Skip to main content

Wie fühlt sich Journalismus als Show an?

Hallo,

das ist die dritte Ausgabe des Media-Rewilding-Newsletters mit meinen Learnings dazu, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird. (Eine kurze Info zu mir und meinem Projekt findest du am Ende dieser Mail).

Letztes Mal habe ich einen ersten Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen bei der Inszenierung von journalistischen Recherchen als Theaterstück geworfen. Und auch heute setze ich mich ins Publikum, allerdings für ein etwas anders gelagertes Format: Live-Journalismus. Lies diesen Newsletter und denke mit mir darüber nach, wie gut ein journalistisches Magazin auf der Bühne funktioniert – und warum die Sache trotzdem nicht ganz einfach ist.

Der Anlass: Die Journalismus-Bühnenshow JIVE, die ich mir bei ihrer letzten Station in Hamburg ansehen konnte. Als Münchner hatte ich zwar eine etwas lange Anreise, aber das war es absolut wert. Es gibt Dinge, über die man einfach so schreiben kann. Und andere, die man erleben muss, um sie beurteilen zu können.

Mit weißen Strichen auf grünem Grund gezeichnete Zirkusmanege mit Artistinnen und Artisten unter Logo von Media Rewilding

Eine wichtige Bitte vorab: Leite diesen Newsletter gerne an Menschen in Redaktionen, Verlagshäusern und Medienorganisationen weiter, die sich für das Thema interessieren. Und falls du diesen Newsletter von jemandem weitergeleitet bekommen hast, kannst du ihn hier abonnieren: media-rewilding.de (Opens in a new window)

Worum es geht

Die Show am 18. Juni im Hamburger Theater Kampnagel war der Abschluss der Tour zur aktuellen JIVE-Produktion. Ein paar Tage davor gastierte die Show mit identischem Programm dreimal im Säälchen am Berliner Holzmarkt.

  • JIVE (eine Wortverschmelzung aus „Journalismus“ und „Live“) gibt es seit Ende 2023 und versteht sich als Magazin auf der Bühne. Im Rahmen des Formats sprechen mehrere Journalist:innen vor Publikum über jeweils eine Recherche – begleitet von Orchestermusik und verschiedenen dramaturgischen Elementen.

  • Hinter JIVE steht das als gemeinnützig anerkannte Unternehmen Headliner von Christine Lier, Jochen Markett und Christoph Herms. Sie bezeichnen sich als „Journalismus-Begeisterte“ und kommen zum Teil auch aus dem Journalismus. Sie sagen: „Unsere Shows bieten eine einzigartige Möglichkeit, den Menschen nahe zu kommen, die die Schlagzeilen machen.“

  • Live-Journalismus als Trend gibt es seit Anfang der 2010er-Jahre. Aber vor allem in den letzten Jahren hat sich eine international vernetzte Szene entwickelt. In vielen europäischen Ländern gibt es inzwischen Akteur:innen, die Journalismus auf die Bühne bringen. Auch größere Verlage und Medienorganisationen experimentieren mit diesem Ansatz.

Im Rahmen der knapp zwei Stunden dauernden JIVE-Show ging es um folgende Geschichten: Eine Investigativ-Story über Korruption und Politikversagen in Brandenburg (Adrian Garcia-Landa), eine sehr persönliche Geschichte von Eva-Lena Lörzer über die Demenzerkrankung ihres Vaters, eine Reportage über Spitzbergen zwischen Geopolitik und Alltag im Eis (Nik Afanasjew) sowie Einblicke in die soziale Kraft des Flying Carpet Festivals im Süden der Türkei von der Fotografin Sina Opalka und der Artistin Millie Turnado. Live-Musik dazu spielte das improvisierende Sinfonieorchester Stegreif.

Was ich gelernt habe

  1. Live-Journalismus erweitert die Möglichkeiten des Storytellings. Schon allein die persönliche Präsentation durch die Autor:innen fügt der Recherche eine zusätzliche Ebene hinzu und ermöglicht eine Behind-the-Scenes-Tonspur, die direkt in die Geschichte zurückwirkt. Zusätzlich schaffen die Show-Elemente ein multisensorisches Erlebnis, in dem Musik, Bühnenbild und Visualisierungen sich zu einer mehrschichtigen und emotionalen Erzählung verbinden. Eine Herausforderung dabei dürfte sein, die Balance in der Gewichtung zwischen Geschichte und Show nicht zu verlieren.

