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LebensSpuren #8: Gute Seelen

Aller guten Dinge sind drei.

In diesem Fall steht die Drei für Milas Besuche. Sie ist mittlerweile zum dritten Mal bei uns. Wie immer für drei Monate. Und ja, ohne sie sähen wir ganz schön alt aus. Wir und ganz besonders Emi.

Alleine geht schon lange nicht mehr. Drum brauchen wir jemanden, der Emi im Haushalt unterstützt und bei ihr ist. So jemanden wie unsere Mila.

Die guten Seelen. Meist im Hintergrund.

Bald fährt sie wieder nach Hause. Wir hoffen, dass wir uns im Sommer ein viertes Mal sehen.

Ich habe früher die Krimis von Andrea Camilleri verschlungen. Commissario Montalbano und seine Haushälterin, immer im Hintergrund und doch so unverzichtbar. Damals sagte ich: Ich möchte auch mal so eine gute Seele haben. Jemanden, der sich kümmert. Wenn ich abends von einem langen Arbeitstag nach Hause komme, steht etwas Leckeres im Kühlschrank, das ich nur noch in den vorgewärmten Ofen schieben muss. Die Wohnung glänzt, frische Blumen auf dem Tisch, alles fühlt sich einfach gut an.

Ein schöner Gedanke. Immer noch.

Und dann kam alles anders.

Emi, Mitte 90, mit kaputter Hüfte, die meiste Zeit des Tages allein zu Hause. Irgendwann funktionierte es nicht mehr. Die Wohnung war maximal mit einfachsten Erklärungen ausgeschildert. Frühstück, Mittag, Abendessen hatten wir vorbereitet und bereitgestellt. Wir schauten so oft wie möglich nach ihr, aßen an den Wochenenden zusammen. Aber es war nicht mehr genug. Dazu kamen ein paar Stürze. Und irgendwann die Entscheidung: Wir brauchen jemanden, der bei Emi einzieht.

Entlastung für uns. Und doch auch Aufgabe von Freiheit.

Wenn wir jemanden ins Haus holen, dann so, als ob die Person zur Familie gehört. Wenn es unserer Nonna gutgeht, geht es auch Emi gut. Und am Ende hilft es dann auch uns. Ehrlich gesagt nicht ganz uneigennützig gedacht. Aber es spiegelt unsere Haltung: entweder ganz oder gar nicht. Wir sehen uns mehrmals täglich, verbringen viel Zeit miteinander.

Der Ritterschlag kam irgendwann im Sommer, mit Milas Aussage: „Bei euch ist es wie Familie."

Seither ist unser Haus beinahe immer voll. Beinahe täglich kommen Familienangehörige oder Freunde, die während Milas Pausen nach Emi sehen oder im besten Fall etwas mit ihr machen: spielen, singen, reden.

Neben den Pausen gibt es natürlich noch jede Menge drumherum. Wir merken selbst, wie wichtig Abwechslung ist. Für Emi und auch für Mila. Gemeinsames Essen, plaudern, das wöchentliche Einkaufen. Dann bin ich oder Melanie nur die Fahrer:in, Mila ist der Boss. Sie entscheidet, wo wir einkaufen und was sie einkauft, um daraus die Tage darauf wunderbare Dinge zu zaubern. Mila hat viele Jahre im Restaurant gekocht. Da ist es also wieder, mein gutes Gefühl wie damals in den Krimis.

Manchmal, wenn ich Besuch bekomme, bitte ich Mila, mir etwas zu Essen vorzubereiten. Nicht, weil ich es nicht selber kann. Sondern weil es einfach so gut schmeckt und schöne Gedanken und Bilder im Kopf hervorruft. Mit unserer Nonna im Haus.

Wir essen zusammen, schauen nacheinander, beinahe täglich. Außer wir sind mal über Nacht weg. Im Sommer verbringen wir die Zeit zusammen im Garten, die Wochenenden sowieso. Und seit Mila bei uns ist, feiern wir auch zweimal Weihnachten. Erst das christliche am 24.12., dann das orthodoxe am 7.01. Auch das gehört zu unserer Vorstellung von Gemeinschaft und Zusammenleben.

Letzte Vorbereitungen im Hintergrund für Milas Weihnacht am 7. Januar.

Im Haus ist ein ständiges Kommen und Gehen, die ganze Woche. Melanie und ich arbeiten öfters von zu Hause aus. Montags kommt der Pflegedienst, um Emi zu baden und die Haare zu waschen. Immer herausfordernd, Emi dazu zu begeistern und ins Bad zu bekommen. Es startet mit sehr, sehr viel Gemecker. Bis sie irgendwann in der Wanne sitzt und schimpft, wegen des Wassers, das über ihren Kopf läuft. Und dann, nach wenigen Minuten, abgetrocknet und angezogen, kommt es meist über Emis Lippen. Ein ehrlich gemeintes Danke an die wechselnden Pflegerinnen aus aller Herren Länder.

Multikulti. Und wir sind froh und dankbar darüber. Über diese wunderbaren Menschen, die solche Arbeiten übernehmen. Wir überwinden Sprachbarrieren und finden immer Wege zu kommunizieren.

An fünf Tagen die Woche kommen Verwandte und Freunde, die nachmittags die Pausenzeiten unserer Haushälterin abdecken und sich so lange um Emi kümmern oder zumindest da sind. Dazu kommen Friseur, Fußpflege, Arztbesuche und regelmäßige Beratungsbesuche vom Pflegedienst.

Ruhe ist selten geworden. Oft übernehmen wir die Wochenenddienste, oder einer von uns geht mit Mila einkaufen, während der andere sich um Emi kümmert.

Und mittendrin merken wir: Es sind nicht nur die Hände, die helfen. Es sind auch die Worte. „Ich bleib bei dir, Tantchen." „Gleich gibt's was Gutes." „Schau mal, wer da draußen vorbeigeht." Kurze Sätze. Ruhige Stimme. Kein Druck. Manchmal reicht ein einziger Satz, um Emi zu beruhigen. Manchmal braucht es drei Anläufe und viel Geduld.

Ja, wir sind dankbar für Menschen aus Europa und darüber hinaus, die uns im Alltag unterstützen. Unsere Nonnas. Gute Seelen.

Dankbar für Menschen wir unsere "Nonna".

Und wir lachen miteinander, denn Humor hilft immer. Auch wenn es mal anstrengend ist.

Die großen Dinge kommen oft ganz klein daher.


LebensSpuren erscheint unregelmäßig, immer dann, wenn etwas erzählt werden will. Wenn du keine Geschichte verpassen möchtest, trag dich gern ein.

Topic Leben im Alter