Eine milliardenschwere Lobby kämpft gegen den technischen Fortschritt - doch der Markt hat längst entschieden
Zwei Jahre lang schwieg Patrick Graichen, Robert Habecks ehemaliger Staatssekretär, in der Öffentlichkeit. Nun sprach der promovierte Volkswirt im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (Opens in a new window). Er räumt Fehler in der „Trauzeugenaffäre“ ein und gibt zu, damals einen „Tunnelblick“ gehabt zu haben.
Patrick Graichens Trauzeuge war bestens für die Position qualifiziert, um die es ging, und es entstand kein Schaden. Ganz anders Jens Spahns dubiose Masken-Deals (Opens in a new window), die den Steuerzahlenden Milliarden kosteten. Während Graichen entlassen wurde, blieb Spahns Verhalten bis heute ohne Folgen.
Besonders interessant sind Graichens Aussagen zur Gaslobby. 2021 schrieb die Große Koalition, nach dem Klimaurteil des Bundesverfassungsgerichts, Klimaneutralität bis 2045 gesetzlich fest. Graichen glaubte, das Ziel sei Konsens; es gehe nur noch um das Wie, nicht um das Ob. Zu spät erkannte er, dass Teile der Wirtschaft das Ob weiterhin infrage stellten. Während man mit RWE einen sozialverträglichen Kohleausstieg vereinbarte, ging die Gaslobby auf Konfrontation.
https://www.awin1.com/cread.php?awinmid=17358&awinaffid=1917469&ued=https%3A%2F%2Fwww.genialokal.de%2FProdukt%2FChristian-Stoecker%2FMaenner-die-die-Welt-verbrennen_lid_54081272.html&platform=ma (Opens in a new window)„Rückblickend, wenn man bedenkt, dass die 2023 durchgesetzten Änderungen am Heizungsgesetz der Gasindustrie 30 Milliarden Euro Mehrumsatz bringen, hätte man das ahnen können. Die Wucht der ‚Heizungshammer‘-Kampagne haben wir massiv unterschätzt“, sagt Graichen. Er halte Gas für toxisch. Nicht nur aus Klimagründen, sondern auch aus Gründen der nationalen Sicherheit. „Knapp die Hälfte unserer Gasimporte stammen von Trump oder Putin – und bei beiden ist klar, dass sie das bei Bedarf als Waffe gegen uns einsetzen werden”, so Graichen.
https://www.awin1.com/cread.php?awinmid=17358&awinaffid=1917469&ued=https%3A%2F%2Fwww.genialokal.de%2FProdukt%2FSusanne-Goetze-Annika-Joeres%2FDie-Milliarden-Lobby_lid_54020747.html&platform=ma (Opens in a new window)"Interessierte Kreise arbeiten schon daran, uns zurück in die Gasabhängigkeit zu bringen und das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 infrage zu stellen. Da kann ich nicht einfach an der Seitenlinie stehen und zuschauen.” Darum will sich Graichen wieder politisch engagieren und ein Buch schreiben.
63,5 Miliarden für Öl- und Gasimporte
Wie die mächtige Fossil-Lobby alles dafür tut, damit wir weiterhin von Öl und Gas abhängig bleiben - das ist auch das Thema des neuen Buches der bekannten Investigativ-Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres: Die Milliardenlobby (Opens in a new window). "Je mehr Deutschland sich mit Ökostrom elektrifiziert, desto unabhängiger wird es. Dann kann uns kein russischer Diktator oder US-amerikanischer Rechtspopulist mehr erpressen. Klar haben die was dagegen”, sagt Annika Joeres.
Fast 63,5 Milliarden Euro kosteten uns 2024 die Öl- und Gasimporte (Opens in a new window). Seit 1991 haben wir wahnsinnige 1.800 Milliarden Euro dafür ausgegeben - Geld, das wir besser in unsere eigene Wirtschaft investiert hätten.
