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Meer-Montag #39 - Wie der Hering das Frühstück verpasst

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MEER-MONTAG #39 - Wie der Hering das Frühstück verpasst

Heringe spielen eine entscheidende Rolle im marinen Ökosystem der Ostsee, indem sie wichtige Nahrung für viele Raubfische, Säugetiere und Vögel sind. Doch in den letzten Jahrzehnten sind die Bestände stark zurückgegangen. Einige Gründe hierfür möchte ich am heutigen Meer-Montag etwas näher erklären. Besonders eine Ursache finde ich besonders spannend. Sie zeigt erneut auf, wie wichtig es ist, Zusammenhänge zu betrachten und zu verstehen. Alles ist miteinander verbunden und sobald ein Element aus dem Gleichgewicht gerät, kann sich das auf ein ganzes Ökosystem auswirken.

Heringe sind kleine, silbrig schimmernde Fische, die in großen Schwärmen leben. Sie ernähren sich hauptsächlich von Plankton und kleinen Meerestieren. Im Gegenzug dienen sie als Nahrung für viele größere Raubfische wie den Dorsch, aber auch für Seevögel und Meeressäuger wie Kegelrobbe und Schweinswal. Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung geschehen in unterschiedlichen Gebieten: die Heringe legen lange Wanderungen zurück, um zu ihren Laichgründen zu gelangen. Dabei “ziehen” sie auch ihre Fressfeinde mit und sind entscheidend für bestimmte Dynamiken im Ökosystem. Im Gegensatz zu den Populationen in der Nordsee laichen die Heringe der westlichen Ostsee im Frühling und kehren hier Anfang des Jahres aus dem Öresund zurück. Vor allem der Greifswalder Bodden ist das Ziel der Fische, wo sie ihre Eier im flachen Wasser an bestimmten Wasserpflanzen ablegen.

Aufgrund der immer wärmeren Winter kommen die Heringe heute im Vergleich zu vor 30 Jahren früher in ihren Laichgebieten in der Ostsee an und beginnen somit auch früher mit der Eiablage. Zusätzlich haben die Heringslarven durch die höheren Temperaturen einen beschleunigten Stoffwechsel, wachsen schneller und benötigen nach dem Verzehr ihres Dottersacks früher mehr externe Nahrung. Diese Veränderungen vollziehen sich jedoch nicht im gesamten Nahrungsnetz: Heringslarven benötigen tierisches Plankton, welches sich wiederum von pflanzlichem Plankton ernährt. Letzteres ist bezüglich seines Wachstums jedoch nicht nur auf die Temperatur, sondern - ebenso wie andere Pflanzen - auf die Tageslichtlänge angewiesen. Und diese hat sich nicht verschoben. Dies führt dazu, dass viele der geschlüpften Heringslarven ihre Nahrungsgrundlage verpassen und in der Ostsee verhungern.


Zusätzlich leidet die gesamte Ostsee unter dem viel zu hohen Nährstoffeintrag. In das Binnenmeer münden mehr als 200 Flüsse und bringen unter anderem Düngemittel aus den Feldern mit. Im Gegensatz dazu wird nur ein geringer Teil des Wassers über die Verbindung zur Nordsee ausgetauscht. Die Nährstoffe verbleiben also in der Ostsee und führen zu vermehrtem Algenwachstum und der Verdrängung von Wasserpflanzen, an die Heringe gern ihre Eier heften. Diese Großalgen und Seegräser wachsen außerdem im flachen Wasser und werden von Frühjahrsstürmen beschädigt. Wenn diese Wetterereignisse in Verbindung mit der Klimakrise an Häufigkeit und Intensität zunehmen, können sogar noch weniger Heringslarven zu adulten Tieren heranwachsen. Somit schrumpft die Population der Heringe in der westlichen Ostsee von Generation zu Generation.

Hering ist ein wichtiger Teil des Nährstoffkreislaufs, indem er Zooplankton zu sich nimmt und von Raubfischen, Schweinswalen und Kegelrobben gefressen wird.

Eine weitere Ursache für den Rückgang der Heringe ist die Überfischung. Übermäßiger Fischfang, vor allem von der industriellen Großfischerei verhindert, dass sich Populationen und Bestände wieder erholen können. Seit 2024 gibt es ein Verbot der gezielten Fischerei auf Hering - mit Ausnahmeregelungen für die kleine Küstenfischerei, sofern sie mit passiven Fanggeräten wie Stellnetzen und Reusen fischt. Besonders hier in Mecklenburg-Vorpommern hat die Fischerei und der Fang von Hering einen hohen traditionellen Wert und ein freiwilliger Verzicht ist nicht realistisch. Die Rückkehr der Kegelrobben an die deutsche Ostseeküste übt zusätzlichen Druck auf die Fischer*innen aus, da die Raubtiere die Stellnetze als ein für sie aufgebautes Buffet sehen beim Fressen der gefangenen Fische die Fanggeräte beschädigen. Wirtschaftlich ist diese Fangmethode also kaum noch.

Jedes Jahr gibt der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) eine wissenschaftliche Einschätzung zum Zustand der Fischbestände heraus und empfiehlt nachhaltige Fangquoten für das kommende Jahr. Seit vielen Jahren empfiehlt dieser Rat die Schließung der Fischerei für den Hering und bleibt auch 2025 bei dieser Einschätzung. Trotz der ernsten Bedrohung gibt es ermutigende Fortschritte in der nachhaltigen Fischereiverwaltung und im Schutz der Heringsbestände. Durch verstärkte Kooperationen zwischen den Anrainerstaaten und drastische Reduzierung der Fangquoten konnte erreicht werden, dass der Bestand seit drei Jahren leicht steigt. Aber es wurde zu spät gehandelt: Vermutlich wird bei gleichbleibendem Anstieg nur noch die Hälfte der Fangmenge aus den 1990er Jahren erreicht werden. Die Entscheidung über die neuen Fangquoten für 2026 muss in Übereinstimmung mit den Fischereiministerien der EU-Mitgliedsstaaten getroffen werden und wird voraussichtlich im Oktober fallen. Es braucht weitere Forschung und Schutzmaßnahmen, um stabile Heringsbestände in der westlichen Ostsee und somit die Nahrungsgrundlage vieler anderer Tiere zu sichern.


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Quellen & Weiterlesen

Umwelt Bundesamt - Heringe im Greifswalder Bodden (Opens in a new window)

Thünen-Institut - ICES Fangempfehlungen (Opens in a new window)

Topic Meer-Montag

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