Monkey Monday #41

Kaum ein paar Tage alt, hat das Jahr 2026 doch schon eine spürbare Steigerung der Radikalität gebracht, mit der die Trump-Regierung die bestehende Weltordnung abräumt. Niemand braucht mehr zu zweifeln daran, dass dieser Präsident und die Leute um ihn herum das vermeintlich Undenkbare, Absurde, Menschenverachtende, das sie immer wieder proklamieren, auch wirklich tun. Venezuela, Grönland, Minneapolis sind jüngste Menetekel, fast täglich kommen neue dazu.
Seit Jahrzehnten rätseln Ökonomen, Kapitalmarktteilnehmer und Soziologen darüber, wohin sich die Vereinigten Staaten entwickeln. Kein Wunder, steuern doch die USA mehr als ein Viertel zur globalen Wirtschaftsleistung bei und liefern doch die amerikanischen Finanzmärkte seit Jahren verlässlich starke Erträge. Seit Beginn der zweiten Trump–Administration hat die Frage um Amerikas Zukunft aber eine andere Qualität bekommen. Denn inzwischen geht es um nicht mehr und nicht weniger als die Abschaffung der regelbasierten Nachkriegsordnung, die niemand anders als Amerika selbst nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt hatte. Unter Trump haben die USA zuletzt aber im Interesse eigener kommerzieller Interessen offen gegen internationales Recht verstoßen, Dutzende internationaler Organisationen verlassen und bewährte Allianzen, nicht zuletzt innerhalb der NATO, in Frage gestellt. Verramscht die Trump-Administration also gerade die gesamte Ordnung der Welt buchstäblich für ein paar Glasperlen?
Genau das, nur dass es nicht um ein paar Glasperlen, sondern um Hunderte von Milliarden Dollar geht. Genau diese Zielsetzung, gern als Trumps „transaktionales Politikverständnis“ verniedlicht, sorgt aber gerade dafür, dass weltweit kein Stein auf dem anderen bleibt und die Welt so unsicher geworden ist wie nie zuvor. Und der fundamentale Unterschied zur ersten Trump-Präsidentschaft besteht darin, dass diesmal ein Team hinter Trump seinen Wahnsinn ganz gezielt einsetzt, um möglichst schnell möglichst viel vom bestehenden Machtgefüge zu zerstören, um an dessen Stelle Mechanismen zu setzen, die der eigenen Klientel möglichst viele Vorteile verschaffen. Getreu nach dem Motto der Tech–Oligarchen: Move fast and break things.
Die Trump‘sche Destruktion der Weltordnung zerfällt in drei Bereiche, die miteinander verzahnt sind. Der erste ist die neue Definition von Einflusssphären und Allianzen, weg von bestehenden Partnern, hin zu autoritären Regimen, weg von Institutionen und Völkerrecht, hin zu einem neuen Kolonialismus und dem Recht des Stärkeren. Grob gesprochen gehört die Welt nach Trumps Verständnis ihm selbst, Xi und Putin; Europa und der Rest spielen keine Rolle. Der zweite ist die Zerstörung des Weltfinanzsystems zum eigenen Vorteil, die geradezu erpresserische Ausnutzung der eigenen gigantischen Schuldnerposition. Und die dritte ist eine Verschiebung des Machtgefüges in Amerika selbst, mit einer schrittweisen Beseitigung von der Checks and Balances, Demokratie und Meinungsfreiheit sowie einer Verfestigung von Entscheidungsgewalt bei vornehmlich weißen, vornehmlich besser verdienenden und vornehmlich christlich-evangelikalen US–Bürgern.
