
In Romanen oder Spielfilmen ist die Sache recht einfach: Die Hauptfiguren sind die Held*innen der Geschichte. Sie sind es, die von einer Sehnsucht getrieben zu einer Reise aufbrechen, die Hindernisse überwinden und siegreich, in jedem Fall erfahrener oder wohlhabender, zurückkehren. Romane und Spielfilme vermitteln uns zügig, wer die Hauptfigur ist und wer daneben steht. Wenn Autor*innen ihr Handwerk nicht beherrschen, werden Nebenfiguren fad und sind lediglich in ihrer Funktion als Helfer*in oder Gegner*in zu erkennen. Doch selbst wenn sie gut ausgearbeitet sind, bleiben sie Nebenfiguren. Spontane Beförderungen zur Hauptfigur sind ungewöhnlich und daher selten.
Im echten Leben ist alles viel komplizierter, denn das echte Leben bringt das Kunststück fertig, uns gleichzeitig als Held*in und Nebenfigur durch die Handlung zu schicken.
In unseren Geschichten sind wir das Subjekt, wir spielen die Hauptrolle. Unsere Geschichten handeln von Beziehungen, die wir mit anderen Menschen führen. Selbst wenn wir passiv bleiben, etwa wenn uns jemand verlässt, sind wir das Zentrum unserer Erzählung. Sich eine Geschichte vorzustellen, in der wir Nebenfiguren, noch schlimmer Statist*innen, sind, erfordert viel mehr Empathie, als wir aufbringen können.
Die Geschichte hört auf, wenn wir nicht mehr dabei sind. Punkt.
Das glauben wir, auch wenn wir täglich erleben, dass dem nicht so ist. Nach einer Trennung finden unsere Partner*innen andere Menschen – und werden mit ihnen glücklich, vielleicht sogar glücklicher als sie es mit uns waren. Arbeitgeber müssen den Betrieb nicht einstellen, nur weil wir gekündigt haben, im Gegenteil könnten alle Beteiligten nach unserem Abgang erleichtert aufatmen. Selbst Kinder, die viele Jahre abhängig von den Eltern waren, ziehen irgendwann aus und beginnen ein eigenes Leben.
Nichts fällt auseinander. Wir wissen das, eigentlich.
„Ich habe etwas begriffen, etwas Grundlegendes, aber nur als Gedanken, die Gefühle dazu sind noch unterwegs.“ Dilek Güngör, Ich bin Özlem
Während das Gefühl noch „du bist immer der Mittelpunkt“ flüstert, kennt das wahre Leben zahlreiche Wege, uns vor Augen zu führen, dass wir Haupt- und Nebenfigur zugleich sind, und dass es nicht immer unsere Entscheidung ist, welche Rolle wir in einem bestimmten Moment übernehmen müssen.
Trauer ist Trauer ist Trauer.
Wäre es beispielsweise nicht tröstlich zu wissen, dass Trauer über den Verlust eines Menschen uns eint? Dass es keine Hierarchie der Gefühle gibt? Dass wir ein Band um das Zentrum der Trauer legen und uns gegenseitig stützen?
Es wäre tröstlich, aber so ist es nicht.
Vielmehr ordnen wir uns entsprechend unserer Funktion im Leben des Verstorbenen wie auf einer Spirale an: Wer war sich besonders nah? Wer spielte die Hauptrolle? Wer trägt mehr Leid?
Die Trauer der Hauptfiguren ist weit und tief. Niemand möchte und kann ihren Platz einnehmen, niemand wartet auf ihren Trost. Die Trauer der Nebenfiguren ist auf eine andere Weise einsam.
„Nichts ist einsamer als die Einsamkeit des Nicht-gesehen-Werdens, des Nicht-erkannt-Werdens. Nichts fühlt sich wie ein größerer Sinnverlust an als das von ihr verursachte Schweigen.“ Daniel Schreiber, Allein
Ihre Trauer findet abseits statt, ist kaum ausgeleuchtet, wird unbemerkt verarbeitet, während sie für die Hauptfiguren stark sein möchten und dafür eigene Bedürfnisse zurückstellen.
Doch in guten Geschichten haben alle Figuren eine Funktion, vielleicht schlägt dann die große Stunde der Statist*innen …
Vielen Dank, dass du mitliest und bis in zwei Wochen!
Kristina
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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.