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Konzertschlaf

Hallo,

Konzertschlaf kann so schön sein!

Wenn gute Musik einen wegträgt von da, wo man ist, ist es nach dem Aufwachen manchmal so, als wäre man auf wohlige Weise woanders.

Und wenn die Musik langweilig ist oder auf uninteressante Art gespielt wird, dann kann ein Powernap ein echter Gamechanger sein: Statt dass man sich durchmüht durch einen Konzertabend, verkürzt man die ›Wartezeit‹; und erfrischend ist so ein Schläfchen auch.

Musik fürs Gemüt - »lucite dreams« von Max Vinetz

Erfrischend ist auch das Stück »lucite dreams (Opens in a new window)« des US-amerikanischen Komponisten Max Vinetz. Es hat seinen Titel von Lucite, einem Handelsnamen für den hochwertigen transparenten Kunststoff Polymethylmethacrylat (PMMA). Besser bekannt ist er unter dem Namen Acryl- bzw. Plexiglas; eine mögliche Übersetzung des Titels wäre also Acrylglasträume.

»lucite dreams« besteht aus drei Sätzen. Jeder dieser Sätze hat seinen Titel von einem Möbel.

Der erste Satz heißt »Tobias«, nach einem Stuhl, der von IKEA verkauft wird. Er ist nicht aus Lucite hergestellt, sieht aber so aus und wird deswegen, so schreibt der Komponist, online oft als Lucite-Stuhl angeboten.

Der zweite Satz, »Wasserfall«, hat seinen Namen von Tischen, die in ihrer Form einen Wasserfall nachempfinden: Die Tischplatte - quasi die ›Wasseroberfläche‹ - stürzt auf einer Seite plötzlich über die Tischkante nach unten, als fielen Wassermassen in die Tiefe; der gestalterischen Fantasie sind da im Rahmen der üblichen funktionalen Tischform wenig Grenzen gesetzt. Solche Tische werden u. a. auch aus Lucite hergestellt.

Der dritte Satz, »Plia«, bezieht sich auf einen Klappstuhl, einen Designklassiker aus den späten 1960ern, dessen Sitzfläche und Rückenlehne aus Acrylglas bestehen.

»lucite dreams« ist ein Stück für Streichquartett und sanftes Schlagwerk: Vibraphon, Marimba, Glockenspiel und zwei Becken.

Alles klingt hell, leicht und durchsichtig. Man sieht im ersten Satz vor dem inneren Auge förmlich die Spiegelungen, Reflexionen und sonstigen Farb- und Lichteffekte, die beim Blick auf das titelgebende Material in die Augen fallen.

Der zweite Satz ist in seinen zunächst pizzicatoheimelig hinunterstürzenden Klanggesten von der Form eines Wasserfalls inspiriert. Und zu Beginn des dritten hört es sich an, als würden Klappstühle zusammengefaltet.

So also träumt man von Acrylglas!

https://www.youtube.com/watch?v=_gjmOS0dBbM&list=RD_gjmOS0dBbM (Opens in a new window)

»lucite dreams« oder »lucid dreams«?

Ein Schelm, wer beim Titel »lucite dreams« an luzide Träume denkt, an Klarträume, bei denen die schlafend Träumenden merken, dass sie träumen. Man bewegt sich in einer Traumwelt. Aber anders als in einem konventionellen Traum weiß man in einem Klartraum, dass man träumt. Anscheinend kann man das sogar üben. Und bei manchen Menschen geht es so weit, dass sie sich im Traum sagen: Wenn ich schon träume, dann könnte ich doch jetzt zum Beispiel fliegen.

Zum ersten Satz von »lucite dreams« hatte Vinetz geschrieben, dass er auch davon handelt, dass die Dinge nicht immer sind, was sie zu sein scheinen.

Auch wenn es in seinem Stück nicht heimlich um Konzertschlaf gehen sollte, glaube ich doch, dass es außer ums Träumen auch ums Musikhören geht: wenn das Sitzen fast zu einem Schweben wird, weil die Musik es leicht macht. Und wenn das Hören (fast) zu einem Träumen wird, weil die Musik dazu einlädt, die Gedanken und Assoziationen schweifen zu lassen.

Neu im Blog: ein Text zu Beethovens drittem Klavierkonzert

Vor vielen Jahren habe ich zwei von Beethovens Klavierkonzerten an einem Abend live gehört. Durch die erste Hälfte des Konzertabends musste ich mich wirklich quälen. Ich war müde, konnte die Augen kaum offen halten und ich dachte, es liegt an mir.

Möglich, dass es tatsächlich an mir lag. Sicher bin ich nicht. Eine Freundin, mit der ich im Konzert war, sagte in der Pause als allererstes: »Das war ja vielleicht langweilig.«

Vielleicht hätte ich mich also dem Schlaf einfach ergeben sollen. Die zweite Konzerthälfte war dann viel besser!

In meinem neuesten Blogtext (Opens in a new window) geht es um das Klavierkonzert Nr. 3 von Ludwig van Beethoven. Er hat über Jahre immer wieder daran gearbeitet. Am Ende kam etwas ganz Einfaches heraus. Zumindest hört sich der Anfang dieses Konzerts so an. Langweilig ist daran nichts.

Herzliche Grüße aus Bamberg 👋🏻

Michael ☕️

P. S. Im letzten Newsletter habe ich geschrieben, dass Schuberts Moment Musical Nr. 6 zuerst in einem Album mit Weihnachtsstücken erschienen ist. Genauer müsste es heißen: in einem Album mit Stücken, das insgesamt wohl als Weihnachtsbeilage gedacht war. Hier (Opens in a new window) ist der Link zum Digitalisat der Erstausgabe. Schuberts Stück ist im Scan zu sehen ab S. 41.

P. P. S. Ich danke meinen bisher vier Supportern für die Unterstützung meiner Arbeit. Wer meinen Blog und diesen Newsletter finanziell unterstützen kann und möchte, findet hier (Opens in a new window) die Möglichkeit dazu. Über Weiterleitungen dieser E-Mail freue ich mich auch.

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