https://youtu.be/BtEVsFt9_Zs?si=uYdpfh4luhzfN8Kx (Opens in a new window)Die neue Weltordnung: das Recht des Stärkeren
Nicht zuletzt seit der National Security Strategy, der Benennung eines Sonderbeauftragten für Grönland und dem Militärschlag gegen Venezuela hat die Trump-Administration endgültig die Maske abgelegt. Hier ist nicht mehr die Garantiemacht der Weltordnung der letzten acht Jahrzehnte unterwegs, sondern ein geradezu mafiös im eigenen Interesse handelnder Akteur, der mit den über Jahrzehnte geschaffenen Abhängigkeiten bisherige Schutzbefohlene erpresst. Mit der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie wird den bisherigen europäischen Verbündeten vorgeworfen, durch ihre Migrationspolitik die kulturelle Auslöschung Europas zu betreiben. Dies müsse man als Amerika verhindern, deshalb sei es geboten, mit rechtspopulistischen Parteien in Europa zusammenzuarbeiten. Allein dieser Aspekt der neuen Strategie öffnet den Weg zur Einmischung in Wahlkämpfe bisher befreundeter Länder, zu Deals mit Verbrechern wie Putin und anderen. Denn genau das ist es, worum es der US-Administration hier geht: eine Berechtigung dafür zu finden, mit bisherigen Wertvorstellungen zu brechen und im kommerziellen Interesse offen mit Kriminellen zusammenarbeiten zu können. Dies zeigt sich nirgends deutlicher als in der Bereitschaft, die Ukraine quasi zu opfern, um mit Russland Geschäfte etwa über Rohstoffe zu machen. Hier kommt der Druck auf Grönland ins Spiel, denn auch die offene Drohung, Grönland zu einem Teil der USA zu machen, wie es explizit in der Ernennung des neuen Sondergesandten heißt, zielt auf die gemeinsame Ausbeutung arktischer Ressourcen, unter anderem seltener Erden, gemeinsam mit Russland ab, dazu der Kontrolle der arktischen Seewege. Zwar wird man Kanada kaum dazu bewegen können, sich zum 51. Bundesstaat der USA zu erklären, aber immerhin hätte man mit Grönland und den vertraglich zu bindenden Russen die sonstigen größten Arktisanrainer quasi unter Kontrolle. Ähnlich destruktiv ist die Politik Trumps gegenüber Venezuela. Es ist offensichtlich, dass die Bekämpfung des Drogenhandels nur als Vorwand diente, um mit der Entmachtung Maduros Chinas Zugriff auf Ressourcen in der Region zu schwächen und sich die gewaltigen Ölreserven des Landes zu sichern. Selten zuvor wurde die militärische Macht Amerikas so unverhohlen dazu eingesetzt, sich ökonomische Vorteile und materielle Güter zu sichern. Um diesen Zugriff, mit dem China, das noch wenige Stunden vorher mit einer Delegation in Caracas verhandelt hatte, offen düpiert wurde, erfolgreich durchführen zu können, brauchte es allerdings die Zustimmung Russlands, was eine Art Tauschgeschäft ‚Ukraine gegen Venezuela‘ vermuten lässt. Trumps Kommandoaktion gegenüber Venezuela und der völkerrechtlich wie bündnispolitisch völlig inakzeptable Griff nach Grönland sind weitergehende Anzeichen dafür, dass die Dreiteilung der Welt in autokratische Einflusssphären – Amerika, Russland, China – bereits in vollem Gang ist.
Unsere Schulden - euer Problem
Der zweite Bereich ist die Nutzbarmachung des globalen Finanzsystems für amerikanische Interessen. Seit Jahrzehnten hat Amerika mehr konsumiert als produziert, dadurch sind große Gläubigerpositionen in anderen Teilen der Welt entstanden. Asiatische Länder wie China und Japan gehören ebenso zu großen Gläubigern des US Treasury wie das Vereinigte Königreich oder die Europäische Union. Mit dem so genannten Mar a Lago–Papier des Trump–Beraters und jetzigen Fed Board-Mitglieds Stephen Miran wurde vor rund einem Jahr erstmals öffentlich (vgl. Monkey Monday #11), wie führende MAGA-Ökonomen darüber nachdenken, sich die globale Finanzordnung zum Vorteil Amerikas zunutze zu machen. Indem sie nämlich unter der Drohung, ausstehende Schulden nicht zu bedienen oder Zinsen zu zahlen, ökonomische Vorteile von den Handelspartnern erpressen, verabschieden sich die Vereinigten Staaten mit voller Absicht von der Rolle als Garant der Weltwährung US-Dollar und sicherer Hafen für Finanzanlagen. Die Unabhängigkeit der Zentralbank wird geschleift wie andere Institutionen des Rechtsstaates auch, das Vertrauen in die Stabilität des US-Finanzsystems aufs Spiel gesetzt. Weil dies aber in einer Zeit steigender Staatsschulden durchaus riskant sein kann, stellt man über einen anderen Kanal sicher, dass auch in Zukunft hinreichend Staatsanleihen verkauft werden können. Das Instrument hierfür ist der so genannte Stablecoin, eine Krypto-Währung, die mit US-Staatsanleihen hinterlegt ist. Schon jetzt sind Stablecoin-Emittenten unter den größten Käufern von kurzfristigen US-Staatsanleihen. Gleichzeitig nehmen andere Länder, vor allem solche mit großen Beständen an US-Staatsanleihen, die Zeichen der Zeit zur Kenntnis. Seit Trumps zweitem Amtsantritt hat China in massivem Umfang US-Staatsanleihen abgestoßen und dafür Goldbestände aufgebaut. Es ist bezeichnend, dass gerade autokratisch regierte Länder wie Russland, China, die Türkei und andere in erheblichem Umfang ihre Goldbestände aufstocken und sich damit vom US-Dollar abkoppeln. Das Vertrauen in Papierwährungen, ohnehin schon geschwächt durch Phasen hoher Inflation und weiter steigender Staatsverschuldung rings um den Globus, wird nun durch diese offizielle US-Politik vollends ausradiert. Eine Nebenwirkung dieser Politik ist, dass die Transaktionskosten im internationalen Austausch von Gütern und Dienstleistungen steigen und dadurch der Welthandel weiter gebremst wird. Die Politik der Trump-Administration trägt also zur fortschreitenden Deglobalisierung bei. Das wird durchaus billigend in Kauf genommen, da Amerika vom Welthandel wesentlich weniger abhängig ist als beispielsweise Europa oder Asien.