Die Gaslobby am Kabinettstisch
Katherina Reiche (CDU), die neue Ministerin für Wirtschaft und Energie, ist eng mit der Gaslobby verstrickt. Sie war bis zu ihrem Amtsantritt Chefin der Eon-Tochter Westenergie, einem der größten Gasnetzbetreiber in Deutschland. So liest sich auch der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD teilweise wie ein Wunschzettel der Gaslobby. Gleich nach ihrem Amtsantritt wetterte Reiche gegen einen angeblichen “Wärmepumpen-Zwang”, den es nie gab. Und statt 12,5 Gigawatt Gaskraftwerke, die Habeck von Brüssel genehmigt bekam, würde sie nun gerne 20 GW ausschreiben. Von einer späteren Umstellung auf grünen Wasserstoff ist keine Rede mehr.
https://steady.page/de/klima-demokratie/posts/31cc9d48-6e6e-4b9a-b7fd-34f43384b972 (Opens in a new window)Allerdings sind Reiches 20 Gigawatt keineswegs nur eine Erfindung der Gaslobby - so viel Fairness muss sein. Die Ampel kalkulierte anfangs ebenfalls mit dieser Größenordnung neuer Gaskraftwerke. Es gibt mehrere schon etwas ältere Studien, die von so einem Bedarf ausgehen - etwa vom Energiewirtschaftlichen Institut (EWI) der Uni Köln.
Letzte Woche schrieb ich darüber, ob der Boom bei Batteriespeichern den Bau neuer Gaskraftwerke überflüssig macht (Opens in a new window). Mein Fazit war, Batteriespeicher könnten zwar bei Lastspitzen einspringen, aber als Langzeitspeicher taugen Lithium-Batterien nicht. Ich will in dieser Newsletter-Ausgabe noch ein paar Argumente ergänzen, weil es dazu Nachfragen gab.
Lithium-Batterien verlieren mit der Zeit von selbst an Ladung – das kennt jede:r von Handyakkus, die sich auch im ausgeschalteten Zustand entladen. Deshalb kann man Solarstrom im Sommer nicht in herkömmlichen Batterien für den Winter speichern. Wasserstoff, Druckluft- oder Pumpspeicher sind dafür besser geeignet.
Wärmewende ist entscheidend
Ich bezweifle, wie ich letzte Woche schrieb, dass wir wirklich 20 GW neue Gaskraftwerke brauchen. Doch ganz ohne neue Gaskraftwerke werden wir wohl vorübergehend nicht auskommen. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass wir mehr Gas importieren müssen. Im Gegenteil.
Wenn Batteriespeicher weiter boomen, laufen die Gaskraftwerke wahrscheinlich nur wenige Stunden im Jahr, vor allem bei Dunkelflauten, die Tage oder Wochen dauern. Treiben wir gleichzeitig die Wärmewende voran, dämmen Häuser besser und ersetzen Gasheizungen durch Wärmepumpen, können wir unsere Gasimporte trotz zusätzlicher Gaskraftwerke verringern.
Wärmepumpen sind wahre Energiesparwunder mit einer Wandlungseffizienz von beeindruckenden 300 Prozent. Wie ist das möglich? Die Wärmepumpe hebelt die eingesetzte Energie, indem sie der Umgebungsluft, dem Erdreich oder anderen Quellen Wärme entzieht.
Großwärmepumpen können über Nah- und Fernwärmenetze ganze Stadtviertel oder Städte mit Wärme versorgen. Gleichzeitig lassen sich Großwärmepumpen so bauen, dass sie als elektrothermische Energiespeicher dienen, die auch Strom erzeugen und einspeisen können, um die Stromnetze zu stabilisieren.
Darum ist es töricht, wenn Politiker:innen und Gaslobbyisten eine so effiziente Technologie wie die Wärmepumpe schlechtreden. Besonders verlogen ist es, wenn sie selbst privat eine Wärmepumpe nutzen (Opens in a new window), aber Bürger:innen teure Gasheizungen aufschwatzen. Das wird diese noch teuer zu stehen kommen, wenn die Marktphase im ETS II beginnt. Außerdem steigen die Netzentgelte für die verbleibenden Gaskunden, wenn absehbar immer weniger Häuser an das Gasnetz angeschlossen sind. Bei Neubauten dominiert die Wärmepumpe längst.
Kostengünstigste Option für Dunkelflauten
Gas- oder später Wasserstoffkraftwerke haben niedrige Investitionskosten (verglichen mit Kohle- oder Atomkraftwerken), aber hohe Brennstoffkosten. Daher sind sie als Residuallastkraftwerke (Opens in a new window) ideal.1 „Sie stellen unsere kostengünstigste Option dar, uns sicher durch Dunkelflauten zu bringen”, schreibt Tim Meyer, ehemaliger Vorstand der Naturstrom AG (Opens in a new window), in seinem Buch STROM (Opens in a new window).
