ich nicht mehr die Kraft, eine kurze Geschichte durchzuhalten?
Eine meiner Lösungs-Strategien in solchen Fällen ist: Rumrennen statt Rumdenken. Nach ein paar Lauf-Kilometer hatte ich keine Kurzgeschichte aber einige andere Ideen im Kopf, die ich schließlich mit Claude verdichten konnte:
Der Auftrag, “jetzt zum Ende zu kommen” machte aus einer federleichten Spielerei einen ernsthaften, bewertbaren Job.
Bis dahin hatte ich mir über Hintergrund UND Ende keine Gedanken gemacht. Jetzt musste ich beides gleichzeitig tun.
Naturgemäß hatte ich dafür nicht eine geniale Idee sondern viele mittelmäßige. Und keinen Mut, eine davon aufzuschreiben.
Gescheitert bin ich also nicht an Ideenlosigkeit sondern an meinem Perfektionismus, der alles derart brillant lösen will, dass selbst die KI vor mit auf die Knie geht (obwohl das ja ohnehin ihre Werkseinstellung ist).
Aber auf Claude ist in solchen Fällen Verlass. Die KI, die ab Werk auch gelernt hat, jede beliebige Rolle einzunehmen, schlug mir genau das vor. Sie wies mich darauf hin, dass auch wir Menschen verschiedene Rollen spielen: “Du lässt gerade den Lektor in den Raum, während der Autor noch am Entwurf sitzt. Der Autor darf Mist bauen. Der Lektor räumt später auf. Solange beide gleichzeitig im Raum sind, schreibst du keine Zeile.” Treffer!
Außerdem bot mir Claude, dass er die nächsten Zeilen für mich schreiben könne. Und packte mich damit bei meinem Stolz: Das mich die KI nun ersetzen möchte, geht mir dann doch zu weit :-)
Ein Happy End?
Wie ging es also weiter? Ich habe mich entschieden, eine der vielen mittelguten Ideen aufzuschreiben um zu sehen, was Claude daraus macht. Letztlich haben wir die Story zu Ende gebracht, aber ich muss zugeben, dass ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden bin.
Mit meinem Learning bin ich aber sehr zufrieden:
Ich habe diese Übung (wie versprochen) bis zum Ende durchgespielt.
Es hat nur eine Weile Spaß gemacht. Learning: Kreativität ist nicht nur Spaß sondern manchmal auch Verzweiflung.
Die wichtigste Lektion bekam ich, indem ich mich auf die Meta-Ebene dachte, um mich mit meinen Empfindungen und Gefühlen zu beschäftigen. Das ist das eigentliche Learning.
Du willst die Story? Ganz unten findest du den Text bis zu meinem Verzweiflungs-Moment. Du kannst ja versuchen, sie zu einem wirklich guten Ende zu bringen. Ich bin gespannt.
lesen / hören / testen
In die aufgeregte Diskussion, ob KI-Texte gekennzeichnet werden sollen, habe ich in der Evangelischen Zeitung ein Interview (Opens in a new window) mit dem Sprecher des Presserats, Moritz Döbler, gelesen, das ich sehr empfehle. Seine Haltung, paraphrasiert: Die vollumfängliche Verantwortung für journalistische Inhalte tragen sowieso die Redakteur:innen. Das gilt nicht für KI-Zusammenfassungen oder z.B. KI-Spielberichte. Aber redaktioneller Output kommt von Menschen, auch wenn diese von KI unterstützt werden. Also ist eine Kennzeichnung eigentlich überflüssig.
Zu der Kurzgeschichten-Übung oben: Die Lösung war für mich die Trennung zwischen innerem Autor und innerem Lektor. Falls du auch mehrere “Figuren” in dir kennenlernen willst, empfehle ich dir das gute, alte Buch “Das innere Team in Aktion (Opens in a new window)” von Friedemann Schulz von Thun und Wiebke Stegemann.