Das Ende des Land of the Free
Der dritte Bereich ist jener der US-Gesellschaft selbst, sozusagen von innen. Der Versuch, Macht bei Bevölkerungkreisen zu bündeln, die das MAGA-Lager unterstützen, ist offensichtlich. So wird zurzeit - rechtzeitig vor dem Zwischenwahlen im November – das so genannte Gerrymandering, also das Zuschneiden von Wahlbezirken zum Vorteil der eigenen Partei, auf die Spitze getrieben. Zwar wurde der neue Zuschnitt von Wahlbezirken in Texas durch die republikanische Partei vom dortigen Gerichtshof für unbegründet, weil offenbar rassistisch motiviert, beurteilt, aber dieses Urteil wurde vom Supreme Court, der längst unter Kontrolle des MAGA-Lagers ist, kassiert. Die Drangsalierung von Migranten, ob legal oder illegal, hat zugenommen und soll vor allem Latinowähler schwächen oder am besten gleich aus dem Land treiben, weil die Republikaner in ihnen eine potentielle Gefahr für künftige Mehrheiten sehen. Latinowähler waren in der Vergangenheit meist mehrheitlich im demokratischen Lager verortet. Besonders perfide ist daher die Strategie des Trump–Lagers, um den Demokraten an dieser Stelle zu schaden. Das brutale Vorgehen der Ausländerbehörde ICE in demokratisch regierten Großstädten soll Aufstände provozieren, die dann mit der Nationalgarde, später auch mit dem Militär bekämpft werden. Wenn dabei, wie jüngst in Minneapolis geschehen, unschuldige Menschen sterben, wird dies billigend in Kauf genommen und auf niederträchtigste Weise zu Notwehr umgedeutet. Die Regierung behauptet dann stets, die betreffenden demokratisch regierten Städte seien außer Kontrolle, um dem öffentlichen Bild der demokratischen Partei zu schaden. Völlig unschuldige, zumeist migrantisch aussehende Menschen werden hier also für niedere politische Ziele gezielt missbraucht, unschuldige Leben geopfert, Bürger gegeneinander aufgehetzt. Gefördert und unterstützt werden dagegen christlich-evangelikale Kreise, die mehrheitlich dem republikanischen Lager zuneigen und die gegenwärtige Regierung deshalb stützen. Generell wird die Meinungsfreiheit drastisch eingeschränkt. Unliebsame Presse wird gleichgeschaltet, wie bei der Auswahl von Berichterstattern aus dem Weißen Haus deutlich wird. Vertreter traditioneller Medien wurden hier aus dem Pressecorps entfernt, ersetzt durch teils zweifelhafte rechte Blogger und Influencer. Gleichzeitig werden Intellektuelle und Universitäten unter Druck gesetzt. Unternehmen, die sich kritisch gegenüber der Regierung äußern, müssen Nachteile befürchten, das ganze Land wird auf Linie gezwungen. Damit beseitigt die Trump-Administration etwas, was seit Jahrhunderten die Stärke der Vereinigten Staaten ausgemacht hat, nämlich die Speerspitze der Freiheit, das weltweit attraktivste Gesellschaftsmodell zu sein. Die Erosion dieser Softpower lässt sich nicht schnell reparieren. Deshalb ist jedes weitere Jahr, in dem die MAGA-Bewegung an der Macht ist, ein schlechtes Jahr für die Freiheit in der Welt, nicht zuletzt für die USA selbst. Nie zuvor hat eine amerikanische Regierung so massiv die Axt an das gesellschaftliche Gefüge des eigenen Landes gelegt.