Natürlich wird das nicht ohne Subventionen gehen - die Feuerwehr wäre auch pleite, wenn wir sie nach Einsatzstunden bezahlen würden. Aber wir alle haben viel Erfahrung mit der Anschaffung teurer Dinge, die wir nur selten benutzen, so der promovierte Elektrotechniker. Private PKW stehen die meiste Zeit nur rum. Auch Wohnräume oder Büros kämen nicht auf 100 Prozent Auslastung, die Bohrmaschine oder der Rasenmäher erst recht nicht.
„Der Komfort und die Sicherheit, zu jeder Zeit ins Auto steigen oder ein Loch bohren zu können, ist uns das tote Kapital unserer Investitionen wert. So wie es uns wert sein wird, jederzeit Strom aus der Steckdose beziehen zu können - auch in Dunkelflauten“, sagt Meyer.
Es wird günstiger, wenn wir nicht ausschließlich auf Gaskraftwerke setzen, sondern all die Flexibilitäts-Optionen nutzen, über die ich letzte Woche schrieb: Batteriespeicher, intelligentes Lastmanagement und die Flexibilisierung von nachhaltiger Biomasse, Wasserkraft und Geothermie.
“Der Markt hat längst entschieden”
So sehr sich die Fossillobby auch gegen den technischen Fortschritt stemmt, sie wird ihn nicht auf Dauer aufhalten können. Am Ende setzt sich immer die effizientere Technik am Markt durch. Ob Erneuerbare Energien, Batteriespeicher, Elektroautos oder Wärmepumpen - der Markt habe längst entschieden, sagt Meyer.

Das Problem ist nur, dass wir durch die ideologischen Kampagnen gegen Erneuerbare Energien, Elektroautos oder Wärmepumpen wertvolle Zeit im Kampf gegen die Erderhitzung verlieren. Das bedroht auch unsere wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit: China hat uns längst bei wichtigen Zukunftstechnologien überholt. Nicht die Energiewende führt zur Deindustrialisierung Deutschlands, sondern der Kampf der Fossillobby gegen sie!
https://www.genialokal.de/Produkt/Tim-Meyer/Strom_lid_55799923.html (Opens in a new window)Kaum jemand erklärt diese Zusammenhänge so gut und verständlich wie Tim Meyer in seinem Buch STROM. Das Buch macht Hoffnung und ist lehrreich. Ich empfehle es allen, die beim Thema Energiewende mitreden wollen.
EuGH-Urteil: Wolfsabschuss bleibt streng reglementiert
Mitte Mai schrieb ich in diesem Newsletter über die Herabstufung des Schutzstatus der Wölfe (Opens in a new window) von „streng geschützt“ zu „geschützt“. Am Donnerstag bestätigte der Europäische Gerichtshof (EuGH), dass die Jagd auf Wölfe nur erlaubt ist, wenn die Wolfspopulation laut den besten verfügbaren Erkenntnissen einen „günstigen Erhaltungszustand“ erreicht hat. Dies trifft auf die mitteleuropäische Wolfspopulation derzeit nicht zu. Selbst bei Erreichen dieses Zustands dürfen Jagdmaßnahmen den Erhaltungszustand nicht verschlechtern. Deutschland kann daher auch künftig die Jagd auf Wölfe nicht pauschal erlauben.
Herzliche Grüße,
Euer Yves
P.S.: Ich werde diesen Newsletter nur langfristig weiter betreiben können, wenn mich genügend Mitglieder unterstützen. Schon ab 4,50 € im Monat hilfst Du mir, meine Arbeit zu finanzieren. Unter allen, die bis 30. Juni Mitglied werden, verlose ich ein Exemplar des Buches STROM (Opens in a new window) von Tim Meyer.
https://steady.page/de/bsky-briefing/posts/4b9efade-762d-4425-b075-c6be13a97767 (Opens in a new window)Im Gegensatz zu Atomkraftwerken, die extrem hohe Investitionskosten und relativ niedrige Brennstoffkosten haben. ↩