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Alle Monster sind menschlich

Ich habe ein Buch gelesen, auf das ich mich lange gefreut habe, und ich habe das Werk eines Musikers aufgegeben, das für mich viele Jahre wichtig war. Es passierte zeitgleich. Zufällig und nicht zufällig.

Fangen wir mit dem Buch an.

Claire Dederer, Monsters, Juni 2025 © Kristina Klecko

Vor Jahren machte das Gerücht die Runde, die Rockband Led Zeppelin hätte sich im Umgang mit minderjährigen Fans nicht ehrenhaft verhalten. Die Information drehte ihre Runde und verließ den Diskussionsraum beinahe folgenlos. Menschen, die die Musik seit der Teenagerzeit hörten, zuckten mit den Schultern. Unklar, was wirklich vorgefallen war, damals sei alles anders gewesen, die Musik sei trotzdem gut. Habe irgendwer wirklich eine reine Weste?

Mir bedeutete die Band nichts und es war verschmerzbar, sie nicht zu hören. Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis auch meine Held*innen fallen würden. In Vorbereitung griff ich zu Clare Dederers Buch Monsters, deutscher Titel: Genie oder Monster: Von der Schwierigkeit, Künstler und Werk zu trennen. Es fing gut an. Es wäre ein guter Essay geworden, vielleicht sogar viele gute kurze Essays. Als Buch aber verlor es mich, je weiter ich voranschritt. Wie eine Mathelehrerin, die bei einer falschen Gleichung nicht einfach das Ergebnis anstreicht und zur nächsten Aufgabe übergeht, versuchte ich nachzuvollziehen, wo der Fehler passiert war. Es gelang mir nicht. Wie konnte sie nach all den guten Ausführungen ein so banales Fazit ziehen? Hatte sie keine Lust? Wollte sie mit all ihren gefallenen Künstler*innen in Ruhe gelassen werden?

“Wir lieben weiterhin, was wir hassen sollten. Wir scheinen die Liebe nicht abstellen zu können.” Claire Dederer, Monsters, eigene Übers.

Sie beginnt mit ihrer Enttäuschung über das schlechte Benehmen vorrangig männlicher Künstler. Sie schaut zurück auf #MeToo, schaut zurück auf ihre eigene Laufbahn als Kulturkritikerin, auf die Lügen, die wir uns über Objektivität und Neutralität des Betrachtens von Kunst, über Geniekult und Kanonisierung erzählen. Sie stellt richtige Fragen, sie hadert. Es ist schwer, ich verstehe das.

“Das Werk soll unbefleckt bleiben. Aber so funktionieren Flecken nicht. Wir sehen, wie das Glas auf den Boden fällt; wir entscheiden nicht, ob der Wein sich auf dem Teppich ausbreitet.” Claire Dederer, Monsters, eigene Übers.

Es ist ihre Vorgehensweise, die mich irritiert. Um zu verstehen, warum es so schwer ist, Kunst und Künstler*in zu trennen, betrachtet Dederer das Werk erneut und kommt zum Ergebnis, dass sie es unabhängig von allem liebt. (“Das Werk” ist zum Beispiel ein Film eines Regisseurs, der seit zwanzig Jahren von Interpol zu Fahndung ausgeschrieben ist, weil er in den Siebzigern eine Dreizehnjährige missbraucht hat und dafür schuldig gesprochen wurde.) In Wahrheit aber kann sie es gar nicht unabhängig von allem lieben, weil sie es sich nicht unabhängig von allem anschaut. Die Geschichte, die Biografien der jeweiligen Künstler*innen schwingen immer mit.

Ebenso wenig kann ich ihr folgen, wenn sie sich in der Definition “des Genies” verheddert. Fast könnte man* den Endruck gewinnen, ein Genie muss ein schlechter Mensch, ein kompromissloses Kunstmonster, sein. Bei Künstlerinnen scheint es auszureichen, als Mutter versagt zu haben, um als schlecht, aber gleichzeitig genial zu gelten. Dederer verweist auf Schriftstellerin Doris Lessing und Musikerin Joni Mitchell. Lessing hat ihre Familie verlassen, um Autorin zu werden, Mitchell gab ihre Tochter zur Adoption frei und blieb ohne Kinder. Der “Beleg” scheint willkürlich und wird kulturwissenschaftlich nicht begründet.

Ein Satz, der in meiner Schreibgruppe oft fällt, ist: Ich habe die Orientierung verloren. Ein Text muss leiten, je ausgefallener die These ist, desto besser muss der Text leiten. In Monsters aber leitet nichts. Dederer umkreist einen Gedankengang nach dem anderen, manche für sich interessant, aber je länger ich lese, desto öfter frage ich mich, wohin sie uns führt? Nichts bereitet mich auf das vor, was als Fazit übrigbleibt: Wir alle sind Monster und wir lieben Monster und Liebe ist unbegreiflich.