  2. Live-Journalismus bringt das Publikum in die Geschichte. Obwohl die direkten Interaktionen zwischen Reporter:innen und Zuschauer:innen relativ dezent eingesetzt waren, reichten sie aus, um ein temporäres Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Lagerfeuer-Journalismus könnte man es fast nennen. Es ist ein ähnlicher Effekt wie bei der Inszenierung von Journalismus als Theaterstück. Allerdings schafft die Präsenz der Journalist:innen zusätzlich authentische Anknüpfungspunkte zu ihren Recherchen.

  3. Live-Journalismus ist aufwändig: Reporter:innen scouten, Locations buchen, Bühnenshow gemeinsam mit den Journalist:innen und der Band konzipieren (Headliner arbeiten dafür u.a. mit einer Dramaturgin zusammen), Termine bewerben, Veranstaltungen durchführen und noch viele weitere Dinge. Und das für gerade einmal vier Veranstaltungen, die Headliner pro Produktion macht. Das ist nicht nur eine logistische Herausforderung, sondern kostet auch Geld. Bei 20 bis 30 Euro pro Ticket und geschätzt 200 Besuchern wie in Hamburg muss wohl an einer dieser beiden Faktoren gedreht werden, wenn man skalieren will. Eine weitere Möglichkeit sind Sponsoring oder eben Fördermittel, die Headliner zumindest in der aktuellen Phase in das Projekt fließen lässt.

Was mich weiterhin umtreibt: Interessieren sich für Live-Journalismus eventuell vor allem … andere Journalist:innen? Selbst ich als Münchner habe im Hamburger Publikum allein ein halbes Dutzend Kolleg:innen getroffen oder erkannt. Das heißt natürlich nichts und ich vermute, dass die Bandbreite größer ist. Dem werde ich in einem gründlichen Interview mit den Headliner-Macher:innen noch auf den Grund gehen.

Media-Rewilding-Einblick

Hier ein paar Bilder, die ich von der Show gemacht habe, um dir einen kleinen optischen Einblick zu geben. Die Emotionalität und Vielschichtigkeit können sie natürlich nicht abbilden.

Die JIVE-Bühne kurz vor dem Start mit den Instrumenten der Band, einer Leinwand  und Pappschildern mit Beschriftungen.
Die JIVE-Bühne kurz vor dem Start. Kurz danach wird der Investigativ-Journalist Adrian Garcia-Landa über „Dallas in Neuruppin“ sprechen. Die Band Stegreif spielt zum Start die Dallas-Titelmelodie, und auf der Leinwand erscheinen die Protagonisten im Stil der TV-Serie. Die Pappschilder mit Beschriftungen wie „Pressefreiheit“ und „Parlamentarische Kontrolle“ wird der Journalist im Laufe seines Auftritts demonstrativ wegtreten.
Die Journalistin Eva-Lena Lörzer sitzt im Scheinwerfer-Spot auf einem Sessel auf der Bühne.
Von einem Sessel aus erzählt die Journalistin Eva-Lena Lörzer ihre berührende Geschichte über ihren dementen Vater, die gleichzeitig ein Erfahrungsbericht über Deutschlands Pflegekrise und die Überlastung von Angehörigen war. Dezente Visualisierungen und Einsätze der Band verdichten die emotionale Atmosphäre. Interessant: Bevor Lörzer die Bühne betrat, turnte eine Akrobatin wie in Zeitlupe über den Sessel. Was es mit ihr auf sich hat, wird erst bei der letzten Geschichte des Abends klar werden.
Der Journalist Nik Afanasjew auf der Bühne, daneben die Band Stegreif.
Hauptsächlich von Bildern, sphärischen Musikelementen und einer guten Erzählung durch Journalist Nik Afanasjew lebt die Live-Reportage über zwei Orte in Spitzbergen, an denen der Kalte Krieg nie geendet hat. Bühnenutensil: Ein orthodoxes Kreuz und ein Holzblock als Symbol für einen Aspekt der Geschichte, der so eine zusätzliche physische Ebene bekommt.
Bühne mit der Fotografin Sina Opalka, der Artistin Millie Turnado und der Band Stegreif.
In der letzten Bühnengeschichte überlagern sich die Ebenen. Die Reportagefotografin Sina Opalka erzählt anhand ihrer Bilder auf der Leinwand, wie die Künstler:innen und Artist:innen des „Flying Carpet Festivals“ den Kindern im Elend der türkisch-syrischen Grenzstadt Mardin etwas Hoffnung brachten. Die Artistin Millie Turnado liefert gleichzeitig eine akrobatische Performance ab – und die Band steigt voll darauf ein, bis sie ebenfalls Teil davon wird.