Und jetzt noch ein Tool-Tipp? Gerne! Falls du viel mit der Bahn unterwegs bist oder nicht jeden Chat mit den US-Konzernen teilen willst: Mit der APP “Google AI Edge Gallery (Opens in a new window)” bekommst du ein gutes lokales Modell auf dein Smartphone. Ich schätze, das bietet einen Blick in die Zukunft, denn KI-Modelle werden kleiner und mobiler werden. Jede Wette! :-)
Nun zu dir…
Bei dieser Hitze performen? Musst du nicht. Besser wäre es, zwischendurch einen NASA-Powernap einzulegen, der offenbar zu 54 Prozent Leistungssteigerung und zu 100 Prozent mehr Aufmerksamkeit führt.
Hier der Rahmen:
Die ideale Länge eines Mittagsschlafs beträgt 26 Minuten – mehr als 30 Minuten sollte man vermeiden.
In dieser Zeit erreicht das Gehirn eine perfekte Balance zwischen Erholung und Vermeidung von Tiefschlaf
Bester Zeitpunkt ist zwischen 13 und 15 Uhr
Auch Ruhen ohne Einschlafen ist wertvoll
Nach dem Aufwachen kurz bewegen oder an die frische Luft gehen
Dann ruhe wohl und ich freue mich auf jedes Feedback. Weiter unten noch die unfertige Story.
Eric
Anruf läuft
(Arbeitstitel — Fragment. Eine gemeinsam mit Claude geschriebene Kurzgeschichte, abwechselnd Szene für Szene.)
Der Briefkasten klemmte, wie jeden Morgen. Marlene rüttelte am verbogenen Deckel, fluchte leise, und als er endlich aufsprang, lag darin ein einziger Umschlag. Kein Absender. Nur ihr Name auf der Vorderseite, in einer Handschrift, die sie augenblicklich erkannte.
Ihre eigene.
Sie drehte den Umschlag um. Das Papier war alt, an den Kanten weich geworden, als hätte es lange irgendwo gelegen. Aber die Tinte war frisch. Das ergab keinen Sinn.
Drinnen klingelte das Telefon. Sie hörte es durch die offene Haustür, beharrlich, sieben, acht Mal. Marlene rührte sich nicht. Sie starrte auf die geschwungenen Buchstaben ihres Vornamens und versuchte sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal etwas mit der Hand geschrieben hatte. Es musste Jahre her sein.
Das Telefon verstummte. Dann, nach einer Sekunde Stille, begann es erneut.
Sie riss den Umschlag auf.
„Geh endlich ans Telefon", stand da.
Marlene sog die Luft ein, als wäre es ihr letzter Atemzug. Hier stimmte irgendwas überhaupt nicht. Schnell zerknüllte sie den Brief und warf ihn in den Papierkorb. Das Telefon klingelte noch eine Weile. Aber da saß Marlene schon auf ihrem Bett, ihre Finger scrollten durch Instagram, während ihre Augen einen Fussel auf dem Handydisplay fixierten.
Die Zeit verlor ihre Struktur, ihr war, als wenn sie den Fussel über das Handy wandern sah.
Dann klingelte es an der Tür.
Sie ging nicht. Natürlich ging sie nicht. Es klingelte ein zweites Mal, länger jetzt, und Marlene zog die Knie an, als könnte sie kleiner werden, unsichtbar. Der Fussel wanderte weiter. Oder das Display wanderte unter dem Fussel. Sie war sich nicht mehr sicher, was sich bewegte.
Es klingelte ein drittes Mal. Dann nichts.
Marlene atmete aus. Sie sah wieder auf das Handy — und das Bild war weg. Kein Instagram, kein Feed. Nur eine schwarze Fläche mit zwei Wörtern in der Mitte, weiß, schmucklos:
Anruf läuft.
Darunter eine Zeitanzeige, die rückwärts lief. 00:11. 00:10. Sie hatte das Telefon nicht ans Ohr gehalten. Sie hatte überhaupt nichts getan. Und trotzdem hörte sie, ganz leise, als käme es aus großer Tiefe, eine Stimme aus dem Lautsprecher.
Es war ihre eigene.
„Marlene", sagte die Stimme. „Du musst jetzt sehr genau zuhören."
…