Vor allem mit Blick auf diesen dritten Bereich, den Umbau der US Gesellschaft selbst, sind die im November 2026 stattfindenden Midterm-Wahlen sehr wichtig. Sie könnten dafür sorgen, dass der Administration zumindest die Möglichkeit, mit Kongressmehrheit Veränderungen etwa im Steuer- und Sozialsystem zu beschließen, aus der Hand genommen wird. Selbst wenn dann für den Rest der Trump-Präsidentschaft im Bereich der Wirtschafts- und Außenpolitik der Abbau der regelbasierten Ordnung weitergehen könnte, dürfte bei einer klaren Wahlniederlage im November in den USA selbst der Gegendruck zunehmen. Nur: wie wahrscheinlich ist das? Selbst wenn viele moderate Anhänger der Republikaner sich von der brutalen Radikalität der Trump-Regierung abgestoßen fühlen, ist der Weg dahin, bei der nächsten Wahl Demokraten zu wählen, doch angesichts der extremen Spaltung der Nation sehr weit. Je tiefer die Gräben, desto besser für Trump und seine Komplizen.
Schon jetzt: der Blick über Trump hinaus
Dabei verabschiedet sich die Debatte zunehmend davon, ob Donald Trump eigentlich so ganz ernst zu nehmen ist. Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit bestehen nicht erst seit seinem grenzdebilen Auftritt bei der Auslosung zur Fußballweltmeisterschaft 2026 und dem abscheulichen Post nach der Ermordung des Regisseurs Rob Reiner und dessen Frau. Auch jüngere öffentliche Auftritte, bei denen er trotz Teleprompter nicht in der Lage war, dem Gesprächsfaden zu folgen, ließen zuletzt immer wieder Zweifel an seiner mentalen Gesundheit aufkommen. Und abgesehen davon, ob Trump über seine Empathielosigkeit und seinen pathologischen Narzissmus hinaus noch ernsthaftere Krankheitsbilder aufweist, wird parteiintern längst an seiner Nachfolge gearbeitet. Bei der jüngsten Versammlung von Turning Point USA, der Organisation des ermordeten rechtsradikalen Influencers Kirk, war Trump gar nicht mehr persönlich anwesend. Im Vorjahr war er nach seinem Wahlsieg noch wie ein Messias dort gefeiert worden. Nun drehten sich dort die Diskurse vornehmlich um seine Nachfolge, über Trump selbst wurde eher im Präteritum gesprochen. Längst haben sich innerhalb der Regierung und auch des MAGA-Camps insgesamt Unterstützergruppen für potentielle Nachfolger in Stellung gebracht. Die eine Gruppe konzentriert sich auf den Vizepräsidenten JD Vance, die andere auf Außenminister Marco Rubio. Kleinere Gruppen bevorzugen andere potentielle Kandidaten, aber die wesentliche Erkenntnis ist, dass Trump vermutlich im eigenen Lager kaum Unterstützung für eine weitere Amtszeit finden würde, sollte er sie denn anstreben. Das ist insoweit bedeutend, weil durchaus zweifelhaft ist, ob ein anderer Anführer das MAGA-Camp genauso erfolgreich mobilisieren könnte wie eben Trump. Zu offensichtlich sind die Konflikte zwischen der Tech-Elite einerseits und den Globalisierungverlierern im mittleren Westen andererseits, um ohne eine integrierende Persönlichkeit wie Trump hier ein gemeinsames Projekt zusammenhalten zu können. Einem aalglatten Opportunisten wie Vance, dem das Bad in der Menge nicht liegt und der generell Menschen, die er als unter sich stehend ansieht, nicht mag, wird dies kaum gelingen. Offenbar weiß er das selbst: Vance sagt öffentlich, die MAGA-Bewegung brauche Trump noch für mindestens eine weitere Amtszeit.
2026 könnte zu einem Schicksalsjahr für die USA und damit für die gesamte westliche Welt werden. Die ersten zwölf Monate von Trump II haben auf erschreckende Weise gezeigt, wie schwach die oft beschworenen Checks and Balances in den USA wirklich sind und wie leicht es angesichts der Machtfülle eines gewissenlosen Präsidenten fällt, in den drei oben beschriebenen Feldern unermesslichen Schaden anzurichten. Selbst von diesem einen Jahr Trump II würde sich Amerika und die Welt nur langsam erholen. Drei weitere Jahre derartiger Verheerung würden vermutlich zu einer Welt führen, die in ihrer Dystopie kaum wiederzuerkennen wäre.
Dies schon heute im Portfolio abzubilden, dürfte fast unmöglich sein. Erste Anpassungen vorzunehmen, zum Beispiel ein diversifizieren heraus aus US-Assets, eine entsprechende Höhergewichtung von Europa und Schwellenländern, vermehrtes Augenmerk auf Währungsrisiken sowie ein stärkeres Setzen auf den absehbaren Wettbewerb um Rohstoffe und Gold wären erste Ansatzpunkte.