Außerdem:

Media-Rewilding-Seitenblick

Die Bühnenshow JIVE ist nicht das einzige Format der Headliner-Macher:innen. Der von Jochen Markett vor fast zehn Jahren gestartete Reporter Slam ist ebenfalls Teil des Portfolios. In dem Format nach dem Vorbild von Poetry Slams erzählen Reporter:innen in kurzen Slots hintereinander in möglichst mitreißender Art von ihren Recherchen. Am Ende wählt das Publikum seine:n Favorit:in – den „Slampion“. Reporter Slams gibt es in Deutschland und im Ausland, zuletzt in Nigeria. (Hier mehr Infos zum Reporter Slam (Opens in a new window))

Media-Rewilding-Ausblick

Den Reporter Slam werde ich mir diese Woche erneut ansehen können. Vor ein paar Jahren habe ich das Format bereits einmal im Rahmen des Piqd-Salons erleben dürfen. Das war übrigens auch eine tolle Journalismus-Veranstaltungsreihe, auf die ich im Rahmen von Media Rewilding noch zu sprechen kommen werde. Zumindest: Jetzt gibt es wieder einen Reporter Slam in München – im Rahmen einer Veranstaltung, die ich ebenfalls für Media Rewilding besuchen werde. Es handelt sich um das Festival der Zukunft (hier mehr Infos zum Festival (Opens in a new window)). Das Besondere: Es wird nicht nur vom spannenden Community-Online-Medium 1E9 veranstaltet, es ist vielmehr fast schon der Markenkern dieses Mediums.

Und das führt mich natürlich zu der Frage, ob Medienmarken sich künftig besser alle auf diese Weise definieren sollten. Ich werde berichten.

Bis zum nächsten Media-Rewilding-Newsletter
Alexander

One more thing: Als ich mir JIVE ansah, musste ich sofort an „The French Dispatch“ denken, den großartigen Film von Wes Anderson. Er ist im Prinzip eine mit Mitteln des Kinos umgesetzte Version eines (fiktiven) gedruckten Magazins im Stile des New Yorker. Auch das funktioniert. Zumindest, wenn man so genial wie dieser Ausnahme-Filmemacher vorgeht. Falls du den Film nicht kennst: Sieh ihn dir unbedingt an! Ansonsten: Sieh ihn dir einfach noch einmal an!

https://youtu.be/TcPk2p0Zaw4?feature=shared (Opens in a new window)
Media Rewilding

Mein Name ist Alexander von Streit. Ich bin Journalist und beschäftige mich seit über 20 Jahren mit dem Spannungsfeld, das die Digitalisierung in der Gesellschaft erzeugt. Mein Projekt MEDIA REWILDING dreht sich um die Frage, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird. Möglich macht mir das eine Förderung des Media Lab Bayern, das mich im Rahmen des Future of News Fellowships (Opens in a new window) unterstützt.

Konkret werde ich herausfinden, wie wir journalistische Recherche aus dem überfüllten digitalen Raum in analoge oder hybride Formate überführen können. Also wie wir systematisch Orte oder Veranstaltungen schaffen oder nutzen, an denen Menschen Recherchen erleben, mitgestalten, diskutieren und dadurch direkten Zugang zu hochwertigem Journalismus erhalten können. Und wie sich das alles finanzieren lässt.

Dafür mache ich eine Bestandsaufnahme dessen, was bereits in diesem Bereich ausprobiert wird, recherchiere die Erfahrungen der Redaktionen damit, untersuche die Geschäftsmodelle dahinter und systematisiere die Erkenntnisse als Blaupause für die Medienbranche. 💚

Hier ist die Website von Media Rewilding: media-rewilding.de (Opens in a new window)
Hier ist meine Website: von-streit.de (Opens in a new window)
Hier ist mein LinkedIn-Profil: linkedin.com/in/vonstreit (Opens in a new window)