“Wenn wir über das Problem der Kunst ungeheuerlicher Menschen sprechen, geht es in Wirklichkeit um ein größeres Problem – das Problem der menschlichen Liebe.” Claire Dederer, Monsters, eigene Übers.

Und wenige Seiten später:

“Liebe ist Anarchie. Liebe ist Chaos.” Claire Dederer, Monsters, eigene Übers.

Nun … alles, was uns umgibt, inklusive der Vorstellung von Liebe als Urgewalt oder Chaos, sind jahrhunderte-, wenn nicht jahrtausendalte Erzählungen über Kultur und Natur. Wir gaben uns diese und nichts von dem, was wir tun, lieben oder hassen, ist individuell und davon unabhängig. Nichts davon ist Anarchie oder Chaos. Im Gegenteil sind diese Geschichten vom “Wesen einer Sache” ein Versuch, das Chaos zu bändigen. Wir suchen nach Mustern und Gesetzmäßigkeiten.

Dederers Buch liest sich wie eine Rechtfertigung, doch wie immer gilt auch hier: Niemand verurteilt sie oder uns wirklich, nicht wahr? Welchen Werten wir Raum geben, bleibt unsere Entscheidung. Was von uns erwartet wird, ist lediglich, dass wir diese Entscheidungen durchdenken und zu dem stehen, was sie in letzter Konsequenz bedeuten. Wer glaubt, dass Kompetenz oder Talent über die (dauerhafte) Aufnahme in die Weltgeschichte oder den Kunstkanon entscheiden, sagt implizit, dass nur Männer es draufhaben, denn das ist das, was unsere Kanons und unsere Geschichtsschreibungen nahelegen.

Aber Moment, war da nicht noch etwas?

Der Künstler, der Musiker, mein Monster?

Ich hörte seine Songs ununterbrochen. Ich schrieb einen Essay über seine Arbeit und die Bedeutung, die es für mich hatte. Dann hörte ich, er habe sich im Umgang mit minderjährigen Fans nicht ehrenhaft verhalten. Die Information drehte ihre Runde durch meinen Kopf und verließ sie wieder. Unklar, was wirklich vorgefallen war.

Es vergeht Zeit. Ich lese das Buch Monsters und mir fällt seine Geschichte wieder ein. Ich finde die Gerüchte schnell wieder. Es sind keine Gerüchte mehr, inzwischen gibt es eine mehrteilige Podcast-Serie mit detaillierter Recherche. Anders als Dederer, die Kunstwerke und Künstler*innen nebeneinander stellt, das eine mit dem anderen zu erklären versucht, liefert der Podcast rund um mein Monster kaum Informationen über Kindheit und (psychische) Probleme, analysiert nicht die Beats und die Songtexte … Es reiht eine Missbrauchs- und Traumageschichte an die andere, lässt die Opfer über sich und ihr Leben sprechen. Erzählt uns die andere Geschichte (Opens in a new window).

Nach diesen Erzählungen konnte ich keinen Genuss mehr aus seinen Songs ziehen.

In den Tagen, die ich mit dem Podcast und dem Buch verbringe, wird in Paris der Schauspieler Gérard Depardieu für sexuelle Übergriffe verurteilt, bei den Filmfestspielen in Cannes antwortet Schauspielerin Juliette Binoche, auf den Prozess angesprochen:

“Schon die Assoziation vom sogenannten ‚Heiligen Monster‘, so bezeichnet man hier Ausnahmetalente, hat mich immer gestört. Denn Depardieu ist kein Monster, sondern er ist ein Mann (…).” Juliette Binoche bei einem Interview anlässlich der Eröffnung der Internationalen Filmfestspiele von Cannes

“Alle Monster sind menschlich” ist Punkt sieben unter den zehn Wahrheiten, die wir nach Kriminalpsychologin Julia Shaw über das Böse** wissen sollten. Sie meint damit, dass wir alle “böse” sein können. Ich lese daraus aber auch, dass wir den Monstern nicht mehr Macht geben sollten, indem wir sie zur unantastbaren Übermacht (v)erklären.

Punkt zehn ist: “Kultur ist keine Entschuldigung für Grausamkeit.”

Vielen Dank, dass du mitliest. Bis in zwei Wochen!

Kristina

* Zu den starken Passagen des Buchs gehören Exkurse wie der zur Verwendung von Wörtern wie “man” oder “wir”, wenn eigentlich ein “ich” stehen müsste.

** aus Böse: Die Psychologie unserer Abgründe, Julia Shaw

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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Topic Gender etc.

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