In der letzten Woche habe ich euch den Orca Old Thom vorgestellt, der nicht nur als einziger Orca noch nie mit einem Artgenossen gesichtet wurde, sondern zudem noch oft mit Weißseitendelfinen unterwegs ist. Sie wurden sogar dabei gesehen, wie sie gemeinsam Fisch jagten und fraßen. Warum das so spannend ist und vielem widerspricht, was wir über Tiere zu wissen glauben, klären wir heute.

Dass sich unterschiedliche Tierarten zu gemischten Gruppen (“Mixed Species Groups”) zusammen finden, ist gar kein so seltenes Phänomen. Sie kommen bei einer großen Anzahl von Tieren vor, darunter Wirbellose, Fische, Säugetiere und Vögel, und in unterschiedlichen Lebensräumen: sowohl an Land als auch im Wasser. Besonders bei Vögeln ist den meisten von uns bekannt, dass sich gemischte Schwärme bilden und gemeinsam auf Nahrungssuche gehen. Einige Forschende glauben, dass diese gemischten Nahrungsschwärme dazu neigen, sich um eine Kernart herum zu bilden. Diese Kernarten regen die Bildung eines gemischten Schwarms an und halten den Zusammenhalt zwischen den Vogelarten aufrecht. Eine Studie im peruanischen Amazonas [1] zeigte, dass Kernarten dazu neigen, einen überproportional großen Einfluss auf den Schwarm zu haben.
Allgemein sprechen wir von diesen gemischten Gruppen, wenn Individuen verschiedener Arten in räumlicher Nähe interagieren. Dies tun sie aufgrund einer gegenseitigen Anziehung, die sich aus Vorteilen für die Gruppe ergibt. Die Vorteile lassen sich in drei Kategorien unterteilen:
1. Soziale Vorteile (Social Advantage Hypothesis): Gruppen gemischter Arten können soziale Vorteile bieten, wie etwa bessere Paarungsmöglichkeiten oder Vorteile bei der Aufzucht der Jungen, wie einige Studien über Wale gezeigt haben. Immer wieder werden zum Beispiel Hybride aus zwei unterschiedlichen Walarten gesichtet.
2. Verbesserte Nahrungssuche (Advantage Avoraging Hypthesis): Einzelne Tiere können vom Nahrungserfolg anderer Arten profitieren, indem sie ihnen zu neuen Nahrungsquellen folgen oder lernen, wo sie Nahrung finden.
3. Schutz vor Prädatoren (Antipredator Advantage Hypothesis): Mehr Augen bedeuten eine höhere Chance, einen Räuber früher zu entdecken, was mehr Zeit zur Flucht lässt. In einer größeren Gruppe ist die Wahrscheinlichkeit außerdem geringer, dass ein einzelnes Individuum von einem Raubtier angegriffen wird. Verschiedene Arten nutzen möglicherweise auch unterschiedliche Sinne (z. B. Sehen, Hören) oder sind zu unterschiedlichen Zeiten wachsamer und bieten so ein umfassenderes Sicherheitsnetz.
Immer wieder machen ungleiche Gruppen Schlagzeilen. Im letzten Jahr ging in den Sozialen Medien ein Video viral, dass einen Esel inmitten einer Herde Wapiti-Hirsche zeigte. Auf dem von einem Jäger gefilmten Material erkannten die früheren Besitzer*innen ihren fünf Jahre zuvor davongelaufenen Esel. Scheinbar hatte er sich eine neue Familie in der Wildnis gesucht. [2]
2011 haben Alexander Wilson und Jens Krause vor den Azoren eine Gruppe Pottwale gefilmt, die einen Delfin mit deformierter Wirbelsäule bei sich hatten. Acht Tage lang beobachteten sie die Patchwork-Familie und sahen, wie sie gemeinsam nach Nahrung suchten und der Delfin mit den erwachsenen Walen und ihren Kälbern spielte. [3] Eine Vermutung, warum der Delfin sich diesen großen und vor allem tief tauchenden Walen anschloss, ist, dass er besser mit ihnen mithalten konnte als mit anderen Delfinen. Die Wale schwimmen meist langsamer und lassen immer einen „Babysitter“ in der Nähe der Oberfläche bei den Kälbern, während die anderen Erwachsenen tief tauchen. [4]
Zurück zu Old Thom und was sein scheinbares Zusammenleben mit den Weißseitendelfinen so besonders macht. Denn eine Sache unterscheidet ihn von all den anderen Beispielen: wir haben es hier mit einem Zusammenleben von Räuber und Beute zu tun. Orcas sind Spitzenprädatoren mit einer vielseitigen Ernährung, die sich von Population zu Population unterscheidet. Bei einigen gehören auch Delfine ins Beuteschema. Sie jagen Delfine, indem sie sie aus ihrer Gruppe isolieren, erschöpfen und dann angreifen. Dass die Delfine, mit denen Old Thom unterwegs ist, also weder Flucht oder anderes abweisendes Verhalten zeigen, ist wirklich bemerkenswert. Vielleicht haben sie sich den größten Orca (wir erinnern uns: Old Thom ist wirklich enorm groß) gesucht und ihn als Kalb gekidnapt, um ihm als herdeneigenen Bodyguard zu groomen? Oder handelt es sich hier um einen Wolf im Schafspelz, der nur auf den richtigen Moment wartet, die langsamsten Delfine unbemerkt zu snacken? Die Antwort ist wie so oft: wir wissen es nicht. Diese ungleiche Gruppe bleibt wohl erst einmal noch ein Mysterium und ich bin gespannt, ob es in Zukunft weitere Sichtungen von Old Thom geben wird. Jedoch zeigt er uns, dass es da draußen noch jede Menge zu entdecken gibt, das all das, was wir bisher als Fakt sahen, in Frage stellen könnte.

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Quellen
[1] Sean M Williams, Catherine A Lindell, 2019, The influence of a single species on the space use of mixed-species flocks in Amazonian Peru (Opens in a new window)
[2] GEO, 2024, Seit Jahren vermisster Esel in Internet-Video wiederentdeckt (Opens in a new window)
[3] YouTube Video von Alexander Wilson, 2013 (Opens in a new window)
[4] Chelsea Wald, 2013, Sperm Whales Adopt Deformed Dolphin (Opens in a new window)